Der Techno-Katalog von Manufaktum ist da!

Das Gute an Techno:  Man kann mit kleinsten elektronischen Mitteln eine ziemlich große Wirkung erzielen. Bisschen BumBum, bisschen Geklapper und dazu ein paar seltsame Sounds. Doch in letzter Zeit geht der Trend in Richtung Manufaktum: Alles mit großem Aufwand handgespielt, mit richtigen Instrumenten und dem Bewusstsein, dass eh alles retro ist. Hören Sie mal selbst wie sorgfältig das alles verarbeitet ist! Der Kunstanspruch kommt so ganz von selbst. Oder?

Das Berliner Trio Brandt Brauer & Frick Ensemble bringt da einen Hauch von großer Samstagabend-Show ins Spiel und bläst sich hier zum 10-köpfigen Orchester auf. John Cage lässt grüßen und gelernt ist eben gelernt. Trotzdem: Samstag-Nacht, auf der Tanzfläche, möchte man vielleicht doch lieber was primitiveres hören. So ein Club ist ja keine Sendung mit der Maus.

Da kommen die Dirtbombs natürlich gerade recht. Die Garagen-Rocker  aus Detroit versuchen sich auf ihrem neuen Album „Party Store“ an handgeklöppelten Versionen von Klassikern des, ja, Detroit-Techno. Soo neu ist diese betont witzig gemeinte Idee allerdings auch nicht. Die Liebhaber des seligen Hamburger Labels „L’Age D’Or erinnern sich da lieber an die Band beige GT und ihre famose Gitarren-Version von „Knights of the Jaguar“.

Der britische Künstler und Turner-Preisträger Jeremy Deller kam schon 1997 auf die gute Idee, die größten Gassenhauer des Acid House im Sound einer Blaskapelle nachzuspielen. Volksmusik muss volkstümlich bleiben – die Haltung macht Sinn und besitzt Charme. Die Williams Fairey Brass Band setzte das Konzept auf dem Album „Acid Brass“ kongenial um. So gut, dass auch die Großkünstler von KLF sich ihr „What Time Is Love“ Blechbläsern in einen Gold-Hit veredeln ließen.

Was der legendäre Carl Graig hier mit dem Les Siècles Orchestra abzieht ist allerdings schon fast ein Fall für die Rock-meets-Classic-Polizei. Sicher, auch der große Ornette Coleman hat „Skies Over America“ aufgenommen. Doch das war Free Jazz im Schafspelz eines hyperaktiven Symphonie-Orchesters. Was Graig dagegen versucht (auch bei diversen anderen Projekten) lässt sich mit dem alten Lenin-Buchtitel zusammenfassen: „On step forward, two steps back“.

To be continued…

„Sometimes it’s nice just to destroy shit“

Harmony Korine, der Drehbuchautor von „Kids“ und „Ken Park“, hat einen Film über asoziale Senioren gedreht. In „Trash Humpers“ zieht eine Rentner-Gang prügelnd und rammelnd durch die Vorstädte von Tennessee. Klingt verlockend, oder?

Gestern habe ich „Trash Humpers“ gesehen, den neuen Film von Harmony Korine. Krasses Zeug! Korine ist der Drehbuchautor von „Kids“ und der Regisseur von „Gummo“ und „Mister Lonley“. Ein notorischer Außenseiter, Anhänger des Cinema Verité und einer der es im Kino gerne mal krachen lässt. Nach 74 langen, aber gelegentlich auch bizarr unterhaltsamen Minuten habe ich zwei Dinge gelernt: Erstens: Die Alten hassen die Jungen (und sicher auch umgekehrt). Zweitens: Mehrfach hin und her kopierte VHS-Tapes entfalten einen melancholischen Zauber.
Ja wie kommt er denn jetzt darauf, werden Sie sich fragen, und um was geht es denn überhaupt in „Trash Humpers“? Das erklärt Regisseur, Autor, Kameramann und Hauptdarsteller Korine am besten selbst: „Als ich noch ein Kind war, gab es in unserer Nachbarschaft eine Gruppe von Rentnern, die in den Hintergassen und unter Brücken rum hingen und sich ständig betranken und tanzten. Eines Nachts sah ich aus meinem Schlafzimmerfenster wie einige von ihnen Mülltonnen fickten und dabei lachten. Es klang, als ob sie in einer fremden, erfundenen Sprache sprächen. Dies ist ein Film über sie.“

Es geht also um Rentner in Nashville, die sich wie asoziale Street-Gangster aufführen. Anstatt den Enkeln milde übers Haar zu streicheln fahren die vier Protagonisten mit BMX-Rädern durch eine deprimierende Industrielandschaft. Sie schleifen derangierte Plastikpuppen hinter sich her und reden unaufhörlich wirres hasserfülltes Zeug. Eine Oma erklärt einem dicken Jungen in Krawatte und Anzug wie man eine Rasierklinge in einem Apfel versteckt: Ganz tiefen reinschieben, damit das Opfer es erst merkt wenn es zu spät ist. Dazu reiben sich diese unwürdigen Greise permanent an Bäumen, rammeln Mülltonnen, saugen erregt an Pflanzenteilen. Und sie quasseln wie Rapper, rufen alle paar Minuten „Make it, make it, don’t take it!“. In einer Szene, wie sie David Lynch nicht besser hin bekommen würde, rezitiert ein Mann mit schlohweißem Haar eine Poesie der Hoffnungslosigkeit. Im Kostüm eines französischen Zimmermädchens steht er auf einem Hochhausdach, die grimmigen Alten knallen dazu mit Krachern und giggeln irre.

Auch wenn es keine echten Rentner sind die sich hier so aufführen – Harmony Korine, seine Frau Rachel und zwei Freunde haben sich Latexmasken übergezogen und sind in die typische bequeme Seniorenkleidung geschlüpft – sieht das alles sehr krank und gruselig aus. Die Kulisse einer endlosen heruntergekommenen Vorstadt tut ein übriges. Und weil Regisseur Korine „Trash Humpers“ mit einer VHS-Kamera gefilmt und auf zwei VHS-Rekordern editiert hat, sieht der Film obendrein auch noch aus als hätte er zwei Wochen in einem Komposthaufen gelegen: Die Bilder sind so unscharf und nebulös wie man es von schlechten Raubkopien kennt – was allerdings einen sehr eigentümlichen Reiz hat. Ich mochte diesen entrückten Verfremdungseffekt schon bei den raubkopierten Splatterfilmen, die wir uns früher regelmässig in geselliger Runde anschauten.

Der zweite interessante Aspekt an Korines Film ist sein Blick auf die Alten. Die üblichen bürgerlichen Zuschreibungen – das Gute, Milde, Gereifte, Nachsichtige – all das fehlt hier komplett. „We will allways be here, lurking around and looking in windows and dancing in parking lots“ heißt es irgendwann. Fast eine Drohung. Dabei ist es im Kino heute ja durchaus erlaubt unmoralisch zu sein und böse Dinge zu tun – solange die Helden jung und schön sind. Diese monströsen Senioren dagegen verfolgen einen noch im Schlaf. Ihre Rebellion erscheint so sinnlos, irre und selbstzweckhaft, wie die der Kleinwüchsigen in Werner Herzogs „Auch Zwerge haben klein angefangen“. Die schrien lautstark „Feste, feste!“, banden einen Affen ans Kreuz und liefen damit unaufhörlich im Kreis herum. In Derek Jarmans „Jubilee“ waren es 1977 dann die noch brandneuen und als enorm hässlich empfundenen Punks, die als Verkörperung von Dekandenz und Verfall durch ein endzeitliches England taumelten. So gesehen ist „Trash Humpers“ also eine Art medien- und gesellschaftskritisches Update, das einen launigen Blick in die Zukunft wagt: Der Film zeigt was passieren wird wenn die Generation-Aggro-Berlin, die Generation-Punk-Forever und die Generation-Vice-Magazine ins Rentenalter kommen. Die alten Hobbys werden weiter gepflegt, so lange es eben geht: „Sometimes it’s nice just to destroy shit“. Man sollte die deutschen Rentner  besser finanziell nicht zu knapp halten und ihnen auch nicht dumm kommen. Denn sonst behält Schlingensief recht und uns droht ein deutsches Kettensägen Massaker.

„Trash Humpers“ erscheint Ende Februar bei Rapid Eye Movies auf DVD.

Copyright by Jürgen Ziemer

Der offizielle Trailer von „Trash Humpers“


Ach, Entschuldigung, ich hab‘ Sie gar nicht gesehen

In der Gastronomie nennt man so etwas ein „soft opening„: Üben, während sich bereits die ersten zahlenden Gäste über den schlechten Service beschweren. Aber im Internet ist ja glücklicherweise alles umsonst. Deshalb muss niemand ein schlechtes Gewissen haben wenn hier und dort noch ein paar Kabel herumliegen und die Bilder etwas ruckeln. Ach so, die schlechte Nachricht: Hier geht es eher um Texte. Aber damit die Meinungen und News nicht ganz so trocken aufstoßen gibt es wenigstens ein paar Bilder und manchmal sogar Videos. Wie die Petersilie Garnierung auf dem Kartoffelsalat zum panierten Schnitzel. Denn das können Sie mir glauben – ich hätte auch viel lieber einen Fernsehsender. Aber bevor es in den nächsten Tagen so richtig fullspeed los geht – mit all den knallhart formulierten Meinungen, überraschenden News und vielleicht ja auch Sex satt, man weiß ja nie, hehehe – gucken Sie doch einfach schon mal ein bisschen auf der Seite herum, schauen sich die alten Texte an, oder hören in eine der Rare Trax Compilations rein. Einen Prosecco aufs Haus kann ich Ihnen leider nicht anbieten.