Wikileaks – die Frühjahrs-Kollektion ist da!

Viele Fashionistas konnten sich bisher nicht so recht mit Wikileaks anfreunden. Zu oft wurde Julian Assange als Modemuffel und Schmutzfink geschildert, als Mann der mit denHänden isst und sie sich anschließend all zu lässig an den Hosen abwischt.

Im neuen Wikileaks-Web-Shop wird Design endlich auch unter Whistleblowern groß geschrieben: Coole Motive, eine riesige Farbpalette und absolut faire Supporter Preise! Das Einstiegs-Shirt in Mitternachtsblau gibt es schon ab 17,99! Wer da nicht zugreift ist wahrscheinlich auch gegen Transparenz und für Zensur! Und wie süüüß ist bitteschön der niedliche Wiki-Plüschbär?

Ich will ja nicht meckern: Aber manchmal ist es ganz gut, wenn sich ein Unternehmen auf seine Kernkompetenz besinnt. Der Verkauf von T-Shirts war noch nie einer guten Sache förderlich. Und mal ehrlich: Julian Assange mit zu kleiner Baskenmütze auf dem Kopf? Da muss man nicht mal warten, bis sich der Commandante im Grab herumgedreht hat. Das sieht einfach Scheiße aus.

Dennoch: Wir bleiben Fans und Supporter, aber kritische!

Das ist doch wohl Ihr Job, oder?

PJ Harvey hat mit „Let England Shake“ ein gelungenes neues Album aufgenommen. Über ihre Songs redet sie allerdings immer noch nicht gerne. Telefon-Interview mit einer verzweifelten Patriotin

Nur zu gerne wäre ich in die südenglische Grafschaft Dorset gereist um dort die reizende Polly Jean Harvey zu treffen. Die Songwriterin hätte mir dann sicher die alte Kirche gezeigt, wo sie ihr jüngstes Album „Let England Shake“ aufgenommen hat. Wir wären auf den Kirchturm gestiegen und hätten schweigend über das Meer geblickt. Doch leider zitterte England im Dezember unter Eis und Schnee. Der Flughafen Heathrow wurde geschlossen, die Reise fiel aus, das Interview musste am Telefon stattfinden. Normalerweise kein Problem, doch PJ Harvey ist in dieser Hinsicht ein wenig schwierig: Eine Mischung aus Schüchternheit, Misstrauen und grundsätzlichen Erwägungen macht es der Sängerin nahezu unmöglich sich gegenüber Journalisten zu öffnen. Ein Telefon-Interview ist da eher eine zusätzliche Hürde.

Dabei gibt es mit „Let England Shake“ ein ebenso gelungenes, wie kontroverses neues Werk zu besprechen. Nach den radikal introvertierten, fast ein wenig unheimlichen Kammerliedern von „White Chalk“ hat Polly Harvey nun ein Album über England und den Krieg gemacht. Ein faszinierender Lieder-Zyklus, der mit den Worten beginnt: „The west’s asleep. Let England shake, / Weighted down with silent dead. / I fear our blood won’t rise again„.
Wie kommt man auf solche Zeilen und warum handeln fast alle Songs von Krieg, Tod und Friedhöfen? „Das herauszufinden ist doch wohl Ihr Job, oder?“ kommt es leise, aber gar nicht mal unfreundlich aus der Telefonleitung. Polly Harvey macht eine längere Pause, vielleicht wirft sie schnell noch einen Holzscheit in den offenen Kamin ihres Cottages und sagt dann: „Ich wollte über die Welt in der wir leben schreiben. Und diese Welt ist nun mal voller Konflikte und Krieg“. Könnte man dann einige der Songs auch als Kommentar zu Englands Rolle im Irak und in Afghanistan sehen?

„Das sind sicher die Konflikte die einem momentan als erstes einfallen“, sagt die Sängerin etwas entspannter, „aber ich habe mich bei jedem meiner Alben um ein Gefühl der Zeitlosigkeit bemüht. Für mich ist Krieg ein Kreislauf der immer weiter geht. Vermutlich werden sich die Menschen so lange gegenseitig bekämpfen bis wir alle tot sind“.

In dem Song „On Battleship Hill“ beschreibt Polly Harvey die Erinnerung und Überbleibsel des Kriegs als ein kontaminiertes, verwüstetes Idyll: Noch über 80 Jahre nach der Schlacht auf der türkischen Halbinsel Gallipoli finde man dort viele Schützengräben. Ein Gefühl von Hass würde in der Luft liegen, selbst wenn es durchsetzt ist vom Duft des Thymians. „Ich war nie dort“, gibt Polly zu, „aber ich habe die Schlacht von Gallipoli sehr ausgiebig studiert. Ich wollte in dem Song die zyklische Natur des Krieges betonen, indem ich Bilder aus der Natur verwende. Krieg ist wie ein Rad, das nicht aufhört sich zu drehen: Krieg, Wiederaufbau, Krieg, Wiederaufbau und so weiter. Das liegt wohl in der menschlichen Natur, es ist die Art, wie wir uns gegenseitig behandeln.

Man könnte jetzt natürlich denken „Let England Shake“ sei ein außerordentlich deprimierendes Album. Ist es aber nicht. Zusammen mit ihren langjährigen musikalischen Begleitern John Parish, Mick Harvey und dem Produzenten Flood ist PJ Harvey ein Album von ernster, manchmal aber auch verspielter Schönheit gelungen. Die 12 Songs in einer Kirche einzuspielen war allerdings nicht geplant: „Ich wollte ursprünglich in Berlin aufnehmen, aber das hat dann nicht gepasst. In der Kirche wollten wir eigentlich nur proben, weil wir hofften die besondere Atmosphäre würde uns inspirieren. Auf den Sound des Albums hatte der Ort keinen Einfluss – das hätte ich in einem Berliner Studio vermutlich alles genauso gemacht“.
Hätte man nicht gedacht, denn „Let England Shake“ entstand weitgehend auf akustischen Instrumenten und enthält viele Elemente des Folk. Die Zeit der harschen Gitarren und emotionalen Ausbrüche ist bei PJ Harvey offensichtlich vorüber. Dafür gibt es einen sehr interessanten Umgang mit Samples und musikalischen Zitaten: In „The Words That Maketh Murder“ wird eine Zeile aus „Summertime Blues“ zitiert, die Melodie von „Let England Shake“ bedient sich bei der alten Swing-Nummer „Istanbul (Not Constantinople)“ und in “ Written On The Forehead“ findet sich ein Sample des Reggae-Klassikers „Blood and Fire„. Steckt hinter diesem spielerischen Umgang mit musikalischen Fußnoten ein Konzept?
„Nein, das ist eher organisch. Manchmal stolpere ich über Zeilen aus anderen Songs, die dann eigene Ideen inspirieren. Wenn man sich allerdings auf etwas Bestimmtes bezieht, sollte man dessen Kontext kennen, weil er dann auch in deinem Song eine Rolle spielt“.

„Let England Shake“, „The Glorious Land“, „The Last Living Rose“ – immer wieder besingt PJ Harvey ihr Heimatland in sehr poetischen Worten: „Take me back to England / And the grey, damp filthiness of ages / Fog rolling down behind the mountains / And on the graveyards, and dead sea-captains„. Ist PJ Harvey am Ende eine heimliche Patriotin? „Wie würden Sie Patriotin definieren?“ fragt die Songwriterin misstrauisch zurück. Eine Person, die ihr Land liebt, die guten wie auch schlechten Seiten sieht, dabei aber immer zu ihrer Heimat steht. Polly Harvey scheint mit dieser Antwort einverstanden: „Wir alle haben vermutlich ähnliche Erwartungen an das Land, in dem wir leben und wo wir geboren sind. Meistens ist es eine Mischung aus unterschiedlichen Gefühlen – Hass, Liebe, Enttäuschung, Dankbarkeit. All diese Dinge empfinde ich gegenüber England: Ich liebe es und ich hasse es. Ich wünschte, ich wäre woanders geboren, aber das bin ich nicht. Ich schäme mich für dieses Land und ich bin stolz darauf. Weil ich mit diesen Gefühlen ringe, schreibe ich Songs, mit denen die Menschen in anderen Ländern hoffentlich auch etwas anfangen können. Wir sind alle oft enttäuscht von unserem Heimat-Land“. Das kann man so stehen lassen. Gut, dass wir gesprochen haben.

Jürgen Ziemer

(veröffentlicht in Rolling Stone 2/11)

Heute Disco, morgen Regierung stürzen

„You will not be able to stay home, brother. You will not be able to plug in, turn on and cop out. You will not be able to lose yourself on skag and skip, Skip out for beer during commercials, Because the revolution will not be televised“.
„The Revolution Will Not Be Televised“, Gil Scott-Heron

Die Revolution würde nicht im Fernsehen übertragen, behauptete der Jazz-Poet und Proto-Rapper Gil Scott-Heron in den frühen Siebzigern. Doch wir Deutschen wissen natürlich, dass das nicht wahr ist. Seit meiner Kindheit sehe ich in den Nachrichten rebellierende Menschen von links nach rechts, oder von rechts nach links über große Plätze rennen. Ich sehe wie sie flüchten, wie sie geprügelt werden, wie Panzer vorfahren, wie sie mit entsetzten Gesichtern ihre Verletzten und Toten den Kameras präsentieren. Danach werden ziemlich schnell neue Herrscher präsentiert, die Frieden, Freundschaft und Fortschritt versprechen, was meistens gelogen ist. So oft habe ich diese Bilder und Filme gesehen, dass es fast schon egal ist, wo auf der Welt sich das gerade abspielt. Und wer weiß schon so genau, ob es eine gute und gerechte Sache ist, für die da gerade gekämpft wird.
Leute wie ich haben sich deshalb eine Parallelwelt geschaffen. Wir nennen sie Pop und lieben diese bunte Nische, weil dort alles möglich ist – mit der nötigen Portion Ironie und einer „Hey, ist doch Rock ’n‘ Roll“-Gleichgültigkeit. Revolutionen sind im Pop jedenfalls ein Klacks. Wird jeden Tag gemacht. 173.000.000 Einträge bei Google. Nach zwei Mal Wikipedia an der Spitze kommt schon an dritter Stelle der „Revolution Nachpalast“, eine Disco in Neuss. Revolution – „Die Partyband schlechthin“ ist auch ganz vorne. Von den technologischen, kulturellen und den geradezu sensationellen Revolutionen der Markenwelt will ich gar nicht erst anfangen.
Dass es in Deutschland 1989 auch so etwas wie eine Revolution gegeben hat ist vielen gar nicht mehr bewusst. Warum auch: Die Ossis haben ein paar Montage lang „Wir sind das Volk!“ gerufen und dann hat Helmut Kohl die nötigen Schritte eingeleitet und die Mauerspechte geschickt. War doch so, oder? Heute ist das eh egal, in den Western gewinnen auch immer die Cowboys und nie die Indianer.
Aber zurück zur Revolution. Ausgerechnet die Ägypter, die seit „Walk Like An Egyptian“ im Pop keine große Rolle mehr spielen, beweisen nun: Gil Scott-Heron hatte doch Recht! Es geht nämlich nicht um uns selbstverliebte TV-Glotzer und unsere ironisch kecken Sprüche. Einen besonders typischen habe ich übrigens gestern Abend wieder über der Bühne des Hamburger Clubs „Hafenklang“ gelesen: „Heute Disco, morgen Regierung stürzen, übermorgen Landpartie“. Die Do-It-Liste eines gelangweilten jungen Bürgertums. Man glaubt weder an die Disco, noch an die Möglichkeit einer anderen Politik, als der symbolischen, die wir seit Jahrzehnten pflegen. „Es ist egal, aber…“

„The revolution will not go better with Coke. The revolution will not fight the germs that may cause bad breath. The revolution will put you in the driver’s seat“, erklärt Scott-Heron. Den Beweis seiner Behauptung sehen wir momentan täglich – im Fernsehen oder auf dem Computerbildschirm. Die Ägypter dagegen sitzen tatsächlich auf dem Fahrersitz, treten aufs Gaspedal und verkörpern unter Einsatz ihres Lebens nicht nur die Gegenwart sondern auch eine mögliche positive Zukunft. Und Westerwelle schaut zu. Und Merkel schaut zu. Und wir coolen Schlaumeier schauen auch zu. Vermutlich haben wir ein besseres TV-Programm und in Scharm El-Scheich ist es ja auch noch ruhig. Wir kennen es eben nicht anders.

„But until then you know and I know niggers will party and bullshit and party and bullshit and party and bullshit and party and bullshit and party…
Some might even die before the revolution comes“
„When The Revolution Comes“, The Last Poets