Disney, YouTube & Ich

„Tron Legacy“, die aufgeblasene Fortsetzung des Disney Klassikers „Tron“, hat mich nie besonders interessiert. Der Soundtrack von Daft Punk klingt so angeberisch als sei er von John Williams und ein paar Hundert seiner Lieblingsmusiker eingespielt worden. Und der Film selbst, herrje, die Zeiten haben sich geändert seit dem Original, man ist älter geworden und Jeff Bridges auch.
Dass ich mir „Tron Legacy“ jetzt trotzdem ansehe, anstatt zu arbeiten, liegt an YouTube. Irgendein Wahnsinniger hat es geschafft den mehr als zwei Stunden langen Film komplett hochzuladen. Und da läuft er nun. Die Internet-Gemeinde ist völlig aus dem Häuschen: „Hanspirot“…, so nennt sich der Rote Korsar unserer Tage „…is the new Youtube Copyright King!“ freut sich einer. Ein anderer möchte wetten, wie lange „Tron Legacy“ noch auf YouTube laufen wird. Im Moment (21.4., 15:00 MEZ) sind es immerhin schon drei Tage. „I heard, once Hanspirot fought Chuck Norris and WON“, tippt jetzt ein Fan. Und ein Naivling möchte tatsächlich wissen: „One question, is this legal?“ Hahaha, nein, legal ist das nicht. Es ist ein bewusster Verstoß gegen das Urheberrecht. Hanspirot, oder wie immer der gut gelaunte Vogel heißt, will einfach mal zeigen, dass er so was kann. „Stealing is wrong“, sagt in dieser Sekunde einer im Film. Das mag ja sein, aber die Art und Weise, wie das Copyright zu einem Grundrecht für Medienkonzerne umgeschrieben wird, ist deshalb auch nicht richtiger.

Die einen wollen spielen, die anderen Geld verdienen. Beides ist legitim. Mein Urheberrecht als Autor muss ich bei der Abgabe eines Texts in vielen Fällen an den Verlag abtreten. Der macht dann damit was er will. Es bringt mich zum Schmunzeln, wenn ich sehe, dass es Disney manchmal genauso geht.

Nachtrag vom 22.4., 16:25: „This video is no longer available because the YouTube account associated with this video has been terminated due to multiple or severe violations of YouTube’s Copyright Policy.)“

ANONYMOUS

Angriff der Namenlosen

Unter dem Namen Anonymous attackieren Internet-Aktivisten Firmen-Websites und Regierungen. Wer steckt hinter dieser neuen Form des politischen Protests?

Von Jürgen Ziemer

Demonstrationen, Blockaden, Lichterketten – es gibt viele Formen des politischen Protests. Doch was sich vor einigen Wochen im Internet abspielte, hatte mehr mit einem Action-Computerspiel zu tun als mit den traditionellen Formen des zivilen Ungehorsams: »Let’s bomb the fuck out of them!«, tönte es durch die Kanäle von IRC, einem altmodisch anmutenden Chat-Forums ohne Bilder und schicke Oberflächen. Feuer solle herabregnen, hackte ein anderer in seine Tastatur, und Sekunden später folgte die Zielansprache: »Target is Mastercard«. Wie ein wütender Bienenschwarm attackierten Internet-Protestler die Websites von Kreditkartenfirmen. Die Unternehmen hatten aus politischen Gründen die Zusammenarbeit mit WikiLeaks gestoppt und Gelder eingefroren. Die Aktivisten wollten nun ihrem Helden Julian Assange zur Seite springen, für die Freiheit der Information kämpfen – und es einmal richtig krachen lassen. Alle hatten sich deshalb eine spezielle Software heruntergeladen, die Low Orbit Ion Cannon. Deren Bedienung ist einfach: Internetadresse des Ziels eingeben, einen grimmigen Kommentar dazutippen und entscheiden, ob der Angriff einzeln oder im koordinierten Schwarm-Modus erfolgen soll. Die Websites von Visa und Mastercard hielten dieser DDoS-Attacke (Distributed Denial of Service, das koordinierte Lahmlegen eines Datendienstes) durch gezielte Anfragen nicht lange stand und kollabierten. Der Name der Gruppe, die sich hinter diesen Attacken verbirgt: Anonymous.

Letzte Woche legten sich die Namenlosen mit Sony an. Der Konzern hat den Amerikaner George Hotz und den Deutschen Alexander Egorenkov verklagt, weil sie den Kopierschutz der Playstation3 umgangen hatten. Der Streitwert im Fall des deutschen Hackers soll sich auf eine Million Euro belaufen. Empörte Playstation-Benutzer, Copyright-Aktivisten und antikapitalistische Spaßvögel brachten daraufhin Seiten wie sony.com und playstation.com zum Absturz. Die Angriffe gegen das Playstation-Netzwerk PSN wurden allerdings abgebrochen. Viele Mitglieder von Anonymous und ihr Umfeld sind selbst leidenschaftliche Spieler. »Wir haben unsere Aktion für eine Weile ausgesetzt, bis wir eine Methode gefunden haben, die keine schweren Auswirkungen auf Sony-Kunden hat«, heißt es in einem eilig nachgeschobenen Manifest. Eine andere Anonymous-Gruppe will nun die CEOs und die mit den Fällen betrauten Anwälte von Sony attackieren. Der Riesenstapel Pizza, der vor einigen Tagen an die Adresse von Jack Trenton geschickt wurde, dem US-Chef von Sony, war vermutlich erst der Anfang.

Doch wer steckt hinter Anonymous? Der 16-jährige Computer-Nerd von gegenüber, die frustrierte Hausfrau von nebenan? Man muss kein Hacker oder Computerexperte sein, um an den Operationen teilzunehmen. Wer die Revolutionen in Tunesien, Ägypten und Libyen in den Medien verfolgt, entwickelt schnell den Wunsch, zu helfen – im Rahmen der eigenen Möglichkeiten. Und in den einschlägigen Foren von Anonymous gibt es immer etwas zu tun: Überlebensführer für Bürger in einer Revolution wollen verfasst und ins Arabische übersetzt werden. Und irgendjemand muss den Libyern erklären, wie man Videos editiert und auf YouTube lädt. Attacken auf die Websites despotischer Regimes finden ebenfalls statt. Ein großer Teil der Klientel von Anonymous liebt es offensichtlich, einfach mal die iranische Regierung anzugreifen, zumindest deren Präsenz im Netz. Die Überzeugung, dass Politik Spaß machen muss, wird bei Anonymous großgeschrieben: We did it for the lulz – »Wir haben es aus Schadenfreude getan« – ist ein beliebtes Motto.

Wann genau Anonymous zu einem Internet-Phänomen wurde, ist schwer zu sagen. Die Wurzeln liegen auf dubiosen Websites wie 4Chan, einer Mischung aus Pirateninsel und Internetforum. »Die Welt von 4Chan ist dunkel und seltsam, wie das Innenleben eines verwirrten Provinz-Teenagers um 3 Uhr morgens«, schreibt Spiegel Online treffend. Kaum jemand macht sich hier die Mühe, ein eigenes Pseudonym zu wählen, fast jeder heißt »Anonymous«. Anfang 2008 erreichte die Bewegung erstmals eine globale Öffentlichkeit: Ein Interview mit Tom Cruise aus dem Propaganda-Fundus von Scientology war illegal auf YouTube gepostet worden und musste auf Betreiben der Sekte wieder entfernt werden. Der Anonymous-Schwarm erkannte darin einen Verstoß gegen die Informationsfreiheit und erklärte Scientology in einem dramatischen Video den Krieg. Unterlegt von unheimlichem Heulen, bebildert mit schnell vorüberziehenden Wolken, drohte eine überhebliche Computerstimme, man werde die Sekte zerstören: »zum Wohl eurer Anhänger, zum Wohl der Menschheit und zu unserem eigenen Vergnügen«.

Der Kampf gegen Scientology dauert bis heute an und umfasst ein breites Spektrum von Aktionen, die sich bisweilen jenseits der Legalität bewegen, etwa das Veröffentlichen von detaillierten Dossiers zu hochrangigen Mitgliedern der Sekte. Doch es gibt auch regelmäßige Demonstrationen vor den »Kirchen« von Scientology. Bei solchen Gelegenheiten tragen die Aktivisten eine Guy-Fawkes-Maske, die aus der Comic-Verfilmung V wie Vendetta stammt und zu einer Art Markenzeichen wurde. Der düstere Science-Fiction-Film scheint ohnehin eine Quelle der Inspiration zu sein, etwa wenn der mysteriöse Freiheitskämpfer V das von einer faschistischen Regierung unterdrückte Volk am Ende mit der gleichen Verkleidung ausstattet, die er selber trägt. Eine friedliche Armee von anonymen Einzelnen überrennt daraufhin alle Sperren des Regimes – die Demokratie hat gesiegt!

Von klassischen Protestformen, den Castor-Blockaden und Stuttgart-21-Demos, unterscheidet sich Anonymous durch ein anderes Kulturverständnis und eine andere Bildsprache. Anonymous setzt auf eine durchgehend dunkle Ästhetik. Die Videobotschaften verbinden Science-Fiction-Elemente mit der Coolness von Musikclips. »Das Anonymous-Symbol, die Figur, die anstatt eines Kopfes ein Fragezeichen über den Schultern trägt, ist in seiner Doppeldeutigkeit aufschlussreich«, sagt der Kölner Medienwissenschaftler John Seidler, der über dieses Thema promoviert. »Das Fragezeichen steht keinesfalls bloß für die Anonymität als Säule der Bewegung. Anonymous ist eine Organisation ohne spezifische Agenda, ohne Oberhaupt und auch ohne sichtbare Strukturen und Hierarchien. Die hieraus entstandene Protestkultur zeichnet sich dadurch aus, dass sie, zumindest bis heute, praktisch nicht antizipierbar ist.«

Die Unvorhersehbarkeit entsteht, weil in den Projekten sehr unterschiedliche Menschen zusammenkommen. Es gibt engagierte Studenten und Globalisierungskritiker, aber auch rüde Spaßvögel und Provokateure, die man im Internet »Trolle« nennt. Kaum einer kennt den anderen, politische Begriffe wie links und rechts spielen keine besondere Rolle – jeder entscheidet für sich, welche Operation er unterstützt. Deshalb wird in den einschlägigen Foren permanent diskutiert, geplant und entworfen. »Aber nur wenn sich Leute wirklich hinsetzen und Dinge tun, passiert etwas«, erklärt ein »Anon« aus Berlin. »Bei Projekten wie Leakspin (der Verbreitung von WikiLeaks-Dokumenten, Anm. d. Red.) haben sich genug Unterstützer gefunden. Entsprechend schnell sind Internetseiten entstanden, wurden Flyer gedruckt und Demonstrationen angemeldet.« Der virtuelle Protest aus dem Netz materialisiert sich eben manchmal auch auf der Straße.

Neben dem Kampf für die Freiheit der Information spielen bei Anonymous allerdings auch boshafte Streiche eine wichtige Rolle. Als der Teen-Popstar Justin Bieber die Fans auf seiner Homepage fragte, in welchem Land er als Nächstes auftreten solle, sorgte Anonymous für ein eindeutiges Votum: Nordkorea. Die New Yorker Kulturanthropologin Gabriella Coleman, eine Kennerin der Szene, findet es dennoch ungerecht, wenn Journalisten zu dem »rhizomatischen«, wurzelgeflechtartigen Phänomen Anonymous nichts anderes einfällt als abgedunkelte Chat-Räume voller Geeks und Nerds. In The Atlantic beschreibt sie, wie 31 Menschen mithilfe der Text-Software »Pirate Pad« kollektiv und diszipliniert an einem Flugblatt arbeiteten – 16 davon gleichzeitig.

Einen großen Coup landete Anonymous mit der Kompromittierung der amerikanischen Sicherheitsfirma HBGary Federal. Deren Geschäftsführer Aaron Barr hatte versucht, über Facebook und Twitter Informationen zu angeblichen Aktivisten zu sammeln. Doch bevor Barr seine Ergebnisse an das FBI verkaufen konnte, brachen Hacker in das System der Firma ein. Neben 50.0000 internen Mails und dem mageren Dossier über Anonymous erbeuteten sie auch eine von der Bank of America in Auftrag gegebene Studie über die »Bedrohung WikiLeaks«, die umgehend ins Netz gelangte. Auf der Website von HBGary hinterließen die Hacker eine Nachricht, die Aaron Barr zum Gespött der ganzen Sicherheitsbranche machte: »Sie haben den Anonymous-Bienenstock bedroht, jetzt werden Sie gestochen.«

Was ein wenig an Bubenstreiche erinnert, ist aber strafbar. Selbst wenn keine Daten entwendet werden, gelten zum Beispiel DDoS-Attacken auch in Deutschland als Computersabotage und somit als Straftat. Der Chaos Computer Club lehnt sie ab, selbst unter Anonymous-Anhängern sind sie bisweilen umstritten. »Die gegnerische Partei mundtot zu machen, wenn auch nur für ein paar Stunden, finde ich falsch«, sagt ein Aktivist.

Man kann in solchen Aktionen aber auch die moderne Version einer Sitzblockade erkennen. Die Angriffe auf die Kreditkartenfirmen trafen nicht deren operatives Geschäft, sondern nur die repräsentativen Websites; der wirtschaftliche Schaden blieb überschaubar. Ob es sich also um ernsthaften politischen Protest oder um einen Robin-Hood-Kick für gelangweilte Kids handelt, lässt sich nur individuell entscheiden. Doch so viel ist klar: Die viel zitierte Generation Facebook mit ihrem »Gefällt mir«-Aktivismus ist erst der Anfang. Anonymous verkörpert in seiner neuen, komplexen Vielheit das, was die Theoretiker Antonio Negri und Michael Hardt als »Multitude« definieren: »Singularitäten, die gemeinsam handeln«. Ein Gut oder Böse gibt es dabei nicht. Sie können Themen aufgreifen, die uns am Herzen liegen, aber auch Dinge bekämpfen, die uns lieb und teuer sind. Unser Verständnis von Protest und Politik wird sich dadurch möglicherweise entscheidend verändern. Denn wie steht es so treffend unter jedem Manifest: »We are Anonymous. We are legion. We do not forgive. We do not forget. Expect us.«


(Erschienen in DIE ZEIT vom 14.4.2011)


 

 

GIB GAS, ICH HAB SPASS!

Foto: Barbara Franke

In den 90ern herrschte Michael Ammer über Hamburgs Partys. Und er feiert immer noch, etwa am 5. April seinen 50. Geburtstag. Happy Birthday, sagt Jürgen Ziemer

Ist das jetzt supertoll oder doch eher total peinlich? Sonja und Sabine sind sich nicht sicher. Schüchtern saugen sie aus Strohhalmen Sekt mit Red Bull und blicken dabei verstohlen auf das wüste Treiben um sich herum. Wir schreiben das Jahr 1997 und die beiden Mädchen aus Norderstedt befinden sich im VIP-Bereich einer „Model-Party“ in der Hamburger Diskothek „Traxx“. „I like to move it, move it!, dröhnt es aus den Boxen und direkt neben Sonja wirft eine Blondine in sehr engen Klamotten die Arme in die Luft und stößt dabei den Unterleib mit voller Kraft vor und zurück. In einem Dokumentarfilm über indigene Völker würde der Moderator dieses Verhalten als eine Art Fruchtbarkeits-Tanz beschreiben. Das kann man hier ähnlich sehen. „I like to move it, move it“!!, johlt die Rapperstimme jetzt noch dringlicher, während der Beat peitscht und die Bässe heran rollen wie ein Unwetter. Jeder in diesem überfüllten Raum wirkt, als sei er soeben dabei den Verstand zu verlieren. Und inmitten des dionysischen Treibens, flankiert von zwei Frauen in atemberaubend kurzen Miniröcken sitzt der Regisseur und Veranstalter des Abends. Der Großmeister der Nacht, der Party-König von Deutschland: Michael Ammer. „Boooahhhahahah“, dröhnt das Lachen seiner Günstlinge, die mit erhitzten Gesichtern und stark geweiteten Pupillen um ihn herum toben. „Plopp“, macht die nächste Flasche Champagner und ergießt sich in die überall herumstehenden, zum Teil noch halbvollen Gläser. „Meine Gäste wollen geile Weiber um sich herum haben“, erklärt der notorisch braun gebrannte Ammer einem Fotografen. Dann greift er mit einer Hand eins der Minirock-Mädels, mit der anderen sein Glas und gibt so die klassische Pose des Schampus Michi. Der Schampus-Michi ist kein Kind von Traurigkeit – immer lustig, immer durstig und, hehehe, natürlich immer hinter den Weibern her. So erfährt man das seit Anfang der Neunziger, seit den Anfangstagen von Michael Ammers Modelnacht, aus den Boulevardmedien. Von BILD bis Taff berichten alle gern und regelmäßig von den Partys. Denn es sind nicht nur hübsche und meist ziemlich junge Nachwuchs-Models, wie Sonja und Sabine, die sich vom „Schampus Michi“ einladen lassen. Es sind auch viele Prominente unter den Gästen. Allen voran der Ammer-Spezi Dieter Bohlen, der an diesem Abend mit einer dicken Zigarre im Mund in einem Sessel lümmelt und sich dabei genau so aufführt wie man es von dem Pop-Titan erwartet. Und da hinten, der Mann mit dem leicht schwankenden Gang, der sich gerade an dem Starlett Jenny Elvers festhält – ist das nicht der gern gesehene Stammgast Heiner Lauterbach? Auch Tic, Tac, Toe und der umtriebige Ronald Schill, genannt „Richter Gnadenlos“, schauen in diesen Tagen gerne auf ein Freigetränk vorbei. Weil man sich bei Schampus Michi einfach prächtig amüsieren kann. Umgangsformen, Stil und guter Geschmack sind Nebensache.

Michael Ammer wurde am 5. April 1961 in Darmstadt geboren und man muss davon ausgehen, dass er schon bei seiner Geburt gegrinst hat – breit, zufrieden und ein bisschen selbstgefällig. Nach dem Abitur und einer Ausbildung zum Groß- und Außenhandels-Kaufmann findet der selbstbewusste Zigarrenraucher in Hamburg zu seiner wahren Berufung – dem Nachtleben. Die Grundkenntnisse eignet er sich als Barmann hinter wechselnden Tresen an. Danach wird Ammer Türsteher im Rififi, wo er lernt, wie man die guten, zahlungskräftigen Gäste von den unerwünschten Habenichtsen unterscheidet. Doch erst 1990, da ist Ammer „PR-Beauftragter“ im Club Trinity, zeigt der stets gut gegelte Mann was in ihm steckt: Mit seiner umtriebigen Art lockt er einen Musiker aus der Band von Prince in die Disko am Rande des Schanzenviertels. Natürlich verwöhnt man ihn dort, mit gut gemixten Freidrinks und aufmerksamen Mädels – und schon geschieht das erhoffte kleine Wunder: Am nächsten Tag erscheint Prince mit 20-köpfiger Entourage im „Trinity“. Drei Tage lang habe der Superstar damals gefeiert, prahlt Ammer in Interviews. Aber warum denn nicht noch länger, wollte ein naseweiser Mitarbeiter der Mopo Jahre später wissen. “ Na ja, er war scharf auf ein Kassenmädchen“, erklärt der erfahrene Party-Profi dem jungen Journalisten. „Die war 1,80 Meter groß und hübsch. Doch als sein Manager sie gefragt hat, ob sie Prince mal kennenlernen wolle, hat sie nur geantwortet, dass sie nicht auf Zwerge stehe“.
Hahaha, ob das wohl stimmt? Mit der Wahrheit geht Ammer gerne großzügig um. Der Süddeutschen Zeitung hat er einmal erzählt, Grace Jones sei nackt auf einem Schimmel durch das Trinity geritten – so wie einst Bianca Jagger durch das New Yorker Studio 54. „Und hinterher hammse der noch ihr Pferd geklaut“. Ja, ja, klar, vielleicht waren es ja die Banditen aus der nahe gelegenen Roten Flora.
Doch vermutlich würde heute niemand mehr über den „Herren der Pistenhühner“ reden, hätte er nicht diese Idee mit den Model-Partys gehabt. Die funktionierten von Anfang an nach einem sehr einfachen Prinzip: Ammer sorgt dafür, dass seine amüsierwilligen männlichen VIPs mehr Mädchen zur Verfügung haben, als sie mit beiden Händen grabschen können. Dazu werden reichlich Freigetränke serviert, die von Sponsoren wie Freixenet, Smirnoff oder Havanna Club stammen. Viel mehr braucht es scheinbar nicht: „Es gibt keine besseren Animateure als Models, die gratis saufen dürfen“, behauptet Ammer. Die Boulevard-Medien sehen das ähnlich. Zur Freude der Fotoreporter tanzten die sexy „Party-Hühner“ hier regelmäßig auf den Tischen, spritzte der Schampus quer durch den Raum und die Promis drängten sich in Scharen.

Ammers Veranstaltungen, die in wechselnden Clubs stattfanden, trafen damals perfekt den Geist der neureich boomenden Neunziger. Als alles möglich schien und sich kleine Internetfirmen auf einmal an der Börse wiederfanden. Nicht Geiz war damals geil, sondern Geld. Natürlich. Wer genug hatte, wollte es zeigen – und machte es sich bei Ammer in der VIP-Lounge gemütlich. Die anderen waren Statisten, sahen zu und träumten davon eines Tages selbst mitfeiern zu dürfen. Die Party als darwinistisches Prinzip.
Damit die Jungfrauenquelle nicht versiegt, soll Ammer anfangs noch persönlich durch Hamburger Boutiquen gestreunt sein – immer auf der Suche nach passenden Mädchen. Aber vielleicht war das ja auch nur eine Art Hobby. Denn der eigentliche Nachschub lief längst über professionelle Modelagenturen, deren Logo dafür auf Flyern, Anzeigen und Plakaten landete. Die Mädchen wurden mit freiem Eintritt und kostenlosen Drinks zufrieden gestellt, auch die Aussicht mit tollen Promis wild zu feiern war wohl verlockend. Doch wer als Frau bei Ammer zu sehr die Sau raus ließ, wurde von BILD & Co. schnell abgestraft: Eine 20-jährige, die sich auf einer Model-Party mit Dieter Bohlen einließ, musste bald darauf als „Teppich-Luder“ durch die Schlagzeilen tanzen.
Aus dem Hamburger Party-Phänomen „Schampus Michi“, wurde so der von ganz Deutschland bestaunte „Lude der Luder“. Einer, der 3000 „Pistenhühner“ in seiner Kartei hat, der mit dem Grinsen eines Haifischs in die Kameras der Paparazzi prostet und selbst im größten Exzess noch dafür sorgt, dass die Logos der Sponsoren gut zu erkennen sind. Trotzdem wollten lange Zeit alle mitmachen – oder sich darüber empören.

Doch die unschönen Vorfälle nahmen zu, das quietschvergnügte Dolce Vita bekam Risse: Schon 1995 war Ammer zu 18 Monaten auf Bewährung verurteilt worden, weil er eine 22-jährige mit Kokain betäubt und danach gefesselt und geschlagen hatte. 2001 soll er im „Wollenberg“ das Gesicht einer Ex-Freundin von Wladimir Klitschko mit voller Wucht in einen Aschenbecher gestoßen haben. Das Verfahren wurde später gegen Zahlung von 20.000 Mark eingestellt. Doch 2005 sind es dann zwei 15-jährige Nachwuchsmodels, die den Partymacher wegen sexueller Nötigung und versuchter Vergewaltigung anzeigen.
Prominente Freunde und Spezis wie Bohlen und HP Baxter machen sich seitdem rar, auch die nicht so wichtigen Hamburger haben langsam genug von dem gewalttätigen Grinser. Die „Model-Nächte“ finden jetzt immer häufiger in schlecht laufenden ostdeutschen Diskotheken statt, deren Betreiber auf starke Wiederbelebungs-Reize setzen.
Im April 2006 eröffnete dann auch noch das Amtsgericht Schwarzenbek ein Verfahren gegen den bereits angezählten Partymacher. Es ging um eine Forderung des Finanzamts Ratzeburg in Höhe von mehr als 400.000 Euro. Michael Ammer musste danach Insolvenz anmelden, ein Treuhänder verwaltet seitdem die Einkünfte seiner Firma. Es ist wie der bittere Kater nach einem langen Rausch – die Kopfschmerzen müssen enorm sein. Doch Ammer kann einfach nicht aufhören den Schampus Michi zu geben. „Viele haben mir schon vor 10 Jahren gesagt: ‚Mit 50 machst du keine Partys mehr“, erzählte er letztes Jahr einem Journalisten und bekennt: „Aber mir macht es immer noch Spaß“.
Man muss es ihm glauben. Die „Models“ lockt man bei Ammer Events inzwischen über die eigene Webseite: “ Du musst nicht alleine kommen, sondern kannst gerne 1 hübsche Freundin mitbringen“ heißt es da. Der Eintritt und die gesponsorten Drinks sind natürlich immer noch frei. Trotzdem kommen oft nicht genug Mädchen. Vielleicht weil Komasaufen heute ein anderes Image hat? „Männliche Partyfreunde“ müssen trotzdem noch 75 Euro anlegen: „Dafür gibt es einen Tisch im VIP-Bereich, Einlass sowie Getränke im VIP-Bereich frei“. Pop-Titanen und Kinostars werden sie dort keine mehr treffen.

Jürgen Ziemer

(Erschienen im Magazin des Hamburger Abendblatts, 2.4.2011)