Die traurige Television Personality

Dan Treacy, der größte vergessene Star des DIY-Pop, liegt nach einem Sturz im Koma

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Vinita, die Betreiberin des kleinen Londoner Labels Rocket Girl, schrieb heute Morgen in einer Mail, dass Daniel Treacy nach einem schweren Sturz vor gut einer Woche im Koma liegt und nur noch von Apparaten am Leben gehalten wird. Ein Blutgerinnsel wurde aus seinem Hirn entfernt, doch die Chancen schwinden: „Je mehr Tage vergehen, umso weniger Hoffung bleibt“. DAS IST SO VERDAMMT UNFAIR!!! Treacy ist die Stimme, aber mehr noch die Seele hinter der Band Television Personalities, mit der er immer wieder neu bewiesen hat, dass in jedem von uns ein Syd Barrett, ein Paul McCartney, oder auch ein Andy Warhol steckt – wenn man ihn raus lässt. Treacys Songs waren Pop-Art nach dem rumpeligen DIY-Prinzip – mal so heiter randalierend wie das Debüt „And Don’t The Kids Just Love It„, mal so schmerzhaft schön wie „The Painted Word“, oder so dunkel selbstanklagend wie „My Dark Places“, die Wiederauferstehung nach Gefängnis und Drogensucht.
Als ich Dan Treacy vor gut zwei Jahren in London traf war er obdachlos und lebte bei Freunden. Praktisch jede Plattenfirma, jeder Musikverlag hatte ihn über den Tisch gezogen – eine Ausrede ihm Tantiemen vorzuenthalten gab es praktisch immer. Lediglich Vinita hat sich schon damals fast mütterlich um ihn gekümmert. Doch auch das bei Rocket Girl veröffentlichte letzte Album „A Memory Is Better Than Nothing“ floppte, trotz so wunderschöner Songs wie „She’s My Yoko“.
Ich habe trotzdem kaum einen Menschen getroffen, der Pop so sehr liebte, wie Daniel Treacy. Diese Parallelwelt voller Lügen, die sich besser, richtiger und vor allem schöner anfühlen als das wirkliche Leben, war der Motor, der diesen wunderbaren Künstler und Menschen bis zuletzt angetrieben hat. Und das hoffentlich auch noch weiter tut. “ Let’s just pray that he will be okay“, schreibt Vinita. Vermutlich ist das alles was uns bleibt.

DAS LEBEN IST KEIN BONIHOF

Der Rathausplatz ist nicht die Wall Street – trotzdem war Occupy Hamburg eine gute Idee

Ich wollte nicht immer nur meckern, sondern einfach mal den Arsch hoch kriegen und etwas tun gegen den Kapitalismus, diesen alt und bösartig gewordenen Menschenfresser. Nicht „Occupy Wall Street„, sondern „Occupy Hamburg“ war heute das Motto. Und wenn man dem vergnügten Kumpel Internet glauben darf, dann haben an diesem Tag Hunderttausende auf der ganzen Welt ihren Protest artikuliert. Und zwar nicht die Art von Protest, bei dem es um Verbesserungsvorschläge geht, sondern um ein grundsätzliches nicht einverstanden sein, mit dem „Gier-ist-gut“-Monster, das wir in den letzten 20 Jahren viel zu gut kennengelernt haben.

Es war ein rührender, emotionaler und in bescheidenem Masse auch Mut machender Nachmittag: Etwa zweitausend Menschen waren auf den Hamburger Rathausmarkt gekommen – ein breiteres Spektrum habe ich auf einer Demo noch nie erlebt. Gut situierte ältere Ehepaare schimpften über die Gier der Banker. Teuer gekleidete Smarties beklatschten die treffend formulierten Anklagen eines Redners von Attac. Die veganen Streetfighter mit den langen Dreadlocks und den vielen Pearcings lächelten dazu friedlich in die Sonne. Die Linke und die Piratenpartei argumentierten hinter Infoständen, ebenso wie Attac und ein rührendes Häuflein von ganz alten, aber offenbar immer noch kämpferischen Feministinnen. Auch ein paar coole Anonymous-Checker mit den obligatorischen Masken waren gekommen.

Das Mikrophon der winzig kleinen PA-Anlage war ja auch offen für jeden der wollte. Und tatsächlich trauten sich sehr unterschiedliche Menschen etwas zu sagen. Das kam oft holpernd und aufregt, wurde schon mal vom Blatt abgelesen oder aus dem Spanischen übersetzt. Aber es überzeugte, weil es direkt und persönlich war und nur selten von parteipolitischem Kalkül durchzogen. „Occupy Hamburg“ wirkte vielleicht ein wenig tollpatschig und unbeholfen weil die Polit-Profis von der SPD und den Grünen fehlten. Und trotzdem (oder vielleicht gerade deshalb) hatte man das Gefühl, dass hier etwas beginnt. „Wir sind das Volk“ stand auf einem Plakat, und ein anderes forderte „Montags-Demos“.

Der Kapitalismus hat kein Versprechen mehr mit dem man uns im Westen noch locken könnte. Er ist ein Untoter, ein Zombie, der durch die Welt torkelt und immer noch den gleichen Quatsch erzählt. Doch immer weniger hören seinen Messdienern zu – egal ob sie sich FDP oder, schönes Wort, Bankster nenen. Der Zauber der Teilhabe: Vorbei! Die schönen Lügen vom glücklich machenden Konsum? Werden in der jeder Fußgängerzone entlarvt, von einer Monokultur aus H&M, Zara, Schlecker und Thalia. Können uns Handtaschen und Smartphones trösten, für Armut im Alter und eine immer schlechter werdende Krankenversicherung? Zum Teufel, nein !
Es ist richtig auf die Straße zu gehen, es ist aber genauso wichtig, sich im Internet zu vernetzen. Einer der Amateurredner hat das sehr schön ausgedrückt: „Das kann doch nicht angehen, das zur Facebook-Party von Thessa in Bramfeld mehr Leute kommen, als zu so einer Demo“. Aber, wie gesagt, es war ja heute erst der Anfang. Versprochen.

 

 

Wenn das Kraftwerk erzählt

Eine Ausstellung der 3-D-Installationen von Kraftwerk in München ist ein guter Grund mein Interview mit Ralf Hütter noch einmal zu lesen

 

Kraftwerk sind längst ein ähnlicher Klassiker wie die Beatles – nur digitaler. Und manchmal, wenn die Gage stimmt und auch sonst alles perfekt ist, beglückt uns das scheue Reh Ralf Hütter sogar mit ein paar Konzerten, zusammen mit seinen, nun ja, Robotern, deren Namen man seit dem Ausstieg von Florian Schneider auch nicht mehr unbedingt parat hat. So war es jedenfalls diese Woche bei drei ausverkauften Auftritten in München.
Die Städtische Galerie im Lenbachhaus in München zeigt außerdem aber auch eine Ausstellung von Kraftwerks Videoinstallationen in 3D, die vom 15. Oktober bis zum 13. November läuft: „In einer speziell für den Kunstbau entwickelten mehrkanaligen 3D-Videoinstallation wird der einzigartigen und wirkmächtigen Stellung von Kraftwerk innerhalb der Geschichte der bildenden und darstellenden Künste Rechnung getragen“.

Ein schöner Anlass, das Gespräch mit Ralf Hütter herauszukramen, dass ich vor gut zwei Jahren geführt habe. Der Kopf von Kraftwerk gilt unter Journalisten als große Herausforderung, weil er sich nur äußerst selten zu Interviews herablässt. Meist wollte er dann ausschließlich über das jeweils neue Album reden, oder noch schlimmer: über seine Rennrad-Sammlung. Das klingt zickig und exzentrisch, doch in der Realität ist der 64-jährige Düsseldorfer umgänglicher als man denkt. In Begleitung des Produktmanagers seiner Plattenfirma huscht Hütter in den Raum. Überraschend jung sieht er aus, die Haare voller als gedacht, an den Füßen ein paar Chucks. Sein Händedruck ist fest, die manchmal leicht stockende Sprache von einer rheinländischen Melodie durchsetzt.

Ab wann gab es bei Kraftwerk diesen Hang zum konzeptuellen Gesamtkunstwerk?
Eigentlich von Anfang an. Wir hatten ja viele Freunde in der Düsseldorfer Kunstszene, und schon auf dem ersten Album fand sich das Bild eines Transformators, fotografiert von den renommierten Konzeptkünstlern Bernd und Hilla Becher. Den üblichen Rock-Zirkus haben wir nie in mitgemacht. Schon sehr früh benutzten wir auf einer Kunst-Party eine Rhythmusmaschine und verließen die Bühne während die Musik weiter spielte. Wir haben dann unten dazu getanzt. In diesen Tagen wurde ja vieles wie ein Happening installiert.

Hat es Sie überrascht, dass ein so avantgardistisches Stück wie „Autobahn“ 1974 zum globalen Hit wurde?
Ja, natürlich. Wir waren überhaupt nicht bereit auf Tournee zu gehen und mussten auf die Schnelle unser Equipment zusammen hämmern. Das war im Studio ja alles ganz wild verkabelt. Wir haben das dann ein bisschen geordnet und in Pappkartons gepackt. In New York haben wir als erstes einen Road-Manager engagiert und die Pappkartons in professionelle Flight-Cases umgepackt.

Und wie war das in Deutschland?
Ursprünglich sollte es auch hier eine Kraftwerk-Tournee geben, aber als wir aus den USA zurückkamen, gab es erst mal kein Interesse mehr. Zwischen 1976 und 1981 sind wir dann praktisch überhaupt nicht mehr aufgetreten. Weil die Musik live nicht mehr umzusetzen war: Die Kabel wackelten, das Equipment fiel auseinander – technisch war das alles ein Alptraum. Wenn da ein E-Werk mal die Stromspannung veränderte ging bei uns alles rauf und runter. Eine richtige Tour haben wir erst wieder zu „Computerwelt“ gemacht. Unsere Musik war nur im Kling Klang Studio realisierbar.

Und warum?
Das Kling Klang Studio, das Florian Schneider und ich ab 1970 aufgebaut haben, ist unser Instrument: Wir spielen Studio. Man nannte uns ja auch immer „die Knöpfchendreher vom Rhein“ – das hat uns aber nicht gestört. Wir haben ja tatsächlich Köpfchen gedreht, Regler rauf und runter geschoben, Kabel eingestöpselt. In den Achtzigern kamen dann Sampler und Computer dazu, seit 2002 sind wir mit unseren Laptops mobil und können selbst im Hotel und am Flughafen arbeiten.

Das Wortspiel im Titel des Albums „Radio-Aktivität“ wurde allgemein missverstanden.
Viele unserer Alben wurden als Provokation aufgefasst, oft in unterschiedlichen Ländern. In diesem Fall ging es uns um den Science-Fiction-Gedankenschluss zwischen Strahlung und Ausstrahlung.

Man hielt Sie für Anhänger der Kernenergie.
Deshalb haben wir später auf „The Mix“ das Wort „Stopp“ mit rein genommen und den Text erweitert, weil so vieles falsch verstanden wurde. Es ging uns um die Gleichsetzung der Atomenergie mit der Welt des Radios – „strahlt Wellen zum Empfangsgerät“. Wenn man den ganzen Tag Radio hört sind die Hirne auch irgendwann verstrahlt.

Was ist das für ein Gefühl, wenn man eigentlich ein Weltstar ist, aber dabei komplett hinter seinem Werk verschwindet?
Das ist Teil unseres Konzepts. Wir beide unterhalten uns jetzt zwar, aber die Werke sprechen letztlich für sich selbst. Alles was ich hier sage, dient nur der Beschleunigung der Erkenntnis. Es war immer unser Ziel, dass sich die Musik selbst spielt, oder für sich selbst spricht: Die Autos singen, die Reifen quietschen und summen, der Wind bläst „Tour De France“. Auch der Trans Europa Express war für uns vor allem eine Klangmaschine.

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Ihre Texte bestehen meist nur aus einzelnen Worten und entfalten dennoch eine fast hypnotische Kraft.
Die Worte haben etwas von einem Mantra, sie sind Klang-Poesie und lösen einen bestimmten Zustand aus. Wenn ich eine Geschichte erzählen wollte, so wie die meisten Rockmusiker in ihren Songs, wäre ich Schriftsteller geworden. Genauso funktionieren auch die Fotos und Videoclips von Kraftwerk, das sind elektronische Skulpturen, das ist ein Film zur Musik. Musikfilm trifft die Sache eigentlich am besten. Bei einem Musikfilm gibt es Darsteller, Techniker und so weiter.

Warum beziehen sich die Themen Ihrer „Musikfilme“ ausschließlich auf deutsche oder europäische Kultur – von „Autobahn“ bis „Tour De France“?
Das hat sich schon Anfang der Siebziger so ergeben, als wir mit Tonbändern arbeiteten und über Klang reflektierten. Unsere Sprache transportiert sich rhythmisch anders als die englische und die Musik von Kraftwerk ist ja auch eine Art Ethno-Musik aus der Bundesrepublik. Wenn wir nachts durch das Rhein- und Ruhrgebiet gefahren sind, dann verbanden sich die Landschaft und Architektur zu einer ganz bestimmten Atmosphäre. „Neonlicht“ ist ein Spaziergang durch das nächtliche Düsseldorf. Das hat inzwischen fast musealen Charakter, weil es die ganzen Neon-Werbungen heute alle nicht mehr gibt.

Bei vielen Kraftwerk Alben spürt man ja auch eine gewisse Wehmut und Melancholie. Aus einer weit entfernten Zukunft scheinen Sie auf die Gegenwart der Bundesrepublik zurückzublicken. Mit „Trans Europa Express“ wurde das auch visuell im Artwork sehr schön umgesetzt.
Ja, man sieht uns da unter einem Baum am  Rhein sitzen. Doch das Foto entstand in New York und die Landschaft ist fiktiv. Es ist eine Collage, wie die Musik. Auch in unserer Musik fügen sich einzelne Klänge zu einem Gesamtbild. Emil Schult, ein Beuys-Schüler und guter Freund, hat damals viele Bilder, Motive und das Artwork für Kraftwerk entworfen.

Diese Bilder sind stark an das Cover angelehnt und haben etwas freundlich Naives…
Das war ja auch ein Traum. Wenn wir mal in Städten wie Frankfurt oder Berlin spielten, was selten der Fall war, dann fuhren wir nachts auf der Autobahn zurück. Im Radio hat man unsere Musik damals nicht gespielt, aber wie viele Musiker träumten wir davon: „Wir fahren auf der Autobahn und jetzt schalten wir das Radio an. Aus dem Lautsprecher tönt es dann: Wir fahren auf der Autobahn„. Etwas später, während unserer Amerika-Tournee, lief das auf allen Radiostationen, quer durchs Land egal wo wir waren.

Aus der Begeisterung für „Autobahn“ entstand im Detroit der späten Achtziger ein ganzes Genre das sich an der Musik von Kraftwerk orientierte. Mögen Sie Techno?
Ja, vieles davon ist fantastisch und eine Ergänzung. Bei unserer letzten Tour hat mir Derrick May erzählt, dass er damals sein Alter gefälscht hat um uns live zu sehen. Leute wie May oder Juan Atkins zu treffen, mit ihnen gemeinsam auf Festivals zu spielen, ist ein wichtiger Gedankenaustausch. Doch auch in Deutschland ist unser Konzept inzwischen verstanden worden.

War das mal anders?
In den frühen Jahren bekamen wir sehr viele negative Echos. Die Bezeichnung „Knöpfchendreher“ war ja keineswegs positiv gemeint. Auch die Behauptung, das sei ja keine wirkliche Musik, wurde in vielen Zeitungen verbreitet.

Hat Sie das gekränkt?
Nein, man muss seine Arbeit fortsetzen und darf sich nicht beirren lassen.

Dafür wurden Alben wie „Mensch-Maschine“ und „Computerwelt“ von Künstlern wie David Bowie bewundert. Alle wollten damals Kraftwerk und Ihre Roboter sehen.
Dabei waren das Schaufensterpuppen, echte Roboter hatten wir erst ab 1991. Manche Ideen dauern eben ein bisschen ehe sie sich in die Tat umsetzen lassen. Aber die Konzepte waren natürlich da. Während der Aufnahmen zu „Computerwelt“ hatten wir ja noch gar keinen Computer. Erst als das Album veröffentlicht wurde hat uns unsere amerikanische Plattenfirma einen Homecomputer geschenkt, einen Atari oder so was. Damit konnte man bei Konzerten Textbänder laufen lassen, zum Beispiel „COMPUTERWELT“. Da staunten alle, dass sich die Buchstaben bewegen.

Wird es in absehbarer Zeit ein neues Kraftwerk-Album geben?
Ja. Ich habe da verschiedene Konzepte und Drehbücher, da müssen wir jetzt dran arbeiten.

Möchten Sie zum Schluss noch etwas zum Ausstieg Ihres langjährigen Weggefährten Florian Schneider sagen?
Nein. Der hat sich auf andere Felder bewegt und das ging halt nicht mehr. Das ist ja auch schon so lange her, eigentlich ewig. Als 2008 die Meldung raus kam, war das für uns schon von vorgestern.

 

Interview: Jürgen Ziemer

Der Glanz der alten Tage



Star im eigenen Film: Lana del Rey gibt dem Pop die ganz große Pose zurück

Pop hat den Glauben an die Zukunft verloren. Es ist längst nicht mehr die Frage ob die Vergangenheit recycelt wird, sondern nur noch wie. Die Sängerin Lana del Rey hat sich dafür ein besonders reizvolles Konzept ausgedacht: „Gangsta Nancy Sinatra“ nennt sie sich ironisch und verbindet den Girl-Pop der Sechziger mit der dunklen Attitüde des HipHop. Nicht allein die Musik steht dabei im Vordergrund, sondern das Gesamtkunstwerk eines All American Popstars, die Stilisierung eines Lebens zwischen Hollywood und Trailerpark. Lana del Reys Songs klingen wie melodiesatte Klassiker, die kontroverse Inszenierung ihrer Person, als „Rich Daddy’s Girl“ und ehemalige Trailerpark-Bewohnerin, wirkt dagegen fast drastisch: Vom ersten Vorschuss ihrer neuen Plattenfirma hat sie sich die Lippen aufspritzen lassen, eine Tatsache, die im Internet seit Monaten lebhaft diskutiert wird. Auf der Seite des österreichischen Rundfunks ORF findet sich eine besonders gewagte These: „Der Verdacht liegt sogar nahe, das Gesicht wurde absichtlich „verspritzt“ – um den „dirty look“ des gefallenen Mädchens, das sich trotz aller Schicksalsschläge nicht unterkriegen lässt, noch zu verstärken“. Wo die Realität in Fiktion übergeht – bei Lana del Rey ist das eine Frage der Sichtweise.

Fast täglich postet die 24-jährige auf Facebook. Ein ganzes Jahr ihrer noch jungen Karriere lässt sich so zurückverfolgen: Zuerst jubelten die Blogs, dann die wichtigen Musikseiten, und schließlich auch seriöse Tageszeitungen wie Guardian und Observer. Mit Hilfe des sozialen Netzwerks gelingt es der Künstlerin ihr eigenes Image zu definieren, ehe die klassischen Medien ihr zuvorkommen: Eine raffinierte Mischung aus Hochkultur und Trash breitet sich so vor dem Betrachter aus; eine Welt der Bilder und Andeutungen, glamourös und todtraurig zugleich. Die Frage, ob das echt ist oder die Umsetzung eines genialen Marketing-Konzepts? – bleibt vorerst unbeantwortet.
Doch egal wie die Antwort ausfällt – die Sängerin ist immerhin seit anderthalb Jahren beim Musikkonzern Universal unter Vertrag – die Rechnung geht auf: Lana del Rey gilt vielen als Newcomerin des Jahres. Ihre Debüt-Single „Video Games“, die an diesem Wochenende offiziell erscheint, erhielt innerhalb eines Monats bei YouTube weit mehr als eine Million Klicks. „I heard that you like the bad girls Honey, is that true?“ gurrt die Sängerin mit einer Stimme zwischen Julie London und Nancy Sinatra zur hemmungslos bombastischen, aber auch tief berührenden Musik. Es gibt keinen Unterschied zwischen dem Ende einer Liebe und dem Ende der Welt – so lautet die melodramatische Botschaft des Songs, der problemlos im Abspann eines Douglas-Sirk-Films laufen könnte. Lana del Rey treibt ein elegantes Spiel mit der „Größer-als-das Leben“-Haltung des alten Hollywood. Wenn sie einen Jazz-Song singt, dann klingt das Klirren der Eiswürfel im Whiskey-Tumbler immer mit.


Bereits mit Siebzehn war Lana del Rey eine frühreife Sängerin und Songwriterin – nun möchte sie in der Lady-Gaga-Arena reüssieren. „Früher habe ich Gitarre gespielt und dazu gesungen, in kleinen Clubs in Brooklyn und der Lower Eastside. Seit ich meine Nägel habe geht das nicht mehr so gut“. Wie zum Beweis hebt Lana del Rey ihre Hände über den Tisch und präsentiert die langen türkis- und perlmuttfarbenen Fingernägel mit den winzigen Glitzer-Applikationen. Auf der Rechten thront ein mit Strass besetzter „Schlagring“ in Form eines Dollarzeichens.
Lana del Rey heißt in Wirklichkeit Elisabeth „Lizzy“ Grant, als Tochter eines erfolgreichen Unternehmers ist sie im idyllischen Wintersport-Ort Lake Placid aufgewachsen. Im Moment sitzt sie auf der Dachterrasse eines schicken New Yorker Privat-Clubs und sieht aus, als käme sie direkt vom Set eines alten Elvis-Presley-Films. Die rotblonden Haare fallen in perfekten Kurven über die Schultern, die Wimpern sind lang und Mascara-schwarz, selbst die umstrittenen Lippen wirken einfach nur … voll. Weltgewandt bittet sie den Kellner um ein paar Oliven zu ihrem Drink und zündet sich dann so selbstverständlich eine Zigarette an, als sei sie die junge Lana Turner und es gäbe in New York kein Rauchverbot. Nein, dies ist kein normales Interview, eher die Inszenierung eines Rendezvous mit einem Hollywoodstar. „Ich habe das alles nicht geplant, es gibt keinen Masterplan zu der überraschenden Resonanz auf „YouTube“, behauptet sie. „Meine Videos habe ich schon immer selbst produziert, mit iMovie auf meinem Notebook. Niemand schaute sich das an. Als „Video Games“ plötzlich 20.000 und mehr Klicks am Tag bekam hat mich das enorm verunsichert und irritiert“.

Das großartige Video zum Song ist ein sepiafarbener Traum, der an David Lynchs Tauchfahrten durch das Unterbewusstsein Amerikas erinnert: Teenager springen ausgelassen in einen Pool, Starlets stolpern betrunken kichernd über einen roten Teppich, die Lichter des alten Hollywood illuminieren eine scheinbar bessere Welt. Nur die amerikanische Fahne, die immer wieder auftaucht, wie ein altes Versprechen, hängt seltsam erschöpft am Mast. So als wollte dieses Video sagen: Das Beste ist längst vorbei und die meisten von uns haben es verpasst.
„In den Fünfziger und Sechziger Jahren war Pop so brandneu und leuchtend“, sagt Lana del Rey. Und weil auf der Musikanlage im Hintergrund gerade „I’m On Fire“ läuft ergänzt sie: „Bruce Springsteens war ebenfalls eine wunderbare Variation des amerikanischen Traums. Doch inzwischen scheint dieses Imperiums vor seinem Ende zu stehen. Es gibt nicht mehr so viel Hoffung und Optimismus wie früher, der Blick auf das Glück ist zynischer geworden. Die Popmusik reagiert darauf, indem sie die dunkle Seite des amerikanischen Traums erkundet“.
Lana del Rey findet diese dunkle Seite nicht unbedingt attraktiv, auch wenn sie den Rapper Tyler, The Creator mag und dessen suburbane Alptraum-Szenarien. Sie hängt zu sehr an den alten Glücksversprechen, ist eine konservative Romantikerin.
Den an ein schweres, etwas zu süßes Parfüm erinnernden Künstlernamen hat sie sich zusammen mit ihrem ersten Manager ausgedacht: „Lana del Rey gibt eine Richtung vor und definiert meine Musik seit ich mit 19 bei einem kleinen New Yorker Independent Label unterschrieben habe“. Zusammen mit dem namhaften Produzenten David Kahne – ein Grammy Preisträger, der vorher mit Paul McCartney, Tony Bennett, Stevie Nicks und den Strokes zusammenarbeitete – entstand 2008 das Debüt „Lana del Rey a.k.a. Lizzy Grant“.
Das Album wirkt wie eine hochkarätige Fingerübung. „Kill Kill„, „Yayo“ oder „Gramma“ besitzen zwar noch die Niedlichkeit des Indie-Pop, doch schon hier werden die Pop-Mythen Amerikas beschworen, als sei es das letzte Mal. „Brite Lites“ – ein überraschender House-Track – inszeniert die aggressive Sehnsucht einer suburbanen Hausfrau nach einem Leben wie in den Magazinen die beim Friseur ausliegen: „I’m taking off my wedding ring. Give me the bright lights“.
Doch nur drei Monate, nachdem es in den Handel gekommen war, verschwand das Album wieder vom Markt: „Wir haben uns mit dem alten Label vertraglich darauf geeinigt, das alte Album vom Markt zu nehmen um etwas Neues, Frisches zu beginnen“, sagt Ben Mawson, der Anwalt und Manager von Lana del Rey.
Das neue Management und die neue Plattenfirma haben die Sängerin davon überzeugt, dass sie genug Potential hat um zukünftig in einer anderen, viel größeren Liga zu spielen. Die nächsten Monate werden darüber entscheiden ob der Plan aufgeht. Doch die Reaktion der Facebook-Gemeinde, auf die Ankündigung einer kurzen Welt-Tournee, die Lana del Rey im November auch nach Köln und Berlin führen wird, gibt Anlass zu großen Erwartungen: „Ich versuche Tickets zu bekommen, für jedes Konzert in Europa. Egal wie weit ich reisen muss und wie lang es dauert“, schreibt ein junger Schweizer. Er wird schnell sein müssen, denn ein für Anfang Oktober angekündigtes Konzert in London war innerhalb von 30 Minuten ausverkauft.

Jürgen Ziemer

Erschienen in Die Zeit, 6. Oktober 2011

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Lana del Rey live bei Jools Holland, am 11.10.2011

 

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Auch das Video zu „Gramma“, ein Song vom unveröffentlichten ersten Album, trägt die Handschrift der DIY-Regisseurin Lana del Rey.