Retromania aus Muswell Hill

 

Er klingt alt, und zwar im besten Sinne. Michael Kiwanuka huldigt dem Soul der frühen Siebziger: spirituell, warm und tröstlich.

Der Mann wirkt beneidenswert entspannt und dabei gleichzeitig hellwach. „I just don’t know“, singt Michael Kiwanuka im Roten Salon der Berliner Volksbühne und nur seine akustische Gitarre und ein einsamer Bassist begleiten ihn dabei. Wieder und wieder, wie die Wellen eines müden Ozeans, rollt das sanft, aber nachdrücklich gesungene Mantra durch den Raum: „I just don’t know, ho, ho; „I just don’t know, ho, ho, ho“. So lange, bis das Publikum mit einstimmt und der ganze Saal vor sich hin brummt: „Ich hab‘ keine Ahnung, ich hab‘ einfach keine Ahnung“. Das Stück stammt von dem Soulsänger Bill Whiters, aber Michael Kiwanuka hat es zu seinem eigenen gemacht: „Bill Whiters mag ich sehr und ich habe eine Menge von ihm gelernt“, erklärt der 24-jährige Londoner am nächsten Morgen im Büro seiner Plattenfirma Universal. „Er ist ein Soulsänger, aber mehr noch ein Singer/Songwriter, der viel Empathie besitzt und eine gute Selbstwahrnehmung“. So sieht sich auch Michael Kiwanuka: „Ich bin einfach einer von diesen Typen, die mit der akustischen Gitarre in der Hand herumhängen und Songs schreiben“. Die Bescheidenheit passt gut zu den freundlichen schläfrigen Augen, doch wir haben es hier mit einer echten Entdeckung zu tun.

Zwei EPs mit hinreißender Musik zwischen Soul, Jazz und Folk hat der Sohn ugandischer Einwanderer im letzten Jahr veröffentlicht – „Tell Me A Tale“ und „I’m Getting Ready“. Die britischen Kritiker waren begeistert, der Sender BBC kürte Michael Kiwanuka sogar zum wichtigsten Newcomer für 2012. Das Debütalbum „Born Again“, das am 9. März erschienen ist wird auch in Deutschland ein Publikum jenseits der Experten-Zirkel erobern. Weil die warme Stimme dieses Mannes etwas besonders ist. Hier gibt es nicht die bisweilen bizarre Gesangsakrobatik des modernen R&B. „Born Again“ bietet stattdessen „Soul“ im ursprünglichsten Sinn – tief empfunden, sehr spirituell und so warm und tröstlich wie ein Abendessen mit guten Freunden.

Aufgewachsen ist Kiwanuka in Muswell Hill, einem Londoner Stadtteil dem die Band The Kinks bereits 1971 das Album „Muswell Hillbillies“ widmete: „Ray Davies und sein Bruder waren auf der gleichen Schule wie ich – natürlich viele Jahre früher. Ich mag die Kinks, sie haben tolle Songs geschrieben. Muswell Hill hat tatsächlich etwas von einem Dorf, es ist ein bisschen verschlafen, aber mir hat es eine angenehme Adoleszenz beschert“. HipHop, Reggae, Punk oder gar Dubstep, all die rebellischen Stile, die man gerne mit London assoziiert, ließen den jungen Kiwanuka eher kalt: „Ich habe überwiegend Radio gehört – The Strokes, Kings of Leon, das ganz normale Zeug. Durch die Eltern meiner Freunde entdeckte ich schließlich Künstler wie Jimi Hendrix, die Beatles, Terry Callier, Bob Dylan und Marvin Gaye. Für mich war das aufregende neue Musik“.

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Das Video zu „Tell Me A Tale“ wurde im Berliner Mauerpark gedreht

Das Album „Born Again“ klingt als hätte es seit 1972 keinerlei musikalische Erneuerung oder Veränderung gegeben. Man hört auch, dass Kiwanuka an der Royal Acedemy of Music Jazz-Gitarre studiert hat, obwohl er bereits nach zwei Jahren abbrach: „Ich mag den Klang von Jazz-Akkorden, das Gefühl und die Freiheit dieser Musik, trotzdem wollte ich kein Jazzmusiker werden. Ich möchte populäre Musik machen, mit der die Menschen etwas anfangen können. Jazz ist mir allerdings sehr wichtig und hat einen großen Einfluss auf meine Musik“. Das hört man besonders schön bei Kiwanukas bekanntestem Song „Tell Me A Tale“, dessen Video im Berliner Mauerpark gedreht wurde. Eine Querflöte umspielt da den dezenten Groove der Akustik-Gitarre, ein Satz Bläser setzt raffinierte Akzente, die das Schlagzeug mit eleganten Synkopen umspielt und zusammenhält. Doch es ist vor allem der beseelte Gesang, der diesen Retro-Sound zum Erlebnis macht.

Paul Butler, der Kopf der bei Musik-Connaisseuren beliebten Band The Bees, hat nach den beiden EPs nun auch das Debütalbum von Michael Kiwanuka produziert: „Viele meiner Songs skizziere ich zuhause in meinem Wohnzimmer auf der akustischen Gitarre. Danach gehe ich zu Paul Butler und wir bauen gemeinsam die Arrangements“. Mit dem an Roberta Flack erinnernden Song „Always Waiting“ ist den beiden ein Meisterwerk gelungen. Eine von Gospel durchdrungene Meditation über die Liebe, das Leben und den Tod: „Alle meine Songs sind spirituell – so wie jeder Song über die Liebe, denn es ist nicht der Körper der liebt. Meine Songs handeln aber auch von Frieden und der Zufriedenheit in einem selbst. Wenn du von irgendwo nach Hause kommst, dich entspannst und ganz bei dir bist: Dieses Gefühl würde ich in einem spirituellen Sinn gerne erreichen“.

Michael Kiwanuka steht mit diesem Wunsch sicher nicht alleine. Seine Musik ist das, was man gerne wertkonservativ nennt. Die Erinnerung, an eine Zeit, in der Experiment und Songwriting nah beieinander waren. Als Jazz noch keine formatierte Hintergrundmusik war, sondern ganze Weltbilder transportierte und wo sich im Soul Black Power und die Liebe zu Gott problemlos ergänzten. Es gibt diese Welt schon lange nicht mehr. Doch es ist tröstlich sich ab und zu daran zu erinnern. Ein Album wie „Born Again“ ist dafür der perfekte Soundtrack.

Jürgen Ziemer

(erschienen bei Spiegel Online: http://www.spiegel.de/kultur/musik/0,1518,829203,00.html )

Michael Kiwanuka live:
1.5.2012: Köln, Bahnhof Ehrenfeld

Goldene Eier

Viele Künstler können von ihrer Arbeit nicht leben – Plattenfirmen und Buchverlage kümmert das bisher wenig

Das Wort „Künstler“ schmeckte schon immer ein wenig nach kaltem Rauch und durchgearbeiteten Nächten. Weil dahinter nicht nur ein kreativer Mensch steckt, sondern auch ein Geschäftsmodell: Der Künstler gibt alles für seine Kunst – 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Niemand ist flexibler, keiner genügsamer. Und trotzdem können nur wenige von ihrer Arbeit leben. In der Musikindustrie ist die Lage besonders prekär: Zwischen 2001 und 2010 ging der Umsatz von 2,4 Milliarden auf 1,5 Milliarden zurück. Vor allem für kleine Independent-Labels und deren Bands wird es zunehmend enger:  „Wir haben uns immer schon durchgewurschtelt. Als Künstler zwischen Selbstverwirklichung und Auftragsarbeit – es ist und bleibt eine Mischkalkulation“, sagt Maurice Summen, Sänger der Band Die Türen. Auf seinem Independent-Label Staatsakt veröffentlicht der 38-jährige Kritikerlieblinge wie Bonaparte, Andreas Dorau, oder Ja, Panik. „Ich würde nicht auf die Idee kommen, Leute zu verklagen die unsere Alben unerlaubt herunterladen. Ich kenne das Kopieren ja noch aus der Ära der Tapes und ich kann auch niemanden zwingen unsere Musik zu kaufen. Musikern reicht es oft auch schon, einfach nur gehört zu werden“, sagt Summen, der nicht die unerlaubten Downloads problematisch findet, sondern die Sättigung des Markts durch lebenslange Rock ’n‘ Roll-Rebellen wie die Rolling Stones und Bruce Springsteen.

Der Verkauf von Tonträgern und Downloads macht heute zwar nur noch 20 Prozent vom Umsatz eines Sängers oder einer Band aus. Doch auch das Live-Geschäft ist zunehmend monopolisiert und nicht jedes Bandmitglied verdient als Urheber an den Ausschüttungen der Gema. Laut einer Statistik der Künstlersozialkasse betrug das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Musikers 2010 gerade einmal 11.781 Euro. Die unter 40-jährigen verdienten sogar noch weniger: „Durch Digitalisierung, Globalisierung und den Streit ums Urheberrecht haben wir in der Musikszene eine Entwicklung die in Richtung „Hobbysierung“ führt. Weil keiner mehr davon leben kann!“, sagt Andrea Rothaug, die Geschäftsführerin des Vereins Rockcity. In einem kleinen Büro im Hamburger Karolinen-Viertel malt die 46-jährige Musiker-Gewerkschafterin ein düsteres Szenario: Nur neun Prozent der Künstler verdienen als Profis ausreichend Geld zum Leben – der Rest schlägt sich mit Nebenjobs durch. Independent Labels wie Staatsakt haben zwar als Entdecker und Repertoire-Entwickler eine wichtige Funktion, „damit Musik nicht ausschließlich über Casting-Shows und den „Glücks-Faktor“ funktioniert“. Doch der Mainstream wird eher von RTL und Deutschland sucht den Superstar definiert.

Weil echte Stars immer seltener werden und die Umsätze schwinden, überwachen Plattenfirmen die goldenen Eier ihrer Schützlinge mit Argwohn. Schon bevor ein erfolgversprechendes neues Album auf dem Markt kommt, werden Anwälte damit beauftragt Urheberrechts-Verletzungen zu ermitteln. Spezialisierte Kanzleien, wie Waldorf Frommer oder die We-Save-Your-Copyrights-Rechtsanwaltsgesellschaft, arbeiten mit IT-Dienstleistern zusammen, die in Filesharing-Netzwerken Köder auslegen und dann warten bis die Beute kommt. Mit Hilfe von Ermittlungssoftware wie Nars und Tcpdump werden illegale Downloads unanfechtbar registriert und archiviert. Einer Studie des Beratungsunternehmens TERA von 2010 zufolge, verursachte die illegale Nutzung urheberrechtlich geschützter Inhalte 2008 allein in Deutschland einen Schaden von 1,2 Milliarden Euro und kostete rund 34.000 Arbeitsplätze.

Doch die Unterhaltungsindustrie weiß sich zu wehren: Mehr als 600.000 Abmahnungen wurden 2010 verschickt – Beträge von bis zu 1.298,- EURO für den Download eines Albums sind keine Seltenheit. Wenn man bei Universal um ein Interview zu diesem offenbar hochprofitablen Geschäftsmodell bittet – der Schadensersatz für ein Album liegt meist bei mehreren hundert Euro – wird man an den Bundesverband der Musikindustrie verwiesen. Auch hier nimmt man zu der Thematik nur schriftlich und sehr vorsichtig Stellung. Alexander Krolzik, Rechtsanwalt bei der Hamburger Verbraucherzentrale, wird deutlicher und nennt ein Beispiel: „Die angenommen Zahlen für die Kanzlei Walddorf Frommer schwanken zwischen 80.000 Abmahnungen und – wenn man die Aktenzeichen zugrunde legt – 160.000 Abmahnungen pro Jahr. Das heißt, wir reden alleine hier von Forderungen in Höhe von 76.480.000 bis 152.960.000 Euro“.

Ein prächtiger Kuchen – doch wie wird er mit den Urhebern geteilt? Schließlich sind es ja ihre Rechte um die es hier geht: „Bis heute haben wir ohne Nachfrage keine Abrechnung gesehen, die zeigt, was dabei für die betroffenen Künstler abfällt“, sagt Tim Renner, der sich als Geschäftsführer von Motor Entertainment auch um das Management von Popstars wie Marius Müller-Westernhagen und Polarkreis 18 kümmert. „Nach einem Nummer-1-Hit haben wir mal bei der Plattenfirma nachgefragt. Uns wurde dann mitgeteilt, da seien 90.000 Euro eingenommen worden und dafür würden wir jetzt den üblichen Prozentsatz pro CD bekommen. Das haben wir nicht akzeptiert“. Renner hielt den Betrag von 90.000 Euro für unglaubwürdig gering, deshalb stellte Motor ausnahmsweise selbst ein erfolgreiches Album ins Netz und beauftragte eine Anwaltskanzlei: „Obwohl dieser Künstler ältere Fans anspricht, die vermutlich weniger downloaden, kam schnell ein Umsatz von 250.000 Euro zusammen“.
Selbst wenn man die Abmahnungen der Content-Industrie als berechtigte Notwehr sieht – den eigenen Künstlern und Urhebern gegenüber sollten die Firmen penibel Rechenschaft ablegen. Zumal die Branche gerne mal die moralische Keule schwingt, wenn es um kleinste Verletzungen des Urheberrechts geht.

Die Band Deichkind hat dagegen eine Menge Verständnis für Internet-Piraten: “ Ihr sagt wir sind kriminell, doch wir sind nur die User / Im Knast saugen wir weiter, Copyrights sind was für Loser / Tupac, Kurt und Marley, der Shit ist für uns alle da / Wir sind zu viel, wir sind zu nah, wir sind zu schnell: ihr könnt uns mal“, toben die Musiker in „Illegale Fans„, einem Song vom aktuellen Album „Befehl von ganz unten“. Die 223.134 Facebook-Freunde der Band bekommen das Schelmenstück geschenkt. Es wäre allerdings peinlich, wenn herauskäme, dass Universal, die Plattenfirma von Deichkind, illegale Downloads des rebellischen Songs verfolgt.
Die vier Musiker und Urheber sehen das Thema Copyright ohnehin mit viel Ironie und Distanz. Einer bekennt sogar: „Manchmal ziehe ich mir ein Album runter, von einem Künstler den es bei iTunes nicht gibt“. Es wird auch anderen Urhebern gelegentlich so gehen. Doch Deichkind preisen auch die Funktionalität von iTunes und berichten sehr vergnügt, dass sie ebensoviel mit dem Verkauf von T-Shirts und Fan-Artikeln verdienen, wie mit CDs, Vinyl und Downloads. An die CD glaubt niemand mehr und selbst Downloads werden zunehmend obsolet. Seit der Einigung von Gema und Bitkomm etabliert sich Streaming – das „Wunschradio“ aus der „Cloud“ – immer mehr als Modell der Zukunft. Dass sich an den prekären Einkommensverhältnissen der Musiker dadurch etwas ändert ist unwahrscheinlich: „10.000 Streams bei Simfy bringen für das Label etwa 30 Euro. Aber die müssen noch mit dem Künstler geteilt werden“, sagt Maurice Summen von Staatsakt.

Das klingt nach einer traurigen Zukunft für die Urheber. Doch alles spricht dafür, dass sich in der aufziehenden Spotify-Simfy-Google-Ära ein pauschales Bezahlungsmodell durchsetzen wird – egal ob man das jetzt Geräteabgabe, Kultur-Flatrate oder anders nennt. Vielleicht sollten sich alle, denen es ernst ist mit der fairen Bezahlung der Künstler, noch einmal mit einem Projekt des Max-Planck-Institutes für Immaterialgüter- und Wettbewerbsrecht befassen. Fünf Rechtswissenschaftler haben in der zweiten Hälfte der Neunziger dort den Ansatz verfolgt, dass Künstler immer angemessen bezahlt werden sollen – egal, ob sich das Werk vermarkten lässt oder nicht. Als die Forscher im Jahr 2000 der damaligen Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin den Entwurf zu einem geänderten Urhebervertragsrecht vorlegten, war sie bereit, einen entsprechenden Gesetzesentwurf zu verabschieden. Der Juraprofessor Karl-Nikolaus Pfeifer, der dem Magazin brand eins in der Dezember-Ausgabe davon erzählte, verschwieg auch nicht das traurige Ende dieser Initiative: „Die Buchverlage haben einen Sturm der Empörung entfacht. Sie wollten die Beteiligung der Urheber unverändert lassen, sie also nur eventuell im Erfolgsfall beteiligen. Wenn sie selbst kein Geschäft machten, sollte der Autor auch nichts dafür bekommen können“.
Urheber und Verwerter haben mitnichten die gleichen Interessen und selten genug verhandeln sie auf Augenhöhe. Weil der Streit um das Copyright in einer juristischen Fachsprache geführt wird, hat sich die breite Öffentlichkeit längst ausgeklinkt. Man lädt herunter und spricht nicht drüber. Nur das mit den Künstlern, dass die dann so gar nichts verdienen, das macht vermutlich sogar hartnäckigen Piraten gelegentlich zu schaffen. Diesen Effekt nutzt die Unterhaltungsindustrie aus: Die Künstler sind ihr Schutzschild.

Jürgen Ziemer (veröffentlicht im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung, 20.3.2012)

Heiser in die Hölle

Singen, als könnte jeder Song der letzte sein: Die französische Folk-Chanteuse Soko wurde über YouTube zum Star aller verletzten Mädchen-Seelen. Im Interview zeigt sich die 26-Jährige allerdings von ihrer robusten Seite – und spricht freimütig darüber, wie es sich anfühlt, „in die Fresse“ zu bekommen.

 

Millionen Klicks für einen angekündigten Mord: Mit einem so simplen wie schneidigen „I’ll Kill Her!“ wurde die Französin Stéphanie Sokolinski zum Renner auf YouTube mit dem so betitelten Song lieferte sie eine Art Hymne für alle Mädchen, die an die große Liebe glauben – und dann natürlich bitter enttäuscht werden.
Sokolinski, die sich der Einfachheit halber Soko nennt, träumt in der Nummer von der perfekten Zukunft mit ihrem Freund: Nach einem „I Love You“ verflucht die 26-Jährige jedoch bald die Konkurrentin mit hinreißend heiserer Nicht-Stimme und starkem französischen Akzent. In Dänemark und Belgien schaffte es der charmant rumpelnde Indie-Popsong vor fünf Jahren sogar in die Top 5 der Single-Charts.
Bei so viel Erfolg ist es schon seltsam, dass Sokos Debütalbum „I Thought I Was an Alien“ erst jetzt erscheint: „Meine Art Songs zu schreiben“, sagt die Künstlerin, „ist Dinge geschehen zu lassen. Emotional eins in die Fresse zu kriegen, Schrott zu reden, mich vor der Welt zu verstecken, verrückte, schlaflose Nächte zu haben. Das Resultat ist dann vielleicht ein Song“.
Kleines Equipment, große Kunst
Mit ihren langen schwarzen Locken, die sich über eine Strickjacke kringeln, aus der eine weiße Großmütterchenbluse blitzt, wirkt Soko fast wie eine christliche Fundamentalistin aus dem amerikanischen Mittelwesten. Und trotzdem hat das Outfit so viel Stil, dass jeder halbwegs coole Modeblog begeistert ihr Foto veröffentlichen würde. Die Sängerin spricht in einem atemberaubenden Tempo und wenn ihr etwas nicht gefällt, steckt sie sich dramatisch zwei Finger in den Mund, würgt spielerisch und rollt dazu mit den Augen.
So etwas fällt ihr leicht, denn im Hauptberuf ist Soko Schauspielerin. „Kleine französische Filme – und sie haben nicht sehr viel Relevanz“, behauptet sie. Das stimmt nicht ganz. Vor drei Jahren spielte Soko an der Seite von Gérard Depardieu in Xavier Giannolis Film „À l’origine“ der immerhin im Wettbewerb von Cannes lief. Sie wurde damals sogar für den französischen Filmpreis César nominiert.
Mit der Welt des Filmglamours hat ihr Album „I Thought I Was an Alien“ allerdings ebenso wenig zu tun, wie mit dem trotz aller Wutanfälle heiteren Hit „I’ll Kill Her“: Die Atomsphäre ist dunkel, bisweilen beklemmend. Da knirschen schon mal Dielen, knarzen Stühle. Es gibt allerdings auch perfekt arrangierte Streicher-Arrangements. „First Love Never Die“ ist einer der zugänglichsten Songs: Getragen von einer sehnsuchtsvollen Melodie, getrieben von einer altmodischen Rhythmusbox, entwickelt das Stück eine psychedelische Schönheit, die an die Songs von Sparklehorse erinnert.
„Treat Your Woman Right“ dagegen beschreibt eine verzweifelte, unerwiderte Liebe und erzählt zu gespenstischen Chören von verstörender Einsamkeit. „Ich war in den letzten fünf Jahren ziemlich deprimiert, deshalb kommt meine Musik von einem sehr dunklen Ort“, sagt Soko in einem eher gut gelaunten Tonfall. „Ehrlich gesagt bin ich überrascht, dass das Album nicht noch dunkler geworden ist. Jeden Song habe ich unter Tränen geschrieben, mich wie Scheiße gefühlt und dabei gedacht: Okay, das ist vielleicht er letzte Song den ich schreibe.“
Während sie ironiefrei diese überzogenen Sätze von sich gibt, sitzt Soko an einem Tisch in ihrem Berliner Hotelzimmer. Eigentlich lebt sie seit einigen Jahren Los Angeles. Doch seit Monaten ist sie unterwegs, hat gerade zwei Filme in Paris abgedreht, gibt Interviews zum Album, demnächst beginnt eine Konzerttour quer durch Europa. Sie behauptet, eine traurige Einzelgängerin zu sein. Aber wer sie so zwischen ultradünnem MacBook Air und altmodischer Song-Kladde sitzen sieht, macht sie einen äußerst lebensfrohen Eindruck.
Ihre Folksongs sind zwar immer irgendwie niedlich, erzählen aber auch von der Dunkelheit. Der psychisch kranke, genialische Songwriter Daniel Johnston ist ein Vorbild: „Ich habe die Dokumentation ‚The Devil and Daniel Johnston‚ gesehen und war sehr berührt von seinem roh skizzierten und ehrlichen Songwriting. Es ist, als würde er seinen Schmerz ausgießen – und dafür bin ich empfänglich.“ Mehrfach sind die beiden miteinander aufgetreten und auch Sokos Songs besitzen eine radikale Intimität. Weil sie ihre Stimme oft allein am Notebook aufgenommen hat, hört man eher ein heiseres Flüstern als Gesang im klassischen Sinn: „Ich liebe diesen kranken Sound und ich mag die Wirklichkeit. Deshalb möchte ich, dass alles so pur und direkt ist wie möglich. Was passiert, soll passieren und wenn ich bei den Aufnahmen huste, bleibt das drin“.
Dass Soko das Video zum Titelsong ihres Albums „I Thought I Was an Alien“ selbst inszeniert hat, passt zu ihrer Do-It-Yourself-Haltung. Selbst ihr Kameramann – der berühmte Regisseur Spike Jonze („Wo die wilden Kerle wohnen“) – hielt sich an die ästhetischen Vorgaben: Nicht in High Definition hat er die sonderbaren Tänze der Sängerin mit Gummimasken-Aliens gefilmt, sondern mit dem iPhone. Große Kunst auf kleinem Equipment, klasse.

Jürgen Ziemer (erschienen bei Spiegel Online)

Soko: „I Thought I Was An Alien“ (Warner), Tour: 31. März, Berlin / 1. April, München / 2. April , Wiesbaden / 3. April, Köln / 4. April, Hamburg