Singen, als könnte jeder Song der letzte sein: Die französische Folk-Chanteuse Soko wurde über YouTube zum Star aller verletzten Mädchen-Seelen. Im Interview zeigt sich die 26-Jährige allerdings von ihrer robusten Seite – und spricht freimütig darüber, wie es sich anfühlt, “in die Fresse” zu bekommen.
Millionen Klicks für einen angekündigten Mord: Mit einem so simplen wie schneidigen “I’ll Kill Her!” wurde die Französin Stéphanie Sokolinski zum Renner auf YouTube mit dem so betitelten Song lieferte sie eine Art Hymne für alle Mädchen, die an die große Liebe glauben – und dann natürlich bitter enttäuscht werden.
Sokolinski, die sich der Einfachheit halber Soko nennt, träumt in der Nummer von der perfekten Zukunft mit ihrem Freund: Nach einem “I Love You” verflucht die 26-Jährige jedoch bald die Konkurrentin mit hinreißend heiserer Nicht-Stimme und starkem französischen Akzent. In Dänemark und Belgien schaffte es der charmant rumpelnde Indie-Popsong vor fünf Jahren sogar in die Top 5 der Single-Charts.
Bei so viel Erfolg ist es schon seltsam, dass Sokos Debütalbum “I Thought I Was an Alien” erst jetzt erscheint: “Meine Art Songs zu schreiben”, sagt die Künstlerin, “ist Dinge geschehen zu lassen. Emotional eins in die Fresse zu kriegen, Schrott zu reden, mich vor der Welt zu verstecken, verrückte, schlaflose Nächte zu haben. Das Resultat ist dann vielleicht ein Song”.
Kleines Equipment, große Kunst
Mit ihren langen schwarzen Locken, die sich über eine Strickjacke kringeln, aus der eine weiße Großmütterchenbluse blitzt, wirkt Soko fast wie eine christliche Fundamentalistin aus dem amerikanischen Mittelwesten. Und trotzdem hat das Outfit so viel Stil, dass jeder halbwegs coole Modeblog begeistert ihr Foto veröffentlichen würde. Die Sängerin spricht in einem atemberaubenden Tempo und wenn ihr etwas nicht gefällt, steckt sie sich dramatisch zwei Finger in den Mund, würgt spielerisch und rollt dazu mit den Augen.
So etwas fällt ihr leicht, denn im Hauptberuf ist Soko Schauspielerin. “Kleine französische Filme – und sie haben nicht sehr viel Relevanz”, behauptet sie. Das stimmt nicht ganz. Vor drei Jahren spielte Soko an der Seite von Gérard Depardieu in Xavier Giannolis Film “À l’origine” der immerhin im Wettbewerb von Cannes lief. Sie wurde damals sogar für den französischen Filmpreis César nominiert.
Mit der Welt des Filmglamours hat ihr Album “I Thought I Was an Alien” allerdings ebenso wenig zu tun, wie mit dem trotz aller Wutanfälle heiteren Hit “I’ll Kill Her”: Die Atomsphäre ist dunkel, bisweilen beklemmend. Da knirschen schon mal Dielen, knarzen Stühle. Es gibt allerdings auch perfekt arrangierte Streicher-Arrangements. “First Love Never Die” ist einer der zugänglichsten Songs: Getragen von einer sehnsuchtsvollen Melodie, getrieben von einer altmodischen Rhythmusbox, entwickelt das Stück eine psychedelische Schönheit, die an die Songs von Sparklehorse erinnert.
“Treat Your Woman Right” dagegen beschreibt eine verzweifelte, unerwiderte Liebe und erzählt zu gespenstischen Chören von verstörender Einsamkeit. “Ich war in den letzten fünf Jahren ziemlich deprimiert, deshalb kommt meine Musik von einem sehr dunklen Ort”, sagt Soko in einem eher gut gelaunten Tonfall. “Ehrlich gesagt bin ich überrascht, dass das Album nicht noch dunkler geworden ist. Jeden Song habe ich unter Tränen geschrieben, mich wie Scheiße gefühlt und dabei gedacht: Okay, das ist vielleicht er letzte Song den ich schreibe.”
Während sie ironiefrei diese überzogenen Sätze von sich gibt, sitzt Soko an einem Tisch in ihrem Berliner Hotelzimmer. Eigentlich lebt sie seit einigen Jahren Los Angeles. Doch seit Monaten ist sie unterwegs, hat gerade zwei Filme in Paris abgedreht, gibt Interviews zum Album, demnächst beginnt eine Konzerttour quer durch Europa. Sie behauptet, eine traurige Einzelgängerin zu sein. Aber wer sie so zwischen ultradünnem MacBook Air und altmodischer Song-Kladde sitzen sieht, macht sie einen äußerst lebensfrohen Eindruck.
Ihre Folksongs sind zwar immer irgendwie niedlich, erzählen aber auch von der Dunkelheit. Der psychisch kranke, genialische Songwriter Daniel Johnston ist ein Vorbild: “Ich habe die Dokumentation ‘The Devil and Daniel Johnston‘ gesehen und war sehr berührt von seinem roh skizzierten und ehrlichen Songwriting. Es ist, als würde er seinen Schmerz ausgießen – und dafür bin ich empfänglich.” Mehrfach sind die beiden miteinander aufgetreten und auch Sokos Songs besitzen eine radikale Intimität. Weil sie ihre Stimme oft allein am Notebook aufgenommen hat, hört man eher ein heiseres Flüstern als Gesang im klassischen Sinn: “Ich liebe diesen kranken Sound und ich mag die Wirklichkeit. Deshalb möchte ich, dass alles so pur und direkt ist wie möglich. Was passiert, soll passieren und wenn ich bei den Aufnahmen huste, bleibt das drin”.
Dass Soko das Video zum Titelsong ihres Albums “I Thought I Was an Alien” selbst inszeniert hat, passt zu ihrer Do-It-Yourself-Haltung. Selbst ihr Kameramann – der berühmte Regisseur Spike Jonze (“Wo die wilden Kerle wohnen”) – hielt sich an die ästhetischen Vorgaben: Nicht in High Definition hat er die sonderbaren Tänze der Sängerin mit Gummimasken-Aliens gefilmt, sondern mit dem iPhone. Große Kunst auf kleinem Equipment, klasse.
Jürgen Ziemer (erschienen bei Spiegel Online)
Soko: “I Thought I Was An Alien” (Warner), Tour: 31. März, Berlin / 1. April, München / 2. April , Wiesbaden / 3. April, Köln / 4. April, Hamburg
Tags: "I'll Kill Her", Alien, Folk, Pop, Soko