DIE DEFINITIVEN LISTEN DER BESTEN ALBEN

Vor ein paar Tagen benahmen sich auf Facebook mal wieder erwachsene Männer wie Buben. Als wär’s eine Art Schwanzvergleich schauten etliche meiner Freunde nach, wie viele der „100 most influential Records“ sie in der eigenen Plattensammlung horten. Alles über 70 gilt als gut bestückt – da wollte natürlich jeder wissen, ob er mithalten kann. Das Ergebnis war auf Facebook für alle sichtbar, die verschlungenen Wege der dabei geklauten Daten eher nicht.
In einer Zeit, in der Musik jederzeit und überall verfügbar ist – selbst wenn der Youtube-Bildschirm mal wieder schwarz bleibt – gieren wir nach künstlicher Verknappung. Man will den Überblick behalten, sich nur für das Beste entscheiden. Kein Wunder also, dass derzeit alles voller Listen ist – von Amazon bis Pitchfork, die Musikzeitschriften setzen ebenfalls auf Übersicht und Kategorisierung.
Auch ich bekomme in letzter Zeit auffällig viele Anfragen, nach den 20 besten Soul-Alben, oder den 20 besten Jazz-Alben – von den persönlichen Jahrescharts und einer Liste meiner Alltime-Favorites ganz abgesehen. Leider kann ich bei solchem zeitraubenden Quatsch selten nein sagen. Auch wenn die Listen in der Regel nur in einen Pool einfließen, zu dem noch zwei Dutzend weitere Autoren, Redakteure und Musikliebhaber beigetragen haben.
Das Dilemma dabei ist: Was nützt es „Actions„, die grandiose 1971er Zusammenarbeit des Free- und Ethno-Jazz Trompeters Don Cherry mit dem Neue-Musik-Komponisten Krzysztof Penderecki, auf eine Best-of-Jazz-Liste zu setzen, wenn der Konsens doch immer nur auf „Bitches Brew“ und „A Love Supreme“ hinaus läuft? Nichts gegen diese Alben! Und auch nichts gegen „Pet Sounds“, die Beatles oder Bob-Dylan. Aber ist das wirklich schon alles?  Marvin Gayes „What’s Going On“ darf in einer Liste der besten Soul-Alben ja nun wirklich auf keinen Fall fehlen, oder? Warum eigentlich nicht? Muss man denn immer nur am Kanon arbeiten, können wir uns nicht einfach mal auf ein leidenschaftliches Abenteuer mit Musik einlassen?
Yes we can! Aber abseits des Mainstreams. Die eigene Geschichte des Hörers ist dabei ebenso wichtig, wie der Kontext, in dem ein Alben oder ein Song entsteht. Vielleicht ist es wirklich vergleichbar mit „sich verlieben“ – da kommt man auch nicht mit rationalen Argumenten weiter. „Sgt. Peppers Lonley Heart’s Club Band“ ist aus heutiger Sicht deshalb eine langweilige Vernunftehe. Was für eine aufregende Entdeckung war für mich dagegen „An Empty Bliss Beyond This World“ von The Caretaker, oder der HipHop getriebene R&B von Willy Moon.
Wichtiger als die auftrumpfenden „Die besten Dies & Das aller Zeiten“-Listen in den Musikmagazinen, sind deshalb die Empfehlungen von Freunden, die Tipps von Blogs und kleinen Fan-Seiten. Auch Posts bei Facebook sind oft spannender als das „Album des Monats“ in einer Musikzeitschrift. Vielleicht ist es eine Art Graswurzel-Revolution, die gerade die Rezeption von Musik umkrempelt. Zurück in die Nischen, die Clubs, die eigenen Erfahrungswelten. Was wirtschaftlich betrachtet auf eine Katastrophe hinauslaufen könnte (aber nicht muss), kann künstlerisch eine große Chance bedeuten: Fickt den Mainstream und seine Konsens-Listen!

 

FUCK ART, LET’S PARTY!

Die Kunst von Jim Avignon war schon immer eine Klasse für sich. Jetzt hat der Berliner seine gesammelten Flyer aus den letzten 20 Jahren in einer Butterbrot-Tütchen-Edition herausgebracht – Auflage: 100; Preis: Umsonst

Jim Avignon und seine knallbunten Grinse-Kerlchen waren eigentlich immer da. Ich erinnere mich, wie er Mitte der Neunziger im Keller der Frankfurter Bar Eckstein in zwei Nächten alle Bilder seiner nächsten Ausstellung malte. Das war kein Einzelfall sondern hatte Methode. Schlafentzug als Stimulanz. Oft halfen auch Freunde beim Ausmalen der Flächen. Kunst war hier kein einsamer Schöpfungsakt, sondern Party und kollektives Happening. Die Ausstellungen dauerten meist nur einen Tag oder ein Wochenende. Die Bilder wurden anschließend verschenkt, oder gegen lächerlich geringe Beträge verkauft. Manchmal durfte das Publikum hinterher alles in Fetzen hauen. Nur so, zum Spaß.

Avignon ist aber nicht nur Maler, sondern auch Musiker: Unter dem Namen Neoangin und seit einiger Zeit (zusammen mit Jon Burgerman) als Anxieteam entstanden Dutzende von Tonträgern in Kleinstauflagen. Legendär ist eine Reihe von 7-inch-Compilations mit der Musik von Freunden, die nicht etwa verkauft wurden, sondern ausnahmslos verschenkt. Kunst und die Partys, an denen Jim mitgewirkt oder sie initiiert hat, sind bei dem Duracell-Mann schon lange nicht mehr zu trennen. Sein Werk entspricht einem lässig erweiterten Kunstbegriff, der sich der schnellen Mark ebenso verweigert hat, wie dem flinken Euro.

Nun hat Jim Avignon die gesammelten Flyer seiner Ausstellungen, Konzerte und Partys der letzten 20 Jahre, in hundert kleine Papiertütchen gepackt und an Freunde verschenkt. Wenn diese bunte Pracht vor einem liegt, ist das, als würde eine ganze Ära zwischen Off-Kunst, Rave und Indie-Pop auferstehen. Slogans und Motti wie „Who’s Afraid Of Friendly Capitalism??“ oder „Antiheroes“ tauchen ebenso auf, wie Einladungen zu Partys der legendären Galerie Berlin Tokyo. Die Bildsprache ist bunt und grell, erinnert an surreale Comics, und oft lauert hinter all der Niedlichkeit auch noch etwas anderes, irritierendes. Im Lauf der Jahre sind diese urbanen „Höhlenmalereien“ eher stärker als schwächer geworden, also überraschend gut gealtert. Vielleicht weil Avignon sich nie an einem Zeitgeist orientiert hat, sondern eine sehr eigene Bildsprache besitzt – (die inzwischen allerdings auch oft kopiert wird). Wer weiß, vielleicht gilt Jim Avignon in ein paar Jahren als aufregendster Vertreter einer Pop-Art der Nuller-Jahre.