Ich bin okay, du bist Oakey

Der hart rockende DJ Paul Oakenfold, heimlicher Herrscher von Ibiza und amerikanischer Football Stadien, feiert heute seinen 50. Geburtstag. Ein guter Grund noch mal das Interview zu lesen, das ich vor etlichen Jahren für die Süddeutsche Zeitung gemacht habe

„Wie bitte, Sie waren noch nie auf Ibiza? Noch nie im Space, dem besten Club der Insel?“ Paul Oakenfold kann es kaum fassen. Die jungenhaften Gesichtszügen des Londoner DJs formen eine dramatische Grimasse: Mitleidig blicken die Augen, traurig fallen die Mundwinkel nach unten, fassungslos schüttelt er den Kopf. „Sie müssen kommen“, sagt er leise, und dann noch einmal etwas lauter, fast flehend: „Sie müssen kommen!“

Paul Oakenfold steht im „Guinness- Buch der Rekorde“, als „erfolgreichster DJ der Welt“. Doch man sieht ihm an, dass er auch jene Zeiten noch kennt, als Clubs und Discos mehr mit klassischer Gastronomie zu tun hatten, als mit Pop und Theorie. Oakenfold wirkt sehr lebendig und ein wenig halbseiden. Er gibt Interviews, weil er über sein Album „Bunka“ reden möchte, das seit letzter Woche in den Läden steht und für das er sich alles in allem zwanzig Jahre Zeit gelassen hat: in der Zeitrechnung von House und Techno mehr als eine Ewigkeit.

In Oakenfolds Biografie gibt es zwei magische Plätze; Orte, an denen sich sein Leben veränderte. Einer davon ist New York: Mit offenem Mund stand der abgebrochene Koch-Azubi 1982 im Club „Paradise Garage“, wo der legendäre DJ Larry Levan Hof hielt, mit einer elektrisierenden Mischung aus Dance, Disco, Clash und Queen. „Kein anderer DJ hat mich so sehr beeindruckt“, sagt Oakenfold. „Was mich damals ziemlich verwundert hat, war die Tatsache, dass die Gäste bis zum Morgengrauen durchhielten. Es hat sechs oder sieben Wochen gedauert, bis mir klar wurde, dass alle auf Drogen waren.“ Nach dieser nicht unwesentlichen Erkenntnis war Oakenfold reif für den zweiten magischen Ort seiner Karriere: Ibiza, wo er 1987 mit einigen befreundeten DJs einen gemeinsamen Urlaub verbrachte.

Schon seit Jahrzehnten gilt die Balearen-Insel als Dorado der Hippies und Aussteiger. Wer dort war, verstrickt sich hinterher gern in haarsträubende Klischees, schwärmt von sternenklaren Nächten, poetischen Sonnenuntergängen und unglaublichen 24-Stunden-Partys. „Alles fühlte sich so leicht und positiv an“, erinnert sich Oakenfold. „Man konnte in einen Club gehen und hören, wie eine Tina-Turner-Platte in ein Stück von N.W.A. gemixt wurde, und das wiederum in einen Song von Bob Marley. Diese Atmosphäre wollte ich nach London bringen.“ Und so geschah es.

Bei Ibiza-Reunion-Parties in Londoner Clubs wie dem „Heaven“ spielten Oakenfold und anderen DJs wie Danny Rampling und Trevor Fungsie einen bunten, upliftenden Stilmix und nannten das Ganze Balearic Beats. Innerhalb weniger Monate entwickelten sich daraus Acid-House und Rave – die Keimzellen von Techno und den Dance-Kulturen der Neunziger.

Das sommerliche Ibiza ist seitdem eine Art Erlebnispark der Clubszene, das Mallorca der Briten. Alle großen britischen Clubs haben dort saisonale Dependancen. Interessiert verfolgen auch die Plattenfirmen das Geschehen auf der Insel, denn zwischen Juni und August entwickeln sich in Discotheken wie dem „Pascha“ und „Space“ Dancefloor-Hymnen, die im Herbst regelmäßig die Charts anführen. Auch Chill-Out- und Lounge-Sampler wie „Café del Mar“ lassen sich mit Ibizas Sonnenuntergang–über-dem Meer-Bonus deutlich besser verkaufen.

Auf diesen Effekt hofft nun auch Paul Oakenfold: Nach 20 Jahren im DJ- Geschäft, nach Remixen für Madonna und die Rolling Stones, nach einer Welttournee im Vorprogramm von U2 veröffentlicht er nun das erste Album unter seinem eigenen Namen: „Ich wollte einfach beweisen, dass DJs mehr können, als nur die Platten von anderen Leuten spielen“, bemüht Oakenfold ein längst überholtes Klischee. „Bunka“ sei ein Querschnitt durch seine musikalischen Vorlieben: Gitarrenpop, Progressive-House und HipHop. Was nicht ganz stimmt, denn man hört diesem Album an, dass der DJ auf seinem Label Perfecto bisher eher hart wummernde, schwül pathetische Trance-Techno-Stücke veröffentlichte. Unter Pseudonym, versteht sich.

Die Eier weggeschossen

 Auf „Bunka“ sind ihm ein paar hübsche Momente gelungen; auch die Auswahl der Gastsänger zeugt von Geschmack: Nelly Furtado, Tricky, Ice Cube, Grant Lee Phillips, Perry Farell. Andererseits steht jeder dieser Künstler für eine andere Zielgruppe – als ehemaliger A&R-Manager einer Plattenfirma will Oakenfold offensichtlich nichts dem Zufall überlassen.

Am überraschendsten ist das Mitwirken des Autors Hunter S. Thompson. Mit brüchiger Stimme referiert der Erfinder des Gonzo-Journalismus über eines seiner Lieblingsthemen: Richard Nixon: „Nixon war der klassische Fall eines smarten Mannes, der sich seine eigenen Eier weggeschossen hat.“ Leider erklingen zu dieser schönen Aussage äußerst fragwürdige elektronische Trommeln, Chöre und Panflöten.

Aufgenommen wurde „Bunka“ während der vergangenen zwei Jahre in Los Angeles. Durch emsiges Auflegen, selbst in den kleineren Städten des mittleren Westens, ist Oakenfold in den USA so beliebt, dass man ihn kürzlich sogar als ersten DJ in die „Rock’n’Roll Hall of Fame“ aufgenommen hat. Denn der große Zampano an den Turntables liefert genau das, was man in den USA von einem weißen Dance-Künstler erwartet: hart rockende, gern auch ein wenig bombastische Power-Tracks.

In den intellektuellen Kreisen der eher von Deleuze als von Metallica inspirierten deutschen DJ-Elite genießt Oakenfold dagegen einen denkbar schlechten Ruf: Zu kommerziell, zu geschäftstüchtig, zu clever – und das sind noch die freundlichsten Beschreibungen. Hierzulande erwartet man von einem guten Diskjockey, dass er Theorie in abstrakte Klänge übersetzt, die dennoch auf der Tanzfläche funktionieren.

Oakey, wie man Oakenfold in England nennt, kann da nur lachen. Theorie ist seine Sache ganz bestimmt nicht: „Kennen Sie Sven Väth?“, fragt er mit dem listigen Blick eines Ferienclub-Animateurs. „Er ist der Franz Beckenbauer der DJs. Und er ist auch jeden Sommer auf Ibiza.“ Vielleicht sollte ihm jemand schonend beibringen, dass auch sein geliebtes Balearen-Paradies in diesem Jahr unter rückläufigen Besucherzahlen leidet.

JÜRGEN ZIEMER