EIN TRAURIGES LIEBESLIED

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Wer eine Inszenierung der Performance-Theater-Gruppe SIGNA besucht, ist nicht Zuschauer, sondern Mitwirkender. „Schwarze Augen, Maria“ macht da keine Ausnahme

„Haus Lebensbaum“ steht an der Tür, darunter die Namen von sechs Familien und ein blassfarbenes Logo: zwei Vögelchen, die sich in einer stilisierten Blüte anzwitschern. Ein betreutes Wohnprojekt lädt zum „Tag der offenen Tür“ – nach 10 Jahren völliger Verschlossenheit. Doch die einzige Lampe, die den Hinterhof in spärliches Licht taucht, brummt so unheilvoll, als wolle sie sich für einen Film von David Lynch bewerben. Irgendetwas stimmt hier nicht. Klar, denn wir sind bei einer Theater-Performance. Doch wir sitzen nicht sicher und gut gepolstert im Halbdunkel einer Kultur-Institution. Wir sind mittendrin, Teil einer Inszenierung, deren Effektivität einer der Macher einen Tag später auf den treffenden Punkt bringt: „In your face, in your brain, in your guts!“

Die Tür öffnet sich. Zwei Mitarbeiterinnen in weißen Kitteln bitten die etwa 30 Besucher herein. Sofort sind wir umringt von aufgeregten Mädchen. Einige haben seltsame, pechschwarze Augen. Es liegt angeblich an einem schrecklichen Unfall, der sich vor 20 Jahren bei einem Trucker-Treff in Hamburg-Altenwerder ereignet hat. Alle im Haus lebenden Mütter waren darin verwickelt, alle haben neun Monate später Kinder zur Welt gebracht. Kinder, die an einer unheilbaren Krankheit leiden. Das Theresias-Syndrom soll angeblich sogar hellseherische Fähigkeiten verleihen. Ein Hauch von Sekten-Wahnsinn weht durch das mit schlappen Luftballons dekorierte Gebäude. Die Gäste werden nun aufgeteilt, um in kleinen Gruppen die Wohnungen der Familien zu besuchen. Nicht für ein paar Minuten, sondern für die nächsten sechs bis sieben Stunden.

„Schwarze Augen, Maria“ nennt sich die jüngste Inszenierung der dänisch-österreichischen Performancetheater-Gruppe SIGNA, mit der das Hamburger Schauspielhaus im November die Intendanz von Karin Beier eröffnete. SIGNA gelten als Revolutionäre des Theaters, sind berüchtigt für ihre abgründigen und hyperrealistischen Performance-Installationen, in denen man als Zuschauer umherirrt, wie Orpheus in der Unterwelt. Hermetisch geschlossene Welten, mit dem Potenzial einer Unendlichkeit. Begegnungen und das Zulassen von Nähe stehen dabei im Mittelpunkt.

Stundenlang rede ich mit den Kindern und ihren Eltern, etwa der sinistren Maria Maria Brink, die in einem muffigen Verschlag unter der Treppe haust. Oder dem ehemaligen Trucker John Wager, der damals den LKW fuhr, mit dem das ganze Unglück begann. Je mehr Details auftauchen, umso so verwirrender wird die Geschichte. Es ist unheimlich und berührend zugleich. Ich trinke Bier mit den mutlosen Eltern, verfolge staunend die Geschichten und Rituale der Kinder. Carlo formt Hexenkreise aus Puppenköpfen, die gelähmte Isabell befragt ein Pistolen-Orakel, aus echt aussehenden Waffen. Eine seltsame Traurigkeit liegt über allem. Und am Schluss, nach dem tragisch komischen Kindertheaterstück „Die große Reise“ und einer aus dem Ruder gelaufenen Party, empfinde ich tatsächlich Mitgefühl, Zuneigung und Vertrautheit für diese Menschen. Auch wenn sie alle bloß Schauspieler sind.

 Zwei von ihnen sitzen mir am nächsten Tag gegenüber: Maria Maria und John Wager, alias Signa Köstler und ihr Mann Arthur Köstler. Die beiden Köpfe von SIGNA sind verantwortlich für Konzept, Regie und – zusammen mit Mona el Gammal – auch für die Ausstattung. Von Anfang August bis Mitte November haben sie zusammen mit den Schauspielern und einer Truppe von Technikern die ehemalige „Elise Averdieck Schule“ in das „Haus Lebensbaum“ verwandelt. Nun stimmt jedes Detail. Die Gerüche (Grünkohl, Chlor, Frittiertes), die Geräusche (brummende Neonröhren, poetische Spieldosen) und vor allem die liebevoll kompilierte und bis ins Detail durchkomponierte Sperrmüll-Einrichtung. „Unsere Produktionen sind nicht billig“, sagt Signa Köstler. „Der Rahmen liegt bei 200.000 bis 250.000 Euro und trotzdem verdienen wir nicht mehr als ein dänischer Busfahrer“. „Man darf das nicht als Arbeit sehen!“, ergänzt Arthur, der mit seinem langem Charles-Manson-Bart und den engen schwarzen Röhrenjeans aussieht, als wäre er ein Mitglied von Nick Caves Band The Bad Seeds. „Ein Privatleben gibt’s da nicht mehr – es ist als wäre man auf hoher See“. Aus Kostengründen schlafen alle 30 Schauspieler während der Produktion gemeinsam im größten Saal der Schule – nur notdürftig getrennt durch dünne spanische Wände.

Im Unterschied zu früheren Produktionen, wie der Dante-Variation „Club Inferno“, oder „Das vergangene Haus“, das im Rahmen der Salzburger Festspiele Zwangsprostitution thematisierte, geht es bei „Schwarze Augen, Maria“ nicht um eine extreme Auseinandersetzung mit Sexualität und Gewalt. „Es stimmt nicht, dass wir immer wieder nur Sex und Gewalt spielen“, sagt Signa Köstler. „Aber Sex ist halt eine Sprache, ein Machtwerkzeug. Oscar Wilde hat mal gesagt: „Everything in the world is about sex, except sex. Sex is about power“. Und ihr Mann ergänzt: „Und dann ist es so, dass auch die härtesten Vorstellungen skurril heiter waren“.

In Hamburg steht eine traurige, fast biblische Geschichte im Mittelpunkt: Sehr subtil und hintergründig geht es in „Schwarze Augen, Maria“ um Religion, Marienglaube, Sektenwahnsinn und, wie oft bei SIGNA, um das Leben der Gedemütigten und Beleidigten: „Die Familien sind ja alle voll abgefuckt und bei der Party am Ende kulminiert das alles. Ich war bei keiner Vorstellung so oft dem Heulen nah, wie bei dieser“, behauptet Arthur. „Das Distanzierte, Ironisierende, dieser Abstand – das alles ist für mich sinnlos“, fügt Signa hinzu. „Es gibt so viele traurige Bilder und Lieder auf der Welt, das ist ja auch eine Spiegelung unserer Existenz.“ Damit trifft die Regisseurin den Kern dieser wunderbaren Inszenierung. Und Arthur Köstler unterstreicht das noch, wenn er in seinem melodischen österreichischen Dialekt sagt: „A guades Liebeslied muss traurig sein“.

Jürgen Ziemer

Erschienen in Rolling Stone 1/2014

 

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