DER ANDERE BLICK

Fatima Al Qadiri

Das Debütalbum der Konzeptkünstlerin Fatima al Qadiri enttarnt die Welt als Raubkopie ihrer selbst.

Sie ist der Marktplatz der Gegenwart, ein von Firmen und privaten Sicherheitskräften kontrollierter Ort der Begegnung. Die Shoppingmall. Sinn für Romantik hat sie nicht. Fatima al Qadiri ist das egal. Die Musikerin und Konzeptkünstlerin ist davon überzeugt, dass alle wichtigen Trends in Malls entstehen. Hier schärfen Teenager ihr Profil, formt sich ein Bild der Welt. Etwa in den Shoppingtempeln von Kuwait, wo die 33-jährige Diplomatentochter aufgewachsen ist. Ihre Großeltern lebten noch in einer Lehmhütte und holten das Wasser aus dem Brunnen. Für die junge Fatima war die Mall deshalb ein Ort der Freiheit und der Teilhabe.

Fatima al Qadiri ist selbst so etwas wie eine Shoppingmall: Ihre Performances, Fotografien und Musikstücke funktionieren wie Schaufenster, sie zeigen die mitunter höchst ambivalenten Facetten eines enorm beschleunigten Kapitalismus. Vor einigen Monaten untermalte die Musikerin die Präsentation der Herbst-/Winter-Kollektion des französischen Designerlabels Kenzo: Die avantgardistisch verpackten Models wirkten wie Androiden, die zu den futuristischen Klanggebilden der Musikerin ein seltsam unterkühltes Ballett aufführten.

Vor einigen Wochen ist Fatima al Qadiris Debütalbum erschienen. Es trägt den deutschen Titel Asiatisch (Hyperdub/Cargo) und handelt vom westlichen Blick auf ein imaginäres China. Die Musikerin hat sich dafür ein komplett neues Genre ausgedacht: Sinogrime – eine mit asiatischen Ingredienzien aufgeladene Variante des Hip-Hop-Subgenres Grime. Wo sonst die Gullydeckel dampfen und Rapper in breitem Cockney-Englisch die Leute erschrecken, herrscht auf Asiatisch eine modernistische Strenge. Kühl und minimalistisch klingt diese Computermusik, die fast ohne Gesang auskommt. Fatima al Qadiri vergleicht sie mit der Architektur des Brutalismus: „poetisch, aber hart und rau“. In Stücke gehackte Samples chinesischer Lyrik, der in Klänge übersetzte Futurismus der Megacity Shanghai, klassische asiatische Instrumente aus einer billigen Musiksoftware – all das spukt durch ein Album, das funktioniert wie ein elegant gestaltetes Schaufenster, an dessen Rückwand sich ein Spiegel befindet: Wir erkennen nicht nur die Dinge, die uns faszinieren, sondern auch den Blick, mit dem wir sie betrachten.


Al Qadiri hat in New York studiert und lebt seit Jahren in Brooklyn – doch ihre Perspektive ist die einer arabischen Frau. Sie trägt kein Kopftuch, sondern die androgyne Avantgarde-Mode des japanischen Designers Yamamoto. Als Künstlerin beschäftigt sie sich auf eine überspitzte, fast satirische Weise mit den Traditionen des Islams und den Konsumwelten des globalen Kapitalismus. Oft sind es aber auch eigene Erlebnisse, auf die sie zurückgreift: Die vor zwei Jahren erschienene Desert Strike-EP ist eine Reflexion über den Golfkrieg, den die Künstlerin als Neunjährige miterlebt hat. Irakische Truppen besetzten damals Kuwait, die Ölfelder brannten. Sogar tagsüber blieb der Himmel schwarz, durchzuckt von den grün fluoreszierenden Linien amerikanischer Flugabwehr-Granaten. Ein apokalyptisches Szenario, das sich bereits ein Jahr nach dem Ende des Kriegs in ein Computerspiel verwandelt hatte: Desert Strike: Return To The Gulf wurde ein Kassenschlager, den auch Fatima al Qadiri leidenschaftlich spielte. Hier, in diesem militaristischen Paralleluniversum, fühlte sie sich sicher, weil sie die Schrecken der Realität einfach wegballern konnte. Mit dem Stück Ghost Raid knüpft sie daran an und erzählt mit Weltuntergangsbässen und gespenstischen Echos von dem Tarnkappenflugzeug Lockheed F-117 Nighthawk, das die Araber damals den „Geist von Bagdad“ nannten. Als bildende Künstlerin zeigt Fatima al Qadiri eher die friedlichen Facetten des Lebens am Golf. Der containergroße Kasten mit Reinigungstüchern, die sie 2012 als Installation für die Contemporary Art Platform Kuwait realisierte, ist ein Kommentar zum neuen Sauberkeitsfimmel der reichen Araber: In den staubigen Ländern am Golf, die ihren Reichtum dem schmutzigen Öl verdanken, steht Hygiene für Wohlstand, je sauberer, desto reicher. Im Westen weiß man noch immer sehr wenig über das Leben in den Megacitys von Kuwait oder Katar. Das arabische Kunst-Kollektiv GCC, zu dem auch Fatima al Qadiri gehört, möchte dem abhelfen und präsentiert eine bizarre Form der Selbstdarstellung.

Der Name spielt mit der englischen Abkürzung des Gulf Cooperation Council, eines wirtschafts- und sicherheitspolitischen Zusammenschlusses der sechs Golfstaaten, aus denen die neun Künstler stammen. Im Mittelpunkt ihrer überwiegend fotografischen Arbeiten steht die Bildsprache der Werbung oder die Corporate-Ästhetik großer Konzerne: Geschäftsanzüge treffen auf traditionelle arabische Gewänder, Hände werden geschüttelt, Teezeremonien zelebriert – und alles ist so glatt und grell ausgeleuchtet, als folge gleich der Jahresbericht mit den wichtigsten Firmendaten. Die wegen Menschenrechtsverletzungen kritisierten Golfstaaten erscheinen so als perfekte Einheit aus sechs spannungsfreien Staaten, als Ort von Zukunftsvisionen und Weltklassefestivals. Das Verfahren erinnert an Laibach und die Gruppe Neue Slowenische Kunst, die auf ähnliche Weise mit der Ästhetik totalitärer Systeme spielen, ohne sich dabei hinter offensichtlicher Ironie zu verstecken. Auch Fatima al Qadiri kreiert Fantasie-Dokumentationen sozialer Realitäten, in denen der Westen nicht mehr die Norm vorgibt.

So muss man auch das Album Asiatisch verstehen, das die Angst des Westens vor einer wirtschaftlichen und kulturellen Vorherrschaft des Ostens thematisiert. Ausgangspunkt war eine Zusammenarbeit mit den Künstlern von Shanzhai Biennial. Das Wort Shanzhai hat in China viele unterschiedliche Bedeutungen. Für globale Marken gibt es allerdings nur eine Definition des Begriffs: Raubkopien. Turnschuhe auf denen „Adibos“ steht, T-Shirts mit dem Schriftzug „Naik“. Und vor allem spottbillige Smartphones, die so täuschend echt aussehen, wie die falschen Apple Stores, die sie verkaufen. Was westliche Firmen empört, übt auf Künstler eine zunehmende Faszination aus. Denn nach der Logik der Kunstwelt hat der in einer geringen Auflage produzierte und mit lokalen Details modifizierte Shanzhai-Turnschuh einen höheren Wert als das millionenfach hergestellte „Original“ des Herstellers.

Auch Shanzhai, das erste Stück von Asiatisch, ist in diesem Sinn eine Produktfälschung. Eine frostige, unetikettierte Coverversion des von Sinéad O’Connor hochemotional interpretierten Tränendrückers Nothing Compares 2 U. Doch der Text, den der chinesische Popstar Helen Feng in einem Nonsens-Mandarin singt, ergibt keinen Sinn, ein Dialog findet nicht statt – selbst wenn West und Ost dieselbe Sprache sprächen. Die jahrhundertealte Tradition des geistigen Eigentums und die noch ältere Tradition der Wertschätzung durch Nachahmung stehen sich gegenüber wie zwei Boxer im Ring.

Fatima al Qadiri möchte allerdings keine Ringrichterin sein. Sie beschreibt eine Science-Fiction-Welt – glatt, geschmeidig, furchterregend in ihrer Perfektion. Es sind Perspektiven, die sie ausleuchtet. Die Welt der Zukunft, das wird nach dem Hören des beeindruckenden Albums Asiatisch klar, wird kein bunter authentischer Jahrmarkt sein, kein globales Dorf voller lustiger Musikanten. Eher ist es die Dystopie eines zu Ende gedachten Kapitalismus: die Welt als Einkaufszentrum.

Jürgen Ziemer

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