DER MANN DER DIE FRAUEN LIEBTE

cerrone

„Disco ist der Punk der Schwulen und Lesben“, sagt Beth Ditto. Und feiert Cerrone, den Großmeister der French-Disco

Er ist ein Filou von der Sorte, wie es sie vermutlich nur in Frankreich gibt. Auf dem Cover seines 1977 erschienenen Albums „Cerrone’s Paradise“ posiert der Disco-Produzent Marc Cerrone im weit aufgeknöpften Overall vor einem ziemlich großen Kühlschrank. Darauf liegt eine nackte Frau, die trotz ihrer unbequemen Pose scheinbar nur eines möchte: dass der etwas dümmlich guckende Kerl auf der Stelle über sie herfällt. Ein umgekipptes Glas mit schneeweißem Pulver macht deutlich: In diesem Paradies ist alles erlaubt. „Viele junge Typen haben sich damals auf diese Weise inszeniert, um zu zeigen: Ich hab’s geschafft!“, behauptet Cerrone mit schwerem französischen Akzent. „Heute würde ich das nicht mehr tun.“ Man glaubt es ihm gern, schließlich produziert der 62-Jährige inzwischen extrem aufwendige Events, mal in Versailles, mal im  New Yorker Central Park, mal in Tokio.

Neben Giorgio Moroder gilt Cerrone als einer der Gründerväter von Disco. 30 Millionen Platten hat er seit den Siebzigern verkauft. Während Moroder eher auf effiziente Electro-Beats setzte, Maschinen für sich arbeiten ließ und die Stimme von Donna Summer, schwelgt der Franzose in üppigen Arrangements: „Die afrikanischen Rhythmen stecken tief in mir drin, schon weil ich Schlagzeuger bin. Vor meinem ersten Soloalbum, ,Love In C Minor‘, spielte ich in einer Band namens Kongas, die diesen Einfluss noch viel stärker betonte.“

Schon mit 17 arbeitete Cerrone als Talent-Scout für den Club Mediterranée. Um in den 40 Feriendörfern die Gäste angemessen hip zu unterhalten, engagierte er geeignete Bands und Solisten. Dabei ging es weniger um die Selbstdarstellung großer Künstler-Egos als um die optimale Party und den Spaß des Pu-blikums. Ein Aspekt, der in ambitionierten Pop-Genres gern mal vergessen wird – aber das Herz von Disco ausmacht. Vor allem die ersten drei Alben von Cerrone – „Love In C Minor“, „Cerrone’s Paradise“ und „Supernature“ – definieren das Genre als sinnlichen Rausch: Spitze Streicher, liebliche Flöten und lustvoll stöhnende Frauenstimmen erzeugen eine betont erotische Atmosphäre. Die verschlungenen Polyrhythmen des komponierenden Schlagzeugers sorgen dafür, dass Beine und Unterleib einen starken Bewegungsdrang verspüren: „Ich habe nie fürs Radio komponiert“, sagt Cerrone. „Ich musste nicht auf starke Melodien setzen, um einen Hit zu haben. Mir geht es eher um eine Atmosphäre – ich mag dieses sexy Gefühl in meiner Musik.“ Cerrone hat deshalb auch drei Soundtracks für die in Frankreich sehr erfolgreiche „Brigade Mondaine“-Reihe gemacht, einen Mix aus Thriller und Sexploitation – „so ähnlich wie die Emmanuelle-Filme“.

Was sagt eine erklärte Feministin wie Beth Ditto zu diesen saftig herausgearbeiteten Geschlechterklischees? „Disco ist so etwas wie der Punk der Schwulen und Lesben. Ich glaube, man kann Musik und Kunst nicht einfach einen Politikbegriff überstülpen. Wenn ich permanent auf politische Korrektheit achten würde, könnte ich überhaupt keine Musik mehr hören – wir leben nun mal in einer sexistischen Welt.“

Ein wenig befangen ist die Sängerin von The Gossip, die zurzeit an ihrem ersten Soloalbum arbeitet, allerdings schon: Mit dem französischen Duo The Shoes hat sie gerade Cerrones größten Hit, „Supernature“, neu aufgenommen. „Ich finde die Originalversion super – und deshalb habe ich die Jungs als Erstes gefragt: „Warum wollt ihr das Stück denn covern? Der Song ist doch perfekt!“

Stimmt. Und auch wenn Dittos wunderbare Stimme die neue Fassung veredelt – das Original ist eindeutig besser. Das beweist die brillante Zusammenstellung „The Best Of Cerrone Productions“, auf der beide Versionen zu hören sind. Aber auch fantastische Entdeckungen: „The House Of The Rising Sun“ von der Band Revelacion erinnert an den Disco-Flamenco von Santa Esmeralda: „Mein Arrangeur, Don Ray, war auch für deren Musik verantwortlich“, erklärt Cerrone. „Deshalb bat ich ihn, auch für mich etwas in der Art zu machen.“ Schade allerdings, dass fast alle Stücke der Compilation nur als Edit und nicht in den langen Disco-Mixen zu hören sind.

Hat er sich darüber geärgert, dass Daft Punk mit Giorgio Moroder zusammengearbeitet haben und nicht mit ihm? „Nein, ich habe mich gefreut, dass mein alter Freund Nile Rodgers dabei war. Und letztlich stehen Daft Punk auch für eine andere Musik als ich.“ Das ist wahr. Cerrone ist ganz bestimmt kein Roboter oder Android – er ist ein Mann, der die Frauen, das Leben und gute Partys liebt. Ein Franzose, von Kopf bis Fuß.

Jürgen Ziemer

 

Veröffentlicht in Rolling Stone 3/15

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