„Ich reagiere nicht so gern“

jochen-diestelmeyer-blumfeld-greifswald

Jochen Distelmeyer hat Britney Spears und Pete Seeger gecovert. In politischen Fragen ist er seiner Zeit gerne voraus

Ein trüber Nachmittag im eisigen Hamburg. Jochen Distelmeyer sitzt in einem grauen Anzug in der Hamburger Botschaft, einem Mittelding zwischen Partyraum und Tagungsstätte. Die Heizung ist ausgefallen, auch der Künstler wirkt unterkühlt. Lange denkt er über Fragen nach, antwortet vorsichtig und so präzise wie möglich. Auf keinen Fall möchte er missverstanden werden. Vielleicht weil Distelmeyers Romandebüt Otis von den Kritikern nicht so einhellig gefeiert wurde wie die frühen Alben von Blumfeld. Immer wieder kommt der inzwischen in Berlin lebende Sänger und Autor auf Otis zu sprechen, seine Bearbeitung der Odyssee. Das habe er in seinem Roman alles viel ausführlicher, besser und präziser beschrieben, sagt er mehrfach. Dabei reden wir doch nur über eine der leichtesten Übungen für einen Musiker: ein Album voller Coverversionen namens Songs From The Bottom Vol 1., das am 12. Februar veröffentlicht wird.

 Herr Distelmeyer, über sechs Jahre gab es keine neue Musik von Ihnen. Und nun kommen Sie mit einem Album, das ausschließlich aus Coverversionen besteht.

Jochen Distelmeyer: Bei den Lesungen meines Romans Otis sang ich immer ein paar Stücke zur Gitarre. Nick Lowes I Read a Lot zum Beispiel fand ich in der Situation ganz sinnig. Aus dem Publikum kam dann regelmäßig die Frage, ob meine Versionen schon veröffentlicht seien. Dann fügtesich schnell eins zum anderen.

Und warum gibt es kein Album mit neuen eigenen Songs?

Ich hatte vor dem Roman mit der Arbeit an einem Soloalbum begonnen. Aber durch meine intensive Beschäftigung mit der Odyssee wurde das Material zu umfangreich für eine Platte. Das Buch war dafür die passendere Form.

„Toxic“ war ein erster Vorgeschmack auf das Album. Britney Spears und Jochen Distelmeyer. Wie passt das zusammen?

Ich denke, gut. Natürlich sind das alles Singer/Songwriter-Versionen, aber ich sehe das Album schon als ein Pop-Statement. Und als ein Bekenntnis zur Prägnanz und Klarheit von Popmusik. Eine Haltung, die sich auch im Cover spiegelt.

Ein blondes, schönes Model, das genüsslich eine Zigarette raucht.

Toxic war das erste Stück, das mir für die Lesungen in den Sinn kam. Die Anrufung einer vergifteten Sirene, auf die ich mit einer Blues-Version antworte.

Britney Spears’ Originalversion lebt allerdings sehr stark von der aufwendigen, exotischen Produktion. 

Ich fand das Stück auch gut, weil es knallt, weil es ein geiler, tanzbarer Hit ist. Aber für die Lesungen war mir die Essenz des Lieds wichtiger, das war es, was mich daran interessiert hat.

Ein anderer auffälliger Song ist „I Could Be the One“ von Avicii vs. Nicky Romero. Da bewegen wir uns auf klassischem Teenagerterrain, oder?

Eigentlich steht es für eine Art von Songwriting, die ich oft zu durchschaubar finde. Aber als ich die arg bollerig produzierte Originalversion von I Could Be the One zum ersten Mal gehört habe – das war im Urlaub im Radio –, dachte ich: Geiler Song.

Bemerkenswert finde ich auch, dass Sie „Video Games“ von Lana Del Rey interpretiert haben. Die Sängerin stand bei der Veröffentlichung ja im Verdacht, ein überholtes weibliches Rollenbild in den Pop zurückzubringen. Was fanden Sie eigentlich an diesem Stück so interessant?

Genau das. Es ist ein toll geschriebener Song, wirklich deep. Das Rekurrieren auf das Rollenverständnis der 50er spiegelte für mich die Befragung von Geschlechterverhältnissen wider – und die scheinbare Beantwortung dieser Fragen, wie sie seit 9/11 evident ist.

Inwiefern?

Die Verunsicherung durch ein primitiv patriarchalisches islamistisches Geschlechterverhältnis, diese Infragestellung, ist vom Westen antizipiert worden und wird seitdem in verschiedenen Kulturformaten zu beantworten versucht. Was ist das noch mal, Mann und Frau? Was waren wir vor der sexuellen Revolution? Was waren wir vor der Emanzipation? Video Games rekurriert mit einem Augenzwinkern auf ein 50er-Jahre-Heimchen am Herd.

Das Video zu Lana Del Rays Song nimmt den Faden auf und serviert melancholische Erinnerungsbilder an eine vergangene Ära.

Genau, das war der nächste Schritt, dass ich dachte: Mit Video Games sind keine Computerspiele gemeint. Sie spielen mit den Vintage-Videos die Rollenbilder durch, das wird nachgespielt und auf diese Weise überprüft.

Aber ist es nicht auch eine Flucht in die Vergangenheit, aus Angst vor der Zukunft, um die es da geht?

Ich weiß nicht, ob es eine Flucht ist. Es ist eher die Befragung unserer Vorstellungen von Gleichberechtigung, Emanzipation und so weiter. Das wird überall wieder behandelt, darüber herrscht Unklarheit. Und für genau diesen Schwebezustand steht der Song – und sein Erfolg in der westlichen Welt. Aus einer männlichen Perspektive dasselbe zu singen – „I do it all for you!“ – fügt dieser Fragestellung noch einmal eine andere Dimension hinzu, die für mich die Sache noch ein bisschen klarer macht. Dazu ist es ein großer Popsong! Er bringt halt viele Saiten in uns zum Klingen.

Bei Blumfeld ging es immer sehr um die Texte. Ist „Songs From The Bottom“ auch der Versuch, stärker als Sänger und Interpret wahrgenommen zu werden? 

Solange man Antworten hat, finde ich es nicht schlimm, wenn die eigenen Texte hinterfragt werden. Ich hab mich ja vorher auch schon eher als Sänger gesehen, der sich seine eigenen Texte schreibt.

Was verbindet Sie mit „Turn! Turn! Turn!“ Pete Seegers Folk-Standard von 1950?

Es ist fast das modernste Stück des Albums. Wenn ich mir vorstelle, in welcher Welt der Song jetzt erklingt, finde ich ihn sehr zeitgemäß.

Das Stück wirkt ziemlich spirituell. „A time for peace, I swear it’s not too late“, das hat fast etwas von einem Gebet.

Er hat natürlich einen christlichen Hintergrund, aber es ist vor allem ein anderes Verhältnis zur Welt, das darin zum Klingen kommt. Für jede Sache gibt es eine Zeit, damit kann ich etwas anfangen, das finde ich richtig. Pete Seegers Position ist eine sehr ehrenwerte, wenn auch ästhetisch manchmal etwas unbefriedigend.

Bei dem Namen Pete Seeger denken viele an Kirchentage.

Mag sein, aber er hat sich immer im Dienst einer Sache gesehen, nämlich der Verständigung, des Friedens, der Gerechtigkeit. Die Bescheidenheit, mit der er diese Position eingenommen und ausgefüllt hat, finde ich sehr ehrenwert. Ich bin aufgewachsen mit Erzählungen über Pete Seeger, wo man sich eher über ihn lustig gemacht hat, weil er Bob Dylan den Stecker rausziehen wollte, als der elektrisch gegangen ist.

Und wie haben Sie trotzdem zu ihm gefunden?

Vor einigen Jahren hörte ich Turn! Turn! Turn! in einer Live-Version, wo er ganz leise und zerbrechlich anfängt, man sieht förmlich die Leute im Schneidersitz um ihn herumhocken. Und irgendwann singen sie mit und das Raunen wird von Refrain zu Refrain mächtiger. Das Feierliche dieser Gemeinschaft, das fand ich ungemein rührend. Ich hab da eine bestimmte Kraft und Qualität gesehen – in ihm und in diesem Song –, die mich interessiert. Deshalb habe ich mit Blumfeld einen Hanns-Dieter-Hüsch-Song gecovert, Abendlied, oder jetzt einen von Ivor Cutler. Leiser Gesang, die kleine Stimme. Das bewundere ich auch bei Musikern wie João Gilberto, Robert Wyatt oder dem späten Nick Lowe. Mit diesem zerbrechlichen Kleinod, über das man sich leicht lustig machen kann, schafft es Seeger, dass sich Form und Inhalt decken.

Pete Seeger kommt aus der Zeit der Bürgerrechtsbewegung, als in den USA Gleichberechtigung und Emanzipation erkämpft wurden. Heute fordern Pegida und AfD in Deutschland das Gegenteil. Wie reagiert man darauf als Songschreiber?

Ich reagiere nicht so gern. Stücke wie Tics oder Wohin mit dem Hass habe ich vor sechs Jahren oder mehr geschrieben. Schon damals beschäftigte mich die Frage: Wohin können sich Affektlagen entladen, die sich aufgrund einer bestimmten sozialen Wirklichkeit spannungsreich entwickeln? Dieses Thema der zerplatzten Blase, der zerplatzten Illusion behandle ich in dem Album Heavy mit Stücken wie Hiob oder Bleiben oder Gehen. Und diese Fragen führten mich direkt zu dem Roman Otis: Wie verwandelt man das? Wenn man Odysseus übersetzt, heißt das „der Zornige“. In der Beschäftigung mit diesem Mythos sah ich die Möglichkeit für einen pazifistischen Langtext und feierlichen Abschied von einer im Schwinden begriffenen gesellschaftlichen Wirklichkeit.

Das klingt pessimistisch.

Ich finde es erst mal erfreulich, dass es für viele Leute selbstverständlich  geworden ist, sich für Flüchtlinge zu engagieren. Doch was wir jetzt erleben, steht in der Kontinuität von 1992. Damals wurde angesichts brennender Asylbewerberheime das Asylrecht abgeschafft. 25 Jahre lang wurde unter wechselnden Bundesregierungen geleugnet, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Noch 2014 war von Bundeskanzlerin Merkel zu hören, Multikulti sei gescheitert. 25 Jahre lang – acht Jahre davon unter der Regierung Merkel – hat man zu wenig Geld in Integration und Bildung gesteckt. Das ist einer der Gründe, warum jetzt alles so schwierig ist. Die von Finanzminister Schäuble für seine schwarze Null „erwirtschafteten“ zwölf Milliarden Euro Überschuss fehlen an allen Ecken und Enden. Es wird Zeit für eine Politik, die den Namen verdient.

Interview: Jürgen Ziemer

Dieser Beitrag erschien in der Freitag Ausgabe 05/16.

Schreibe einen Kommentar