A Northern (Soul) Affair

A Northern Affair – Rare Soul From The Sixties

Rolling Stone Rare Trax 61

Mit Northern Soul ist es ein bisschen so wie mit dem kleinen Gallischen Dorf. Zu Beginn der Siebziger hatte sich nicht nur die Rockmusik stark verändert, auch der Soul präsentierte sich in neuen, protzig bis progressiven Outfits: Orchester aus Philadelphia produzierten sinfonischen Bombast, während Modern Soul das Tempo drosselte und tüchtig Weichspüler dazu gab. Doch 1970 entdeckte der Mick-Jagger-Kumpel, Motown-Intimus und Soul-Papst Dave Godin im Norden Englands eine kleine, Widerstand leistende Subkultur: Fred-Perry-Klamotten tragende Fabrikarbeiter, die nach Schichtende vor allem eines wollten - tanzen und Spaß haben. Und das ging zu den schnellen Motown-Tracks immer noch am besten. Dummerweise produzierte “Hitsville, U.S.A.” in den Siebzigern längst nicht mehr den tighten Markensound der goldenen Jahre zwischen 1962 und 1968. Jedoch gab es im Schatten von De­troit genug kleine Labels, deren atemberaubend gute Singles damals in der Flut von Veröffentlichungen untergingen - oder erst gar nicht auf Vinyl gepresst wurden. Plattensammler und DJs haben deshalb seit den frühen Siebzigern amerikanische Keller und Dachböden durchforstet auf der Suche nach dem raren Stoff, der die Tanzflächen zum Toben bringt.

Die Preise, die heute für die raren Originale gefordert werden, sind meist schamlos - trotzdem gibt der Rare-Soul-Afficionado gerne mal einen drei- bis vierstelligen Betrag aus, um sich eine besonders rare Original-Single zu sichern. Und für “normale” Musikliebhaber gibt es das zu Ace gehörende Label Kent, auf dem seit 1982 exzellente Compilations mit Wiederveröffentlichungen erscheinen. Für unsere Februar-”Rare Tracks” durften wir die Schatzkammer des britischen Labels durchforsten, das die Rechte an diversen kleinen US-Labels besitzt - schöner als ein Bad im Zaubertrank.

Don’t Let It End” war 1969 Debbie Taylors zweite Single auf GWP Records, einem kleinen New Yorker Label, das zwischen 1969 und 1971 etwa 30 Singles und 20 LPs veröffentlichte. Der Song ist eine schnelle Tanznummer, getragen von Taylors großartiger Stimme und perfekt eingerahmt von kräftigen Bläsersätzen und einem raffinierten Beat. Nach einem Album auf Today Records und einigen Singles für Polydor und Arista verliert sich 1975 die Spur der Sängerin.

“This Man Wants You” von Wally Cox wurde nie regulär auf Vinyl veröffentlicht. Der Song ist eine alternative Version des viel gesuchten Klassikers “This Man”, den Cox 1974 für das US-Label Wand aufgenommen hatte. Das ein Jahr später in San Francisco eingespielte “This Man Wants You” ist etwas näher am Sound der Siebziger als das in Chicago aufgenommene Original, das sich stärker an den Sechzigern orientiert. Trotzdem: ein feines Stück Soul, das Traditionalisten ebenso anspricht wie Freunde modernerer Stile.

Richard TemplesThat Beatin’ Rhythm” ist eigentlich eine Mogel-Packung – wenn auch eine sehr attraktive: Der Song ist die Vokal-Version des Instrumentals “Cigarette Ashes” und der Name nur ein Pseudonym des Sängers James Conwell. Außerdem hat man dieses tolle Tanzstück auf der B-Seite der Single “Could It Be” versteckt. “That Beatin’ Rhythm” wurde trotzdem - völlig zu Recht! - eine Northern-Soul-Hymne, vermutlich weil der Song genau das ausdrückt, worum es bei allnightern und weekendern geht: “Dancing is a part of life, it’s one of the thrills of young America.”

Millie Jackson ist vermutlich die bekannteste Künstlerin dieser “Rare Trax”-Zusammenstellung, und “My Man Is A Sweet Man” ist einer ihrer absoluten Klassiker – obwohl sich der Song (ihre zweite Single) 1972 gerade mal eine Woche in den Charts halten konnte. Damals war Miss Jackson noch unschuldige 18 Jahre alt und arbeitete nebenbei auch noch als Fotomodel. Millies Stimme wurde oft mit der von Gladys Knight verglichen, die tatsächlich auch ihr Vorbild war. Die Musik der frühen Veröffentlichungen orientierte sich noch sehr viel stärker am Sound von Motown als das, was - sexually very explicit! - in den Acht-zigern und Neunzigern ihr Trademark werden sollte.

My Little Girl” ist eine von zwei Singles, die der Sänger und Songwriter Robert Relf als Bobby Garrett für das wenig bekannte Mirwood Label aufgenommen hat. Mit seinem Partner Earl Nelson schrieb Relf auch den Klassiker “Harlem Shuffle”, den die beiden 1963 als Bob and Earl veröffentlichten. “My Little Girl” erfreut sich unter Northern Soul-Fans nach wie vor gro­ßer Beliebtheit. Relfs Solokarriere war leider weniger erfolgreich, in den Siebzigern schrieb er deshalb wieder verstärkt für andere Künstler, vor allem für seinen alten Freund Barry White und dessen Love Unlimited Orchestra.

The Question Marks waren ein Trio von der Freemont High School in L.A., die unter anderen auch schon Richard Berry und The Jaguars hervorgebracht hatte. Nur eine einzige, selbstgeschriebene Single ist von den Question Marks seinerzeit auf Money Records erschienen -”Doin’ The Thing” / “Ain’t That Kind Of Sad”. Doch bei den Sessions entstand noch ein weiterer, sogar noch deutlich besserer Song: “Don’t Drop It (That’s My Love You’ve Got)”. Die mitreißende Mischung aus Doo Wop und Soul wirkt, nicht zuletzt wegen des an Cee-Lo erinnernden Gesangs, wie ein Gnarls Barkley-Vorläufer. The Question Marks trugen ihren Namen im übrigen deshalb, weil sie unsicher waren, ob ihr Talent ausreicht, um Platten aufzunehmen - dieser großartige Track beweist das enorme Potenzial.

Lean Lanky Daddy” von Little Ann ist wieder eine dieser typischen Ausgrabungen hartnäckiger Soul-Archäologen. Little Ann Bridgeforth – die auf ihren Nachnamen verzichtete, weil er zu oft falsch geschrieben wurde – war ein Schützling von Dave Hamilton, einem Musiker, Songwriter und Produzenten, der oft mit Motown-Gründer Berry Gordy zusammenarbeitete. Hamilton schrieb diverse Songs für Motown-Künstler wie Marvin Gaye, als Musiker ist er auf Hits wie “Heat Wave” und “My Guy” zu hören. Little Ann war leider weniger erfolgreich. Nur eine Single wurde veröffentlicht - die wenigen anderen von ihr aufgenommenen Songs gingen als Acetat-Pressungen in den Besitz von DJs und Sammlern. So auch die Ode an den schlanken und ranken “Lean Lanky Daddy” Dave Hamilton, die Ann zusammen mit ihm sowie Ronny Darrell geschrieben hat.

Richard Barbary singt mit “When Johnny Comes Marching Home” einen alten Folksong, dem der Produzent Harold Thomas (aka Prince Harold) ein großartiges Detroit-Arrangement verpasst hat. Die exzellente Backingband gibt ebenfalls alles - tighte Bläser, atmosphärisches Vibraphon, Call-and-response-Chor und ein treibender Beat. Natürlich ist auch diese, 1967 auf Spring veröffentlichte Aufnahme nur sehr schwer auf Vinyl zu finden. Barbary hat 1968 und 1969 noch zwei Singles für A&M aufgenommen.

Von seiner Homebase Shreveport/Louisiana veröffentlichte Dee Marais seit 1960 alle Arten von Musik – Gospel, Country, Rock’n'Roll - doch zwischen 1967 und 1973 konzentrierten sich Marais und sein Partner Dick Martin mit ihren Labels Murco, Peermont und Hy-Sign vor allem auf Soul. Klar, dass aus Louisiana ein anderer Sound kommt als aus Michigan - deeper, kraftvoller und oft stark vom Gospel geküsst. “If It Ain’t One Thing (It’s Another)”, die einzige Single von Ann Alford, ist ein saftiger Blues mit hohem Funk-Anteil – die Bläser klingen schwer nach den JB’s, und Anns Gesang ist keck und ein wenig jazzy. Sie hätte mit Sicherheit eine Karriere als Sängerin machen können, aber offenbar war ihr Lebenswandel etwas zu unstet.

Das letzte Stück unserer “Rare Trax” ist von 1957 und eindeutig eine R&B-Nummer. Doch was zählt, ist nicht ein fetischisiertes Soundideal, sondern die Lebendigkeit und Tanzbarkeit der Musik. “A Lover’s Prayer” von den angeblich recht rauen Street Kids Vernon Green & The Medallions erfüllt diese Vorraussetzungen perfekt. Das Stück klingt selbstbewusst, extrem lässig und hat trotzdem etwas Verträumtes. Die Compilation “New Breed R&B With Added Popcorn” enthält noch viele solcher wunderbarer Stücke aus den späten Fünfzigern und frühen Sechzigern. In Belgien entwickelte sich zu Beginn der Siebziger eine ganz eigene, “Popcorn” genannte Szene, die zu kostbaren R&B-Antiquitäten griff.

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