Kunst & Künstlichkeit

Kunst & Künstlichkeit

- Deutsche Elektronik zwischen Krautrock und Post-Techno

Rolling Stone Rare Trax 69

Deutsche Popmusik gilt als Hybrid aus Audi TT und Ring der Nibelungen – die Eleganz neuester Technologien und Konzepte trifft die grüblerische Sinnsuche der Romantik. Vor allem Elektronische Musik zwischen Krautrock und Post-Techno, zwischen Kunst und Künstlichkeit, entspricht diesen Vorgaben.

01 Wolfgang Riechmann begann seine Musikerkarriere mit Michael Rother und Wolfgang Flür in der Band Spirits of Sound. “Abendlicht” stammt aus “Wunderbar”, dem einzigen Soloalbum des Düsseldorfers. Silbrige, schwebende Klänge prägen das Stück, in der Tradition von Tangerine Dream und Klaus Schulze. Die Veröffentlichung hat Riechmann leider nicht mehr miterlebt – 1978 fiel er einer Messerstecherei zum Opfer.

02 Neben Kraftwerk sind NEU! sicherlich die einflussreichste deutsche Band. “Neuschnee” erschien 1972 zusammen mit “Super” als Single, das Stück findet sich aber auch auf dem Album “Neu! 2″. Michael Rothers verfremdete Gitarre fliegt traumverloren rückwärts während Klaus Dinger den Beat unerschrocken nach vorne treibt. Pop Art, so frisch, dass sie auch nächste Woche noch erscheinen könnte.

03 Das Album “After The Heat” war 1978, nach Projekten mit Cluster und Harmonia, die letzte Zusammenarbeit zwischen Eno, Moebius & Roedelius. “Tzima Nàrki” trägt die Handschrift von Brian Eno, der hier die Gesangsspur seines Stücks “Kings Lead Head” (von “Before And After Science”) rückwärts laufen lässt. Zur rhythmischen Magie des Stücks trägt auch Can-Bassist Holger Czukay bei – und natürlich Conny Plank am Mischpult.

04 Die Düsseldorfer Band Der Plan war das gemeinsame Projekt des Malers Moritz Reichelt und der Fehlfarben-Musiker Frank Fenstermacher und Kurt “Pyrolator” Dahlke. Mit unkategorisierbar genialen Stücken wie “Der Regen tropft” hielt das Trio Ende der Siebziger die Verbindung zu amerikanischen New-Wave-Avantgardisten wie Chrome, Tuxedomoon und The Residents.

05 1991 in Darmstadt als Trio gegründet, gelten Oval als die Begründer der Glitch-Elektronik, die fehlerhafte Hard- und Software als Klangquelle nutzt. Heute entwirft unter dem Namen allein Markus Popp seine konzeptuell vertrackte Musik. “Hallodraußen“, vom Debüt “Wohnton”, klingt fast wie Indie-Pop, es gibt sogar Gesang, allerdings unterlegt mit dem Rhythmus einer hängenden CD.

06 Can Oral, alias Khan, produziert auf seinem Label “I’m Single” überwiegend elegant melodische Tracks zwischen Techno und House. Auf dem Album “No Comprendo” von 2001 arbeitete der Berliner mit Künstlern wie Jon Spencer, Kid Congo Powers, Diamanda Galas oder Francoise Cactus an einem oft eher rockigen Format. “Say Goodbye” entstand mit Julee Cruise, der Sängerin des legendären “Twin Peaks”-Themas.

07 Die virtuos arrangierten Streicher und Harfen von “La Casa I” kommen aus einer Kammerorchester-Soundbank. Kreidler vermeiden in diesem außergewöhnlichen Stück der EP “Eve Future” die in der Elektronicaso  beliebten Science-Fiction-Welten. Und wer sagt überhaupt, dass digital erzeugte Klänge nicht “natürlich” klingen dürfen?

08 Wolfgang Voigt, aka Mike Ink, ist mit seinem Label Kompakt eine der Schlüsselfiguren des Minimal Techno. Unter dem Namen Gas veröffentlichte der Kölner ab 1996 eine Reihe von Alben, die Wagner und Kraftwerk zusammen denken: von digitalem Moos überwucherte Orchestersamples vor einem unheilvoll pochenden Schicksals-Beat. Das in einzelne Sätze gegliederte Album “Zauberberg” hat mehr mit einem zeitgenössischem Blick auf Bayreuth als mit der Loveparade zu tun.

09 Das aktuelle Album “Black Noise” gehört zu den Highlights von 2010. “Asha” ist drei Jahre älter und stammt aus dem ebenso wunderbaren “This Bliss”. Auch hier gelingt es Pantha du Prince eine schwebende Atmosphäre zu erzeugen, ein magischer Klangnebel voller Assoziationen. Weniger schwer als Gas, aber ebenso durchdrungen vom Geist er Romantik.

10 Wie seine Kunst, ist auch die minimalistische Musik von Carsten Nicolai ein Zusammentreffen von exakter Naturwissenschaft und gestalterischen Prozessen. Für das Projekt ANBB hat sich der Berliner, der sich auch Alva Noto nennt, mit Blixa Bargeld zusammengetan. “Mimikry” ist der Titeltrack eines außergewöhnlichen Albums: Seit Jahrzehnten hat man den Neubauten-Sänger nicht mehr so intensiv erlebt, denn Nicolais harsche Klänge öffnen ihm und uns bisher unerhörte Räume.

Text: Jürgen Ziemer

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