LET THERE BE DRUMS – Afrobeat Reloaded
Rolling Stone Rare Trax 58
Um die Musik zu hören bitte einfach auf den Songtitel klicken
Afrika ist nicht irgendein Popstandort – Afrika ist ein Mythos, im Guten wie im Schlechten. Jahrhunderte der Ausbeutung und Sklaverei haben den Kontinent verwüstet und uralte Kulturen in ein postkoloniales Chaos gestürzt das bis heute andauert. Die Vielfalt der afrikanischen Musik hat sich dennoch über die ganze Welt verbreitet: Von Jazz bis zum HipHop, vom Blues bis zum Rock – fast die komplette Popkultur lebt von den Rhythmen und Traditionen Afrikas. Die Tragik hinter dieser Erfolgsgeschichte bleibt bestehen, doch ungebrochen ist auch die Faszination junger Bands und DJs für die enorme Komplexität und Polyrhythmik dieser Musik: „It’s The Beat!“
Nach den Talking Heads, Paul Simon, David Byrne und Brian Eno, haben sich zuletzt die Foals und Vampire Weekend erfolgreich an treibend perkussiven Klängen versucht. Und weil zur Zeit überhaupt viel von einem Afrobeat-Revival die Rede ist, möchten wir mit dieser Ausgabe der „Rare Trax“ ein paar Schlaglichter auf das von Fela Kuti in den Siebzigern begründete Genre werfen, das Miles Davis und James Brown ebensoviel verdankt, wie dem westafrikanischen Highlife. Vor allem in Nigeria entwickelte sich ab 1970 – damals ging der Biafra-Krieg zu Ende – eine neue eigenständige Form von Popmusik. Ein in der weltweiten Diaspora gewachsenes afrozentrisches Selbstbewusstsein führte zu einer intensiven Wiederentdeckung alter Wurzeln und Traditionen. In den Sechzigern hatten sich afrikanische Teenager noch damit begnügt, die Songs der Beatles oder Rolling Stones nachzuspielen. Nun posierten Musiker auf Plattencovern in traditionellen Gewändern, oder als bemalte Krieger. Auch musikalisch bediente man sich verstärkt aus dem Fundus westafrikanischer Kultur. Trotzdem wurden auch neue internationale Trends wie Psychedelic Rock oder Disco begeistert aufgenommen und verarbeitet.
Deshalb wollen wir auf „Let There Be Drums“ neben Raritäten und einigen unverzichtbaren Klassikern auch noch ein paar Songs vorstellen, die nicht unbedingt in die Afrobeat-Schublade passen, deren Musik aber darüber hinaus eine starke Relevanz besitzt. Denn die reine Form war schon immer der Tod jeder lebendigen Musik.
„Psychedelic Woman“ von Honny and the Bees Band ist so lebendig wie eine Hummel an einem milden Frühlingstag. Der gefragte Session-Musiker und Keyboarder Ernest Honny hat lediglich zwei Singles unter eigenem Namen veröffentlicht – dies ist eine davon. Das 1973 entstandene Stück startet mit einem minimalistischen, aber enorm treibenden Afrobeat, der gegen Ende in ein Orgelsolo mündet, das sich anhört wie der perfekte Soundtrack für einen alten Gruselfilm mit Vincent Price.
Das senegalesische Orchestra Baobab, eine der bedeutendsten afrikanischen Bands der Siebziger Jahre, wurde ursprünglich als Hotelband gegründet. Man verband afrokubanische Rhythmen aus der Karibik mit westafrikanischen Traditionen und Melodien aus Togo und Marokko. „Dee Moo Wóor“ stammt von dem treffend “Specialist In All Styles” genannten 2002er Album, bei dem erstmals seit 20 Jahren wieder alle ehemaligen Bandmitglieder gemeinsam im Studio waren. Das Stück enthält Reggae-Elemente, erzeugt aber auch eine hypnotische Voodoo-Atmosphäre, wie man sie von Dr. Johns „Gris-Gris“-Album kennt.
„Odenigbo“ von The Wings (natürlich nicht McCartneys gleichnamige Truppe) basiert auf der Legende von einem unbesiegbaren Igbo-Krieger, ist aber auch eine an Frauen gerichtete Einladung zum Tanzen. Über einem dichten Trommelgeflecht schweben die unterschiedlichsten Gitarrensounds – mal komplett unverstärkt, mal extrem übersteuert. Nicht nur der Gesang von Spud Nathan – ein echter Popstar made in Nigeria, der leider bei einem Autounfall starb – hat etwas beschwörend Ekstatisches. „Odenigbo“ findet sich auf der Compilation „Nigeria Rock Special – Psychedelic Afro-Rock & Fuzz Funk“, würde aber auch auf jedem „Nuggets“-Sampler eine blendende Figur machen.
„Musicawi Silt“ stammt ursprünglich von der legendären äthiopischen Wallias Band (zu der auch Mulatu Astatke gehörte), die diesen Monolithen von einem Song 1974 errichtete. Die New Yorker The Daktaris versuchten sich bereits 1998 auf ihrem Album „Soul Explosion“ an einer Coverversion, doch gegen die enorme Kraft von Getachew Mekuria & The Ex & Guests verblasst jeder Vergleich: Der 73jährige äthiopische Saxophonist, der gerne mit Albert Ayler verglichen wird und die experimentierfreudige holländische Free-Punk-Band treiben die wunderbare Melodie mit peitschenden Gitarrenriffs bis zum Äußersten.
Bola Johnson ist dagegen eher einer dieser sympathischen Schlawiner, wie man sie auch im US-Funk der gleichen Ära findet. In den Sechzigern spielte Johnson mit seinen Easy Life Top Beats noch puren Highlife, doch nach dem Ende des Biafra Kriegs stellte er eine neue Band zusammen und wechselte den Stil: „Ezuku Buzo“ ist ein funky Fingerschnipper, der auf einem wunderbar dreckigen Gitarrenriff reitet. Der humoristische Einstieg zeigt, dass Johnson ein talentierter Radio-Komiker war, der in Nigeria regelmäßig in Shows wie „Join The Bandwagon“ auftrat.
Für „Masimbabele“ von The Unknown Cases müsste man eigentlich eine Geburtstagstorte anschneiden: Der von John Peel gern und oft gespielte deutsche Afrobeat-Klassiker feiert seinen 25. Geburtstag und wurde deshalb soeben auf Vinyl wiederveröffentlicht. Neben Schlagzeuger Stefan Krachten und Harald Schmidts Kapellmeister Helmut Zerlett machten auch die Stimme und das Trommelspiel von Reebop Kwaku Baah diesen Song so einzigartig. Die Rolling Stones hatten die Qualitäten des ehemaligen Traffic- und späteren Can-Mitglieds übrigens als erste erkannt und ihn bereits für „Sympathy For The Devil“ verpflichtet.
Mit soviel geballter Rockgeschichte kann der somalische Rapper K’Naan Warsame nicht dienen, doch er hat andere Qualitäten: „If I rhymed about home and got descriptive / I’d make 50 Cent look like Limp Bizkit“ behauptet er in „What’s Hardcore?“ (der YouTube-Link führt zur Studio-Version des Stücks) zu einer an die Last Poets erinnernden Begleitung. K’Naan, der inzwischen in New York lebt und mit Mos Def und Talib Kweli auftritt, beschreibt in dem Live-Stück das Leben im vom Bürgerkrieg geschüttelten Mogadischu. Ein Blick in die Hölle, der jeden Gangsta-Rapper zum Schweigen bringt.
„Jipe Moyo“ klingt eher wie aus dem Himmel gefallen. The Embassadors, ein internationales Jazz-Kollektiv um den Saxophonisten Hayden Chisholm, und der in Kenia geborene Sänger Michel Ongaru erzeugen in dem Song eine ungeheuer lyrische und warme Atmosphäre. Der von dem Kölner Elektroniker Burnt Friedman (auf dessen Label Nonplace das dazugehörige Album „Healing The Music“ erschienen ist) programmierte Rhythmus erinnert vage an einen vom Wind verblasenen Reggae. Weltmusik jenseits von Batikhemden und Hippie-Nostalgie.
Die Brasilianer Bonde Do Role gehen mit ihrem „Awa Na Re Remix“ noch einen gewaltigen Schritt weiter und landen bei einer deutlich radikaleren Form von neuer Weltmusik. Der wild brodelnde Track stammt von „Lagos Shake“ einem bei Honest Jons erschienen Remix-Album von Tony Allens „Lagos No Shaking“ – das erste in Nigeria aufgenommene Album des legendären Schlagzeugers seit seiner Zeit mit Fela Kuti. Bonde Do Role verbinden in ihrer Bearbeitung (fast könnte man von einer Neueinspielung sprechen) die Rhythmen des Baile Funk mit afrikanischen Gesängen und einem extrem hochflorigen Trommelteppich.
Ähnlich radikal, wenn auch entschieden weniger postmodern, arbeitet das kongolesische Likembé Orchester Konono No1. Likembe heißen die dumpf schnarrenden Fingerklaviere, deren Eisenlamellen meist aus alten Autofedern geschmiedet werden. Die Klänge, die Konono No1 diesem schlichten Eigenbau-Instrument (und diversen Trommeln und Xylophonen) entlocken sind absolut atemberaubend und werden verstärkt durch meterhohe Boxentürme, die alles um sich herum zum Beben bringen. Das hier vertretene „Kule Kule Reprise“ ist ein vergleichsweise kurzes und ruhiges Stück. Normalerweise erinnert die Musik eher an einen außer Kontrolle geratenen Techno-Rave.
Über den letzten Track von „Let There Be Drums“ muss man nicht viel Worte verlieren: Fela Anikulapo Kuti ist der Großmeister des Afrobeat und „Zombie“ eins seiner besten und bekanntesten Stücke. Es ist eine politische Kampfansage an die Militärregierung Nigerias, die prompt reagierte und daraufhin Felas „Kalakuta Republic“ stürmte und niederbrannte. Vielleicht ist es diese kompromisslose Haltung, die den „Black President“ auch nach über 30 Jahren noch von Epigonen wie Antibalas abhebt. „Fight The Power“ ist eben manchmal tatsächlich mehr als nur ein knackiger Slogan.
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