Berlin

Der Zukunft zugewandt

Imago:Jens Jeske

Tim Renner ist neuer Berliner Kulturstaatssekretär. Schon fürchten einige in der Hauptstadt um den Erhalt der Hochkultur

Oha, das fängt ja heiter an“, hat Tim Renner auf seiner Facebook-Seite gepostet. Darunter sieht man ein Foto des „Personalfragebogens für Beamte/Beamtinnen“. Hunderten von Freunden gefällt das. „Na dann mal viel Spaß, du alter Sozi“, feixt einer aus der Chefredaktion der Welt.

Klaus Wowereit hat den Musikmanager vergangene Woche als neuen Berliner Kulturstaatssekretär aus dem Hut gezaubert. Und das ist keine schlechte Entscheidung. Der wegen Steuerhinterziehung zurückgetretene Vorgänger André Schmitz war ein Kulturpolitiker alten Schlags, ein „Bürgerlichkeitsdarsteller“ und „Einstecktüchleinträger“, wie die FAS süffisant schrieb. Renner dagegen, der sein Amt am 28. April antritt, ist die Verkörperung des Kreativproduktionsstandorts Berlin. Zur Vorstellung im Roten Rathaus kommt der 49-Jährige unrasiert und verstrubbelt. Und auf die inquisitorische Frage nach seinem letzten Opernbesuch antwortet er ohne Schuldbewusstsein: Vor einem halben Jahr sei er dort mal auf einer Party gewesen.

Die etablierte Kulturszene findet so viel Chuzpe weniger lustig. Aber Renner ist nun mal ein Mann des Pop. Umtriebig, gut vernetzt, der digitalen Zukunft zugewandt. Er wird andere Schwerpunkte setzen als sein Vorgänger, das gilt als sicher. „Ich erwarte aber, dass sich der neue Staatssekretär um die gesamte Szene kümmert – und dazu gehört auch die Hochkultur“, erklärte Sabine Bangert, die kulturpolitische Sprecherin der Grünen letzte Woche trotzig. So als befürchte sie, Renner würde nach seiner Amtseinführung die heiligen Hallen der Philharmonie mit Black Metal besudeln oder die Museumsinsel zur Partymeile erklären. Dabei ist der Verlauf der Grenzen zwischen ernster und populärer Kultur immer schwieriger zu definieren: Sind die Operetten, die in der Komischen Oper gespielt werden, wirklich so viel hochwertiger als die flamboyanten Konzerte eines Rufus Wainwright? Aber wir wollen uns nicht dumm stellen: Berlin entscheidet sich mit Renner klar für das wirtschaftliche Potential der Pop- und Clubkultur. Geld wird hier mit Kreativität verdient, mit all dem bunten Quatsch und den kühnen Konzepten, die sich, vielleicht, irgendwann einmal auszahlen. Und in dieser Welt kennt sich Tim Renner nun mal ziemlich gut aus.

Von 1986 bis 2004 erlebte der ehemalige Musikjournalist eine steile Karriere in der Plattenbranche: Vom Artists & Repertoire Manager bei Polygram bis zum Geschäftsführer von Universal Music Deutschland. In dem 2004 erschienenen Sachbuch Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm schildert Renner die Branche als unflexibel und lernunwillig. Die Digitalisierung wird schon deshalb ignoriert, weil man sein Geld ja mit dem Vertrieb von physischen Tonträgern verdient. In seinem nach einem Song von Palais Schaumburg benannten Buch stellte Renner auch eine interessante Formel für seinen zukünftigen Job auf: „Pop = Kunst + Kapital x Massemedien“.

Renner kennt jeden, jeder kennt Renner

Er schreibt: „An Pop fasziniert mich, dass diese Kultur am souveränsten mit der Beziehung zum Kapital umgeht. Klar, die Geschichte der Kunst ist immer auch eine Geschichte von finanziellen Abhängigkeiten. Aber Pop heißt, darüber nicht zu jammern.“ Ob die Grünen deshalb um die Hochkultur fürchten?

Doch Tim Renner ist kein neoliberaler Wirrkopf. In den Büros von Universal herrschten Ende der Neunziger- und Anfang der Nullerjahre eher flache Hierarchien und ein hedonistisches, fast schon aufreizendes Hipstertum. Die Karrieren von Rammstein, Element of Crime und Tocotronic erlebten durch Renner eine enorme Beschleunigung. Aber auch in den feinen Nischen wurde damals geackert und gedüngt, wie das heute kaum noch vorstellbar ist. So lange jedenfalls, bis das Geld alle war. Der CEO von Universal, Jorgen Larsen, verlangte Sparmaßnahmen, es gab wohl auch Differenzen über die digitale Ausrichtung des Unternehmens. Am Ende reichte Renner die Kündigung ein.

Seitdem betreibt er die Motor Music Entertainment GmbH, eine Firma, die alle Formen von Musikdienstleitungen anbietet. Das Management von Künstlern wie Westernhagen, oder Peter Licht gehört ebenso dazu wie, ein Musikverlag, eine Plattenfirma, eine Konzertagentur und die Beteiligung an dem Radiosender Motor FM. Dazu lehrt Renner an der Popakademie Baden-Württemberg.

Was den Mann allerdings interessant macht, sind seine gut informierten und oft unbequemen Beiträge zum Urheberrecht, zur Digitalisierung und der zunehmenden Prekarisierung in der Kreativwirtschaft. Kaum ein wichtiges Panel, kaum eine Hintergrundrunde im politischen Betrieb, an der Renner nicht teilgenommen hätte. Renner kennt jeden, jeder kennt Renner. Als Kreativwirtschaftsberater hat er Klaus Wowereit bereits während des letzten Wahlkampfs unterstützt, seit November 2013 ist er auch SPD-Mitglied.

Sicher ist Renner kein Experte, was die Welt der Hochkultur angeht. Und ja, er wird rechnen und auch mit dem Rotstift arbeiten. Er wird an das umsatzträchtige weltweite Renommee der Berliner Clubszene denken und öffentlichkeitswirksame Projekte ankurbeln, die für kleines Geld zu haben sind. Aber es spricht auch nichts dagegen, die Repräsentationstempel des Bürgertums stärker zu hinterfragen. Die freie Szene – von Sasha Waltz bis zum Hebbel am Ufer – scheint jedenfalls zufrieden mit dem Neuen. Hier hegt man Hoffnungen auf bessere Unterstützung. Die finanziellen Mittel, die Renner zur Verfügung stehen, sind allerdings nicht sehr groß. Das Kinderballett der Deutschen Oper wird in absehbarer Zeit wohl trotzdem nicht abgeschafft. Renner Auftrag lässt sich in dem wohlbekannten Slogan zusammenfassen: „Reicher werden, sexy bleiben“.

Dieser Artikel erschien in Der Freitag Ausgabe 10/14 vom 06.03.2014

Beats wie alte Männer

Sidos neues Album „30-11-80“

von Jürgen Ziemer

Als Sido noch voll auf aggro war, hatten die Leute wenigstens was zu gruseln. „Wer cool sein will, geht raus in den Wald, sucht nach einem Kerl in Rot und macht ihn kalt“, rappte er im Advent 2003 zur Melodie von Jingle Bells . Das war lustig gemeint und wurde mit dem Zungenschlag eines schwer bekifften Berliners vorgetragen. Doch genau diese breit grinsende Unschuldsmiene war es, die Eltern und Jugendschützer damals am meisten aufregte. Was bildete der Kerl sich ein?

Wäre er in einer jener Plattenbauburgen geblieben, in denen die Berliner Unterschicht haust, es hätte niemanden gestört. Doch das ist ja das Dilemma: Rapper sollen frech und authentisch sein, aus dem Ghetto kommen – und trotzdem ein bürgerliches Publikum amüsieren. Über Endlich Wochenende, eine Hymne an den Drogengebrauch, kicherte die gesamtdeutsche Jugend besonders laut. Die Bundesanstalt für jugendgefährdende Medien machte dem Treiben ein Ende, indem sie das komplette Debütalbum Maske indizierte.

Seitdem ist viel Wasser in den Betonritzen des Märkischen Viertels versickert. Sido gehört nun auch zu denen, die in ihren Songs Herzblut verspritzen und schon mal ein Duett mit Marius Müller-Westernhagen wagen. Es musste wohl so kommen. Man hat ihm den Echo verliehen und Goldene Schallplatten. Er saß in der Jury von Popstars und raste im Wok mit Stefan Raab um die Wette. Nur seiner Musik hat das nicht gutgetan.

Auf 30-11-80, Sidos fünftem Album, spricht noch immer die Unterschicht, aber vorwiegend aus der Perspektive eines besorgten Vaters. Das wäre erst mal nichts Schlimmes. Doch Sidos Ratschläge klingen so abgedroschen und ironiefrei, als hätte er sie für eine Vorabendsendung auf Bayern 3 geschrieben: „Ich nehm ihn an der Hand und führ ihn auf den rechten Weg.“ Die Beats schreiten nebenher wie dicke alte Männer. Und wenn die Streicher einsetzen, brauchen selbst ganz harte Kerle ein Taschentuch.

Nur manchmal blitzt noch das alte Talent auf, beim hüpfenden Balkan-Pop von Enrico oder bei Arbeit, einem dadaistischen Blödelsong mit Helge Schneider, frei nach dem alten Erika-Fuchs-Motto: „Wer Arbeit kennt und da nicht rennt oder sich verdrückt, der ist verrückt“. Zwei Stücke, die zeigen: Man kann auch als Rapper durchaus in Würde altern – solange es noch ein bisschen was zum Lachen gibt.

Sido: 30-11-80 (Urban/Universal)

DIE ZEIT, 28.11.2013 Nr. 49