Bohren & der Club of Gore

Weltuntergang in Zeitlupe

Bohren

Was wird aus Doom Metal, wenn er in einer Ruhrpottkneipe auf Jazz trifft? Bohren & der Club of Gore führen es vor

Jede Musik hat ihre Zeit und ihren Ort. Diese gehört in die Nacht und auf die Straßen einer menschenleeren Stadt. Wie in Zeitlupe formen sich Klänge aus der Dunkelheit, gewinnen Konturen, werden zu Besenstrichen auf der Snare, zum einsamen Murren eines Saxofons, zum Klavierakkord im Nichts. Bis sie wieder verblassen. Man könnte dazu „Drogen nehmen und rumfahren„, wie es in einem Popsong heißt. Den Straßenlaternen zusehen, wie sie langsam vorüberziehen. Aber fröhlich würde einen das nicht machen. Denn bereits die Titel dieser Instrumentalstücke erzählen Geschichten, so traurig und endgültig, wie die Erzählungen von Clemens Meyer: „Im Rauch“, „Irrwege“ oder „Verloren (Alles)“. Gesang würde hier nur stören – zu konkret, zu geschwätzig. Es ist, als hätte Edward Hopper seine „Nighthawks“ an einer Straßenkreuzung im Ruhrgebiet ausgesetzt. Vor einer schlüpfrigen Bar, mit dem Versprechen: „Piano Nights“.

„Piano Nights“, so heißt das neue Album von Bohren & der Club of Gore, vier nahezu kahlköpfige Männer Ende Vierzig, die seit mehr als zwei Jahrzehnten gemeinsam Musik machen. Acht Alben haben sie bisher veröffentlicht. Stets unter dem Jubel der Kritiker und einer weltweiten Fangemeinde, die das Quartett längst als Klassiker verehrt.

Man weiß nicht allzu viel von den Musikern. Anders als Berlin oder Hamburg ist Mülheim auf der Landkarte des Pop nur ein großer weißer Fleck. Eine postindustrielle Einöde, bevölkert von Kuttenträgern und Rentnern. Bands heißen hier Bluttat, Ruhrpottkanaken – oder eben Bohren & der Club of Gore. Heavy Metal – anderswo eher als ironische krasse Proleten-Folklore belächelt – gehört hier zu den Wurzeln einer nicht mehr ganz so jungen Musiker-Generation. Was Bohren & der Club of Gore aus ihrer Hardcore- und Metal-Jugend mitgenommen haben, ist die klare Haltung: „Dangerflirt mit der Schlägerbitch“, heißt ein Song vom Debütalbum. Doch längst sind die Musiker zu Vorreitern und Helden einer Post-Metal-Avantgarde geworden, die sich mehr mit Drones beschäftigt, als mit Riffs. Eine Botschaft, etwas Lebensbejahendes zu dem man Tanzen könnte, gibt es dabei nicht. Nur „die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt“, im Sinne von Camus.

Schon Ende der Achtziger experimentierten die Schulfreunde Morton Gass, Thorsten Benning und Robin Rodenberg mit extrem verlangsamtem Doom-Metal und der brütenden Atmosphäre extremer Horrorfilme. Als der Kölner Saxofonist und Pianist Christoph Clöser 1997 zur Band stieß, kamen weitere Einflüsse hinzu: Der Minimalismus von La Monte Young, oder die müden Dämmerungslieder von Frank Sinatras „In The Wee Small Hours„. Gern möchte man sich vorstellen, dass die Musiker gemeinsam in einer heruntergekommen alten Villa leben, irgendwo im Niemandsland einer Industriebrache, so wie der Vampir Adam in Jim Jarmuschs „Only Lovers Left Alive„. Doch Mülheim ist nicht Detroit: Bis auf den Profimusiker und Komponisten Clöser arbeiten alle Mitglieder von Bohren in normalen Jobs, zum Teil in der Metallverarbeitung. Ihr Bier trinken sie am liebsten in soliden Eck- und Raucherkneipen. Trotzdem produzieren Bohren & der Club of Gore eine raffiniert ausgearbeitete Kammermusik – angenehm zu hören, aber gleichzeitig auch düster und mysteriös. Eine seltsam morbider Zeitlupen-Jazz.

Auch „Piano Nights“ profitiert wieder vom strengen Konzept der Verweigerung von Virtuosität: „Es gibt nicht viele Leute die bereit sind, zehn Jahre lang so reduziert Schlagzeug zu spielen wie Thorsten Benning“, sagt Christoph Clöser. Doch das durchdachte Streicheln der Becken, die einsam im Raum schwebenden Töne von Bass, Piano und Vibraphon, die melancholischen Melodielinien des Saxophons – all das addiert sich zu einer kühlen Musique Noir, die nie ins Kunstgewerbliche abrutscht. „Ein Flügel hätte zu edel und auch zu powerful geklungen“, erklärt Clöser den Sound von „Piano Nights“. „Ein Klavier ist weniger pathetisch und vor allem nicht so ernst“.

Bohren & der Club of Gore, das macht bereits der kauzige Name klar, haben durchaus Sinn für Humor. Allerdings einen, der so schwarz und existenzialistisch ist wie das Cover des Meisterwerks „Black Earth“ – schwarzer Totenkopf und schwarze Schrift auf schwarzem Grund. Die grimmig knurrende Haltung unterscheidet die Band von Ambient-Künstlern, die ein ähnliches Terrain beackern, aber viel konventioneller klingen.

Auch Mike Patton ist ein erklärter Fan der schweigsamen Mülheimer. In den USA veröffentlicht der ehemalige Sänger von Faith No More die Alben von Bohren auf seinem Label „Ipecac„- ein risikofreudiges Refugium für musikalische Querköpfe zwischen Krach und Avantgarde. Auf „Beileid“ hat er sogar selbst gesungen. „Catch My Heart“ ist im Oeuvre der Band das einzige Stück mit Gesang, die Coverversion eines Songs der Düsseldorfer Heavy-Metal-Veteranen Warlock. Die im Original von Doro Pesch gesungene Power-Ballade verwandelte sich in eine rabenschwarze  Nachtmusik. So smooth, so eindringlich, dass selbst das Schmelzen der Eiswürfel im Whisky-Tumbler als störendes Nebengeräusch auffällt. „Piano Magic“ trägt den Geist von Langsamkeit und Lakonie weiter. Die Nacht, die Lichter, die Musik. Aber keine Gemütlichkeit.

Jürgen Ziemer

Dieser Text ist am 31.1.2014 in einer leicht redigierten Fassung im Feuilleton der Süddeutschen Zeitung erschienen. Ich bleibe lieber beim Original.

Mount Fuji Doomjazz Corporation

Jetzt, wo sich die Freunde bei Facebook immer zahlreicher in lachende kleine Sonnen verwandeln, die mir ihr hilfloses „Atomkraft, nein Danke“ entgegen plärren, fühle ich bei einem Ensemble wie The Mount Fuji Doomjazz Corporation besonders verbunden. Natürlich haben sich die niederländischen Musiker diesen Namen schon vor den tragischen Ereignissen in Fukushima ausgedacht, es handelt sich um einen Ableger des Kilimanjaro Darkjazz Ensembles. Man ahnt, dass heilige Berge, Weltuntergang und düsterer Jazz (im Sinne von Bohren & der Club of Gore) hier im Zentrum des Interesses stehen.

Mal sind es zwei, dann vier, im dritten Teil sogar sieben Musiker die mit Instrumenten, wie Posaune, Cello, Violine und Elektronik gemeinsam improvisieren. Jeder Part wurde live in einem anderen Land eingespielt – Holland, Polen, Russland. Trotzdem klingt das einzige Stück des Albums „Anthropomorphic“ wie ein homogenes Ganzes, wie ein großartiges, berührendes und außerordentlich stimmungsvolles Requiem für die japanischen Katastrophenopfer. Ist jetzt natürlich eine Behauptung. Der Titel verrät, dass die Musiker menschliche Eigenschaften in anderen Existenzformen entdecken möchten. Und die Musik der Mount Fuji Doomjazz Copporation beginnt im Verlauf des Stücks wirklich wie ein Lebenwesen zu atmen, sich zu bewegen und langsam zu wachsen. In schweren, dunklen Tönen. Wie ein Geschöpf, das erwacht, sich die Augen reibt um dann seine eigene Existenz zu begreifen.

Was das jetzt mit Atomkraft zu tun hat? Es ist sicher kein Zufall, dass sich die radikalen politischen Bewegungen der Sechziger Jahre und die musikalischen Inovationen jener Zeit perfekt ergänzten: Black Panther = Free Jazz. Zwar sind auch Lena Meyer-Landrut und die Anti-Atomkraft-Sonne ein ideales Paar. Allerdings nicht als Metapher für Veränderungen, sondern im Gegenteil, als Symbol von Geborgenheit und dem trügerischen Gefühl, dass man die böse, außer Kontrolle geratenen Welt einfach weglächeln kann. Die Mount Fuji Doomjazz Corporation glaubt nicht an solche tröstlichen Formen der Selbstvergewisserung und erfindet deshalb in jeder Improvisation alles neu. Wer will kann darin Empathie, Aufbruch oder einfach Schönheit  entdecken. Mutant Jazz for Mutant People. Und was die lachende Sonne angeht – vielleicht besser den Stromanbieter wechseln.

The Mount Fuji Doomjazz Corporation: „Antropomorphic“ (Denovali Records / Cargo)