DDR

Und Christa Wolf rockt doch!

Frisch, engagiert und sexy: BROCKDORFF KLANG LABOR aus Leipzig bringen Pop und Politik endlich wieder zusammen und spielen an gegen die Fälschung der Welt

 

Pop und Politik sind ein zänkisches altes Paar, das seit Langem nur noch das Nötigste miteinander redet. Deshalb klingen Lieder vom Ende des Kapitalismus oft wehleidig und ein wenig enttäuscht. Ein paar eiserne Punkrock-Rebellen stehen auch noch auf den Barrikaden, den Mittelfinger stolz und stur emporgereckt, als wäre das alles nicht längst eingeflossen in die Werbekonzepte jugendaffiner Marken.

Das Trio Brockdorff Klang Labor formuliert Kritik deshalb lieber als Verführung: “Komm näher, wir können so nah sein”, lockt die sanfte Stimme der Sängerin. “Was du auch denkst, es ist ein Wert, nicht ein Geschenk.” Der Song heißt Festung Europa und berichtet von einer Demokratie, die sehr präzise unterscheidet zwischen innen und außen, zugehörig und fremd, die penibel prüft, ob und wem sie Asyl gewährt. “Unterteilung ist hier das Gesetz”, warnt die Sängerin und wirbt dennoch voller Empathie für offene Grenzen: “Komm näher, in die Festung Europa.” Die eher ruhige Musik spielt dazu mit einem romantisch-melancholischen Sample und angenehm kühlen Electro-Beats zwischen Kraftwerk und Berghain.

Die Fälschung der Welt, das zweite Album von Brockdorff Klang Labor, ist kraftvoll verspielter Electro-Pop – der beste, der in diesem Jahr aus Deutschland kommt. Es geht um “die Schönheit aus Strom und aus Bits”, und auf dem Cover findet sich zu jedem Song eine Fülle von Fußnoten: Zitate von so schwer über einen Kamm zu scherenden Referenzgrößen wie Michel Houellebecq, Ton Steine Scherben und, im Pop eher untypisch, Christa Wolf. Guy Debord, der Verfasser des 68er-Klassikers Die Gesellschaft des Spektakels, hat sogar einen eigenen Song bekommen.

Doch das allein wäre nur Cultural-Studies-Geklapper, würde das Album nicht so quicklebendig eigene Geschichten erzählen. 1989 handelt von der Wende in der DDR, die das Trio aus Leipzig im Teenageralter miterlebt hat. “Wir sind so frei, so frei, dass wir fallen”, singt Nadja von Brockdorff. Im Video sieht man dazu, wie drei Teenager eine Deutschland-Fahne wegwerfen, in deren Mitte ein ausgefranstes Loch prangt.

Vielleicht ist es das, was Brockdorff Klang Labor so aufregend macht: ihr anderer, ostdeutsch geprägter Blick auf die Fälschung der Welt, angetrieben von einer Musik, die klingt wie ein Update der politisch links stehenden britischen Electro-Popper Heaven 17.
Während die verbliebenen Bands des westdeutschen Diskurs-Pop und ihre Schüler an die Hochkultur andocken – oder sich in eine alles egalisierende Ironie flüchten –, benutzen die Leipziger Musiker altmodische Begriffe wie Solidarität.

Das kann man für naiv halten, doch es ist hier zugleich eine Stärke: Brockdorff Klang Labor kommen nicht stromlinienförmig gut gelaunt daher wie die Entwürfe der Major-Labels aus den Charts. Die Band ist auch nicht so kreisch-witzig und verschwurbelt wie die jüngsten Veröffentlichungen des verdienstvollen, aber bisweilen überexzentrischen Labels Staatsakt. Stattdessen versuchen die drei vom Klang Labor das Einfache, das auch im Pop so schwer zu machen ist: Die Balance zwischen elektronischer Klang-Innovation und geiler Hookline; die Verbindung aus Lebensgefühl, politischer Aussage und einer poetisch klaren Sprache. “Vorwärts und nicht vergessen”, heißt es fast ein wenig trotzig am Ende von 1989.
Brockdorff Klang Labor können die Welt auch nicht ändern, sorgen aber zumindest dafür, dass Pop und Politik wieder über gemeinsame Themen reden – frisch, engagiert und sexy.

Jürgen Ziemer



“Die Fälschung der Welt” von Brockdorff Klang Labor ist erschienen bei ZickZack/Indigo.

Aus der ZEIT Nr. 41/2012

 

You need to install or upgrade Flash Player to view this content, install or upgrade by clicking here.

 

Joggen ist auch keine Lösung

In meiner Kindheit war der 17. Juni ein gesetzlicher Feiertag, der „Tag der deutschen Einheit“. In den Zeitungen wurde dann pflichtbewusst auf das Leid der Menschen in der „sowjetisch besetzten Zone“ hingewiesen und auf ihren erfolglosen, aber mutigen Aufstand von 1953. Die Bilder dieser Revolte sind noch heute atemberaubend in der expressiven Kraft der Schwarzweiß-Bilder: Gigantische Panzer, die durch breite Trümmer-Straßen rollen, wütende Menschen, die Steine aus dem Pflaster reißen und sie entschlossen gegen die heranrollenden Maschinen des Unrechts-Staats schleudern. David gegen Goliath. Menschlicher Überlebenswille gegen die Erhöhung der Arbeitsnormen. Als der Osten im Sack des Westens steckte war der Arbeiteraufstand von 1953 ziemlich schnell wieder vergessen.
Die Bilder aus Griechenland, die Proteste und Revolten gegen den verordneten Sparkurs von dem jeder weiß, dass er scheitern wird, erinnern an den 17. Juni 1953. In beiden Fällen ging/geht es um massive Lohneinbussen, um eine Verschlechterungen der allgemeinen Lebensbedingungen zum Wohle der herrschenden Ideologie. Damals war es der Stalinismus, heute ist es ein Kapitalismus, der lieber komplette Staaten bankrott gehen lässt als einzelne Banken.

Die SPEX ruft derweil zu einem Protestsong-Wettbewerb auf, als sei sie eine Schülerzeitschrift der Jusos aus Castrop-Rauxel. Natürlich, die Zeiten haben sich geändert, wir leben nicht mehr im Zeitalter des italienischen Neo-Realismus, die Ära der klassenbewussten Arbeiter, die mit gesenktem Kopf und geballter Faust durch schmiedeeiserne Fabriktore schreiten, ist längst vorüber. Die jungen Freiberufler von heute haben zwar auch kein Geld in der Tasche und noch weniger Zukunft vor Augen, aber sie haben immerhin ein iPhone und die ranzig gewordene Attitüde des Cool. Katja Kullmann, eine großartige Autorin und Freundin, hat über diese Lebenslüge das unbedingt empfehlenswerte Buch „Echtleben“ geschrieben. Ihr börsennotierter Verlag musste allerdings gestern Insolvenz anmelden. Die Interessen der Shareholder sind offensichtlich nicht die Interessen von Katja Kullmann, die nun einen großen Teil ihres Honorars abschreiben muss. Ich möchte darum mit den Worten eines unbekannten französischen Komitees schließen, das in seinem Bestseller (liegt inzwischen tatsächlich selbst in den spießigsten Buchhandlungen) „Der kommende Aufstand“ gelassen, aber selbstkritisch resümiert: „Was hat uns bloß dazu gebracht jeden Sonntag joggen zu gehen?“