Drogen

GIB GAS, ICH HAB SPASS!

Foto: Barbara Franke

In den 90ern herrschte Michael Ammer über Hamburgs Partys. Und er feiert immer noch, etwa am 5. April seinen 50. Geburtstag. Happy Birthday, sagt Jürgen Ziemer

Ist das jetzt supertoll oder doch eher total peinlich? Sonja und Sabine sind sich nicht sicher. Schüchtern saugen sie aus Strohhalmen Sekt mit Red Bull und blicken dabei verstohlen auf das wüste Treiben um sich herum. Wir schreiben das Jahr 1997 und die beiden Mädchen aus Norderstedt befinden sich im VIP-Bereich einer „Model-Party“ in der Hamburger Diskothek „Traxx“. „I like to move it, move it!, dröhnt es aus den Boxen und direkt neben Sonja wirft eine Blondine in sehr engen Klamotten die Arme in die Luft und stößt dabei den Unterleib mit voller Kraft vor und zurück. In einem Dokumentarfilm über indigene Völker würde der Moderator dieses Verhalten als eine Art Fruchtbarkeits-Tanz beschreiben. Das kann man hier ähnlich sehen. „I like to move it, move it“!!, johlt die Rapperstimme jetzt noch dringlicher, während der Beat peitscht und die Bässe heran rollen wie ein Unwetter. Jeder in diesem überfüllten Raum wirkt, als sei er soeben dabei den Verstand zu verlieren. Und inmitten des dionysischen Treibens, flankiert von zwei Frauen in atemberaubend kurzen Miniröcken sitzt der Regisseur und Veranstalter des Abends. Der Großmeister der Nacht, der Party-König von Deutschland: Michael Ammer. „Boooahhhahahah“, dröhnt das Lachen seiner Günstlinge, die mit erhitzten Gesichtern und stark geweiteten Pupillen um ihn herum toben. „Plopp“, macht die nächste Flasche Champagner und ergießt sich in die überall herumstehenden, zum Teil noch halbvollen Gläser. „Meine Gäste wollen geile Weiber um sich herum haben“, erklärt der notorisch braun gebrannte Ammer einem Fotografen. Dann greift er mit einer Hand eins der Minirock-Mädels, mit der anderen sein Glas und gibt so die klassische Pose des Schampus Michi. Der Schampus-Michi ist kein Kind von Traurigkeit – immer lustig, immer durstig und, hehehe, natürlich immer hinter den Weibern her. So erfährt man das seit Anfang der Neunziger, seit den Anfangstagen von Michael Ammers Modelnacht, aus den Boulevardmedien. Von BILD bis Taff berichten alle gern und regelmäßig von den Partys. Denn es sind nicht nur hübsche und meist ziemlich junge Nachwuchs-Models, wie Sonja und Sabine, die sich vom „Schampus Michi“ einladen lassen. Es sind auch viele Prominente unter den Gästen. Allen voran der Ammer-Spezi Dieter Bohlen, der an diesem Abend mit einer dicken Zigarre im Mund in einem Sessel lümmelt und sich dabei genau so aufführt wie man es von dem Pop-Titan erwartet. Und da hinten, der Mann mit dem leicht schwankenden Gang, der sich gerade an dem Starlett Jenny Elvers festhält – ist das nicht der gern gesehene Stammgast Heiner Lauterbach? Auch Tic, Tac, Toe und der umtriebige Ronald Schill, genannt „Richter Gnadenlos“, schauen in diesen Tagen gerne auf ein Freigetränk vorbei. Weil man sich bei Schampus Michi einfach prächtig amüsieren kann. Umgangsformen, Stil und guter Geschmack sind Nebensache.

Michael Ammer wurde am 5. April 1961 in Darmstadt geboren und man muss davon ausgehen, dass er schon bei seiner Geburt gegrinst hat – breit, zufrieden und ein bisschen selbstgefällig. Nach dem Abitur und einer Ausbildung zum Groß- und Außenhandels-Kaufmann findet der selbstbewusste Zigarrenraucher in Hamburg zu seiner wahren Berufung – dem Nachtleben. Die Grundkenntnisse eignet er sich als Barmann hinter wechselnden Tresen an. Danach wird Ammer Türsteher im Rififi, wo er lernt, wie man die guten, zahlungskräftigen Gäste von den unerwünschten Habenichtsen unterscheidet. Doch erst 1990, da ist Ammer „PR-Beauftragter“ im Club Trinity, zeigt der stets gut gegelte Mann was in ihm steckt: Mit seiner umtriebigen Art lockt er einen Musiker aus der Band von Prince in die Disko am Rande des Schanzenviertels. Natürlich verwöhnt man ihn dort, mit gut gemixten Freidrinks und aufmerksamen Mädels – und schon geschieht das erhoffte kleine Wunder: Am nächsten Tag erscheint Prince mit 20-köpfiger Entourage im „Trinity“. Drei Tage lang habe der Superstar damals gefeiert, prahlt Ammer in Interviews. Aber warum denn nicht noch länger, wollte ein naseweiser Mitarbeiter der Mopo Jahre später wissen. “ Na ja, er war scharf auf ein Kassenmädchen“, erklärt der erfahrene Party-Profi dem jungen Journalisten. „Die war 1,80 Meter groß und hübsch. Doch als sein Manager sie gefragt hat, ob sie Prince mal kennenlernen wolle, hat sie nur geantwortet, dass sie nicht auf Zwerge stehe“.
Hahaha, ob das wohl stimmt? Mit der Wahrheit geht Ammer gerne großzügig um. Der Süddeutschen Zeitung hat er einmal erzählt, Grace Jones sei nackt auf einem Schimmel durch das Trinity geritten – so wie einst Bianca Jagger durch das New Yorker Studio 54. „Und hinterher hammse der noch ihr Pferd geklaut“. Ja, ja, klar, vielleicht waren es ja die Banditen aus der nahe gelegenen Roten Flora.
Doch vermutlich würde heute niemand mehr über den „Herren der Pistenhühner“ reden, hätte er nicht diese Idee mit den Model-Partys gehabt. Die funktionierten von Anfang an nach einem sehr einfachen Prinzip: Ammer sorgt dafür, dass seine amüsierwilligen männlichen VIPs mehr Mädchen zur Verfügung haben, als sie mit beiden Händen grabschen können. Dazu werden reichlich Freigetränke serviert, die von Sponsoren wie Freixenet, Smirnoff oder Havanna Club stammen. Viel mehr braucht es scheinbar nicht: „Es gibt keine besseren Animateure als Models, die gratis saufen dürfen“, behauptet Ammer. Die Boulevard-Medien sehen das ähnlich. Zur Freude der Fotoreporter tanzten die sexy „Party-Hühner“ hier regelmäßig auf den Tischen, spritzte der Schampus quer durch den Raum und die Promis drängten sich in Scharen.

Ammers Veranstaltungen, die in wechselnden Clubs stattfanden, trafen damals perfekt den Geist der neureich boomenden Neunziger. Als alles möglich schien und sich kleine Internetfirmen auf einmal an der Börse wiederfanden. Nicht Geiz war damals geil, sondern Geld. Natürlich. Wer genug hatte, wollte es zeigen – und machte es sich bei Ammer in der VIP-Lounge gemütlich. Die anderen waren Statisten, sahen zu und träumten davon eines Tages selbst mitfeiern zu dürfen. Die Party als darwinistisches Prinzip.
Damit die Jungfrauenquelle nicht versiegt, soll Ammer anfangs noch persönlich durch Hamburger Boutiquen gestreunt sein – immer auf der Suche nach passenden Mädchen. Aber vielleicht war das ja auch nur eine Art Hobby. Denn der eigentliche Nachschub lief längst über professionelle Modelagenturen, deren Logo dafür auf Flyern, Anzeigen und Plakaten landete. Die Mädchen wurden mit freiem Eintritt und kostenlosen Drinks zufrieden gestellt, auch die Aussicht mit tollen Promis wild zu feiern war wohl verlockend. Doch wer als Frau bei Ammer zu sehr die Sau raus ließ, wurde von BILD & Co. schnell abgestraft: Eine 20-jährige, die sich auf einer Model-Party mit Dieter Bohlen einließ, musste bald darauf als „Teppich-Luder“ durch die Schlagzeilen tanzen.
Aus dem Hamburger Party-Phänomen „Schampus Michi“, wurde so der von ganz Deutschland bestaunte „Lude der Luder“. Einer, der 3000 „Pistenhühner“ in seiner Kartei hat, der mit dem Grinsen eines Haifischs in die Kameras der Paparazzi prostet und selbst im größten Exzess noch dafür sorgt, dass die Logos der Sponsoren gut zu erkennen sind. Trotzdem wollten lange Zeit alle mitmachen – oder sich darüber empören.

Doch die unschönen Vorfälle nahmen zu, das quietschvergnügte Dolce Vita bekam Risse: Schon 1995 war Ammer zu 18 Monaten auf Bewährung verurteilt worden, weil er eine 22-jährige mit Kokain betäubt und danach gefesselt und geschlagen hatte. 2001 soll er im „Wollenberg“ das Gesicht einer Ex-Freundin von Wladimir Klitschko mit voller Wucht in einen Aschenbecher gestoßen haben. Das Verfahren wurde später gegen Zahlung von 20.000 Mark eingestellt. Doch 2005 sind es dann zwei 15-jährige Nachwuchsmodels, die den Partymacher wegen sexueller Nötigung und versuchter Vergewaltigung anzeigen.
Prominente Freunde und Spezis wie Bohlen und HP Baxter machen sich seitdem rar, auch die nicht so wichtigen Hamburger haben langsam genug von dem gewalttätigen Grinser. Die „Model-Nächte“ finden jetzt immer häufiger in schlecht laufenden ostdeutschen Diskotheken statt, deren Betreiber auf starke Wiederbelebungs-Reize setzen.
Im April 2006 eröffnete dann auch noch das Amtsgericht Schwarzenbek ein Verfahren gegen den bereits angezählten Partymacher. Es ging um eine Forderung des Finanzamts Ratzeburg in Höhe von mehr als 400.000 Euro. Michael Ammer musste danach Insolvenz anmelden, ein Treuhänder verwaltet seitdem die Einkünfte seiner Firma. Es ist wie der bittere Kater nach einem langen Rausch – die Kopfschmerzen müssen enorm sein. Doch Ammer kann einfach nicht aufhören den Schampus Michi zu geben. „Viele haben mir schon vor 10 Jahren gesagt: ‚Mit 50 machst du keine Partys mehr“, erzählte er letztes Jahr einem Journalisten und bekennt: „Aber mir macht es immer noch Spaß“.
Man muss es ihm glauben. Die „Models“ lockt man bei Ammer Events inzwischen über die eigene Webseite: “ Du musst nicht alleine kommen, sondern kannst gerne 1 hübsche Freundin mitbringen“ heißt es da. Der Eintritt und die gesponsorten Drinks sind natürlich immer noch frei. Trotzdem kommen oft nicht genug Mädchen. Vielleicht weil Komasaufen heute ein anderes Image hat? „Männliche Partyfreunde“ müssen trotzdem noch 75 Euro anlegen: „Dafür gibt es einen Tisch im VIP-Bereich, Einlass sowie Getränke im VIP-Bereich frei“. Pop-Titanen und Kinostars werden sie dort keine mehr treffen.

Jürgen Ziemer

(Erschienen im Magazin des Hamburger Abendblatts, 2.4.2011)

Television Personalities

15 Minutes, Mister Warhol, 15 Minutes!

Dan Treacy und seine Band Television Personalities sind nicht tot zu kriegen. Nicht von Drogen, Misserfolg und auch nicht von Obdachlosigkeit. Das neue Album ist ein kleines Wunder

von Jürgen Ziemer

(Rolling Stone, 6/2010)

„This is where Syd Barrett lives…!“ Dan Treacy kriegt sich vor Lachen kaum noch ein. Mit einem Bier in der Hand steht er vor einem windschiefen, ziemlich bunten Kinderhäuschen aus Plastik. „Ha ha ha ha ha hah“ schallt sein gutgelauntes Meckern durch den Hinterhof eines heruntergekommenen Pubs namens „The Lion & The Unicorn“. Dazu sollte man wissen: Dan Treacy und seine Band The Television Personalities hatten vor knapp 30 Jahren einen kleinen Hit – „I Know Where Syd Barrett Lives“. Mit raunender Stimme erzählte der Songwriter da von einer Begegnung mit dem mysteriösen Pink Floyd Musiker: „He was very famous once upon a time / And no one cares even if he’s alive (we do) / But I know where he lives and I visit him / In a little hut by the edge of the wood“.
Dan Treacy ist selber eine Art Syd Barrett. Ein genialer Songwriter, ein Wunderknabe des DIY-Pop, der in der zweiten Hälfte der Neunziger komplett von der Bildfläche verschwand. 10 Jahre lang gab es weder neue Songs, noch Konzerte, keinerlei Lebenszeichen – nur Gerüchte über Heroin, Obdachlosigkeit und Knast.
Wenn man Treacy heute im „The Lion & The Unicorn“ gegenüber steht, weiß man sofort warum Freunde ihn liebevoll „Scruffy Dan“ nennen: Die krumpeligen Jeans und das fleckige Hemd haben schon seit langem keine Waschmaschine mehr gesehen, ein abgebrochener Schneidezahn erzählt von harten Zeiten, das Gesicht ist bleich und stoppelbärtig, eine speckige Wollmütze klebt trotz des frühlingshaften Wetters fest auf seinem Kopf. Doch wenn Dan Tracey lacht – und das tut er oft beim Erzählen seiner hartgekochten Schnurren – wirkt er jung und voller Leidenschaft. Dann strahlen die wasserblauen Augen und die Sätze reihen sich zu ironisch treffenden Aphorismen. So kennen und lieben ihn seine Fans: „Dan Treacy’s smile / Leaves you to trying to decide / Who’s the victim, what’s the crime“, singen MGMT in ihrer Huldigung „Song For Dan Treacy“. Und nun erscheint mit „A Memory Is Better Than Nothing“ auch noch ein Televison Personalities Album, das wieder an die großen Zeiten der Band anknüpft.

Doch wer ist dieser Typ überhaupt – zu Popstar-Ruhm hat er es ja offensichtlich nicht gebracht? Dazu müssen wir weit zurückgehen, in eine Zeit, als der Pop noch jung, unschuldig und keck war. Und der Alltag der Menschen grauer und mehr im Gleichschritt, als wir uns das heute vorstellen können. „15 Minutes, Mister Warhol, 15 Minutes!“, fordert Treacy in „The Painted Word“, einem seiner besten Songs, lautstark sein Stück vom Glück. Er sollte es bekommen.
Unsere Geschichte beginnt im Londoner Stadtteil Chelsea, wo Dan Treacy aufwuchs: „Alles, was mich an Pop interessierte passierte hier – Psychedelia, Mod, Kings Road, Carnaby Street, selbst Punk“, schwärmt er noch heute. „Meine beiden Schwestern waren sieben und acht Jahre älter als ich, echte Sixties-Girls, die genauso aussehen wollten wie Twiggy. Ihre Boyfriends waren Mods und ich liebte schon als Kind diese ganze Kultur – die Musik, die scharfen Klamotten. Während der Ferien half ich oft in der Reinigung meiner Mutter und erledigte Botengänge. In Chelsea bedeutete das – ich musste an den Türen von Popstars klingeln: „Entschuldigung, Mister Bowie, hier ist ihre Wäsche“. Es war eine so farbenfrohe Welt! Vor allem wenn man bedenkt, dass die Menschen im Norden Englands inmitten von schwarzen Wolken lebten. Vielleicht mochte ich deshalb nie die Happy Mondays, das war mir zu düster. Ich habe ein eher kindliches Gemüt“.

Als Teenager wollte Treacy unbedingt selbst ein Teil dieses Pop-Traums werden. Mit seinen Schulfreunden Joe Foster, Ed Ball, sowie John und Gerrard Bennett spielt er Coverversionen von The Who, Pink Floyd und anderen Lieblingsbands. „14th Floor“, die erste selbstgeschriebene Single der Television Personalities, wie die Band nun heißt, wird umgehend von John Peel gespielt. Doch erst die mit Ed Ball im Duo aufgenommene „Where’s Bill Grundy Now?“-EP begründet 1978 den Ruhm der TVPs. Vor allem „Part Time Punks“ war ein Meisterstück, ein furioses Spottlied auf die neueste Pop-Mode: „They play their records very loud 
/ And pogo in the bedroom 
/ In front of the mirror 
/ But only when their mums gone out“. Die Musik rumpelte und schlingerte an allen Ecken und Enden, der Gesang war eher ein munteres Grölen. Doch was die TVPs von Anfang besonders machte, war ihr Charme und ihr Hipster-Wissen: Malcolm McDowell, Oliver Reed, Mary Quant, The Jam, Rita Tushingham, Charles Manson, Andy Warhol, David Hockney – alles Figuren aus den Songs. Das Cover des Debütalbums „And Don’t The Kids Just Love It“ zierte ein Foto von David Bailey: Twiggy und John Steed aus „The Avengers“. „This is my ideal world“ singt Treacy in „My Favorite Films“ – man glaubt es gerne.

Das Band eigene Label Whaam, wo unter anderem die Karrieren der Pastels und Tracey Thorn begannen, war benannt nach einem Bild von Roy Lichtenstein. Das Management des „Last-Christmas“-Duos Wham war trotzdem empört über die Neugründung: „Sie boten mir 500 Pfund als Entschädigung an, wenn ich auf den Namen verzichte“, empört  sich Tracey noch heute. „Ich sagte Nein! Whaam schrieb sich schließlich mit zwei a und bezog sich auf ein Kunstwerk, nicht auf George Michael. Daraufhin erhöhten sie den Betrag, bis wir irgendwann bei 5000 Pfund landeten. Eine Menge Geld; deshalb gab ich nach und gründete das Label „Dreamworld“, in das ich die Abfindung steckte“.
Alan McGee war hingerissen von soviel Chuzpe und formte sein einflussreiches „Creation“-Label nach diesem Vorbild. Vor einigen Wochen erklärte der ehemalige Oasis-Manager in seinem Blog für den „Guardian“: „Ich bin kein Nostalgiker, aber der erste TVP-Gig, den ich 1982 sah, veränderte mein Leben. Die beiden Alben „And Don’t The Kids Just Love It“ und „Mummy, You’re Not Watching Me“ etablierten Treacy als britische Version von Jonathan Richman so, wie sich das ein Ray Davies vorstellen würde. Die Live-Auftritte der TVPs waren ebenfalls außergewöhnlich; holprig, schrullig, camp und exzentrisch. Er eroberte die britische Popkultur auf eine ganz eigenwillige Art, und ich folgte ihm wohin er ging“. Wenn auch nur bis zu einem gewissen Punkt, doch dazu später mehr.
Die Television Personalities waren nie eine echte Band, sondern stets Dan Treacy, plus ein paar Freunde: „Es ist wie mit The Fall und Mark E. Smith – auch wenn wir sonst kaum etwas miteinander gemein haben“. Entsprechend unterschiedlich sind die Alben, deren Klangfarben, Themen und Texte im Verlauf der Jahre dunkler und realistischer werden. Das „bright sunny smile“ der frühen Jahre verschwindet langsam aus Treacys Gesicht. Auf „The Painted Word“ spielt der dunkle Pop-Entwurf von The Velvet Underground eine ebenso große Rolle, wie Attitüde und Themen der Beatniks. „A Sense Of Belonging“ und „A Life Of Her Own“ formulieren, für viele Fans überraschend, erstmals so etwas wie Gesellschaftskritik. Das unfassbar schöne „Someone To Share My Live With“, wurde später von Jens Lekman auf Platz 10 der schwedischen Charts katapultiert. Doch nur das Original besitzt die raue Verwundbarkeit und Sehnsucht, die fast wie eine Utopie aufscheint: „I don’t want a girl who hangs on every word I say / Who shows me off to her parents over roast beef on Sunday / I don’t want a girl who thinks she has to fake / I don’t want a girl who laughs at every little joke I make / I just want someone to share my life with“.
Für Dan Treacy liegen solche Lieder heute endlos weit zurück: „Ich schreibe Songs ziemlich schnell und es ist mir schon oft passiert, dass ich gefragt habe: Was läuft da eigentlich? Und die Antwort lautet: Das bist doch du, Daniel!“.

Scruffy Dan überhaupt ein wenig unkonzentriert. Das liegt an den Drogen die er schon seit Jahrzehnten nimmt. Trotz seiner Vorliebe für Pink Floyd und Psychedelia konnte er sich allerdings weder für LSD, noch für Cannabis begeistern: „Beim Kiffen hat mich immer das aufwendige Zusammenbringen der einzelnen Komponenten gestört. Ich bin eher ein Pulver-Typ“. Als Dan gerade mal 11 Jahre alt war, mixten ihm die Mod-Freunde seiner Schwestern Speed in den Drink, um ihn loszuwerden: „Ich rannte abends um 10 wie ein Wilder durch die Straßen und dachte nur: Wow, ich fühle mich super! Erst Jahre später haben sie mir erzählt, was damals los war. Meine erste Erfahrung mit Drogen war also eher ein Zufall. Doch irgendwann fing ich an mir selber Speed zu besorgen. Der Typ, bei dem ich einkaufte, gab mir einmal ein Pulver, das etwas anders aussah und ich fragte, was ist das? Er antwortete: „Oh, Shit, Dan, das ist nicht für dich, du nimmst ja kein Heroin, oder?“ Ich sagte: „Ach, lass mal, ich will das mal probieren“. Und dann habe ich es immer wieder getan. Warum? Weil ich Probleme hatte. Probleme, Probleme, Probleme“.
In seinen Songs konnte Treacy die Realitäten des Lebens in Pop verwandeln. Selbst die traurigsten und sentimentalsten Lieder besaßen ein ironisches Grinsen, das zu sagen schien: Welcher Schauspieler sollte in einem Film über mein Leben die Hauptrolle spielen? Wer wäre ein passender Regisseur? Doch in der zweiten Hälfte der Neunziger ging überhaupt nichts mehr – weder Platten, noch Auftritte. Die Single „Now That I’m A Junkie“ ist ein morbider Abschiedsgruß vor einer langen Reise in die Nacht. Wie konnte es soweit kommen?

„Wir waren pausenlos auf Tour, pendelten zwischen Japan, den USA und Europa. Dann starben meine beiden Eltern. Das war hart, aber das Ende einer langjährigen Liebesbeziehung traf mich noch viel schlimmer. Danach verlor ich jedes Interesse an der Welt, ich hatte nichts mehr zu sagen. Alles was ging war: „Sky, blue, I love you“.
Treacy sagt, dass er über diese Dinge nicht gerne spricht. Doch er kann einfach nicht aufhören darüber zu reden und erzählt von den besetzten Häusern in denen er zunächst unterkam, bis er schließlich komplett auf der Straße landet. Die neuen Freunde, mit denen er gemeinsam Heroin drückt, wissen nichts von den Television Personalities, von „Part Time Punks“ oder „I Know Where Syd Barrett Lives“. „Ich finde Drogen nicht inspirierend. Aber sie sorgen dafür, das ich ein bisschen weniger Angst vor anderen Menschen habe und ein wenig mehr Selbstbewusstsein“, sagt er wie zur Entschuldigung.
Mehrfach wird Treacy wegen Ladendiebstahl verurteilt. Ein Coup in der CD-Abteilung von HMV sorgt dafür, dass er 2004 mehrere Monate auf einem Gefängnisschiff verbringt. Viele glauben damals, der Mann sei längst tot, man wendet sich anderen Themen zu. Erst als Dan Treacy auf der Website eines Fans eine Nachricht hinterlässt, bekommt er so etwas wie eine zweite Chance.
Alte Freunde, wie Ed Ball und Laurence Bell, der Besitzer des Labels Domino, sind erschrocken über das tragische Schicksal des Songwriters und bieten ihre Hilfe an: „Laurence gab mir ein bisschen Geld und sagte, schau mal was du damit anfangen kannst. Das Comeback-Album „My Dark Places“ erschien dann auch bei Domino – und es ist nicht schlecht geworden“, findet Dan und der fragende Unterton in seiner Stimme zeigt, dass er sich da nicht ganz sicher ist. „My Dark Places“ wirkt etwas zerrissen, doch es gibt große Momente aufrichtiger Schönheit: „Look at me now. The king has lost his crown“, singt Treacy in „Knock It All Down“ und es zerreißt einem fast das Herz. „You deserve better“ haucht die Co-Sängerin Victoria Yeulet mitfühlend dazu. Dieses Gefühl hatten wohl auch die alten Freunde Ed Ball und John Bennett, die nach 25 Jahren wieder als Television Personalities zusammenspielten. Doch auch diese Besetzung ist längst Geschichte.

Die aktuellen Mitstreiter von Treacy heißen Texas-Bob Juarez und Mike Stone. Und man kann mit ziemlicher Sicherheit sagen: Ohne diese beiden hätte es kein weiteres Album mehr gegeben. Der elegante Mike, der bis vor kurzem noch einen gut dotierten Job bei der britischen Telekom besaß, hat alle Studiokosten vorgestreckt. Er hat Treacy ein Zimmer besorgt und sich wie ein Sozialarbeiter um ihn gekümmert. Der etwas verspult wirkende Texas-Bob ist ein exzellenter Gitarrist, der in Dan das Bindeglied zu seinem Idol Syd Barrett sieht. Er war es auch, der über MySpace die Band MGMT kontaktierte. Deren Sänger Andrew VanWyngarden meldete sich schon kurze Zeit später. Es folgte eine ganze Reihe gemeinsamer Konzerte und der bereits erwähnte „Song For Dan Treacy“, auf dem neuen Album „Congratulations“ – auch musikalisch eine unüberhörbare Hommage an den Sound des Manns aus Chelsea. „Wir hoffen, dass die Leute Dan Treacy und die Television Personalities durch uns entdecken“, sagt dann auch Andrew VanWyngarden in einem Interview mit der taz. „Wir verdanken ihnen einige der besten Songs der letzten 30 Jahre“.
Dan Treacy kann sich für dieses Lob leider nichts kaufen. Er hat ja noch nicht einmal ein Konto, auch die Rechte an vielen seiner Songs hat er schon vor langer Zeit für ein Butterbrot weggeben. Vinita Joshi, die Betreiberin des Labels Rocket Girl, kümmert sich zur Zeit um seine Finanzen und die vielen Außenstände. Treacy freut sich darüber, er hat wieder Hoffung: „Wenn ich vor vier Jahren nicht Mike und Bob getroffen hätte – auf einer Syd Barrett Convention – dann würde ich heute überhaupt nichts mehr machen. Leider zogen sich die Aufnahmen zu „A Memory Is Better Than Nothing“ ziemlich lange hin – ich arbeite lieber schnell. Das Debutalbum „Don’t The Kids Just Love It“ haben wir damals in zwei Tagen eingespielt. Aber Mike und Bob sind nun mal verheiratet, sie haben eben andere Verpflichtungen, deswegen mussten wir die Aufnahmen so oft unterbrechen“. Ob er deshalb den Song „Funny He Never Married“ geschrieben hat?
Auf dem ungewöhnlich gut produzierte Album „Memory Is Better Than Nothing“ sind es oft die leisen Songs – und davon gibt es viele – die am meisten beeindrucken: „The Girl In The Hand Me Down Clothes“, „If You Don’t Want Me“, oder „Come Back To Bed“ erinnern an das Spätwerk von Jonathan Richman. „Das ist jemand, dem ich mich nahe fühle“, sagt Dan nachdrücklich, „seine Unschuld berührt mich, doch er wird daran zerbrechen.“
Eine große Überraschung ist das von Mike Stone geschriebene und wunderschön arrangierte „All The Things You Are“. Und dann gibt es ja auch noch so tolle Popsongs wie „She’s My Yoko“ und den Titelsong. Das von der Schwedin Johanna Lundström mit entwaffnender Unschuld gesungene „The Good Anarchist“ ist ein weiterer Höhepunkt – hier bewegen sich die TVPs eindeutig auf Syd-Barrett-Terrain.
„Syd Barrett war gar kein Hippie – Paul Weller schon“, stellt Scruffy Dan zum Ende unseres Treffens noch klar. Der Modfather war ja schon immer jemand, an dem sich Treacy gerne abarbeitete. Bei Konzerten sang er häufig: „I Know Where Paul Weller Lives“ und schob ein „‚cause he’s a hippie too“ hinterher. Die alte Hassliebe hat offenbar noch Bestand, denn er legt mit angewiderter Stimme nach: „Der Kerl hat fünf Kinder und zwei Häuser – er ist ein echter Profi, ein „respektierter Singer und Songwriter“. Ich möchte in meinem ganzen Leben kein „respektierter Singer und Songwriter“ sein“.
Auch wenn das Leben ihn grausam abgestraft hat – Dan Treacy will nicht ablassen, vom großen Versprechen des Pop. Und dafür lieben wir ihn noch immer. „15 Minutes, Mister Warhol, 15 Minutes!“

Jürgen Ziemer