Hamburg

GIB GAS, ICH HAB SPASS!

Foto: Barbara Franke

In den 90ern herrschte Michael Ammer über Hamburgs Partys. Und er feiert immer noch, etwa am 5. April seinen 50. Geburtstag. Happy Birthday, sagt Jürgen Ziemer

Ist das jetzt supertoll oder doch eher total peinlich? Sonja und Sabine sind sich nicht sicher. Schüchtern saugen sie aus Strohhalmen Sekt mit Red Bull und blicken dabei verstohlen auf das wüste Treiben um sich herum. Wir schreiben das Jahr 1997 und die beiden Mädchen aus Norderstedt befinden sich im VIP-Bereich einer „Model-Party“ in der Hamburger Diskothek „Traxx“. „I like to move it, move it!, dröhnt es aus den Boxen und direkt neben Sonja wirft eine Blondine in sehr engen Klamotten die Arme in die Luft und stößt dabei den Unterleib mit voller Kraft vor und zurück. In einem Dokumentarfilm über indigene Völker würde der Moderator dieses Verhalten als eine Art Fruchtbarkeits-Tanz beschreiben. Das kann man hier ähnlich sehen. „I like to move it, move it“!!, johlt die Rapperstimme jetzt noch dringlicher, während der Beat peitscht und die Bässe heran rollen wie ein Unwetter. Jeder in diesem überfüllten Raum wirkt, als sei er soeben dabei den Verstand zu verlieren. Und inmitten des dionysischen Treibens, flankiert von zwei Frauen in atemberaubend kurzen Miniröcken sitzt der Regisseur und Veranstalter des Abends. Der Großmeister der Nacht, der Party-König von Deutschland: Michael Ammer. „Boooahhhahahah“, dröhnt das Lachen seiner Günstlinge, die mit erhitzten Gesichtern und stark geweiteten Pupillen um ihn herum toben. „Plopp“, macht die nächste Flasche Champagner und ergießt sich in die überall herumstehenden, zum Teil noch halbvollen Gläser. „Meine Gäste wollen geile Weiber um sich herum haben“, erklärt der notorisch braun gebrannte Ammer einem Fotografen. Dann greift er mit einer Hand eins der Minirock-Mädels, mit der anderen sein Glas und gibt so die klassische Pose des Schampus Michi. Der Schampus-Michi ist kein Kind von Traurigkeit – immer lustig, immer durstig und, hehehe, natürlich immer hinter den Weibern her. So erfährt man das seit Anfang der Neunziger, seit den Anfangstagen von Michael Ammers Modelnacht, aus den Boulevardmedien. Von BILD bis Taff berichten alle gern und regelmäßig von den Partys. Denn es sind nicht nur hübsche und meist ziemlich junge Nachwuchs-Models, wie Sonja und Sabine, die sich vom „Schampus Michi“ einladen lassen. Es sind auch viele Prominente unter den Gästen. Allen voran der Ammer-Spezi Dieter Bohlen, der an diesem Abend mit einer dicken Zigarre im Mund in einem Sessel lümmelt und sich dabei genau so aufführt wie man es von dem Pop-Titan erwartet. Und da hinten, der Mann mit dem leicht schwankenden Gang, der sich gerade an dem Starlett Jenny Elvers festhält – ist das nicht der gern gesehene Stammgast Heiner Lauterbach? Auch Tic, Tac, Toe und der umtriebige Ronald Schill, genannt „Richter Gnadenlos“, schauen in diesen Tagen gerne auf ein Freigetränk vorbei. Weil man sich bei Schampus Michi einfach prächtig amüsieren kann. Umgangsformen, Stil und guter Geschmack sind Nebensache.

Michael Ammer wurde am 5. April 1961 in Darmstadt geboren und man muss davon ausgehen, dass er schon bei seiner Geburt gegrinst hat – breit, zufrieden und ein bisschen selbstgefällig. Nach dem Abitur und einer Ausbildung zum Groß- und Außenhandels-Kaufmann findet der selbstbewusste Zigarrenraucher in Hamburg zu seiner wahren Berufung – dem Nachtleben. Die Grundkenntnisse eignet er sich als Barmann hinter wechselnden Tresen an. Danach wird Ammer Türsteher im Rififi, wo er lernt, wie man die guten, zahlungskräftigen Gäste von den unerwünschten Habenichtsen unterscheidet. Doch erst 1990, da ist Ammer „PR-Beauftragter“ im Club Trinity, zeigt der stets gut gegelte Mann was in ihm steckt: Mit seiner umtriebigen Art lockt er einen Musiker aus der Band von Prince in die Disko am Rande des Schanzenviertels. Natürlich verwöhnt man ihn dort, mit gut gemixten Freidrinks und aufmerksamen Mädels – und schon geschieht das erhoffte kleine Wunder: Am nächsten Tag erscheint Prince mit 20-köpfiger Entourage im „Trinity“. Drei Tage lang habe der Superstar damals gefeiert, prahlt Ammer in Interviews. Aber warum denn nicht noch länger, wollte ein naseweiser Mitarbeiter der Mopo Jahre später wissen. “ Na ja, er war scharf auf ein Kassenmädchen“, erklärt der erfahrene Party-Profi dem jungen Journalisten. „Die war 1,80 Meter groß und hübsch. Doch als sein Manager sie gefragt hat, ob sie Prince mal kennenlernen wolle, hat sie nur geantwortet, dass sie nicht auf Zwerge stehe“.
Hahaha, ob das wohl stimmt? Mit der Wahrheit geht Ammer gerne großzügig um. Der Süddeutschen Zeitung hat er einmal erzählt, Grace Jones sei nackt auf einem Schimmel durch das Trinity geritten – so wie einst Bianca Jagger durch das New Yorker Studio 54. „Und hinterher hammse der noch ihr Pferd geklaut“. Ja, ja, klar, vielleicht waren es ja die Banditen aus der nahe gelegenen Roten Flora.
Doch vermutlich würde heute niemand mehr über den „Herren der Pistenhühner“ reden, hätte er nicht diese Idee mit den Model-Partys gehabt. Die funktionierten von Anfang an nach einem sehr einfachen Prinzip: Ammer sorgt dafür, dass seine amüsierwilligen männlichen VIPs mehr Mädchen zur Verfügung haben, als sie mit beiden Händen grabschen können. Dazu werden reichlich Freigetränke serviert, die von Sponsoren wie Freixenet, Smirnoff oder Havanna Club stammen. Viel mehr braucht es scheinbar nicht: „Es gibt keine besseren Animateure als Models, die gratis saufen dürfen“, behauptet Ammer. Die Boulevard-Medien sehen das ähnlich. Zur Freude der Fotoreporter tanzten die sexy „Party-Hühner“ hier regelmäßig auf den Tischen, spritzte der Schampus quer durch den Raum und die Promis drängten sich in Scharen.

Ammers Veranstaltungen, die in wechselnden Clubs stattfanden, trafen damals perfekt den Geist der neureich boomenden Neunziger. Als alles möglich schien und sich kleine Internetfirmen auf einmal an der Börse wiederfanden. Nicht Geiz war damals geil, sondern Geld. Natürlich. Wer genug hatte, wollte es zeigen – und machte es sich bei Ammer in der VIP-Lounge gemütlich. Die anderen waren Statisten, sahen zu und träumten davon eines Tages selbst mitfeiern zu dürfen. Die Party als darwinistisches Prinzip.
Damit die Jungfrauenquelle nicht versiegt, soll Ammer anfangs noch persönlich durch Hamburger Boutiquen gestreunt sein – immer auf der Suche nach passenden Mädchen. Aber vielleicht war das ja auch nur eine Art Hobby. Denn der eigentliche Nachschub lief längst über professionelle Modelagenturen, deren Logo dafür auf Flyern, Anzeigen und Plakaten landete. Die Mädchen wurden mit freiem Eintritt und kostenlosen Drinks zufrieden gestellt, auch die Aussicht mit tollen Promis wild zu feiern war wohl verlockend. Doch wer als Frau bei Ammer zu sehr die Sau raus ließ, wurde von BILD & Co. schnell abgestraft: Eine 20-jährige, die sich auf einer Model-Party mit Dieter Bohlen einließ, musste bald darauf als „Teppich-Luder“ durch die Schlagzeilen tanzen.
Aus dem Hamburger Party-Phänomen „Schampus Michi“, wurde so der von ganz Deutschland bestaunte „Lude der Luder“. Einer, der 3000 „Pistenhühner“ in seiner Kartei hat, der mit dem Grinsen eines Haifischs in die Kameras der Paparazzi prostet und selbst im größten Exzess noch dafür sorgt, dass die Logos der Sponsoren gut zu erkennen sind. Trotzdem wollten lange Zeit alle mitmachen – oder sich darüber empören.

Doch die unschönen Vorfälle nahmen zu, das quietschvergnügte Dolce Vita bekam Risse: Schon 1995 war Ammer zu 18 Monaten auf Bewährung verurteilt worden, weil er eine 22-jährige mit Kokain betäubt und danach gefesselt und geschlagen hatte. 2001 soll er im „Wollenberg“ das Gesicht einer Ex-Freundin von Wladimir Klitschko mit voller Wucht in einen Aschenbecher gestoßen haben. Das Verfahren wurde später gegen Zahlung von 20.000 Mark eingestellt. Doch 2005 sind es dann zwei 15-jährige Nachwuchsmodels, die den Partymacher wegen sexueller Nötigung und versuchter Vergewaltigung anzeigen.
Prominente Freunde und Spezis wie Bohlen und HP Baxter machen sich seitdem rar, auch die nicht so wichtigen Hamburger haben langsam genug von dem gewalttätigen Grinser. Die „Model-Nächte“ finden jetzt immer häufiger in schlecht laufenden ostdeutschen Diskotheken statt, deren Betreiber auf starke Wiederbelebungs-Reize setzen.
Im April 2006 eröffnete dann auch noch das Amtsgericht Schwarzenbek ein Verfahren gegen den bereits angezählten Partymacher. Es ging um eine Forderung des Finanzamts Ratzeburg in Höhe von mehr als 400.000 Euro. Michael Ammer musste danach Insolvenz anmelden, ein Treuhänder verwaltet seitdem die Einkünfte seiner Firma. Es ist wie der bittere Kater nach einem langen Rausch – die Kopfschmerzen müssen enorm sein. Doch Ammer kann einfach nicht aufhören den Schampus Michi zu geben. „Viele haben mir schon vor 10 Jahren gesagt: ‚Mit 50 machst du keine Partys mehr“, erzählte er letztes Jahr einem Journalisten und bekennt: „Aber mir macht es immer noch Spaß“.
Man muss es ihm glauben. Die „Models“ lockt man bei Ammer Events inzwischen über die eigene Webseite: “ Du musst nicht alleine kommen, sondern kannst gerne 1 hübsche Freundin mitbringen“ heißt es da. Der Eintritt und die gesponsorten Drinks sind natürlich immer noch frei. Trotzdem kommen oft nicht genug Mädchen. Vielleicht weil Komasaufen heute ein anderes Image hat? „Männliche Partyfreunde“ müssen trotzdem noch 75 Euro anlegen: „Dafür gibt es einen Tisch im VIP-Bereich, Einlass sowie Getränke im VIP-Bereich frei“. Pop-Titanen und Kinostars werden sie dort keine mehr treffen.

Jürgen Ziemer

(Erschienen im Magazin des Hamburger Abendblatts, 2.4.2011)

Fatih Akin

Migrant mit Hintergrund

Ein Gespräch mit dem Filmemacher Fatih Akin über  Hamburg, Gentrifizierung und seinen Film „Soul Kitchen“

Von Jürgen Ziemer

Der Hamburger Filmemacher und Produzent Fatih Akin ist der Goldjunge des deutschen Kinos: Sein Liebesdrama „Gegen die Wand“ gewann 2004 auf der Berlinale den Goldenen Bären, drei Jahre später verlieh man ihm in Cannes den Preis für das beste Drehbuch für „Auf der anderen Seite“. Und nun hat der 36-jährige mit „Soul Kitchen“ seine erste echte Komödie gedreht – und dafür prompt auf den Filmfestspielen in Venedig einen Silbernen Bären erhalten. Der Film erzählt von der Gentrifizierung in Hamburg, am Beispiel des etwas heruntergekommen Restaurants „Soul Kitchen“. Adam Bousdoukos schlittert als Wirt Zinos von einem Problem zum nächsten: Seine Freundin Nadine (Pheline Roggan) muss aus beruflichen Gründen nach Shanghai, sein kleinkrimineller Bruder Illias (Moritz Bleibtreu) sucht als Freigänger bei ihm Unterschlupf und der exzentrische neue Starkoch Shayn (Birol Ünel) vertreibt mit seinen lukullischen Kreationen die alten Stammgäste. Während Zinos überlegt, wie er den Laden los wird, um Nadine nach China zu folgen, locken Musik und die ausgefallene Speisekarte immer mehr Szene-Publikum nach Wilhelmsburg an. Das kleine Idyll im Industrie-Viertel wird zum lukrativen Spekulations-Objekt.
Ich treffe Fatih Akin in seinem Büro im Portugiesen-Viertel, direkt am Hafen. Hier hat auch die Produktionsfirma corazón ihren Sitz, die der Regisseur zusammen mit seinen Partnern Klaus Maeck und Andreas Thiel betreibt. Akin ist trotz seiner türkischen Wurzeln ein waschechter Hamburger, aufgewachsen in der Funk- und HipHop-Szene. Leidenschaftlich und mit wachen Augen erzählt er vom Kino und seiner Heimatstadt.

Ihr neuer Film „Soul Kitchen“ sollte seine Premiere ursprünglich auf dem Filmfestival in Cannes feiern. Doch der Musiker Jan Delay hatte Bedenken und Sie haben ihm geglaubt. Was war da los?
Ich wollte, dass Jan für „Soul Kitchen“ einen Song schreibt. Deshalb haben wir bei mir im Büro zusammen die Version geguckt, die eigentlich bei den Filmfestspielen in Cannes laufen sollte. Es gefiel ihm recht gut, aber er fand, der Film sei noch nicht ganz fertig.

Was hat ihn denn gestört?
Das war eine Club-Szene, in der zwei Plattenspieler geklaut werden. Während einer HipHop-Party, die wir gegen Ende der Dreharbeiten gefilmt haben. Es war sehr anstrengend und die Komparsen ziemlich jung, deshalb haben wir einen Teil nach Hause geschickt. Doch mit 12 oder 13 Leuten, die in einem Riesenraum herum stehen während HipHop läuft kann man nun mal keine Party machen. Jan hat mir wegen dieser Szene ziemlich die Leviten gelesen.

Und dann?
Dann bin ich in mich gegangen und dachte: Ja, er hat recht, eigentlich sollte ich noch an dem Film arbeiten. Also entschieden wir uns, nicht nach Cannes zu gehen. Ich habe geweint deswegen, denn wir hatten so viele Jahre darauf hin gearbeitet. Am Set hab ich immer gesagt: Mädels macht euch bereit für Cannes! Und dann hat es doch nicht geklappt.

Stattdessen haben Sie nachgedreht.
Genau. Ich fand es ohnehin nicht fair, dass man HipHop-Leuten die Plattenspieler klaut. Wenn schon, dann bei Electro-Leuten. (lacht) Den Club haben wir dann richtig voll gemacht und auch viele jungen Frauen dazu geholt. Als Jan den Film bei der Premiere gesehen hat war er begeistert.

Eigentlich sind urbane Rituale und glaubwürdige Typen ein großes Talent von Ihnen. Das zeigt auch „Soul Kitchen“, das die Schrecken einer Gentrifizierung im Zeitraffer durchspielt. Woher kommt das Interesse an HipHop-Szene und trashigen Clubs?
Clubs und Szene sind wesentliche Eckpfeiler meines Lebens: Ich war bereits mit 12 zum ersten Mal in einer Disco. Ich bin immer viel ausgegangen und eigentlich tue ich das auch jetzt noch. Aber so langsam muss man aufpassen, dass man nicht der Älteste wird. (lacht)

Stärker als alle anderen ihrer Filme stellt „Soul Kitchen“ die Stadt Hamburg und ihre Bewohner in den Mittelpunkt. Darf man das einen Heimatfilm nennen?
Beim klassischen Heimatfilm ist ja die Landschaft sehr wichtig. Ich bin allerdings ein sehr urbaner Typ – meine Heimat ist die Großstadt. Nach Ausflügen nach New York und Istanbul hatte ich jetzt das starke Bedürfnis einen Film über Hamburg zu machen. Der Hamburg-Bezug von „Gegen die Wand“ und „Auf der anderen Seite“ ist ja eher austauschbar. Ich wollte etwas machen, was den Klang der Stadt hat, was die Stadt so wiedergibt wie sie ist.

Was unterscheidet Ihr Hamburg von dem des offiziellen Stadt-Marketings?
Mein Hamburg ist nicht touristisch und es gibt immer auch einen biografischen Bezug zu Plätzen, wie dem „Mojo Club“, der „Astra Stube“, dem Frappant-Gebäude in der Großen Bergstraße. Hamburg ist eindeutig meine Heimat. Wenn man das im Kontext meiner vorherigen Filme sieht, handelten die eher von Menschen, die eine Heimat gesucht haben.

Darum geht es jetzt also nicht mehr?
Nein, meine Helden haben ihre Heimat gefunden, die wissen wo sie hingehören. Und wenn sie weggehen wollen dann sagt ihnen jetzt das Schicksal, oder der Filmemacher: Nee, bleib da! Bleib da wo du hingehörst! Ich hatte einfach das Gefühl, ich bin der Stadt noch einen Film schuldig. Mein Kumpel Adam Boudoukos, der den „Soul Kitchen“-Betreiber Zinos spielt, behauptet das sei Quatsch. Aber das stimmt nicht. Die Stadt war gut zu mir und hat mich immer beschützt.

Hat es Sie geärgert, dass viele Ihrer Filme auf das Verhältnis zwischen Deutschen und Türken reduziert wurden?
Von meiner Professorin an der HfbK, Frau Sander, habe ich gelernt: Mach Filme über das was du kennst. Deswegen habe ich die Liebesgeschichte von „Gegen die Wand“ in einem deutsch-türkischen Milieu angesiedelt. Doch eigentlich ging es mir darum zu zeigen, dass Liebe die Möglichkeit hat zu retten. „Auf der anderen Seite“ hätte genauso gut im Grenzgebiet zwischen USA und Mexiko spielen können. Dass es die Linie zwischen der Türkei und Europa ist, die im Film eine Rolle spielt, war nicht das Entscheidende.

Haben die Medien Sie falsch interpretiert?
Ich habe ein Bild gemalt, aber der Schwerpunkt der Aufmerksamkeit lag eher auf dem Rahmen. Irgendwann war ich es leid, immer nur über diesen Rahmen zu sprechen. Und wenn ich in Zukunft etwas über das Verhältnis von Deutschen und Türken erzählen will, dann werde ich entsprechende Bilder und Symbole dafür finden.

Sollte man Stammtisch-Politikern, wie Thilo Sarrazin, nicht etwas entgegensetzen?
Ich fühle mich nicht aufgefordert, dazu einen Kommentar abzugeben. Was immer ich zu diesem Thema auf dem Herzen hatte, habe ich zu Ende erzählt: In „Kurz und Schmerzlos“ waren die Helden noch Klein-Ganoven, danach spannt sich der Bogen von den Proletariern in „Gegen die Wand“ bis hin zu den Germanistik-Professoren in „Auf der anderen Seite“. Irgendwie sind wir ja angekommen in der Mitte – zumindest in meinen Filmen. Und wenn diese Filme irgendwie widerspiegeln, was dort draußen passiert, dann ist meine Reise damit zu Ende. Dann möchte ich mich anderen Themen widmen. Sarrazin ist für mich etwas Reaktionäres von gestern.

Viele der Drehorte von „Soul Kitchen“ werden bald abgerissen oder existieren schon nicht mehr – wie der legendäre „Mojo Club“. Ist Ihre Liebeserklärung an Hamburg auch eine leise Kritik an deren Konzept der „wachsenden Stadt“?
Wir haben diese Plätze ganz bewusst ausgewählt, denn der Film handelt ja auch von Gentrifizierung. Wir Hamburger reden gerne davon, dass wir eine Weltstadt sein wollen. Doch echte Weltstädte, wie Paris, Rom oder New York, kümmern sich um ihre alten Gebäude. Bei uns dagegen ist das Gewachsene vom Abriss bedroht. Das historische Gängeviertel soll verschwinden, damit holländische Investoren dort noch einen weiteren Büroturm bauen können.

Hamburg tut sich mit dieser Förderung von Immobiliengeschäften keinen Gefallen, die Kritik an diesem Vorgehen ist derzeit groß.
Ich kenne das auch aus der Türkei. Da lässt man wunderschöne Gebäude verfallen, weil das Geld nicht da ist um sie zu renovieren. Und dann kommt die Parkplatz-Mafia und zündet Feuer an. Damit die Häuser abgerissen werden können und an der Stelle ein Parkplatz entsteht. So macht die Parkplatz-Mafia Geld, in Übereinstimmung mit der Regierung.

Glauben Sie, dass es in Hamburg ähnlich zugeht?
Hamburg macht das nicht mit der Parkplatz-Mafia, sondern mit der Immobilien-Mafia. Wir haben das Haus, in dem die Hauptfigur Zinos wohnt, deshalb ganz bewusst gewählt. Das sollte nicht den Stadtteil-Folklorismus von Schanze, Altona oder St. Pauli haben. Deswegen wohnt Zinos im letzten altertümlichen Haus am Gänsemarkt, dort wo es fast nur noch Bürotürme gibt. Das Haus symbolisiert den Charakter von Zinos.

Sie selber wohnen in Ottensen. Spüren Sie den Umbruch auch in Ihrem Viertel?
Klar, da wird gerade wieder mal ein alter Bunker abgerissen, um einen Neubau hinzustellen. In unserem Altbau fallen mir deshalb die Heizungen von den Wänden und das Gebäude kriegt Sprünge. Die verantwortungslose Politik, die diese Stadt ihrem kulturellen Erbe gegenüber betreibt, ist wirklich traurig.

Das Restaurant von Zinos, an dem Sie die Folgen der Gentrifizierung zeigen, liegt allerdings nicht im vertrauten Ottensen, sondern im südlich der Elbe gelegenen Wilhelmsburg. Einem heruntergekommenen Industrie-Viertel, dass seit einiger Zeit mit städtischen Geldern und Konzepten aufgewertet werden soll.
Mir hat die Idee gefallen, dass der Held auf der anderen Seite der Stadt lebt und zur Arbeit über den Fluss pendeln muss. Diese Überquerung macht das Ganze visuell. Ich habe aber auch Freunde, die ein Cafe eröffnen wollten und denen die Mieten in der Schanze oder in Altona zu teuer waren. Die sind dann nach Wilhelmsburg gegangen, wo es deutlich billiger ist.

Die Klientel dort – und das sieht man ja auch sehr schön an „Soul Kitchen“ – ist aber zunächst einmal eine andere. Malocher und Biker, statt Hipster und Szene-Typen.
Ja, aber diese Bevölkerungsstruktur wird sich schnell ändern. In Ottensen hat die Gentrifizierung längst stattgefunden, da kann man kein Vorher mehr zeigen.

Der Immobilienmakler in „Soul Kitchen“ ist kein Klischee-Typ im Nadelstreifenanzug, sondern ein alter Kumpel von Zinos. Ein Fiesling in Parka und schmal geschnittenem Szene-Anzug. War das Absicht?
Als ich eine Wohnung gesucht habe, habe ich viele solcher Typen getroffen, die einen auf hip machen, aber eigentlich die letzten Idioten sind. Und ein bisschen so war die Figur angelegt. Manchmal trifft man ja auch Leute von früher: Und was machst du so? Ach, du verkaufst jetzt Immobilien… Ach, du bist jetzt Finanzberater…

Das Essen spielt in „Soul Kitchen“ eine wichtige Rolle: Gleich in der ersten Szene fragt man sich, ob Zinos da Reste wegwirft, oder tatsächlich aus diesen ekligen Zutaten eine Mahlzeit kocht. Ist gutes Essen überschätzt?
Der Mainstream ist an gutem Essen scheinbar nicht interessiert. Adam hat ja früher in Ottensen das griechische Restaurant „Sotiris“ betrieben, da wollten die Leute auch immer nur den üblichen Schrott. Alle Verbesserungen wurden nicht angenommen. Das hat uns wirklich irritiert.

Für einen Regisseur ist Essen ein sinnliches Thema, interessieren Sie sich dafür?
Ja, ja, auf jeden Fall. Ich glaube, der Mensch braucht zum existieren nichts anderes als Essen und Sex. Diese Form von Kommunikation in einen Film einzubauen ist sehr reizvoll: Sex ist visuell und Essen ist visuell. Aber auch die Fernsehköche haben uns gereizt: Tim Mälzer, Jamie Oliver und wie sie alle heißen. Die kochen überall, doch keiner der Zuschauer kocht mit, die sehen das nur im Fernsehen. Das wollten wir auch ein bisschen durch den Kakao ziehen, mit einer Figur wie dem Koch, den Birol Ünel spielt.

In einer grandiosen Szene schält Ünel Fischstäbchen aus ihrer Panade und zaubert mit ein paar Resten daraus ein 48 Euro-Gericht. Womit wir beim großartigen, temporeichen Humor des Films wären: Was bringt Fatih Akin zum Lachen?
Das meisten Komödien die in Deutschland produziert werden finde ich nicht witzig. Die Masse der Zuschauer allerdings schon, das ist wohl wie mit dem Essen. Ich will jetzt nicht sagen, dass mein Humor qualifizierter ist, aber was mich zum Lachen bringt, sind Leute wie Woody Allen. Urkomisch finde ich auch das Trockene, betont Coole von Jim Jarmusch. Die Coen-Brüder, Billy Wilder – ich mag den jüdischen Humor der aus Amerika kommt.

Also vor allem die sicheren Sachen…?
Nein, ich mag auch Klamauk: Adriano Celentano, Louis De Funès und Bud Spencer, vor allem die deutschen Synchronisationen davon, damit bin ich aufgewachsen. Das hat mich zum Lachen gebracht, meine Eltern und auch meine Freunde.

Mögen Sie auch Chaplin?
Das ist Elvis! Das ist der King, der King of Comedy. Bei einem von Ari Kaurismäki kuratierten Festival lief in einem Zirkuszelt eine restaurierte Fassung von „Goldrausch“, begleitet von einem Orchester aus Tallinn. Das  war eins der schönsten Kinoerlebnisse die ich je hatte.

In Ihren Filmen gab es schon immer komische Szenen, aber warum hat es so lange gedauert, bis Sie mit „Soul Kitchen“ Ihre erste richtige Komödie gedreht haben?
Ich hab mich nicht getraut. Jeder Film hat auch eine eigene Seele und sagt Bescheid, wenn die Zeit reif ist: „Gegen die Wand“ habe ich gemacht, als ich sehr wütend war. „Auf der anderen Seite“ entstand in einer sehr nachdenklichen Phase. Doch danach wollte ich einfach mal qualifizierten Quatsch machen. Ich hab all meine Filme gerne und von Herzen gemacht. Aber ich spürte auch wie sehr ich Sklave meines Erfolges wurde. Seit „Gegen die Wand“ bediene ich einen internationalen Markt, „Soul Kitchen“ war da ein Risiko.

Weshalb?
Vielleicht weil es deutscher Humor ist? Ich hab mich schon gefragt: Wer lacht über so was außerhalb von Stade? Egal, ich wollte diesen Film machen!

Zum Glück. Bei den Filmfestspielen in Venedig hat „Soul Kitchen“ den „Großen Preis der Jury“ gewonnen.
Was mich sehr erleichtert hat. Ich hatte immer gehofft, dass das so ausgeht, aber wissen kann man das vorher nicht.

Es hat eine große Selbstverständlichkeit, wie in diesem Film Griechen, Deutsche und andere Menschen aus Einwandererfamilien ihr Leben meistern. Was zählt, ist die Tatsache, dass man miteinander auskommen muss. Und das ist ein sehr internationales Thema, oder?
Ich glaube, diese Figuren sind so international, weil sie so lokal sind. Es gibt doch diesen Spruch: The more local, the more international. Das stimmt. Wenn ich einen chinesischen Film sehe, dann möchte ich ja etwas erfahren über China. Wenn das austauschbar ist, finde ich es uninteressant. Und letztendlich ist „Soul Kitchen“ auch ein sehr deutscher Film. Es geht nicht um Außenseiter und Randexistenzen, sondern um einen urbanen Kontext: Hans Albers, La Paloma und die Figuren des Films vermitteln etwas spezifisch Hamburgerisches. Mir war nicht klar, dass die Leute auch neugierig auf Deutschland sind.

Die durchweg tollen Schauspieler haben auch viel dazu beigetragen. Das sind keine Knallchargen, sondern komplexe Charaktere mit eigenen Geschichten. Wie funktioniert bei Ihren Produktionen das Casting?
Vieles ist intuitiv. In diesem Fall war klar, dass Adam Bousdoukos im Mittepunkt steht: Er hatte selber ein Restaurant, wir haben das Drehbuch zusammen geschrieben und ich wollte seit „Kurz und Schmerzlos“ wieder mit ihm als Hauptdarsteller arbeiten. Mit Birol Ünel war es genauso. Seit „Gegen die Wand“ wollte ich wieder etwas mit ihm machen.

Ünel ist auch dieses mal wieder toll.
Ja, ich bin ein Fan von Birol, ich liebe den irgendwie. Ich habe diesmal sowieso nach dem Best-of-Prinzip gearbeitet: Mit Adam, Birol und Moritz Bleibtreu, also all die wichtigen männlichen Schauspieler, die mich in meiner Karriere weiter gebracht haben. Dazu kamen Leute, mit denen ich schon immer mal arbeiten wollte: Udo Kier, zum Beispiel. Viele hat auch meine Frau Monique ausgesucht. Wir waren auf einer Party, als sie mich anstupst und sagt: „Guck mal, der wäre doch der richtige Immobilienhändler“, während sie auf Wotan Wilke Möhring zeigt. Und: Zack, Bumm…!

Bisher haben Sie nur von männlichen Darstellern gesprochen?
Die drei Frauenrollen zu schreiben und zu gewichten war schwieriger. Bei „Im Juli“ gab es auch drei tolle Frauen, aber damals entstand ein Vakuum, das viele Zuschauer sagen ließ: Warum geht er denn jetzt mit der Juli mit, wieso kommt er nicht mit der Türkin zusammen? Das sollte diesmal klarer sein. Und ich wollte die Zuschauerinnen nicht mit bestimmten Charakteren und Darstellerinnen provozieren: Wenn du Megan Fox als Schauspielerin hast entwickeln viele Frauen so eine Stutenbissigkeit – was ich verstehen kann.

Ach, wirklich?
Das hat meine Frau mit beigebracht. Die hat gesagt: Ey Mann, das ist ein Männer-Ding. Frauen wollen sich mit Frauen identifizieren können, im günstigsten Fall. Also habe ich zum Beispiel Catrin Striebeck besetzt Die hätte ich am liebsten in jedem Film dabei. Die Schauspieler haben diesmal sehr viel beigetragen, das ist ein echter Schauspieler-Film.

Monica Bleibtreu hat in „Soul Kitchen“ ihre letzte Rolle gespielt.
Wir wussten, dass sie krank ist, aber nicht wie schlimm es wirklich war. Es gab ein Problem mit dem Drehbuch, deshalb mussten wir die Szene mit ihr noch mal drehen. Doch wegen ihrer Verpflichtungen bei „Tannöd“ hieß es, ich muss mir eine andere Schauspielerin suchen. Da habe ich gesagt, ich bestehe darauf, das mit Monica zu machen und wenn ich nächstes Jahr im März noch drehe, ist mir scheißegal. Und dann hat es doch noch geklappt. Ich hab so sehr darauf insistiert, dass ich die Szene mit ihr am letzten Drehtag nachdrehen konnte. Und kurz darauf ist sie gestorben. Aber ich bin froh sie als witzigen und fröhlichen Menschen in Erinnerung zu haben, denn so war sie.

Ist es wahr, dass Sie ursprünglich mit Adam Bousdoukos einen Western drehen wollten?
Adam und ich haben sehr lange an „Soul Kitchen“ geschrieben und wir sind dabei auch in diverse Sackgassen gelandet. Einmal saßen wir im „Sotiris“ und überlegten, was wir stattdessen machen könnten. „Lass uns einen Piratenfilm drehen, mit modernen Piraten“, meinte Adam. Ich sagte, es sei viel zu teuer, auf dem Meer zu drehen. Dann kamen wir auf die Idee einen Western zu machen, über einen griechischen Auswanderer zu machen, der in den Zwanzigern spielt. Jemand, der eine Odyssee hinter sich hat, von der Türkei nach Griechenland und von dort bis nach New Mexico.

Das klingt spannend, wie ging es weiter?
Wir sind nach New Mexico geflogen, haben ein Auto gemietet und sind dann drei Wochen dort herumgefahren. Wir waren in verschiedenen Reservaten, denn der Held sollte etwas mit einer Indianerin anfangen. Wir waren in einer Universität für Native Americans in Albuquerque, danach in Santa Fe und an vielen andern potentiellen Drehorten. Die ganze Easy Rider Tour. Mir wurde immer klarer: Das wird teuer! Wir wollten Ellis Island in Babelsberg nachbauen. Am Ende der Reise sagte ich zu Adam: Das wird nichts. Das kriege ich mit dir in der Hauptrolle nicht finanziert, ich brauche dafür mindestens 15 bis 20 Millionen Dollar. Da brauche einen bekannten Namen. Dann war er ganz traurig und ich auch. Und was machen wir jetzt? Lass uns nach Hamburg zurückfliegen und „Soul Kitchen“ drehen. Und das haben wir dann auch gemacht.

(Veröffentlicht in Rolling Stone 12/2009)