Hologramm

STIMME OHNE KÖRPER

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Popstars müssen nicht aus Fleisch und Blut sein, jedenfalls nicht in Japan. Die virtuelle Sängerin Hatsune Miku ist dafür der beste Beweis.

Sieht so die Zukunft der Pop Musik aus? So glatt, so perfekt, so … unmenschlich? In einer riesigen Arena in der japanischen Region Kansai drängeln sich etwa 8.000 aufgekratzte Pop-Fans. Wie choreographiert schwenken sie über ihren Köpfen giftgrün fluoreszierende Leuchtstäbe: Vor und zurück, links und rechts, immer schneller, immer hysterischer. Nicht die wild rockende Band auf der Bühne entfacht diese Begeisterung, auch nicht die spektakuläre Lightshow. Was die Fans ausflippen lässt ist allein die Sängerin – ein kindliches Wesen mit ultrakurzem Minirock, hüfthohen Stiefeln und zwei endlos langen, türkisfarbenen Zöpfen. Exakt trifft sie jeden Ton, schlägt Saltos mit ihrer Stimme. Doch wenn man etwas genauer hinschaut stellt man fest: Das Mädchen ist gar kein Mädchen. Es ist ein Hologramm, eine 3-D-Projektion, ein Avatar, ein durch und durch künstlicher Popstar mit dem Namen Hatsune Miku. In Japan liegen der ewig 16-jährigen Sängerin bereits Millionen zu Füßen, in Deutschland ist sie so gut wie unbekannt. Bis auf die eingeweihten Anime-, Cosplay- und Manga-Zirkel natürlich. Aber das ändert sich vielleicht, wenn der virtuelle Popstar im August nach Hamburg kommt, zum Internationalen Sommerfestival der Kulturfabrik Kampnagel.

Nüchtern betrachtet handelt es sich bei Hatsune Miku um eine Musik-Software der Firma Crypton Future Media, ein sogenanntes Vocaloid, dessen Name „Erste Stimme der Zukunft“ bedeutet. Nach Eingabe von Melodie und Text produziert das Programm einen leicht künstlich klingenden, aber sehr überzeugenden digitalen Gesang, als Ausgangsmaterial dient die Stimme der Synchronsprecherin Saki Fujita. Eine tolle Erfindung, keine Frage. Doch 2007 interessierte sich dafür nur ein überschaubares Fachpublikum aus Profi-Musikern und Produzenten. Um die Verkäufe auch bei Normalos anzukurbeln entwarf der Comiczeichner KEI als Werbefigur ein gertenschlankes, rehäugiges Manga-Mädchen. Gekleidet in einer jener knapp sitzenden japanischen Schuluniformen, die man auch aus einschlägigen Animes kennt. Ein voller Erfolg. Hatsune Miku war plötzlich nicht mehr nur eine Software zur Klangerzeugung, sondern die bevorzugte Projektionsfläche vieler vor dem eigenen Computer dahindämmernder Nerds und Otakus. Einige entwickelten schon bald das Freeware-Programm MikuMikuDance, mit dem es möglich ist eine animierte Figur in einem virtuellen Raum zu bewegen. Hatsune Miku lernte tanzen und wurde zu einem nicht mehr zu stoppenden Phänomen. Nico Nico Douga – eine japanische Variante von YouTube – zeigt die Auswirkungen: Wer den Suchbegriff MikuMikuDance eingibt reist tatsächlich in ein bizarres Land der 1000 Tänze. Viele der geposteten Animationen sind noch etwas ungelenk und belegen eher die Freude ihrer Schöpfer an winzigen, unter Röcken hervorblitzenden Unterhöschen. Und die selbstgebastelte Musik tourt gelegentlich so hoch wie eine außer Kontrolle geratene Achterbahn. Trotzdem – oder gerade deshalb – ist das alles ein großer bunter Spaß. Kommentare werden nicht wie üblich unter dem Clip gepostet – sie laufen in greller Typografie mitten durchs Bild.

Etwa 170.000 Videos und über 100.000 Songs haben die Fans von Hatsune Miku bisher ins Internet gepumpt. Die Erfolgreichsten verkauft das zu Crypton Future Media gehörende Label Karent auch über iTunes, manche erobern sogar die Spitze der japanischen Charts. „I want you to remake me. I sing and exist only for you“, heißt es in einem dieser Lieder, die bei weitem nicht nur das klebrig-süße J-Pop-Genre bedienen. Ein lockendes „Komm, spiel mit mir!“, dem junge Japaner nur zu gerne nachkommen. Jeder Otaku träumt davon, dass Hatsune Miku bei einem der großen Live-Spektakel einmal einen von ihm geschriebenen Song singt, mit Band und vor Tausenden von anderen Fans. Und manchmal wird der Traum sogar wahr. User-Bindung, nennt man das wohl.

Aus der Software-Kampagne entstand so eine global vernetzte Fan-Community: 2.523.900 Freunde hat Hatsune Miku inzwischen allein auf Facebook. Für die Inhaber des Copyrights ist das wie ein Sechser im Lotto. Trotzdem hat Crypton Future Media die Figur unter einer Creative-Commons-Lizenz für nichtkommerzielle Zwecke freigegeben. Lasst die Kinder spielen, wird man sich in der Marketing-Abteilung gesagt haben, es bleibt ja auch so noch genug Rahm zum Abschöpfen: Google, Toyota und andere Firmen nutzen den Minirock-Avatar als Werbeträger und allein mit Merchandising generiert das Unternehmen Umsätze in Milliardenhöhe. Dreh- und Angelpunkt aller Fan-Aktivitäten ist die Seite Piapro.net, die ihren vollen Charme erst in der visuell überbordenden japanischen Version entwickelt. Hier trifft man auch die „Geschwister“ von Hatsune Miku – weitere mit Gesicht und exakten Körpermaßen (Age:14, Height: 156cm, Weight: 47kg, Color:Yellow) versehene Software-Programme, die sich vor allem durch Stimme und Stil unterscheiden. Megurine Luka bietet “a cool, moody and breathy female voice”, die sich für House angeblich ebenso gut eignet wie für Jazz. An den Erfolg des Originals konnte allerdings keiner der fünf singenden Charaktere anknüpfen. Längst ist Hatsune Miku eine Ikone des japanischen Pop.

Kein Wunder, dass sich inzwischen auch die großen Namen der Musik- und Kunstwelt für das Phänomen Hatsune Miku interessieren: Für Lady Gaga eröffnete das singende Hologramm 2014 die Konzerte der ArtPop-Tour. Pharrell Williams und der japanische Kunst-Star Takashi Murakami haben sich den Song „Last Night, Good Night (Re:Dialed)“ vorgenommen und dazu ein Video produziert, so glitzernd bunt und funky, dass es einem in den Augen brennt. Gegen dieses von sich selbst berauschte Feuerwerk wirkt die “Symphony Ihatov“ des im Mai verstorbenen Isao Tomita sehr konservativ. 300 Musiker und Sänger in blütenweißen Hemden schickte der greise Komponist und Synthesizer-Pionier dafür 2013 auf die Bühne der Oper von Tokyo – plus Hatsune Miku als animierte Solistin.

Im Rahmen der Berliner Transmediale war der „größte virtuelle Popstar der Welt“ im Februar zum ersten Mal auch in Deutschland zu erleben. Die Produzentin Laurel Halo, bekannt für ihre verschachtelten Electro-Tracks, hat die Musik zur Performance „Still Be Here“ nach einer Analyse der beliebtesten Miku-Songs komponiert. Doch die Mischung aus Film-Doku und Live-Performance wollte in Berlin nicht so recht zünden. Zu blass das Hologramm, zu blasiert das Publikum. Und trotzdem stellten sich hinterher viele der intellektuellen Checker in eine lange Warteschlange, um ein Selfie mit dem Hologramm des Stars zu ergattern.

The-End-Keiichiro-Shibuya-Miku-Hatsune

Komponist Keiichiro Shibuya und der Star seiner Oper

„The End“ ist nun die bisher anspruchvollste Auseinandersetzung mit Hatsune Miku. Im August feiert die digitale Oper des 42-jährigen Musikers und Komponisten Keiichiro Shibuya – die eigentlich eher ein visuell überwältigendes musikalisches Kammerspiel ist – ihre Deutschlandpremiere. Auf der Bühne wird es dann ernster zugehen als bei den üblichen Miku-Spektakeln, mit ihren giftgrünen Leuchtstäben und Fans in Cosplay-Kostümen. Das Stück handelt von der Todessehnsucht eines digitalen Superstars. Ein morbider Dreh für ein virtuelles Geschöpf, das optisch eher ins Kinderzimmer gehört, könnte man denken. Doch letztlich ist auch Hatsune Miku nur ein Spiegelbild der Gesellschaft und damit eines jener Geisterwesen, die schon lange die japanische Kultur bevölkern. Während sich der Westen traditionell an Vernunft und Authentizität festhält, füttert man im Osten die Fantasie mit aberwitzigen Monstern und Gestaltwandlern. Der Begriff Manga wurde bereits 1814 geprägt, von den mehrteiligen, mitunter sehr expliziten Holzschnitten des grafischen Erzählers Katsushika Hokusai. Auch „The End“ lebt von einer schwer zu fassenden, geradezu unheimlichen Atmosphäre. Daran ändert auch der niedliche dicke Hase nichts, der Hatsune Miku zur Seite steht. Die sehr abstrakte elektronische Musik von Keiichiro Shibuya orientiert sich an Kollegen wie Oneohtrix Point Never oder Carsten Nicolai, ist also deutlich weiter als nur auf der Höhe der Zeit. Das gilt auch für die virtuelle Garderobe des digitalen Popstars: Marc Jacobs und die Designer von Louis Vuitton haben sich der Sache angenommen und tatsächlich sah Hatsune Miku noch nie so elegant aus. Ein smarter Marketing-Coup, keine Frage, aber er zeigt auch die Bedeutung der Figur als Projektionsfläche für Sehnsüchte und künstlerische Visionen. Keiichiro Shibuya hat in „The End“ den Tod seiner Frau Maria verarbeitet, was die düstere Atmosphäre erklärt. Außer dem Komponisten, der den digitalen Bildersturm auf der Bühne an Computer und Keyboard begleitet, gibt es keine Mitwirkenden aus Fleisch und Blut. Und selbst Shibuya ist gefangen in der abstrakten Projektion eines Sargs, während um ihn herum die Welt in grellbunten Pixeln explodiert.

In seinem Film „Her“ ging der Regisseur Spike Jonze der interessanten Frage nach, ob es in einer nahen Zukunft möglich ist, sich in das Betriebssystem des eigenen Computers zu verlieben. Aber ja, lautete die Antwort, so lange das System seinem Besitzer treu bleibt, immer und jederzeit für ihn da ist. Hatsune Miku funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip. Auch sie, die unsterbliche Schöne, ist letztlich Eigentum ihrer Fans, die mit ihr tun können was sie wollen. Sicher wird es bald auch eine Oculus-Rift-Version geben, mit vielen tollen neuen Features. Doch letztlich geht es gar nicht um Hatsune Miku – oder einen der anderen real oder virtuell existierenden Popstars. Es geht vor allem um uns, die Konsumenten, und unser Bedürfnis den eigenen Narzissmus zu spiegeln, indem wir uns kreativ und frei fühlen. Der Rahmen und die Regeln sind dabei längst gesetzt, was bleibt ist allein das Ausmalen der weißen Flächen und Felder. In dieser Hinsicht besteht zwischen Facebook und Crypton Future Media kaum ein Unterschied – jeder Hatsune-Miku-Song, jedes Video muss der Firma zur Freigabe vorgelegt werden. Obszönitäten, radikale Inhalte oder sonstige Überschreitungen der strengen japanischen Moral werden selbstverständlich nicht toleriert. Der Pop der Zukunft, so scheint es, erzählt nicht mehr von Selbstermächtigung, Rebellion und der Beziehung zu anderen realen Menschen. Er schickt uns in eine kunterbunte, quietschvergnügte Spielhalle.

Jürgen Ziemer

Erschienen in Rolling Stone 8/2016