Hyperdub

„Es ist kompliziert“

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Fatima Al Qadiri erlebte als Kind in Kuwait die Invasion des Irak, mit elf stand sie auf Gangster-Rap. Eine dunkle Stimmung prägt ihre elektronischen Tracks bis heute

Fatima Al Qadiri ist hipper – aber auch kapitalismuskritischer –, als die Polizei erlaubt: Als bildende Künstlerin gehört sie zum Umfeld des New Yorker Kollektivs DIS, den Kuratoren der diesjährigen Berlin Biennale. Als Musikerin veröffentlicht die 35-Jährige auf dem Londoner Label Hyperdub, wo am 4. März ihr zweites Album Brute erschienen ist.

Beim Interview in einem altmodischen Café in Berlin-Mitte gibt sich die aus Kuwait stammende Künstlerin gutgelaunt und strahlt dabei eine fast aristokratische Anmut aus. Im Januar zog sie aus New York hierher. Ihr Jeans-Springerstiefel-Sweatshirt-Outfit wirkt auf edle Weise schlicht und passt in die Kunstszene beider Städte. Ihre Antworten sind ausführlich, manchmal geradezu episch, gelegentlich unterbrochen von einem herzhaften Lachen. Man könnte ihr stundenlang zuhören.

Das Cover von „Brute“ zeigt einen Teletubby im Kampfanzug der Polizei. Was soll uns das Bild sagen?

Fatima Al Qadiri: Es ist ein Detail aus Josh Klines Installation Freedom. Wie ihm geht es auch mir um die Infantilisierung der Beziehung zwischen Polizei und Bürgern – vor allem in den USA. Wir sollen mit Polizisten kommunizieren wie Fünfjährige mit einem Erwachsenen.

Deutsche kennen diese demütigende Situation aus vielen amerikanischen Filmen.

Ja, aber es ist die Realität: Sandra Bland, eine schwarze amerikanische Frau, wurde in Texas angehalten, weil sie beim Abbiegen vergaß zu blinken. Ein Verstoß gegen die Verkehrsregeln, nicht gegen das Gesetz. Weil sie einen schlechten Tag hatte, konnte sie nicht jenen respektvollen Ton anschlagen, den Polizisten erwarten. Deshalb nahm man sie mit zur Polizeistation – drei Tage später war Sandra Bland tot. Selbstmord in der Gefängniszelle. „Frechheit“ kostete sie das Leben. Für den Staat und seine Vollzugsbeamten sind wir nicht einfach nur Kinder – wir sind ungezogene und freche Kinder.

Die Musik von „Brute“ ist dunkler und verzweifelter als alles, was man bisher von Ihnen und Ihrem Label Hyperdub gehört hat. Im Track „Endzone“ kombinieren Sie dröhnende Trommelschläge mit den Stimmen und Geräuschen einer aufgebrachten Menschenmenge. Ging es Ihnen bei diesem Album um die Vision eines zu Ende gedachten Kapitalismus?

Ja, auch. Der alte Kapitalismus war ausdrücklich autoritär, heute ist er eher leise und einvernehmlich autoritär. Die Brutalität findet hinter den Kulissen statt. In weit entfernt ausgelagerten Fabriken, oder in Gefängnissen, die sich zwar noch im Inland befinden, aber im Nirgendwo.

Woher stammen die Stimmen, Sounds und Samples?

Das Sample aus Endzone habe ich aus einer Live-Reportage über die Vorfälle in Ferguson. Im Track Power spricht ein weiblicher LAPD-Sergeant darüber, warum sich die Polizei so verhält, wie sie es tut. Sie verwendet dabei den Begriff „circling the wagons“, eine Wagenburg bilden, und sieht das als politische und physische Strategie. Wo immer es nötig ist, versammelt die Regierung ihre Truppen. Polizisten sind moderne Söldner, ich bin immer sehr vorsichtig, wenn ich über meine Herkunft spreche.

Sie sind in Kuwait aufgewachsen – welche Erinnerungen haben Sie daran?

Dazu muss ich weiter ausholen: In den 1950ern war Kuwait City noch eine typische befestigte arabische Stadt – außerhalb der Mauern war nichts. Dann entschieden britische Planer und der Herrscher von Kuwait, die Stadt in einen Finanzplatz zu verwandeln, eine arabische Wal Street. Diese Entscheidung zerstörte ein Stück Identität, das unwiederbringlich ist: Man zahlte allen Bürgern Geld, damit sie in neu entstandene Fertighäuser in die Suburbs zogen, in Viertel, die keine Namen hatten, son-dern A, B, C und so weiter hießen. Die zweite Zerstörung Kuwaits kam 1990 durch die Invasion des Irak und den darauf folgenden Krieg. Meine Kindheit endete damals von einem Tag auf den anderen – ich war neun Jahre alt.

Und wie ging Ihr Leben nach dem Krieg weiter?

Ich hatte Glück, bei mir um die Ecke gab es einen Laden namens The Video Club. Die verkauften die irrste Musik aus UK und den USA, alles Raubkopien. So lernte ich Gangster-Rap kennen – mit gerade mal elf Jahren! Vor meiner Geburt, in den 70ern, hatte Kuwait noch eine goldene Ära erlebt: Alkohol war halb legal, es existierten Clubs und Bars. Anfang der 80er wurde das alles verboten, heute findet ein Nachtleben höchstens noch im Underground statt. Popkonzerte sind total selten, denn um aufzutreten, braucht man eine Erlaubnis. Es ist alles sehr kompliziert.

Zur Person

Fatima Al Qadiri, 35, wurde als Diplomatentochter in Dakar geboren, zwei Jahre später ging die Familie zurück nach Kuwait. Mit 17 zog sie in die USA, in New York etablierte sie sich als Künstlerin und Musikerin. 2014 sorgte ihr Album Asiatisch für Aufsehen. Sie ist Teil des Bandkollektivs Future Brown und als Teil der arabischen Künstlergruppe GCC auf der diesjährigen Berlin Biennale vertreten.

Wie ist Ihr persönliches Verhältnis zum Islam? Unter dem Namen Ayshay haben Sie vor einigen Jahren muslimische A-cappella-Songs interpretiert.

Ich liebe religiöse Musik, egal von welchem Glauben sie inspiriert ist. Die Hingabe der menschlichen Stimme an eine höhere Macht hat etwas Faszinierendes: Man verlässt den Körper und verbindet sich mit dem Universum. Die Songs von Ayshay handeln allerdings auch von meinen persönlichen Ängsten, die ich in eine Beziehung setze zu den religiösen Hymnen der Dschihadisten, die ausschließlich a cappella gesungen werden. In Shaytan bitte ich Gott um Schutz vor der Macht Satans. Muslime beten das, wenn sie sehr große Angst haben – auch ich. Für mich ging es darum, die Angst auszuagieren, das Wort Shaytan auszusprechen. Ich fürchte mich nicht vor dem englischen Wort Satan, aber ich fürchte mich vor Shaytan.

Das klingt jetzt aber schon so, als ob der Glaube in Ihrem Leben eine Rolle spielt.

Es ist leider kompliziert. Sie wissen, was Leuten aus meiner Ecke der Welt passiert, wenn sie öffentlich über Religion reden.

Sie setzen sehr viele Schwerpunkte: Die EP „Desert Strike“ stellte eine Verbindung her zwischen Computerspielen und persönlichen Erinnerungen an den Golfkrieg. „Asiatisch“ thematisierte den westlichen Blick auf ein imaginäres China.

Wenn Sie sich meine Arbeit anschauen, auch die visuellen Sachen, basiert alles auf einer Art Erzählung. Meine Mutter schrieb Romane und Kurzgeschichten, meine Großmutter war eine große Geschichtenerzählerin. Ich komme aus einer Familie von Storytellern, das steckt in mir drin. Auch in meiner jüngeren Schwester Monira, die ebenfalls Künstlerin ist. Wir genießen die Vorstellung, dass Kunst Geschichten erzählt und nicht einfach in einem abstrakten Vakuum lebt.

Ein Erkennungszeichen Ihrer Musik sind minimalistische Akkordfolgen in Moll. Woher kommt diese Vorliebe?

Es liegt daran, dass ich in einer sehr düsteren Lebenssituation anfing, Musik zu machen – während der Invasion des Irak in Kuwait. Meine Schwester und ich durften damals lange Zeit die Wohnung nicht verlassen. Diese dunkle Grundstimmung verbindet meine gesamte Musik.

Heute gehören Sie mit Laurel Halo und Holly Herndon zu den innovativsten Elektro-Musikerinnen. Warum gibt es überhaupt plötzlich so viele weibliche Produzenten?

Wegen der Technologie. Wenn man früher als Produzentin bei einem Plattenlabel vorgesprochen hat, war die Antwort meist so etwas wie: „Wackel lieber mit deinen Titten, Mädchen.“ Heute produzieren die Mädchen ihre Musik zu Hause und laden sie anschließend ins Internet. Erst dann machen sie Verträge mit kleinen Labels, die es nicht nötig haben, Frauen als Objekte zu verkaufen. Ich wollte schon immer Komponistin und Produzentin werden, weil das mehr Würde hat und ich mich nicht sexy zurechtmachen muss. Darüber bin ich sehr glücklich. Wenn Sie also sagen: Es gibt heute eine ganze Menge weiblicher Produzenten, dann antworte ich: Es sind noch immer nicht genug!

Veröffentlicht in der Freitag 09/16.

DER ANDERE BLICK

Fatima Al Qadiri

Das Debütalbum der Konzeptkünstlerin Fatima al Qadiri enttarnt die Welt als Raubkopie ihrer selbst.

Sie ist der Marktplatz der Gegenwart, ein von Firmen und privaten Sicherheitskräften kontrollierter Ort der Begegnung. Die Shoppingmall. Sinn für Romantik hat sie nicht. Fatima al Qadiri ist das egal. Die Musikerin und Konzeptkünstlerin ist davon überzeugt, dass alle wichtigen Trends in Malls entstehen. Hier schärfen Teenager ihr Profil, formt sich ein Bild der Welt. Etwa in den Shoppingtempeln von Kuwait, wo die 33-jährige Diplomatentochter aufgewachsen ist. Ihre Großeltern lebten noch in einer Lehmhütte und holten das Wasser aus dem Brunnen. Für die junge Fatima war die Mall deshalb ein Ort der Freiheit und der Teilhabe.

Fatima al Qadiri ist selbst so etwas wie eine Shoppingmall: Ihre Performances, Fotografien und Musikstücke funktionieren wie Schaufenster, sie zeigen die mitunter höchst ambivalenten Facetten eines enorm beschleunigten Kapitalismus. Vor einigen Monaten untermalte die Musikerin die Präsentation der Herbst-/Winter-Kollektion des französischen Designerlabels Kenzo: Die avantgardistisch verpackten Models wirkten wie Androiden, die zu den futuristischen Klanggebilden der Musikerin ein seltsam unterkühltes Ballett aufführten.

Vor einigen Wochen ist Fatima al Qadiris Debütalbum erschienen. Es trägt den deutschen Titel Asiatisch (Hyperdub/Cargo) und handelt vom westlichen Blick auf ein imaginäres China. Die Musikerin hat sich dafür ein komplett neues Genre ausgedacht: Sinogrime – eine mit asiatischen Ingredienzien aufgeladene Variante des Hip-Hop-Subgenres Grime. Wo sonst die Gullydeckel dampfen und Rapper in breitem Cockney-Englisch die Leute erschrecken, herrscht auf Asiatisch eine modernistische Strenge. Kühl und minimalistisch klingt diese Computermusik, die fast ohne Gesang auskommt. Fatima al Qadiri vergleicht sie mit der Architektur des Brutalismus: „poetisch, aber hart und rau“. In Stücke gehackte Samples chinesischer Lyrik, der in Klänge übersetzte Futurismus der Megacity Shanghai, klassische asiatische Instrumente aus einer billigen Musiksoftware – all das spukt durch ein Album, das funktioniert wie ein elegant gestaltetes Schaufenster, an dessen Rückwand sich ein Spiegel befindet: Wir erkennen nicht nur die Dinge, die uns faszinieren, sondern auch den Blick, mit dem wir sie betrachten.


Al Qadiri hat in New York studiert und lebt seit Jahren in Brooklyn – doch ihre Perspektive ist die einer arabischen Frau. Sie trägt kein Kopftuch, sondern die androgyne Avantgarde-Mode des japanischen Designers Yamamoto. Als Künstlerin beschäftigt sie sich auf eine überspitzte, fast satirische Weise mit den Traditionen des Islams und den Konsumwelten des globalen Kapitalismus. Oft sind es aber auch eigene Erlebnisse, auf die sie zurückgreift: Die vor zwei Jahren erschienene Desert Strike-EP ist eine Reflexion über den Golfkrieg, den die Künstlerin als Neunjährige miterlebt hat. Irakische Truppen besetzten damals Kuwait, die Ölfelder brannten. Sogar tagsüber blieb der Himmel schwarz, durchzuckt von den grün fluoreszierenden Linien amerikanischer Flugabwehr-Granaten. Ein apokalyptisches Szenario, das sich bereits ein Jahr nach dem Ende des Kriegs in ein Computerspiel verwandelt hatte: Desert Strike: Return To The Gulf wurde ein Kassenschlager, den auch Fatima al Qadiri leidenschaftlich spielte. Hier, in diesem militaristischen Paralleluniversum, fühlte sie sich sicher, weil sie die Schrecken der Realität einfach wegballern konnte. Mit dem Stück Ghost Raid knüpft sie daran an und erzählt mit Weltuntergangsbässen und gespenstischen Echos von dem Tarnkappenflugzeug Lockheed F-117 Nighthawk, das die Araber damals den „Geist von Bagdad“ nannten. Als bildende Künstlerin zeigt Fatima al Qadiri eher die friedlichen Facetten des Lebens am Golf. Der containergroße Kasten mit Reinigungstüchern, die sie 2012 als Installation für die Contemporary Art Platform Kuwait realisierte, ist ein Kommentar zum neuen Sauberkeitsfimmel der reichen Araber: In den staubigen Ländern am Golf, die ihren Reichtum dem schmutzigen Öl verdanken, steht Hygiene für Wohlstand, je sauberer, desto reicher. Im Westen weiß man noch immer sehr wenig über das Leben in den Megacitys von Kuwait oder Katar. Das arabische Kunst-Kollektiv GCC, zu dem auch Fatima al Qadiri gehört, möchte dem abhelfen und präsentiert eine bizarre Form der Selbstdarstellung.

Der Name spielt mit der englischen Abkürzung des Gulf Cooperation Council, eines wirtschafts- und sicherheitspolitischen Zusammenschlusses der sechs Golfstaaten, aus denen die neun Künstler stammen. Im Mittelpunkt ihrer überwiegend fotografischen Arbeiten steht die Bildsprache der Werbung oder die Corporate-Ästhetik großer Konzerne: Geschäftsanzüge treffen auf traditionelle arabische Gewänder, Hände werden geschüttelt, Teezeremonien zelebriert – und alles ist so glatt und grell ausgeleuchtet, als folge gleich der Jahresbericht mit den wichtigsten Firmendaten. Die wegen Menschenrechtsverletzungen kritisierten Golfstaaten erscheinen so als perfekte Einheit aus sechs spannungsfreien Staaten, als Ort von Zukunftsvisionen und Weltklassefestivals. Das Verfahren erinnert an Laibach und die Gruppe Neue Slowenische Kunst, die auf ähnliche Weise mit der Ästhetik totalitärer Systeme spielen, ohne sich dabei hinter offensichtlicher Ironie zu verstecken. Auch Fatima al Qadiri kreiert Fantasie-Dokumentationen sozialer Realitäten, in denen der Westen nicht mehr die Norm vorgibt.

So muss man auch das Album Asiatisch verstehen, das die Angst des Westens vor einer wirtschaftlichen und kulturellen Vorherrschaft des Ostens thematisiert. Ausgangspunkt war eine Zusammenarbeit mit den Künstlern von Shanzhai Biennial. Das Wort Shanzhai hat in China viele unterschiedliche Bedeutungen. Für globale Marken gibt es allerdings nur eine Definition des Begriffs: Raubkopien. Turnschuhe auf denen „Adibos“ steht, T-Shirts mit dem Schriftzug „Naik“. Und vor allem spottbillige Smartphones, die so täuschend echt aussehen, wie die falschen Apple Stores, die sie verkaufen. Was westliche Firmen empört, übt auf Künstler eine zunehmende Faszination aus. Denn nach der Logik der Kunstwelt hat der in einer geringen Auflage produzierte und mit lokalen Details modifizierte Shanzhai-Turnschuh einen höheren Wert als das millionenfach hergestellte „Original“ des Herstellers.

Auch Shanzhai, das erste Stück von Asiatisch, ist in diesem Sinn eine Produktfälschung. Eine frostige, unetikettierte Coverversion des von Sinéad O’Connor hochemotional interpretierten Tränendrückers Nothing Compares 2 U. Doch der Text, den der chinesische Popstar Helen Feng in einem Nonsens-Mandarin singt, ergibt keinen Sinn, ein Dialog findet nicht statt – selbst wenn West und Ost dieselbe Sprache sprächen. Die jahrhundertealte Tradition des geistigen Eigentums und die noch ältere Tradition der Wertschätzung durch Nachahmung stehen sich gegenüber wie zwei Boxer im Ring.

Fatima al Qadiri möchte allerdings keine Ringrichterin sein. Sie beschreibt eine Science-Fiction-Welt – glatt, geschmeidig, furchterregend in ihrer Perfektion. Es sind Perspektiven, die sie ausleuchtet. Die Welt der Zukunft, das wird nach dem Hören des beeindruckenden Albums Asiatisch klar, wird kein bunter authentischer Jahrmarkt sein, kein globales Dorf voller lustiger Musikanten. Eher ist es die Dystopie eines zu Ende gedachten Kapitalismus: die Welt als Einkaufszentrum.

Jürgen Ziemer