Interview

Wenn das Kraftwerk erzählt

Eine Ausstellung der 3-D-Installationen von Kraftwerk in München ist ein guter Grund mein Interview mit Ralf Hütter noch einmal zu lesen

 

Kraftwerk sind längst ein ähnlicher Klassiker wie die Beatles – nur digitaler. Und manchmal, wenn die Gage stimmt und auch sonst alles perfekt ist, beglückt uns das scheue Reh Ralf Hütter sogar mit ein paar Konzerten, zusammen mit seinen, nun ja, Robotern, deren Namen man seit dem Ausstieg von Florian Schneider auch nicht mehr unbedingt parat hat. So war es jedenfalls diese Woche bei drei ausverkauften Auftritten in München.
Die Städtische Galerie im Lenbachhaus in München zeigt außerdem aber auch eine Ausstellung von Kraftwerks Videoinstallationen in 3D, die vom 15. Oktober bis zum 13. November läuft: „In einer speziell für den Kunstbau entwickelten mehrkanaligen 3D-Videoinstallation wird der einzigartigen und wirkmächtigen Stellung von Kraftwerk innerhalb der Geschichte der bildenden und darstellenden Künste Rechnung getragen“.

Ein schöner Anlass, das Gespräch mit Ralf Hütter herauszukramen, dass ich vor gut zwei Jahren geführt habe. Der Kopf von Kraftwerk gilt unter Journalisten als große Herausforderung, weil er sich nur äußerst selten zu Interviews herablässt. Meist wollte er dann ausschließlich über das jeweils neue Album reden, oder noch schlimmer: über seine Rennrad-Sammlung. Das klingt zickig und exzentrisch, doch in der Realität ist der 64-jährige Düsseldorfer umgänglicher als man denkt. In Begleitung des Produktmanagers seiner Plattenfirma huscht Hütter in den Raum. Überraschend jung sieht er aus, die Haare voller als gedacht, an den Füßen ein paar Chucks. Sein Händedruck ist fest, die manchmal leicht stockende Sprache von einer rheinländischen Melodie durchsetzt.

Ab wann gab es bei Kraftwerk diesen Hang zum konzeptuellen Gesamtkunstwerk?
Eigentlich von Anfang an. Wir hatten ja viele Freunde in der Düsseldorfer Kunstszene, und schon auf dem ersten Album fand sich das Bild eines Transformators, fotografiert von den renommierten Konzeptkünstlern Bernd und Hilla Becher. Den üblichen Rock-Zirkus haben wir nie in mitgemacht. Schon sehr früh benutzten wir auf einer Kunst-Party eine Rhythmusmaschine und verließen die Bühne während die Musik weiter spielte. Wir haben dann unten dazu getanzt. In diesen Tagen wurde ja vieles wie ein Happening installiert.

Hat es Sie überrascht, dass ein so avantgardistisches Stück wie „Autobahn“ 1974 zum globalen Hit wurde?
Ja, natürlich. Wir waren überhaupt nicht bereit auf Tournee zu gehen und mussten auf die Schnelle unser Equipment zusammen hämmern. Das war im Studio ja alles ganz wild verkabelt. Wir haben das dann ein bisschen geordnet und in Pappkartons gepackt. In New York haben wir als erstes einen Road-Manager engagiert und die Pappkartons in professionelle Flight-Cases umgepackt.

Und wie war das in Deutschland?
Ursprünglich sollte es auch hier eine Kraftwerk-Tournee geben, aber als wir aus den USA zurückkamen, gab es erst mal kein Interesse mehr. Zwischen 1976 und 1981 sind wir dann praktisch überhaupt nicht mehr aufgetreten. Weil die Musik live nicht mehr umzusetzen war: Die Kabel wackelten, das Equipment fiel auseinander – technisch war das alles ein Alptraum. Wenn da ein E-Werk mal die Stromspannung veränderte ging bei uns alles rauf und runter. Eine richtige Tour haben wir erst wieder zu „Computerwelt“ gemacht. Unsere Musik war nur im Kling Klang Studio realisierbar.

Und warum?
Das Kling Klang Studio, das Florian Schneider und ich ab 1970 aufgebaut haben, ist unser Instrument: Wir spielen Studio. Man nannte uns ja auch immer „die Knöpfchendreher vom Rhein“ – das hat uns aber nicht gestört. Wir haben ja tatsächlich Köpfchen gedreht, Regler rauf und runter geschoben, Kabel eingestöpselt. In den Achtzigern kamen dann Sampler und Computer dazu, seit 2002 sind wir mit unseren Laptops mobil und können selbst im Hotel und am Flughafen arbeiten.

Das Wortspiel im Titel des Albums „Radio-Aktivität“ wurde allgemein missverstanden.
Viele unserer Alben wurden als Provokation aufgefasst, oft in unterschiedlichen Ländern. In diesem Fall ging es uns um den Science-Fiction-Gedankenschluss zwischen Strahlung und Ausstrahlung.

Man hielt Sie für Anhänger der Kernenergie.
Deshalb haben wir später auf „The Mix“ das Wort „Stopp“ mit rein genommen und den Text erweitert, weil so vieles falsch verstanden wurde. Es ging uns um die Gleichsetzung der Atomenergie mit der Welt des Radios – „strahlt Wellen zum Empfangsgerät“. Wenn man den ganzen Tag Radio hört sind die Hirne auch irgendwann verstrahlt.

Was ist das für ein Gefühl, wenn man eigentlich ein Weltstar ist, aber dabei komplett hinter seinem Werk verschwindet?
Das ist Teil unseres Konzepts. Wir beide unterhalten uns jetzt zwar, aber die Werke sprechen letztlich für sich selbst. Alles was ich hier sage, dient nur der Beschleunigung der Erkenntnis. Es war immer unser Ziel, dass sich die Musik selbst spielt, oder für sich selbst spricht: Die Autos singen, die Reifen quietschen und summen, der Wind bläst „Tour De France“. Auch der Trans Europa Express war für uns vor allem eine Klangmaschine.

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Ihre Texte bestehen meist nur aus einzelnen Worten und entfalten dennoch eine fast hypnotische Kraft.
Die Worte haben etwas von einem Mantra, sie sind Klang-Poesie und lösen einen bestimmten Zustand aus. Wenn ich eine Geschichte erzählen wollte, so wie die meisten Rockmusiker in ihren Songs, wäre ich Schriftsteller geworden. Genauso funktionieren auch die Fotos und Videoclips von Kraftwerk, das sind elektronische Skulpturen, das ist ein Film zur Musik. Musikfilm trifft die Sache eigentlich am besten. Bei einem Musikfilm gibt es Darsteller, Techniker und so weiter.

Warum beziehen sich die Themen Ihrer „Musikfilme“ ausschließlich auf deutsche oder europäische Kultur – von „Autobahn“ bis „Tour De France“?
Das hat sich schon Anfang der Siebziger so ergeben, als wir mit Tonbändern arbeiteten und über Klang reflektierten. Unsere Sprache transportiert sich rhythmisch anders als die englische und die Musik von Kraftwerk ist ja auch eine Art Ethno-Musik aus der Bundesrepublik. Wenn wir nachts durch das Rhein- und Ruhrgebiet gefahren sind, dann verbanden sich die Landschaft und Architektur zu einer ganz bestimmten Atmosphäre. „Neonlicht“ ist ein Spaziergang durch das nächtliche Düsseldorf. Das hat inzwischen fast musealen Charakter, weil es die ganzen Neon-Werbungen heute alle nicht mehr gibt.

Bei vielen Kraftwerk Alben spürt man ja auch eine gewisse Wehmut und Melancholie. Aus einer weit entfernten Zukunft scheinen Sie auf die Gegenwart der Bundesrepublik zurückzublicken. Mit „Trans Europa Express“ wurde das auch visuell im Artwork sehr schön umgesetzt.
Ja, man sieht uns da unter einem Baum am  Rhein sitzen. Doch das Foto entstand in New York und die Landschaft ist fiktiv. Es ist eine Collage, wie die Musik. Auch in unserer Musik fügen sich einzelne Klänge zu einem Gesamtbild. Emil Schult, ein Beuys-Schüler und guter Freund, hat damals viele Bilder, Motive und das Artwork für Kraftwerk entworfen.

Diese Bilder sind stark an das Cover angelehnt und haben etwas freundlich Naives…
Das war ja auch ein Traum. Wenn wir mal in Städten wie Frankfurt oder Berlin spielten, was selten der Fall war, dann fuhren wir nachts auf der Autobahn zurück. Im Radio hat man unsere Musik damals nicht gespielt, aber wie viele Musiker träumten wir davon: „Wir fahren auf der Autobahn und jetzt schalten wir das Radio an. Aus dem Lautsprecher tönt es dann: Wir fahren auf der Autobahn„. Etwas später, während unserer Amerika-Tournee, lief das auf allen Radiostationen, quer durchs Land egal wo wir waren.

Aus der Begeisterung für „Autobahn“ entstand im Detroit der späten Achtziger ein ganzes Genre das sich an der Musik von Kraftwerk orientierte. Mögen Sie Techno?
Ja, vieles davon ist fantastisch und eine Ergänzung. Bei unserer letzten Tour hat mir Derrick May erzählt, dass er damals sein Alter gefälscht hat um uns live zu sehen. Leute wie May oder Juan Atkins zu treffen, mit ihnen gemeinsam auf Festivals zu spielen, ist ein wichtiger Gedankenaustausch. Doch auch in Deutschland ist unser Konzept inzwischen verstanden worden.

War das mal anders?
In den frühen Jahren bekamen wir sehr viele negative Echos. Die Bezeichnung „Knöpfchendreher“ war ja keineswegs positiv gemeint. Auch die Behauptung, das sei ja keine wirkliche Musik, wurde in vielen Zeitungen verbreitet.

Hat Sie das gekränkt?
Nein, man muss seine Arbeit fortsetzen und darf sich nicht beirren lassen.

Dafür wurden Alben wie „Mensch-Maschine“ und „Computerwelt“ von Künstlern wie David Bowie bewundert. Alle wollten damals Kraftwerk und Ihre Roboter sehen.
Dabei waren das Schaufensterpuppen, echte Roboter hatten wir erst ab 1991. Manche Ideen dauern eben ein bisschen ehe sie sich in die Tat umsetzen lassen. Aber die Konzepte waren natürlich da. Während der Aufnahmen zu „Computerwelt“ hatten wir ja noch gar keinen Computer. Erst als das Album veröffentlicht wurde hat uns unsere amerikanische Plattenfirma einen Homecomputer geschenkt, einen Atari oder so was. Damit konnte man bei Konzerten Textbänder laufen lassen, zum Beispiel „COMPUTERWELT“. Da staunten alle, dass sich die Buchstaben bewegen.

Wird es in absehbarer Zeit ein neues Kraftwerk-Album geben?
Ja. Ich habe da verschiedene Konzepte und Drehbücher, da müssen wir jetzt dran arbeiten.

Möchten Sie zum Schluss noch etwas zum Ausstieg Ihres langjährigen Weggefährten Florian Schneider sagen?
Nein. Der hat sich auf andere Felder bewegt und das ging halt nicht mehr. Das ist ja auch schon so lange her, eigentlich ewig. Als 2008 die Meldung raus kam, war das für uns schon von vorgestern.

 

Interview: Jürgen Ziemer

Der Glanz der alten Tage



Star im eigenen Film: Lana del Rey gibt dem Pop die ganz große Pose zurück

Pop hat den Glauben an die Zukunft verloren. Es ist längst nicht mehr die Frage ob die Vergangenheit recycelt wird, sondern nur noch wie. Die Sängerin Lana del Rey hat sich dafür ein besonders reizvolles Konzept ausgedacht: „Gangsta Nancy Sinatra“ nennt sie sich ironisch und verbindet den Girl-Pop der Sechziger mit der dunklen Attitüde des HipHop. Nicht allein die Musik steht dabei im Vordergrund, sondern das Gesamtkunstwerk eines All American Popstars, die Stilisierung eines Lebens zwischen Hollywood und Trailerpark. Lana del Reys Songs klingen wie melodiesatte Klassiker, die kontroverse Inszenierung ihrer Person, als „Rich Daddy’s Girl“ und ehemalige Trailerpark-Bewohnerin, wirkt dagegen fast drastisch: Vom ersten Vorschuss ihrer neuen Plattenfirma hat sie sich die Lippen aufspritzen lassen, eine Tatsache, die im Internet seit Monaten lebhaft diskutiert wird. Auf der Seite des österreichischen Rundfunks ORF findet sich eine besonders gewagte These: „Der Verdacht liegt sogar nahe, das Gesicht wurde absichtlich „verspritzt“ – um den „dirty look“ des gefallenen Mädchens, das sich trotz aller Schicksalsschläge nicht unterkriegen lässt, noch zu verstärken“. Wo die Realität in Fiktion übergeht – bei Lana del Rey ist das eine Frage der Sichtweise.

Fast täglich postet die 24-jährige auf Facebook. Ein ganzes Jahr ihrer noch jungen Karriere lässt sich so zurückverfolgen: Zuerst jubelten die Blogs, dann die wichtigen Musikseiten, und schließlich auch seriöse Tageszeitungen wie Guardian und Observer. Mit Hilfe des sozialen Netzwerks gelingt es der Künstlerin ihr eigenes Image zu definieren, ehe die klassischen Medien ihr zuvorkommen: Eine raffinierte Mischung aus Hochkultur und Trash breitet sich so vor dem Betrachter aus; eine Welt der Bilder und Andeutungen, glamourös und todtraurig zugleich. Die Frage, ob das echt ist oder die Umsetzung eines genialen Marketing-Konzepts? – bleibt vorerst unbeantwortet.
Doch egal wie die Antwort ausfällt – die Sängerin ist immerhin seit anderthalb Jahren beim Musikkonzern Universal unter Vertrag – die Rechnung geht auf: Lana del Rey gilt vielen als Newcomerin des Jahres. Ihre Debüt-Single „Video Games“, die an diesem Wochenende offiziell erscheint, erhielt innerhalb eines Monats bei YouTube weit mehr als eine Million Klicks. „I heard that you like the bad girls Honey, is that true?“ gurrt die Sängerin mit einer Stimme zwischen Julie London und Nancy Sinatra zur hemmungslos bombastischen, aber auch tief berührenden Musik. Es gibt keinen Unterschied zwischen dem Ende einer Liebe und dem Ende der Welt – so lautet die melodramatische Botschaft des Songs, der problemlos im Abspann eines Douglas-Sirk-Films laufen könnte. Lana del Rey treibt ein elegantes Spiel mit der „Größer-als-das Leben“-Haltung des alten Hollywood. Wenn sie einen Jazz-Song singt, dann klingt das Klirren der Eiswürfel im Whiskey-Tumbler immer mit.


Bereits mit Siebzehn war Lana del Rey eine frühreife Sängerin und Songwriterin – nun möchte sie in der Lady-Gaga-Arena reüssieren. „Früher habe ich Gitarre gespielt und dazu gesungen, in kleinen Clubs in Brooklyn und der Lower Eastside. Seit ich meine Nägel habe geht das nicht mehr so gut“. Wie zum Beweis hebt Lana del Rey ihre Hände über den Tisch und präsentiert die langen türkis- und perlmuttfarbenen Fingernägel mit den winzigen Glitzer-Applikationen. Auf der Rechten thront ein mit Strass besetzter „Schlagring“ in Form eines Dollarzeichens.
Lana del Rey heißt in Wirklichkeit Elisabeth „Lizzy“ Grant, als Tochter eines erfolgreichen Unternehmers ist sie im idyllischen Wintersport-Ort Lake Placid aufgewachsen. Im Moment sitzt sie auf der Dachterrasse eines schicken New Yorker Privat-Clubs und sieht aus, als käme sie direkt vom Set eines alten Elvis-Presley-Films. Die rotblonden Haare fallen in perfekten Kurven über die Schultern, die Wimpern sind lang und Mascara-schwarz, selbst die umstrittenen Lippen wirken einfach nur … voll. Weltgewandt bittet sie den Kellner um ein paar Oliven zu ihrem Drink und zündet sich dann so selbstverständlich eine Zigarette an, als sei sie die junge Lana Turner und es gäbe in New York kein Rauchverbot. Nein, dies ist kein normales Interview, eher die Inszenierung eines Rendezvous mit einem Hollywoodstar. „Ich habe das alles nicht geplant, es gibt keinen Masterplan zu der überraschenden Resonanz auf „YouTube“, behauptet sie. „Meine Videos habe ich schon immer selbst produziert, mit iMovie auf meinem Notebook. Niemand schaute sich das an. Als „Video Games“ plötzlich 20.000 und mehr Klicks am Tag bekam hat mich das enorm verunsichert und irritiert“.

Das großartige Video zum Song ist ein sepiafarbener Traum, der an David Lynchs Tauchfahrten durch das Unterbewusstsein Amerikas erinnert: Teenager springen ausgelassen in einen Pool, Starlets stolpern betrunken kichernd über einen roten Teppich, die Lichter des alten Hollywood illuminieren eine scheinbar bessere Welt. Nur die amerikanische Fahne, die immer wieder auftaucht, wie ein altes Versprechen, hängt seltsam erschöpft am Mast. So als wollte dieses Video sagen: Das Beste ist längst vorbei und die meisten von uns haben es verpasst.
„In den Fünfziger und Sechziger Jahren war Pop so brandneu und leuchtend“, sagt Lana del Rey. Und weil auf der Musikanlage im Hintergrund gerade „I’m On Fire“ läuft ergänzt sie: „Bruce Springsteens war ebenfalls eine wunderbare Variation des amerikanischen Traums. Doch inzwischen scheint dieses Imperiums vor seinem Ende zu stehen. Es gibt nicht mehr so viel Hoffung und Optimismus wie früher, der Blick auf das Glück ist zynischer geworden. Die Popmusik reagiert darauf, indem sie die dunkle Seite des amerikanischen Traums erkundet“.
Lana del Rey findet diese dunkle Seite nicht unbedingt attraktiv, auch wenn sie den Rapper Tyler, The Creator mag und dessen suburbane Alptraum-Szenarien. Sie hängt zu sehr an den alten Glücksversprechen, ist eine konservative Romantikerin.
Den an ein schweres, etwas zu süßes Parfüm erinnernden Künstlernamen hat sie sich zusammen mit ihrem ersten Manager ausgedacht: „Lana del Rey gibt eine Richtung vor und definiert meine Musik seit ich mit 19 bei einem kleinen New Yorker Independent Label unterschrieben habe“. Zusammen mit dem namhaften Produzenten David Kahne – ein Grammy Preisträger, der vorher mit Paul McCartney, Tony Bennett, Stevie Nicks und den Strokes zusammenarbeitete – entstand 2008 das Debüt „Lana del Rey a.k.a. Lizzy Grant“.
Das Album wirkt wie eine hochkarätige Fingerübung. „Kill Kill„, „Yayo“ oder „Gramma“ besitzen zwar noch die Niedlichkeit des Indie-Pop, doch schon hier werden die Pop-Mythen Amerikas beschworen, als sei es das letzte Mal. „Brite Lites“ – ein überraschender House-Track – inszeniert die aggressive Sehnsucht einer suburbanen Hausfrau nach einem Leben wie in den Magazinen die beim Friseur ausliegen: „I’m taking off my wedding ring. Give me the bright lights“.
Doch nur drei Monate, nachdem es in den Handel gekommen war, verschwand das Album wieder vom Markt: „Wir haben uns mit dem alten Label vertraglich darauf geeinigt, das alte Album vom Markt zu nehmen um etwas Neues, Frisches zu beginnen“, sagt Ben Mawson, der Anwalt und Manager von Lana del Rey.
Das neue Management und die neue Plattenfirma haben die Sängerin davon überzeugt, dass sie genug Potential hat um zukünftig in einer anderen, viel größeren Liga zu spielen. Die nächsten Monate werden darüber entscheiden ob der Plan aufgeht. Doch die Reaktion der Facebook-Gemeinde, auf die Ankündigung einer kurzen Welt-Tournee, die Lana del Rey im November auch nach Köln und Berlin führen wird, gibt Anlass zu großen Erwartungen: „Ich versuche Tickets zu bekommen, für jedes Konzert in Europa. Egal wie weit ich reisen muss und wie lang es dauert“, schreibt ein junger Schweizer. Er wird schnell sein müssen, denn ein für Anfang Oktober angekündigtes Konzert in London war innerhalb von 30 Minuten ausverkauft.

Jürgen Ziemer

Erschienen in Die Zeit, 6. Oktober 2011

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Lana del Rey live bei Jools Holland, am 11.10.2011

 

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Auch das Video zu „Gramma“, ein Song vom unveröffentlichten ersten Album, trägt die Handschrift der DIY-Regisseurin Lana del Rey.

Das ist doch wohl Ihr Job, oder?

PJ Harvey hat mit „Let England Shake“ ein gelungenes neues Album aufgenommen. Über ihre Songs redet sie allerdings immer noch nicht gerne. Telefon-Interview mit einer verzweifelten Patriotin

Nur zu gerne wäre ich in die südenglische Grafschaft Dorset gereist um dort die reizende Polly Jean Harvey zu treffen. Die Songwriterin hätte mir dann sicher die alte Kirche gezeigt, wo sie ihr jüngstes Album „Let England Shake“ aufgenommen hat. Wir wären auf den Kirchturm gestiegen und hätten schweigend über das Meer geblickt. Doch leider zitterte England im Dezember unter Eis und Schnee. Der Flughafen Heathrow wurde geschlossen, die Reise fiel aus, das Interview musste am Telefon stattfinden. Normalerweise kein Problem, doch PJ Harvey ist in dieser Hinsicht ein wenig schwierig: Eine Mischung aus Schüchternheit, Misstrauen und grundsätzlichen Erwägungen macht es der Sängerin nahezu unmöglich sich gegenüber Journalisten zu öffnen. Ein Telefon-Interview ist da eher eine zusätzliche Hürde.

Dabei gibt es mit „Let England Shake“ ein ebenso gelungenes, wie kontroverses neues Werk zu besprechen. Nach den radikal introvertierten, fast ein wenig unheimlichen Kammerliedern von „White Chalk“ hat Polly Harvey nun ein Album über England und den Krieg gemacht. Ein faszinierender Lieder-Zyklus, der mit den Worten beginnt: „The west’s asleep. Let England shake, / Weighted down with silent dead. / I fear our blood won’t rise again„.
Wie kommt man auf solche Zeilen und warum handeln fast alle Songs von Krieg, Tod und Friedhöfen? „Das herauszufinden ist doch wohl Ihr Job, oder?“ kommt es leise, aber gar nicht mal unfreundlich aus der Telefonleitung. Polly Harvey macht eine längere Pause, vielleicht wirft sie schnell noch einen Holzscheit in den offenen Kamin ihres Cottages und sagt dann: „Ich wollte über die Welt in der wir leben schreiben. Und diese Welt ist nun mal voller Konflikte und Krieg“. Könnte man dann einige der Songs auch als Kommentar zu Englands Rolle im Irak und in Afghanistan sehen?

„Das sind sicher die Konflikte die einem momentan als erstes einfallen“, sagt die Sängerin etwas entspannter, „aber ich habe mich bei jedem meiner Alben um ein Gefühl der Zeitlosigkeit bemüht. Für mich ist Krieg ein Kreislauf der immer weiter geht. Vermutlich werden sich die Menschen so lange gegenseitig bekämpfen bis wir alle tot sind“.

In dem Song „On Battleship Hill“ beschreibt Polly Harvey die Erinnerung und Überbleibsel des Kriegs als ein kontaminiertes, verwüstetes Idyll: Noch über 80 Jahre nach der Schlacht auf der türkischen Halbinsel Gallipoli finde man dort viele Schützengräben. Ein Gefühl von Hass würde in der Luft liegen, selbst wenn es durchsetzt ist vom Duft des Thymians. „Ich war nie dort“, gibt Polly zu, „aber ich habe die Schlacht von Gallipoli sehr ausgiebig studiert. Ich wollte in dem Song die zyklische Natur des Krieges betonen, indem ich Bilder aus der Natur verwende. Krieg ist wie ein Rad, das nicht aufhört sich zu drehen: Krieg, Wiederaufbau, Krieg, Wiederaufbau und so weiter. Das liegt wohl in der menschlichen Natur, es ist die Art, wie wir uns gegenseitig behandeln.

Man könnte jetzt natürlich denken „Let England Shake“ sei ein außerordentlich deprimierendes Album. Ist es aber nicht. Zusammen mit ihren langjährigen musikalischen Begleitern John Parish, Mick Harvey und dem Produzenten Flood ist PJ Harvey ein Album von ernster, manchmal aber auch verspielter Schönheit gelungen. Die 12 Songs in einer Kirche einzuspielen war allerdings nicht geplant: „Ich wollte ursprünglich in Berlin aufnehmen, aber das hat dann nicht gepasst. In der Kirche wollten wir eigentlich nur proben, weil wir hofften die besondere Atmosphäre würde uns inspirieren. Auf den Sound des Albums hatte der Ort keinen Einfluss – das hätte ich in einem Berliner Studio vermutlich alles genauso gemacht“.
Hätte man nicht gedacht, denn „Let England Shake“ entstand weitgehend auf akustischen Instrumenten und enthält viele Elemente des Folk. Die Zeit der harschen Gitarren und emotionalen Ausbrüche ist bei PJ Harvey offensichtlich vorüber. Dafür gibt es einen sehr interessanten Umgang mit Samples und musikalischen Zitaten: In „The Words That Maketh Murder“ wird eine Zeile aus „Summertime Blues“ zitiert, die Melodie von „Let England Shake“ bedient sich bei der alten Swing-Nummer „Istanbul (Not Constantinople)“ und in “ Written On The Forehead“ findet sich ein Sample des Reggae-Klassikers „Blood and Fire„. Steckt hinter diesem spielerischen Umgang mit musikalischen Fußnoten ein Konzept?
„Nein, das ist eher organisch. Manchmal stolpere ich über Zeilen aus anderen Songs, die dann eigene Ideen inspirieren. Wenn man sich allerdings auf etwas Bestimmtes bezieht, sollte man dessen Kontext kennen, weil er dann auch in deinem Song eine Rolle spielt“.

„Let England Shake“, „The Glorious Land“, „The Last Living Rose“ – immer wieder besingt PJ Harvey ihr Heimatland in sehr poetischen Worten: „Take me back to England / And the grey, damp filthiness of ages / Fog rolling down behind the mountains / And on the graveyards, and dead sea-captains„. Ist PJ Harvey am Ende eine heimliche Patriotin? „Wie würden Sie Patriotin definieren?“ fragt die Songwriterin misstrauisch zurück. Eine Person, die ihr Land liebt, die guten wie auch schlechten Seiten sieht, dabei aber immer zu ihrer Heimat steht. Polly Harvey scheint mit dieser Antwort einverstanden: „Wir alle haben vermutlich ähnliche Erwartungen an das Land, in dem wir leben und wo wir geboren sind. Meistens ist es eine Mischung aus unterschiedlichen Gefühlen – Hass, Liebe, Enttäuschung, Dankbarkeit. All diese Dinge empfinde ich gegenüber England: Ich liebe es und ich hasse es. Ich wünschte, ich wäre woanders geboren, aber das bin ich nicht. Ich schäme mich für dieses Land und ich bin stolz darauf. Weil ich mit diesen Gefühlen ringe, schreibe ich Songs, mit denen die Menschen in anderen Ländern hoffentlich auch etwas anfangen können. Wir sind alle oft enttäuscht von unserem Heimat-Land“. Das kann man so stehen lassen. Gut, dass wir gesprochen haben.

Jürgen Ziemer

(veröffentlicht in Rolling Stone 2/11)

Fatih Akin

Migrant mit Hintergrund

Ein Gespräch mit dem Filmemacher Fatih Akin über  Hamburg, Gentrifizierung und seinen Film „Soul Kitchen“

Von Jürgen Ziemer

Der Hamburger Filmemacher und Produzent Fatih Akin ist der Goldjunge des deutschen Kinos: Sein Liebesdrama „Gegen die Wand“ gewann 2004 auf der Berlinale den Goldenen Bären, drei Jahre später verlieh man ihm in Cannes den Preis für das beste Drehbuch für „Auf der anderen Seite“. Und nun hat der 36-jährige mit „Soul Kitchen“ seine erste echte Komödie gedreht – und dafür prompt auf den Filmfestspielen in Venedig einen Silbernen Bären erhalten. Der Film erzählt von der Gentrifizierung in Hamburg, am Beispiel des etwas heruntergekommen Restaurants „Soul Kitchen“. Adam Bousdoukos schlittert als Wirt Zinos von einem Problem zum nächsten: Seine Freundin Nadine (Pheline Roggan) muss aus beruflichen Gründen nach Shanghai, sein kleinkrimineller Bruder Illias (Moritz Bleibtreu) sucht als Freigänger bei ihm Unterschlupf und der exzentrische neue Starkoch Shayn (Birol Ünel) vertreibt mit seinen lukullischen Kreationen die alten Stammgäste. Während Zinos überlegt, wie er den Laden los wird, um Nadine nach China zu folgen, locken Musik und die ausgefallene Speisekarte immer mehr Szene-Publikum nach Wilhelmsburg an. Das kleine Idyll im Industrie-Viertel wird zum lukrativen Spekulations-Objekt.
Ich treffe Fatih Akin in seinem Büro im Portugiesen-Viertel, direkt am Hafen. Hier hat auch die Produktionsfirma corazón ihren Sitz, die der Regisseur zusammen mit seinen Partnern Klaus Maeck und Andreas Thiel betreibt. Akin ist trotz seiner türkischen Wurzeln ein waschechter Hamburger, aufgewachsen in der Funk- und HipHop-Szene. Leidenschaftlich und mit wachen Augen erzählt er vom Kino und seiner Heimatstadt.

Ihr neuer Film „Soul Kitchen“ sollte seine Premiere ursprünglich auf dem Filmfestival in Cannes feiern. Doch der Musiker Jan Delay hatte Bedenken und Sie haben ihm geglaubt. Was war da los?
Ich wollte, dass Jan für „Soul Kitchen“ einen Song schreibt. Deshalb haben wir bei mir im Büro zusammen die Version geguckt, die eigentlich bei den Filmfestspielen in Cannes laufen sollte. Es gefiel ihm recht gut, aber er fand, der Film sei noch nicht ganz fertig.

Was hat ihn denn gestört?
Das war eine Club-Szene, in der zwei Plattenspieler geklaut werden. Während einer HipHop-Party, die wir gegen Ende der Dreharbeiten gefilmt haben. Es war sehr anstrengend und die Komparsen ziemlich jung, deshalb haben wir einen Teil nach Hause geschickt. Doch mit 12 oder 13 Leuten, die in einem Riesenraum herum stehen während HipHop läuft kann man nun mal keine Party machen. Jan hat mir wegen dieser Szene ziemlich die Leviten gelesen.

Und dann?
Dann bin ich in mich gegangen und dachte: Ja, er hat recht, eigentlich sollte ich noch an dem Film arbeiten. Also entschieden wir uns, nicht nach Cannes zu gehen. Ich habe geweint deswegen, denn wir hatten so viele Jahre darauf hin gearbeitet. Am Set hab ich immer gesagt: Mädels macht euch bereit für Cannes! Und dann hat es doch nicht geklappt.

Stattdessen haben Sie nachgedreht.
Genau. Ich fand es ohnehin nicht fair, dass man HipHop-Leuten die Plattenspieler klaut. Wenn schon, dann bei Electro-Leuten. (lacht) Den Club haben wir dann richtig voll gemacht und auch viele jungen Frauen dazu geholt. Als Jan den Film bei der Premiere gesehen hat war er begeistert.

Eigentlich sind urbane Rituale und glaubwürdige Typen ein großes Talent von Ihnen. Das zeigt auch „Soul Kitchen“, das die Schrecken einer Gentrifizierung im Zeitraffer durchspielt. Woher kommt das Interesse an HipHop-Szene und trashigen Clubs?
Clubs und Szene sind wesentliche Eckpfeiler meines Lebens: Ich war bereits mit 12 zum ersten Mal in einer Disco. Ich bin immer viel ausgegangen und eigentlich tue ich das auch jetzt noch. Aber so langsam muss man aufpassen, dass man nicht der Älteste wird. (lacht)

Stärker als alle anderen ihrer Filme stellt „Soul Kitchen“ die Stadt Hamburg und ihre Bewohner in den Mittelpunkt. Darf man das einen Heimatfilm nennen?
Beim klassischen Heimatfilm ist ja die Landschaft sehr wichtig. Ich bin allerdings ein sehr urbaner Typ – meine Heimat ist die Großstadt. Nach Ausflügen nach New York und Istanbul hatte ich jetzt das starke Bedürfnis einen Film über Hamburg zu machen. Der Hamburg-Bezug von „Gegen die Wand“ und „Auf der anderen Seite“ ist ja eher austauschbar. Ich wollte etwas machen, was den Klang der Stadt hat, was die Stadt so wiedergibt wie sie ist.

Was unterscheidet Ihr Hamburg von dem des offiziellen Stadt-Marketings?
Mein Hamburg ist nicht touristisch und es gibt immer auch einen biografischen Bezug zu Plätzen, wie dem „Mojo Club“, der „Astra Stube“, dem Frappant-Gebäude in der Großen Bergstraße. Hamburg ist eindeutig meine Heimat. Wenn man das im Kontext meiner vorherigen Filme sieht, handelten die eher von Menschen, die eine Heimat gesucht haben.

Darum geht es jetzt also nicht mehr?
Nein, meine Helden haben ihre Heimat gefunden, die wissen wo sie hingehören. Und wenn sie weggehen wollen dann sagt ihnen jetzt das Schicksal, oder der Filmemacher: Nee, bleib da! Bleib da wo du hingehörst! Ich hatte einfach das Gefühl, ich bin der Stadt noch einen Film schuldig. Mein Kumpel Adam Boudoukos, der den „Soul Kitchen“-Betreiber Zinos spielt, behauptet das sei Quatsch. Aber das stimmt nicht. Die Stadt war gut zu mir und hat mich immer beschützt.

Hat es Sie geärgert, dass viele Ihrer Filme auf das Verhältnis zwischen Deutschen und Türken reduziert wurden?
Von meiner Professorin an der HfbK, Frau Sander, habe ich gelernt: Mach Filme über das was du kennst. Deswegen habe ich die Liebesgeschichte von „Gegen die Wand“ in einem deutsch-türkischen Milieu angesiedelt. Doch eigentlich ging es mir darum zu zeigen, dass Liebe die Möglichkeit hat zu retten. „Auf der anderen Seite“ hätte genauso gut im Grenzgebiet zwischen USA und Mexiko spielen können. Dass es die Linie zwischen der Türkei und Europa ist, die im Film eine Rolle spielt, war nicht das Entscheidende.

Haben die Medien Sie falsch interpretiert?
Ich habe ein Bild gemalt, aber der Schwerpunkt der Aufmerksamkeit lag eher auf dem Rahmen. Irgendwann war ich es leid, immer nur über diesen Rahmen zu sprechen. Und wenn ich in Zukunft etwas über das Verhältnis von Deutschen und Türken erzählen will, dann werde ich entsprechende Bilder und Symbole dafür finden.

Sollte man Stammtisch-Politikern, wie Thilo Sarrazin, nicht etwas entgegensetzen?
Ich fühle mich nicht aufgefordert, dazu einen Kommentar abzugeben. Was immer ich zu diesem Thema auf dem Herzen hatte, habe ich zu Ende erzählt: In „Kurz und Schmerzlos“ waren die Helden noch Klein-Ganoven, danach spannt sich der Bogen von den Proletariern in „Gegen die Wand“ bis hin zu den Germanistik-Professoren in „Auf der anderen Seite“. Irgendwie sind wir ja angekommen in der Mitte – zumindest in meinen Filmen. Und wenn diese Filme irgendwie widerspiegeln, was dort draußen passiert, dann ist meine Reise damit zu Ende. Dann möchte ich mich anderen Themen widmen. Sarrazin ist für mich etwas Reaktionäres von gestern.

Viele der Drehorte von „Soul Kitchen“ werden bald abgerissen oder existieren schon nicht mehr – wie der legendäre „Mojo Club“. Ist Ihre Liebeserklärung an Hamburg auch eine leise Kritik an deren Konzept der „wachsenden Stadt“?
Wir haben diese Plätze ganz bewusst ausgewählt, denn der Film handelt ja auch von Gentrifizierung. Wir Hamburger reden gerne davon, dass wir eine Weltstadt sein wollen. Doch echte Weltstädte, wie Paris, Rom oder New York, kümmern sich um ihre alten Gebäude. Bei uns dagegen ist das Gewachsene vom Abriss bedroht. Das historische Gängeviertel soll verschwinden, damit holländische Investoren dort noch einen weiteren Büroturm bauen können.

Hamburg tut sich mit dieser Förderung von Immobiliengeschäften keinen Gefallen, die Kritik an diesem Vorgehen ist derzeit groß.
Ich kenne das auch aus der Türkei. Da lässt man wunderschöne Gebäude verfallen, weil das Geld nicht da ist um sie zu renovieren. Und dann kommt die Parkplatz-Mafia und zündet Feuer an. Damit die Häuser abgerissen werden können und an der Stelle ein Parkplatz entsteht. So macht die Parkplatz-Mafia Geld, in Übereinstimmung mit der Regierung.

Glauben Sie, dass es in Hamburg ähnlich zugeht?
Hamburg macht das nicht mit der Parkplatz-Mafia, sondern mit der Immobilien-Mafia. Wir haben das Haus, in dem die Hauptfigur Zinos wohnt, deshalb ganz bewusst gewählt. Das sollte nicht den Stadtteil-Folklorismus von Schanze, Altona oder St. Pauli haben. Deswegen wohnt Zinos im letzten altertümlichen Haus am Gänsemarkt, dort wo es fast nur noch Bürotürme gibt. Das Haus symbolisiert den Charakter von Zinos.

Sie selber wohnen in Ottensen. Spüren Sie den Umbruch auch in Ihrem Viertel?
Klar, da wird gerade wieder mal ein alter Bunker abgerissen, um einen Neubau hinzustellen. In unserem Altbau fallen mir deshalb die Heizungen von den Wänden und das Gebäude kriegt Sprünge. Die verantwortungslose Politik, die diese Stadt ihrem kulturellen Erbe gegenüber betreibt, ist wirklich traurig.

Das Restaurant von Zinos, an dem Sie die Folgen der Gentrifizierung zeigen, liegt allerdings nicht im vertrauten Ottensen, sondern im südlich der Elbe gelegenen Wilhelmsburg. Einem heruntergekommenen Industrie-Viertel, dass seit einiger Zeit mit städtischen Geldern und Konzepten aufgewertet werden soll.
Mir hat die Idee gefallen, dass der Held auf der anderen Seite der Stadt lebt und zur Arbeit über den Fluss pendeln muss. Diese Überquerung macht das Ganze visuell. Ich habe aber auch Freunde, die ein Cafe eröffnen wollten und denen die Mieten in der Schanze oder in Altona zu teuer waren. Die sind dann nach Wilhelmsburg gegangen, wo es deutlich billiger ist.

Die Klientel dort – und das sieht man ja auch sehr schön an „Soul Kitchen“ – ist aber zunächst einmal eine andere. Malocher und Biker, statt Hipster und Szene-Typen.
Ja, aber diese Bevölkerungsstruktur wird sich schnell ändern. In Ottensen hat die Gentrifizierung längst stattgefunden, da kann man kein Vorher mehr zeigen.

Der Immobilienmakler in „Soul Kitchen“ ist kein Klischee-Typ im Nadelstreifenanzug, sondern ein alter Kumpel von Zinos. Ein Fiesling in Parka und schmal geschnittenem Szene-Anzug. War das Absicht?
Als ich eine Wohnung gesucht habe, habe ich viele solcher Typen getroffen, die einen auf hip machen, aber eigentlich die letzten Idioten sind. Und ein bisschen so war die Figur angelegt. Manchmal trifft man ja auch Leute von früher: Und was machst du so? Ach, du verkaufst jetzt Immobilien… Ach, du bist jetzt Finanzberater…

Das Essen spielt in „Soul Kitchen“ eine wichtige Rolle: Gleich in der ersten Szene fragt man sich, ob Zinos da Reste wegwirft, oder tatsächlich aus diesen ekligen Zutaten eine Mahlzeit kocht. Ist gutes Essen überschätzt?
Der Mainstream ist an gutem Essen scheinbar nicht interessiert. Adam hat ja früher in Ottensen das griechische Restaurant „Sotiris“ betrieben, da wollten die Leute auch immer nur den üblichen Schrott. Alle Verbesserungen wurden nicht angenommen. Das hat uns wirklich irritiert.

Für einen Regisseur ist Essen ein sinnliches Thema, interessieren Sie sich dafür?
Ja, ja, auf jeden Fall. Ich glaube, der Mensch braucht zum existieren nichts anderes als Essen und Sex. Diese Form von Kommunikation in einen Film einzubauen ist sehr reizvoll: Sex ist visuell und Essen ist visuell. Aber auch die Fernsehköche haben uns gereizt: Tim Mälzer, Jamie Oliver und wie sie alle heißen. Die kochen überall, doch keiner der Zuschauer kocht mit, die sehen das nur im Fernsehen. Das wollten wir auch ein bisschen durch den Kakao ziehen, mit einer Figur wie dem Koch, den Birol Ünel spielt.

In einer grandiosen Szene schält Ünel Fischstäbchen aus ihrer Panade und zaubert mit ein paar Resten daraus ein 48 Euro-Gericht. Womit wir beim großartigen, temporeichen Humor des Films wären: Was bringt Fatih Akin zum Lachen?
Das meisten Komödien die in Deutschland produziert werden finde ich nicht witzig. Die Masse der Zuschauer allerdings schon, das ist wohl wie mit dem Essen. Ich will jetzt nicht sagen, dass mein Humor qualifizierter ist, aber was mich zum Lachen bringt, sind Leute wie Woody Allen. Urkomisch finde ich auch das Trockene, betont Coole von Jim Jarmusch. Die Coen-Brüder, Billy Wilder – ich mag den jüdischen Humor der aus Amerika kommt.

Also vor allem die sicheren Sachen…?
Nein, ich mag auch Klamauk: Adriano Celentano, Louis De Funès und Bud Spencer, vor allem die deutschen Synchronisationen davon, damit bin ich aufgewachsen. Das hat mich zum Lachen gebracht, meine Eltern und auch meine Freunde.

Mögen Sie auch Chaplin?
Das ist Elvis! Das ist der King, der King of Comedy. Bei einem von Ari Kaurismäki kuratierten Festival lief in einem Zirkuszelt eine restaurierte Fassung von „Goldrausch“, begleitet von einem Orchester aus Tallinn. Das  war eins der schönsten Kinoerlebnisse die ich je hatte.

In Ihren Filmen gab es schon immer komische Szenen, aber warum hat es so lange gedauert, bis Sie mit „Soul Kitchen“ Ihre erste richtige Komödie gedreht haben?
Ich hab mich nicht getraut. Jeder Film hat auch eine eigene Seele und sagt Bescheid, wenn die Zeit reif ist: „Gegen die Wand“ habe ich gemacht, als ich sehr wütend war. „Auf der anderen Seite“ entstand in einer sehr nachdenklichen Phase. Doch danach wollte ich einfach mal qualifizierten Quatsch machen. Ich hab all meine Filme gerne und von Herzen gemacht. Aber ich spürte auch wie sehr ich Sklave meines Erfolges wurde. Seit „Gegen die Wand“ bediene ich einen internationalen Markt, „Soul Kitchen“ war da ein Risiko.

Weshalb?
Vielleicht weil es deutscher Humor ist? Ich hab mich schon gefragt: Wer lacht über so was außerhalb von Stade? Egal, ich wollte diesen Film machen!

Zum Glück. Bei den Filmfestspielen in Venedig hat „Soul Kitchen“ den „Großen Preis der Jury“ gewonnen.
Was mich sehr erleichtert hat. Ich hatte immer gehofft, dass das so ausgeht, aber wissen kann man das vorher nicht.

Es hat eine große Selbstverständlichkeit, wie in diesem Film Griechen, Deutsche und andere Menschen aus Einwandererfamilien ihr Leben meistern. Was zählt, ist die Tatsache, dass man miteinander auskommen muss. Und das ist ein sehr internationales Thema, oder?
Ich glaube, diese Figuren sind so international, weil sie so lokal sind. Es gibt doch diesen Spruch: The more local, the more international. Das stimmt. Wenn ich einen chinesischen Film sehe, dann möchte ich ja etwas erfahren über China. Wenn das austauschbar ist, finde ich es uninteressant. Und letztendlich ist „Soul Kitchen“ auch ein sehr deutscher Film. Es geht nicht um Außenseiter und Randexistenzen, sondern um einen urbanen Kontext: Hans Albers, La Paloma und die Figuren des Films vermitteln etwas spezifisch Hamburgerisches. Mir war nicht klar, dass die Leute auch neugierig auf Deutschland sind.

Die durchweg tollen Schauspieler haben auch viel dazu beigetragen. Das sind keine Knallchargen, sondern komplexe Charaktere mit eigenen Geschichten. Wie funktioniert bei Ihren Produktionen das Casting?
Vieles ist intuitiv. In diesem Fall war klar, dass Adam Bousdoukos im Mittepunkt steht: Er hatte selber ein Restaurant, wir haben das Drehbuch zusammen geschrieben und ich wollte seit „Kurz und Schmerzlos“ wieder mit ihm als Hauptdarsteller arbeiten. Mit Birol Ünel war es genauso. Seit „Gegen die Wand“ wollte ich wieder etwas mit ihm machen.

Ünel ist auch dieses mal wieder toll.
Ja, ich bin ein Fan von Birol, ich liebe den irgendwie. Ich habe diesmal sowieso nach dem Best-of-Prinzip gearbeitet: Mit Adam, Birol und Moritz Bleibtreu, also all die wichtigen männlichen Schauspieler, die mich in meiner Karriere weiter gebracht haben. Dazu kamen Leute, mit denen ich schon immer mal arbeiten wollte: Udo Kier, zum Beispiel. Viele hat auch meine Frau Monique ausgesucht. Wir waren auf einer Party, als sie mich anstupst und sagt: „Guck mal, der wäre doch der richtige Immobilienhändler“, während sie auf Wotan Wilke Möhring zeigt. Und: Zack, Bumm…!

Bisher haben Sie nur von männlichen Darstellern gesprochen?
Die drei Frauenrollen zu schreiben und zu gewichten war schwieriger. Bei „Im Juli“ gab es auch drei tolle Frauen, aber damals entstand ein Vakuum, das viele Zuschauer sagen ließ: Warum geht er denn jetzt mit der Juli mit, wieso kommt er nicht mit der Türkin zusammen? Das sollte diesmal klarer sein. Und ich wollte die Zuschauerinnen nicht mit bestimmten Charakteren und Darstellerinnen provozieren: Wenn du Megan Fox als Schauspielerin hast entwickeln viele Frauen so eine Stutenbissigkeit – was ich verstehen kann.

Ach, wirklich?
Das hat meine Frau mit beigebracht. Die hat gesagt: Ey Mann, das ist ein Männer-Ding. Frauen wollen sich mit Frauen identifizieren können, im günstigsten Fall. Also habe ich zum Beispiel Catrin Striebeck besetzt Die hätte ich am liebsten in jedem Film dabei. Die Schauspieler haben diesmal sehr viel beigetragen, das ist ein echter Schauspieler-Film.

Monica Bleibtreu hat in „Soul Kitchen“ ihre letzte Rolle gespielt.
Wir wussten, dass sie krank ist, aber nicht wie schlimm es wirklich war. Es gab ein Problem mit dem Drehbuch, deshalb mussten wir die Szene mit ihr noch mal drehen. Doch wegen ihrer Verpflichtungen bei „Tannöd“ hieß es, ich muss mir eine andere Schauspielerin suchen. Da habe ich gesagt, ich bestehe darauf, das mit Monica zu machen und wenn ich nächstes Jahr im März noch drehe, ist mir scheißegal. Und dann hat es doch noch geklappt. Ich hab so sehr darauf insistiert, dass ich die Szene mit ihr am letzten Drehtag nachdrehen konnte. Und kurz darauf ist sie gestorben. Aber ich bin froh sie als witzigen und fröhlichen Menschen in Erinnerung zu haben, denn so war sie.

Ist es wahr, dass Sie ursprünglich mit Adam Bousdoukos einen Western drehen wollten?
Adam und ich haben sehr lange an „Soul Kitchen“ geschrieben und wir sind dabei auch in diverse Sackgassen gelandet. Einmal saßen wir im „Sotiris“ und überlegten, was wir stattdessen machen könnten. „Lass uns einen Piratenfilm drehen, mit modernen Piraten“, meinte Adam. Ich sagte, es sei viel zu teuer, auf dem Meer zu drehen. Dann kamen wir auf die Idee einen Western zu machen, über einen griechischen Auswanderer zu machen, der in den Zwanzigern spielt. Jemand, der eine Odyssee hinter sich hat, von der Türkei nach Griechenland und von dort bis nach New Mexico.

Das klingt spannend, wie ging es weiter?
Wir sind nach New Mexico geflogen, haben ein Auto gemietet und sind dann drei Wochen dort herumgefahren. Wir waren in verschiedenen Reservaten, denn der Held sollte etwas mit einer Indianerin anfangen. Wir waren in einer Universität für Native Americans in Albuquerque, danach in Santa Fe und an vielen andern potentiellen Drehorten. Die ganze Easy Rider Tour. Mir wurde immer klarer: Das wird teuer! Wir wollten Ellis Island in Babelsberg nachbauen. Am Ende der Reise sagte ich zu Adam: Das wird nichts. Das kriege ich mit dir in der Hauptrolle nicht finanziert, ich brauche dafür mindestens 15 bis 20 Millionen Dollar. Da brauche einen bekannten Namen. Dann war er ganz traurig und ich auch. Und was machen wir jetzt? Lass uns nach Hamburg zurückfliegen und „Soul Kitchen“ drehen. Und das haben wir dann auch gemacht.

(Veröffentlicht in Rolling Stone 12/2009)

BRUDER BLEIFUSS

Unterwegs auf „Seinen Straßen“: Eine sommerliche Spritztour mit dem gottgläubigen Soul-Sänger und Auto-Narren Xavier Naidoo

Von Jürgen Ziemer

Xavier Naidoo sieht aus, als hätte ihn eine Welle vom Strand Long Islands geradewegs ins Büro seiner Rödelheimer Plattenfirma geschwemmt: Anglerhut, lässiges Button-Down-Shirt, braune Bermudashorts, Segelschuhe. Deutschlands erfolgreichster Popsänger liebt das Flair von East Hampton und die lässige Eleganz von Ralph Lauren. Geschmack kann sich der 28jährige Mannheimer leisten: Seit seinem Hit „Freisein“ läuft die Karriere wie geschmiert. Zweimal der „Echo“ , Gold und Platin für sein Album „Nicht von dieser Welt“ erhielt mehrere Gold- und Platin-Auszeichnungen. Zu Recht: Naidoo verfügt über eine großartige, beseelte Stimme – selbst das Mannheimer Telefonbuch klänge aus seinem Mund wie ein gefühlvolles Liebeslied.
Doch viele Menschen halten Xavier Naidoo auch für einen großen Spinner: In jedem zweiten Satz redet er von Gott, zitiert mehr schlecht als recht aus dem Alten Testament. Seine Heimatstadt Mannheim möchte er in fünf Jahren zur Musikmetropole aufbauen, Arbeitslosigkeit und Armut soll es dann am Neckar nicht mehr geben. Im letzten Jahr verstörte er seine Fans mit der Ankündigung, er wolle nie wieder Autogramme geben. Ein seltsamer Heiliger, also.
Und jetzt hat Xavier Naidoo gerade eine neue Single veröffentlicht, sie heißt „Seine Straßen“. Der Text des Liedes beschäftigt mit „unseren schlecht gebauten Pfaden“ und der großen Leidenschaft des Sohns einer afrikanisch-irischen Mutter und eines deutsch-indischen Vaters: Autofahren.
Und weil diese Art der Fortbewegung mindestens so kontrovers ist wie das Thema Religion, haben wir uns an einem sonnigen Freitagnachmittag zu einer Spritztour verabredet: Vom Frankfurter Stadtteil Rödelheim in die Berge des Taunus – Unterwegs auf Gottes Straßen. Denn Xavier hat eine Theorie: Er glaubt, daß wir in unseren Autos leichter zu uns selbst finden – und damit zu Gott – als an jedem anderen Platz dieser Welt. Nach Konzerten – wenn andere Popstars gutgelaunt die Hotelbar zerlegen – fährt der Sänger oft noch stundenlang zum nächsten Auftrittsort – um sich „das kochende Adrenalin wegzufahren“.
Doch im Moment ist eher mein Adrenalin am brodeln: Xaviers Audi A6 rast in einem mörderischen Tempo durch den dichten Berufsverkehr der A66 in Richtung Wiesbaden. Und nicht nur das: Xavier gehört zu den Menschen, die beim Fahren heftig gestikulieren und ihrem Beifahrer dabei gerne in die Augen sehen. Immerhin, rede ich mir ein, haben wir Gott auf unserer Seite.
„Was wäre denn Deutschland ohne Straßen, dann wüßte ich doch gar nicht wie es hier aussieht?“, eröffnet Xavier einen längeren Monolog über die Bedeutung des Autofahrens für die individuelle Freiheit des Menschen.
Früher, vor seinem Erfolg, war er oft nächtelang unterwegs auf den Autobahnen rund um Mannheim. Einfach so. Um nachzudenken, um zu träumen. Die Familie Naidoo hatte nie ein eigenes Auto, dem Jungen hat das sehr zu schaffen gemacht: „Ich weiß, wie schlimm es ist mit der Bahn irgendwo hin zu fahren“, glaubt er noch heute.
Und weil Xavier das so empfindet, möchte er noch in diesem Jahr einen Autoverleih eröffnen: „Mannheimer Mobiles“, soll die Firma heißen. Das Besondere daran: „Wer bei uns ein Auto leihen möchte, braucht keine Kreditkarte. Ich habe selber keine, deshalb weiß ich, wie schwer es ist ohne diese Dinger einen Mietwagen zu bekommen“. Der Fuhrpark für den Verleih ist schon komplett: 67 alte Schrottlauben – überwiegend Mercedes Benz Limousinen aus den Siebzigern – hat sich Naidoo im Lauf der letzten Jahre zugelegt. Viele davon überläßt  er schon jetzt großzügig seinen Freunden.

Vor uns scheint sich ein Stau zu bilden. Hektisch reißt Xavier das Steuer herum, mit einem rasanten Fahrmanöver und quietschenden Reifen verlassen wir die Autobahn. Hinter uns hupt und blinkt es wie verrückt. „Jajajaja…“ murmelt der ehemalige Chorknabe genervt. Als er meinen angespannten Gesichtsausdruck sieht, bekommt seine Stimme einen nachsichtigen Klang: „Wer im Stau steht ist selber schuld. Ich fahre im Notfall lieber über die Landstraße weiter selbst wenn das länger dauert. Dann komme ich wenigstens nicht in die Gefahr, Leute zu beschimpfen“. Hallo Partner, danke schön! Der Kerl fährt wie Michael Schuhmacher, aber er redet wie ein Pastor: „Als ich „Seine Straßen“ schrieb, wußte ich zunächst gar nicht, wie ich den Leuten klar machen sollte, daß auch die Autobahnen Gottes Werk sind“, sagt er nachdenklich. Nicht ganz leicht, gebe ich zu, bei all den abgeholzten Wäldern und den Giften der Auspuffgase… „Niemand darf behaupten, das Auto sei Umweltkiller Nummer 1!“ empört sich Xavier. Aber wer, bitte schön, ist dann verantwortlich für den ganzen Dreck? „Die Kühe natürlich!“ Wie bitte??? „Jede Kuh furzt am Tag 300 Liter Methan und ist damit weitaus gefährlicher als ein Auto“. So ein Quatsch, denke ich. Eine Weile fahren wir schweigend weiter.

Doch schon bald halte ich die Stille nicht mehr aus: Wenn Du glaubst, die Kühe seien an allem Schuld, was sagst Du denn da zur Ökosteuer und den gestiegen Benzinpreisen? Treffer! „Gottseidank verdiene ich inzwischen genug“, klagt Xavier in einem Ton, als hätte das Leben bei Benzinpreisen über zwei Mark wenig Sinn: „Ich glaube hier wollen einfach zu viele Leute ihr politisches Süppchen kochen, notwendig sind diese Preise bestimmt nicht. Vor drei Jahren bin ich wegen so was kriminell geworden…“. Was mag er damit wohl meinen? Benzindiebstahl?
Doch früher war Naidoo ohnehin ein anderer, auch mit dem Finanzamt hatte er regelmäßig Probleme: „Ich hab nie Steuern bezahlt“, behauptet er, „Jahrelang hab‘ ich denen gesagt: Ihr könnt mich am Arsch lecken, ich zahl euch nix, ich brauche jeden Pfennig“. Die Herren vom Finanzamt hat das nicht weiter gestört, der Mannheimer wurde geschätzt – und hat anschließend seine Schulden brav bezahlt, zähneknirschend aber prompt. Trotzdem sieht Xavier auch heute noch nicht ein, warum er Rechnungen und Tankbelege sammeln soll. Er hat einfach nicht gelernt mit Geld umzugehen. Und sein plötzlicher Wohlstand – nach den harten Jobs als Verkäufer, Türsteher, oder Badehosenmodel – ist ihm noch nicht ganz geheuer: „Es kann doch nicht sein“, murmelt er, „daß ich als Rotznase, als Schwarzer in Deutschland, in den Genuß komme dicke Autos zu fahren, während Leute, die 50 Jahre gearbeitet haben, das nicht können.“ Ein Ferrari, wie ihn sein Freund und Produzent Moses Pelham fährt, kommt für Xavier deshalb absolut nicht in Frage: „So ein Ding kostet 300.000 Mark – dafür kriege ich 30 alte Mercedez Benz Autos.“ Und die kann man, wenn einen das Gewissen plagt, notfalls auch verleihen.

Inzwischen fahren wir durch den Naturpark Hochtaunus, das satte Grün der Fichten und der strahlend blaue Himmel tun ihre Wirkung: Wir gleiten.
„Wer macht diese Welt so, daß wir uns schlecht fühlen?“, fragt Xavier plötzlich. Keine Ahnung, sind wir das nicht selber? „Ja, weil wir ein falsches Schamgefühl besitzen“ Und warum ist diese Scham falsch? „Weil wir uns nicht zu den Dingen bekennen, die wir lieben. Wenn wir alle nackt wären, könnte jeder die Erektion sehen, die wir beim Anblick einer schönen Frau bekommen.“
Naidoo steht tatsächlich zu den Dingen die er für Richtig hält – selbst zu der absurden Behauptung, das jüngste Gericht, der Armaggeddon, habe bereits begonnen. Sein Erfolg und der plötzliche Wohlstand belasten Xavier, also versucht er „normal“ und „gottgefällig“ damit umzugehen. Seine Religiosität ist jedenfalls echt – auch wenn sie noch so naiv und sonderbar erscheint. Sein Glaube und seine Hingabe befähigen ihn sogar, etwas in seine Stimme zu legen, was es in Deutschland so noch nicht gegeben hat: Soul – eine Musik, die die Versuchungen der Hölle kennt und trotzdem weiter nach dem Göttlichen sucht. Und die großen Soul-Sänger, das waren schon immer ziemlich verrückte Kerle. Fragen Sie mal James Brown und Prince.
Doch eine letzte Frage habe ich noch an: Glaubst du, daß es Gott gefällt, wenn er deine Liebe mit einem alten 116er, 6,9 Liter Benz teilen muß? Xavier wird nachdenklich: „Irgendwann müssen wir alle vor unseren Schöpfer treten, um uns zu rechtfertigen. Wenn Du dann gut argumentierst, dann wäre er doch der letzte, der sagt: Dieses dicke Auto gönne ich dir nicht. Er gönnt dir alles!“

Veröffentlicht im Juni 2000 in Die Woche