Musik

Soap & Skin

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Begrabe mich unter Eis

Im Schattenreich der Psyche: Anja Plaschg, die Tochter eines steirischen Schweinezüchters, und andere Sängerinnen einer neuen, dunklen Romantik

Von Jürgen Ziemer

Ein 18-jähriges Mädchen, das aussieht, als sei es Emily Brontës Roman Wuthering Heights entstiegen, singt vom Tod. Es hat einen schweren österreichischen Akzent, und seine Stimme ist so leise und für sich allein, dass man den englischen Text kaum versteht. »Bury me under ice, smother me«, erklingt der Refrain – begrabe mich unter Eis, ersticke mich. So irritierend ungeniert hat sich schon lange niemand mehr zum Pathos bekannt. Doch die morbide Romantik des Songs verfehlt ihre Wirkung nicht. Weil das Mädchen jung ist und die Musik schwermütig schön.

Das Publikum in der Hamburger Theaterfabrik Kampnagel ist begeistert, als Anja Plaschg alias Soap & Skin im Spätsommer 2008 eins ihrer raren Konzerte gibt: Die Haut weiß wie Schnee, das hochgesteckte Haar schwarz wie Ebenholz, hantiert sie an einem MacBook. Elektronische Sound-Fraktale splittern aus den Boxen, gesampelte Streicher dröhnen dumpf und schwer. Dazu greift sie in die Tasten eines Flügels und beginnt zu singen: mal flüsternd, mal wimmernd, mal schreiend. Es gibt keine Ansagen, höchstens ein gehauchtes »Danke schön«, der Blick ihrer fiebrigen Augen geht dabei stets nach unten. Als sie gegen Ende des Konzerts Spiracles spielt, ein Lied über die Schrecken der Kindheit, geschildert aus der Perspektive einer Außenseiterin, will der Beifall kein Ende nehmen.

Der Tod und das Mädchen – es ist eine ungewöhnliche Erfolgsstory, die den Auftritten Anja Plaschgs zugrunde liegt. Obwohl sie schon im Alter von 14 eigene Songs schrieb, die der österreichische Radiosender FM4 sendete, kannte Soap & Skin außerhalb ihrer Wahlheimat Wien kaum jemand. Bis vor Kurzem war nur ein einziger Song im Handel, ein Beitrag auf der Compilation eines Berliner Electro-Kleinlabels; Anja Plaschg verstand sich vor allem als Malerin, die in der Meisterklasse Daniel Richters studierte. Ermutigt durch Richter, der nebenher das Plattenlabel Buback betreibt, verschickte sie CDs, war aber noch zu jung, um einen Vertrag zu unterschreiben. Als sie volljährig wurde, ging plötzlich alles ganz schnell: Während die Klicks auf ihrer MySpace-Seite in die Höhe schossen, begannen die Medien sie als »Wundermädchen« zu preisen. Nun erscheint endlich ihr erstes Album – und aus der Außenseiterin ist ein kleiner Star geworden.

Unter dem Namen Soap & Skin macht Plaschg Blitzkarriere im Netz

Die Geschichte klingt, als hätte ein gerissener Musikmanager sie sich ausgedacht – trotzdem ist Soap & Skin allein das Geschöpf Anja Plaschgs. Sie hat alle Songs selbst geschrieben, selbst produziert und, bis auf ein paar Streicher und Bläser, auch selbst eingespielt. Das Ergebnis ist ein ganz und gar außergewöhnlicher Liederzyklus, der bisweilen an den delikaten Kammer-Pop von Antony & The Johnsons erinnert, aber auch an die Kindertotenlieder von Mahler und die eisigen Klangflächen des norwegischen Elektronikers Geir Jensen. Einige der Stücke sind bereits über drei Jahre alt, entstanden praktisch noch im Kinderzimmer, womöglich klingen sie deshalb so größenwahnsinnig erhaben. In Thanatos, einem neueren Lied, tönen die Pianoakkorde schicksalsschwer wie Fallbeile, während Anja Plaschg mit der Stimme einer zornigen Hohepriesterin dazwischenfährt: »Ages of delirium, curse of my oblivion«.

Der Erfolg solcher Selbstexaltationen beruht gerade auf der Tatsache, dass keine Industrie dahintersteht: Sie sind allein der Fantasie eines von weit draußen kommenden Selfmademädchens entsprungen. Aufgewachsen ist Anja Plaschg in dem steirischen Dorf Gnas, als Tochter eines Schweinezüchters und Großbauern. Neben dunkel-romantischen Porträts im Moos der Wälder findet sich auf ihrer MySpace-Seite ein berührendes Foto. Es stammt aus einem Video, das sie zusammen mit ihrer zwei Jahre älteren Schwester im elterlichen Stall gedreht hat: Nackt und sehr dünn kauert die kleine Anja da zwischen einem halben Dutzend Schweinen, verschwörerisch steckt ihr Kopf zwischen den Schnauzen, so als würde ein gemeinsamer Plan geschmiedet. Auch die anderen Indizien auf dieser Seite sagen: Hier passiert etwas Besonderes, hier geht es nicht bloß um den neuen Schnitt der Lederjacken, die Jugendliche beim Rebellieren im Freizeitpark tragen.

Ein Trend lässt sich damit nicht begründen, wohl aber spiegelt die Blitzkarriere der Anja Plaschg eine Tendenz: Während man bei RTL noch den Superstar sucht, der es möglichst allen recht macht, forschen Musikbegeisterte im Internet längst nach ihren eigenen, ganz persönlichen »Stars«. Dieses individualistische Fantum legt großen Wert auf Abgrenzung zum Mainstream.

Im milden Licht ihrer Computerbildschirme durchstreifen Jäger und Sammler stundenlang das Netz, sie studieren ausführlich die überlangen Plattenkritiken des Netzmagazins Pitchfork, schmunzeln über unfreiwillig komische Videos auf YouTube, sie recherchieren auf MySpace akribisch im Freundeskreis interessanter Bands. Je tiefer man in dieses Reich eindringt, umso voyeuristischer wird es, mindestens ebenso wichtig wie die Musik sind tagebuchartige Notizen, persönliche Zeichnungen und Fotos. Wie stets im Netz geht es um Sehnsüchte, Projektionen und geheime Wünsche.

Ein gutes Beispiel für die Gefahr von Klischees, die dabei entstehen können, ist die amerikanische Songwriterin, Malerin und Internet-Selbstdarstellerin Marissa Nadler. Hübsch und sehr schlank, gekleidet in spitzenbesetzte Hippiekleider, haucht die 27-Jährige auf ihrem neuen Album Little Hells sehr gekonnt Lieder über das Unglück junger Mädchen vor sich hin. Oder sie besingt den Leichenzug einer Trauergemeinde, während im Hintergrund einzelne Instrumente funkeln. In ihrem stimmungsvollen Minimalismus klingen diese Balladen anheimelnd verträumt, wäre da nicht die beklemmende American-Gothic-Atmosphäre. Nadler nennt Kate Bush als wichtigen Einfluss, aber ebenso David Lynch und den Outsider-Künstler Henry Darger. Die meist männlichen Kritiker liegen ihr für so viel Feinsinn zu Füßen.

Die Musik mischt gekonnt und hemmungslos Folk mit Heavy Metal

Doch müssen Frauen wirklich immer schöne, sanfte Opfer sein? Eine eher widerspenstige, geradezu dickköpfig befreiende Form von Romantik findet man bei Rose Kemp. Die Tochter zweier britischer Folkmusiker – Maddy Prior und Rick Kemp spielten vor Jahrzehnten bei der Band Steeleye Span – gibt sich auf ihrer MySpace-Seite so satanisch wie möglich: Im stetig flackernden Licht ist ein alter Friedhof zu erkennen, während im Hintergrund der Song The Unholy läuft, der schwere Orgelakkorde mit noch schwereren Heavy-Metal-Gitarren verbindet. Dazu schreit die 24-Jährige, als sei der Leibhaftige in sie gefahren, nur um gleich anschließend mit einem opulent und sehr eigenwillig arrangierten Folksong zu schmeicheln. Das bereits vor einigen Monaten erschienene Album Unholy Majesty ist ein harter, aber lohnender Brocken. Da sich Rose Kemp nicht auf das abgeschmackte, aber dennoch beliebte Image der Folk-Elfe reduzieren lässt.

Auch Anja Plaschg wehrt sich als Soap & Skin gegen Zuschreibungen jeder Art. Weil das anstrengend sein kann, wurde sie mit Nico verglichen, der Sängerin, die vom blonden It-Girl und Warhol-Superstar hinabgestiegen ist in ein popkulturelles Schattenreich, wo sich Kunst und Heroinsucht die Hand reichen. »Ich spüre da einfach eine gewisse Nähe, die über die Musik hinausgeht«, sagt Anja Plaschg, die im vergangenen Jahr in einer Berliner Inszenierung namens Nico – Sphinx aus Eis mitwirkte. Ihre eigene Musik, da ist sie sich sicher, sei »ein Akt mit dem Unterbewusstsein«. Wenn sie über Inspiration redet, klingt das manchmal wie aus einem Schauerroman: »Da ist ganz viel Angst mit dabei, weil ich eben nicht weiß, wann oder wie es kommt, weil ich mich dann wie ein Gefäß fühle, oder wie ein Medium.« Man wartet, während man zuhört, geradezu darauf, dass sich die Vorhänge aufblähen und mit einem Schwall Herbstlaub die Inspiration hereingeweht kommt.

Doch vermutlich ist es genau dieser Blindflug durchs Schattenreich der Psyche, der ein Album wie Lovetune For Vacuum so außergewöhnlich macht: Popmusik braucht Geheimnis und Verzauberung, sonst ist sie nichts als funktionales Hintergrundrauschen. Anja Plaschg wird dem gerecht, indem sie, statt noch ein leicht verdauliches Angebot zu machen, sich selbst zur Disposition stellt: ihre Jugend, ihr Anderssein, ihren unbedingten Willen zur Kunst. Bang fragt man sich, was aus ihr werden wird: die neue Kate Bush, eine PJ Harvey aus der Steiermark – oder doch nur der Internet-Hype vom letzten Jahr? Die enigmatisch schönen Lieder auf Lovetune For Vacuum verweigern die Antwort darauf. Aber dass sich Medien und Menschen ohne großes Werbebudget für diese talentierte Newcomerin interessieren, das ist im Krisenjahr 2009 ein Hoffnungsschimmer.

(erschienen in Die Zeit 12/2009)