New York

DIE DONNERGÖTTER

Swans

Michael Gira und seine Band Swans suchen Spiritualität in dröhnenden Klanggewittern. Auch das neue Album „To Be Kind“ ist nichts für Zartbesaitete.

Mit dem Mann auf der Bühne möchte man sich nicht anlegen. Ein Schluck Whiskey und ein herzhaftes „Shut the fuck up!“ in Richtung des tuschelnden Publikums, dann bearbeitet er wieder seine akustische Gitarre, wie ein zorniger Farmer ein steiniges Feld. DARÄÄNG! DARÄÄNG! DARÄÄNG! scheppern die Saiten und der linke Fuß stapft den Takt. Für den alten Holzstuhl, auf dem der fast zwei Meter große Hüne sitzt, ist das reichlich viel, er vibriert als wolle er gleich auseinanderfallen. „And I sleep in the belly of rhythm“ dröhnt die tiefe Baritonstimme durch die ausverkaufte Berghain Kantine. „And I sleep in the belly of love“. Michael Gira, der Bandleader der Swans, ist auf Solo-Tour – aber ein normaler Singer/Songwriter ist er deshalb noch lange nicht.

Zwei Tage später steht der 60-jährige in der eher nüchternen „Whiskey Lounge“ eines Berliner Hotels für Hipster-Touristen. Er trägt nun den riesigen Cowboyhut, der seit fast 30 Jahren sein Erkennungszeichen ist. Ungewöhnlich für einen New Yorker, doch es passt zu der patriarchalen Erscheinung und dem eisernen Händedruck. Immerhin, die Augen blicken freundlich Blau.

Der in Los Angeles geborene, ehemalige Kunststudent Michael Gira gründete 1982 in New York die Band Swans. Der Nachhall von Punk und No Wave war für die majestätisch dunklen Klänge ein ebenso wichtiger Einfluss, wie die symphonischen Drones des Avantgarde-Komponisten Glenn Branca. Auf dessen „Symphony No. 3 (Gloria)“ spielte Michael Gira – neben Thurston Moore und Lee Ranaldo von Sonic Youth – einen selbstgebauten „Hammer Dulcimer“: „Glenn Branca war eine Inspiration für mich. Sein Ziel war spirituelle Erleuchtung und für mich hob damals tatsächlich die Bühne ab“.

Nach einer 13-jährigen Pause sind die Swans seit 2010 wieder zurück – erfolgreicher und wirkmächtiger als je zuvor. Das Monumentalwerk „The Seer“ wurde von der Kritik hymnisch gefeiert und landete 2012 in unzähligen Jahres-Charts. Das neue, ebenfalls zweistündige Meisterwerk „To Be Kind“ steht dem Vorgänger in nichts nach. „Die meisten Songs der Swans beginnen auf meiner akustischen Gitarre“, sagt Gira. „Da wird nicht viel mit der linken Hand gezaubert. Ich habe einen rudimentären Stil entwickelt, eine Art „Zen-Blues“. Howlin‘ Wolf, dem die Swans den Song „Just A Little Boy“ gewidmet haben, hat als Kind angeblich Blechdosen aneinander geschlagen, um seinen Gesang bei der Arbeit auf dem Feld rhythmisch zu untermalen. Gira erzählt seine assoziativen Geschichten nach dem gleichen Prinzip – nur, dass es dabei deutlich lauter zugeht.

Wie ein Dirigent steht er bei Konzerten vor seinem Ensemble: Norman Westberg und der Berliner Christoph Hahn sind schon seit den Achtzigern dabei. Gira fuchtelt dann wild mit den Armen, hält Blickkontakt, dirigiert Einsätze. Als Zuschauer flattern einem da schnell mal die Hosenbeine, Ohrenstöpsel sind selbst für Hartgesottene obligatorisch. „Es geht nicht darum den Macho zu spielen und die Leute mit Lautstärke zu attackieren“, behauptet Gira. „Aber Sound und Dynamik sind bei den Konzerten der Swans enorm wichtig: Klänge werden zu Rhythmen, verwandeln sich in Stille und dann wieder in Crescendos. Bei normaler Lautstärke funktioniert das nicht – man muss das mit dem ganzen Körper fühlen!“

Bring The Sun / Toussaint L’Ouverture„, das 34-minütige Herzstück von „To Be Kind“, zeigt was Michael Gira meint: Der Song ist ein Rausch, ein Trip, eine fiebrige Suche nach dem Herzen der Finsternis, dem Geist des Voodoo. „Sangre es Vida! Vida es Sangre“ deklamiert Michael Gira feierlich, als wäre die Seele des haitianischen Volkshelden Toussaint L’Ouverture in ihn gefahren. „Der Voodoo-Aspekt hat mich hier sehr fasziniert“, sagt er. „Aber grundsätzlich geht es mir darum einen Sound zu formen, der einem imaginären Orgasmus entgegenstrebt. Als ob ein vielstimmiger Kirchenchor das Crescendo erreicht – und trotzdem immer weiter macht“.

Das überraschend zarte „Some Things We Do“, ein Duett mit der New Yorker Sängerin Little Annie, ist dazu ein extremer Kontrast: „Als ich den Song schrieb, war mir nicht klar, ob ich weiterleben möchte oder nicht. Deshalb notierte ich Dinge, die mir wichtig sind. Der simple Versuch zu erinnern, was Menschen zu Menschen macht“.

Über Gefühle redet das intellektuelle Raubein Gira trotzdem nicht gern. Seine Helden sind archaische Bluesmänner, wie Muddy Waters und Howlin‘ Wolf: „Das ist nicht die Sorte Blues, bei der man in seine Suppe weint“. Künstlerische Intensität ist für ihn ebenso selbstverständlich, wie die Männerfreundschaften mit den Musikern der Swans. Aber letztlich geht es ihm um eine spirituelle Sehnsucht, darum etwas Höheres zu erreichen: „Ich habe das in der Musik gefunden, in Konzerten mit der aktuellen Konfiguration der Swans. Das ist für mich wie eine Meditation“. Wer hart genug ist meditiert mit.

Jürgen Ziemer

EINE VERLORENE DAME

Foto: Karl Bissinger

„New York, New York“, das klingt nach Frank Sinatra und nach einer Stadt, an die sich heute keiner mehr erinnert, weil alle vor dem MoMa Schlange stehen oder T-Shirts bei Abercrombie kaufen. Ich aber bin alt genug, um mich an Abende in der Bar des Gramercy Park Hotels zu erinnern – damals eine heruntergekommene, doch für jedermann offene Legende. Nach Ian Schragers Generalüberholung wurde daraus ein abgeschotteter exklusiver Ort für Superreiche. Es war damals ein sonderbares Gefühl aus dieser angenehm dunklen, holzgetäfelten Bar auf das Schneetreiben in der Lexington Avenue zu blicken, so wie vor mir die Stammgäste James Cagney und Frank Sinatra. Der tatterige alte Barkeeper, der in einem etwas schmuddeligen weißen Jackett hinter einem abgegriffenen Tresen rührte und schüttelte wie es eben noch ging, hat vielleicht beiden schon Drinks serviert. Mit seinem verrutschten Toupet wirkte er wie das letzte Bindeglied zu einer verschwundenen Ära. Ich glaube nicht, dass er heute noch lebt.

„New York, New York“, das ist auch der deutsche Titel meines derzeitigen Lieblingsbuchs. Es handelt sich dabei um Kolumnen, die Maeve Brennan zwischen 1953 und 1968 als „The Long-Winded Lady“ für den New Yorker geschrieben hat. Hier findet sich dieses verehrungs- und verachtungswürdige alte New York, das ich immer lieben werde.
Die Einzelgängerin Brennan ist darin meist auf dem Weg in ein Restaurant, oder sie sitzt bereits an einem Tisch am Fenster. Was sie dort beobachtet und in Gedanken erlebt ist berührend und brutal zugleich. Mal erregt eine Person aus der am Fenster vorbeiwogenden Masse die Aufmerksamkeit der Autorin. Oder eine „verlorene Dame“ kommt herein und setzt sich an einen der leeren Tische des Restaurants – Brennan liebt die stillen Stunden des Nachmittags: „Sie war schlank und gut aussehend, mit sehr weißer Haut und blauen Augen, die mit unbewegten, leidenschaftslosem Ausdruck im Restaurant umherblickten, als wäre sie es gewohnt, sich uninteressiert zu geben. Manche Menschen verleihen allem, was sie berühren, Bedeutung, die verlorene Dame hingegen schien nur hinzusehen, um auszuschließen.“
Solche Sätze fallen der 1917 in Dublin geborene und 1993 in New York gestorbenen Maeve Brennan permanent aus Handtasche, einfach so  im Vorbeischlendern. Sie verrät viel über sich in ihren Texten. Ihre Wohnungen – oft in Hotels, gerne in der Nähe des Washington Square, manchmal aber auch an der hässlichen und lauten 6th Avenue  – bewohnt sie meist nur sehr kurz. Sie mag Tiere, erzählt von gemarterten kleinen Finken in einem Geschäft, denkt nach über die Einsamkeit und Getriebenheit der Menschen. Doch selten greift Brennan ein, sie bleibt distanzierte Beobachterin. Ein wenig wie Iggy Pop in dem Song „The Passenger“. Es dauert nicht lange, bis man begreift, dass auch die so kluge, so eloquente und so elegante Maeve Brennan eine Verlorene ist. New York wirkt in ihren kurzen Vignetten anziehend und abstoßend zugleich, die Menschen sind wandelnde Geheimnisse, voller Geschichten und Schicksale, die nie als Ganzes enthüllt werden.

In den Siebzigern kippt ihre eigene Geschichte ins Tragische: Die elegante Spaziergängerin wird zunehmend paranoid, sie trinkt mehr und mehr, wird obdachlos und wohnt eine Weile in der Redaktion des New Yorker. Später übernachtet sie in billigen Hotels, die sie in rascher Abfolge wechselt,ihre Bücher werden nicht mehr verlegt, die Autorin gerät in Vergessenheit und stirbt 1993 schließlich allein in einem Altersheim.
Glücklicherweise werden Maeve Brennans Bücher gerade wiederentdeckt und vor einigen Monaten ist bei Steidl auch das ganz und gar wunderbare „New York, New York“ erschienen. Bessere Texte über die Stadt, die Menschen und die Einsamkeit dazwischen wird man so schnell nirgendwo anders lesen.