Pop

DIE ALPHAMÄDCHEN

laing1

Selbst eine Schnulze von Heintje wird zur abgründigen Betrachtung: Die Do-it-yourself-Band Laing legt eine fulminante Platte vor und geht auf Tour. Eine Begegnung mit Nicola Rost, ihrer Frontfrau.

Ich sah auf meine Hand und dachte: Soll ich erst kotzen oder gleich in Ohnmacht fallen?“ Nicola Rost findet auch im Alltag stets passende Worte für die Dinge, die ihr nahegehen. Bis vor einer Stunde arbeitete die 28-jährige Berlinerin noch an einem Video für die neue Single Safari – in einem Kochstudio voller scharfer Messer. Jetzt steht die Chefin der Band Laing mit verbundener rechter Hand in der Notfallambulanz der St. Hedwig-Kliniken und grinst entschuldigend: „Mein Fehler. Ich wollte beweisen, dass es möglich ist, extrem schnell Gemüse zu hobeln.“ Nicola Rost erzählt die Story wie eine amüsante Anekdote – Jammern ist bei Laing nicht angesagt, Selbstbewusstsein schon. Wechselt die Beleuchtung heißt das neue Album, die Musik glitzert wie eine Discokugel am Wochenende. Die schnoddrigen Texte sorgen dafür, dass auch der Rest der Woche vertreten ist.

Bekannt wurden die vier Berlinerinnen 2012 durch eine Elektro-Version des alten Trude-Herr-Schlagers Morgens bin ich immer müde. Bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest erreichten sie damit aus dem Stand einen beachtlichen zweiten Platz, hinter Xavier Naidoo und Kool Savas. Doch wohl fühlen sich Laing bei solchen Popwettbewerben nicht. Wenn alle gegen alle kämpfen, bringt das keinen weiter – am wenigsten die Kunst. Richtig munter werden die vier Frauen eher in Clubs wie dem Hamburger Hafenklang: Wo sonst Metalbands die Wände zum Beben bringen oder die Goldenen Zitronen das System infrage stellen, präsentieren sich Laing als ironisches Update der Supremes. In einheitlichen schwarzen Minikleidern, deren aufgedruckte weiße Buchstaben zusammen den Namen LAING ergeben, stehen sie auf der Bühne und ziehen in perfekter Choreografie und mit exakten Chorsätzen eine enorm selbstbewusste Show durch. Früher hätte man von „Power-Frauen“ geschwärmt oder einen lässigen Feminismus entdeckt. Aber ist das heute noch ein Kriterium?

Nicola Rost hat die Notfallambulanz verlassen und sitzt jetzt auf einem Klappstuhl vor der letzten ambitionslosen Eckkneipe von Berlin-Mitte. „Ich bin immer so“, sagt sie, „so zack, zack, ohne lange nachzudenken. Ich packe Sachen an. Aber manchmal zu fest.“ Vor Kurzem hat sie ihr Politologie-Studium abgeschlossen. Der ursprüngliche Plan, in der politischen Bildung zu arbeiten, ist schon wieder gekippt. Die Arbeit mit Laing bietet ihr mehr Möglichkeiten. „Bei mir ist alles Trial and Error. Meine größte Stärke ist meine größte Schwäche“, sagt sie und verknotet zappelig die Beine auf dem Stuhl. „Ich habe schon Videos gedreht und Kostüme geschneidert – aber ich bin weder Regisseurin noch Modedesignerin. Und ich komme auch nicht aus dem Umfeld von professionellen Musikern.“
Weil Nicola Rost weder Gitarre noch Klavier beherrscht, schreibt sie alle Songs am Computer. 2007 hat sie die ersten auf MySpace hochgeladen. Wenn sie davon erzählt, spürt man noch heute das Herzklopfen von damals. Laing stehen in der langen Tradition der Do-it-yourself-Bands – jener Sorte Musiker, die ihr Wohnzimmer als Studio begreifen und einem gesunden Dilettantismus den Vorzug geben vor makellos produzierter Dutzendware. DIY bedeutet hier: Man läuft einfach los und probiert sich aus. Es ist eine fiebrige Spätpunk-Attitüde, aus der der Pop von Laing Kraft und Zauber schöpft. Mit dem Unterschied, dass Nicola Rost von Anfang an noch ein kleines bisschen spontaner, gewitzter, schneller sein wollte.

Schon damals nannte sie sich Laing, nach dem Mädchennamen ihrer Mutter. Eine Band gab es allerdings noch nicht: „Beim ersten Auftritt stand ich dann ganz allein auf der Bühne, nur ich und mein Ghettoblaster. Das war total unsexy.“ Also holte sie die Sängerinnen Johanna Marshall und Larissa Pesch sowie die Tänzerin und Choreografin Marisa Akeny dazu. Eine klassische Band ist das Quartett trotzdem nicht. Schon weil Rost, von den Gesangs- und Tanzeinlagen abgesehen, fast alles selber macht. „Die Mädels verabschieden sich nach den Konzerten und sind raus. Ich bin die Getriebene, die immer weitermuss.“

Davon, dass es ganz so schlimm nicht sein kann, zeugen der Witz und die Leichtigkeit des neuen Albums Wechselt die Beleuchtung. „Ich kenn nen Fuchs und ’n Faultier / Ich kenn nen Schoßhund und nen Dinosaurier“, singt Rost in Safari, und es dauert ein paar Sekunden, bis der Hörer begreift, dass er es hier nicht mit Einlassungen zur Botanik, sondern einer Fabel über das Paarungsverhalten junger Großstädter zu tun hat. „Manche sind leicht in der Pflege, manche kosten Kraft / Manche mögen ihr Gehege, manche brauchen Platz.“ Das erinnert an Rapper wie Peter Fox oder K.I.Z. – aber auch an Erich Kästner und Kurt Tucholsky: „Für mich sind das wichtige Einflüsse, die schreiben schnörkellos, unverblümt und kommen eigentlich ganz simpel daher. Doch mit diesen einfachen Worten bauen Kästner und Tucholsky Sätze, die mich immer wieder faszinieren.“

Mehr noch als beim Debütalbum Paradies Naiv gelingen Laing auf Wechselt die Beleuchtung Momentaufnahmen aus einem urbanen Alltag, der zunehmend schneller und härter wird. Zeig deine Muskeln präsentiert das Fitnessstudio als Ort der ästhetischen Aufrüstung: „Zeig mir, wie lange du rennst / Bleck deine Zähne für mich, während du Gewichte stemmst“, kommandiert die Sängerin, so als würde sie einen Rassehund oder ein Rennpferd vorführen. „Enttäuschst du mich, enttäusch ich dich / Machst du schlapp, will ich dich nicht“, kommentiert der Chor. „Ich kann das trotzdem nicht erbärmlich finden“, sagt Nicola Rost, „weil ich es ja selbst mitmache.“ Und was fürs Fitnessstudio gilt, gilt auch für den gewöhnlichen Alltag.

Das Bekenntnis, Teil des Systems zu sein, unterscheidet die Songschreiberin von vielen Kolleginnen und Kollegen, die sich entweder in eine gemütliche Szene-Boheme flüchten oder ausschließlich ihre Befindlichkeiten zum Thema machen. Rost schützt sich davor durch eine Ironie, die bisweilen ins Sarkastische schwappt. Zusammen mit der Eleganz der Musik entwickelt sich so ein für Deutschland eher ungewöhnliches Popgefühl: illusionslos, aber mit doppeltem Boden. Selbst eine Schnulze von Heintje verwandelt Rost in eine abgründige Betrachtung zum Mann-Frau-Verhältnis. Dass Laing vor riesigen Leuchtbuchstaben posieren, auf denen „Feminist“ steht – wie Beyoncé bei den diesjährigen MTV Awards –, ist trotzdem schwer vorstellbar. Viel zu viel Behauptung, viel zu viel Pose!

Das F-Wort ist Rost eher lästig. „Ich empfinde Geschlecht als Kontinuum, nicht als unterschiedliche Pole“, sagt sie, und es klingt wie: Bitte lass mich in Ruhe mit den alten Frontverläufen! Dann erzählt sie von einem Konzert, das Laing zusammen mit den Rappern von K.I.Z. im Berliner Lido gegeben haben – am Weltfrauentag und nur vor Frauen. Das Ganze war als „Wiedergutmachungskonzert“ gedacht für all die realen oder vermeintlichen Sexismen, die im Hip-Hop-Alltag an der Tagesordnung sind. Es hört sich absurd an: vier Typen mit dicker Hose und vier pragmatisch denkende Alphamädchen zusammen auf einer Bühne.

Das Tolle: Irgendwie hat es trotzdem funktioniert, die Frauen gingen begeistert mit, kreischten und tobten zur Musik. Zu fortgeschrittener Stunde kamen sie dann, die Chöre: „Ausziehen! Ausziehen! Ausziehen!“ Einen Moment war Nicola Rost kurz davor nachzugeben: „Ich dachte: Euch muss ich ja nichts erzählen, in einer Umkleide würde man sich ja auch nicht zieren.“ Gut, dass sie es dann doch nicht getan hat. Wir leben schließlich in einem Zeitalter der Smartphones und Sozialen Netzwerke.

Jürgen Ziemer

Erschienen in Die Zeit 39/2014

Der Zukunft zugewandt

Imago:Jens Jeske

Tim Renner ist neuer Berliner Kulturstaatssekretär. Schon fürchten einige in der Hauptstadt um den Erhalt der Hochkultur

Oha, das fängt ja heiter an“, hat Tim Renner auf seiner Facebook-Seite gepostet. Darunter sieht man ein Foto des „Personalfragebogens für Beamte/Beamtinnen“. Hunderten von Freunden gefällt das. „Na dann mal viel Spaß, du alter Sozi“, feixt einer aus der Chefredaktion der Welt.

Klaus Wowereit hat den Musikmanager vergangene Woche als neuen Berliner Kulturstaatssekretär aus dem Hut gezaubert. Und das ist keine schlechte Entscheidung. Der wegen Steuerhinterziehung zurückgetretene Vorgänger André Schmitz war ein Kulturpolitiker alten Schlags, ein „Bürgerlichkeitsdarsteller“ und „Einstecktüchleinträger“, wie die FAS süffisant schrieb. Renner dagegen, der sein Amt am 28. April antritt, ist die Verkörperung des Kreativproduktionsstandorts Berlin. Zur Vorstellung im Roten Rathaus kommt der 49-Jährige unrasiert und verstrubbelt. Und auf die inquisitorische Frage nach seinem letzten Opernbesuch antwortet er ohne Schuldbewusstsein: Vor einem halben Jahr sei er dort mal auf einer Party gewesen.

Die etablierte Kulturszene findet so viel Chuzpe weniger lustig. Aber Renner ist nun mal ein Mann des Pop. Umtriebig, gut vernetzt, der digitalen Zukunft zugewandt. Er wird andere Schwerpunkte setzen als sein Vorgänger, das gilt als sicher. „Ich erwarte aber, dass sich der neue Staatssekretär um die gesamte Szene kümmert – und dazu gehört auch die Hochkultur“, erklärte Sabine Bangert, die kulturpolitische Sprecherin der Grünen letzte Woche trotzig. So als befürchte sie, Renner würde nach seiner Amtseinführung die heiligen Hallen der Philharmonie mit Black Metal besudeln oder die Museumsinsel zur Partymeile erklären. Dabei ist der Verlauf der Grenzen zwischen ernster und populärer Kultur immer schwieriger zu definieren: Sind die Operetten, die in der Komischen Oper gespielt werden, wirklich so viel hochwertiger als die flamboyanten Konzerte eines Rufus Wainwright? Aber wir wollen uns nicht dumm stellen: Berlin entscheidet sich mit Renner klar für das wirtschaftliche Potential der Pop- und Clubkultur. Geld wird hier mit Kreativität verdient, mit all dem bunten Quatsch und den kühnen Konzepten, die sich, vielleicht, irgendwann einmal auszahlen. Und in dieser Welt kennt sich Tim Renner nun mal ziemlich gut aus.

Von 1986 bis 2004 erlebte der ehemalige Musikjournalist eine steile Karriere in der Plattenbranche: Vom Artists & Repertoire Manager bei Polygram bis zum Geschäftsführer von Universal Music Deutschland. In dem 2004 erschienenen Sachbuch Kinder, der Tod ist gar nicht so schlimm schildert Renner die Branche als unflexibel und lernunwillig. Die Digitalisierung wird schon deshalb ignoriert, weil man sein Geld ja mit dem Vertrieb von physischen Tonträgern verdient. In seinem nach einem Song von Palais Schaumburg benannten Buch stellte Renner auch eine interessante Formel für seinen zukünftigen Job auf: „Pop = Kunst + Kapital x Massemedien“.

Renner kennt jeden, jeder kennt Renner

Er schreibt: „An Pop fasziniert mich, dass diese Kultur am souveränsten mit der Beziehung zum Kapital umgeht. Klar, die Geschichte der Kunst ist immer auch eine Geschichte von finanziellen Abhängigkeiten. Aber Pop heißt, darüber nicht zu jammern.“ Ob die Grünen deshalb um die Hochkultur fürchten?

Doch Tim Renner ist kein neoliberaler Wirrkopf. In den Büros von Universal herrschten Ende der Neunziger- und Anfang der Nullerjahre eher flache Hierarchien und ein hedonistisches, fast schon aufreizendes Hipstertum. Die Karrieren von Rammstein, Element of Crime und Tocotronic erlebten durch Renner eine enorme Beschleunigung. Aber auch in den feinen Nischen wurde damals geackert und gedüngt, wie das heute kaum noch vorstellbar ist. So lange jedenfalls, bis das Geld alle war. Der CEO von Universal, Jorgen Larsen, verlangte Sparmaßnahmen, es gab wohl auch Differenzen über die digitale Ausrichtung des Unternehmens. Am Ende reichte Renner die Kündigung ein.

Seitdem betreibt er die Motor Music Entertainment GmbH, eine Firma, die alle Formen von Musikdienstleitungen anbietet. Das Management von Künstlern wie Westernhagen, oder Peter Licht gehört ebenso dazu wie, ein Musikverlag, eine Plattenfirma, eine Konzertagentur und die Beteiligung an dem Radiosender Motor FM. Dazu lehrt Renner an der Popakademie Baden-Württemberg.

Was den Mann allerdings interessant macht, sind seine gut informierten und oft unbequemen Beiträge zum Urheberrecht, zur Digitalisierung und der zunehmenden Prekarisierung in der Kreativwirtschaft. Kaum ein wichtiges Panel, kaum eine Hintergrundrunde im politischen Betrieb, an der Renner nicht teilgenommen hätte. Renner kennt jeden, jeder kennt Renner. Als Kreativwirtschaftsberater hat er Klaus Wowereit bereits während des letzten Wahlkampfs unterstützt, seit November 2013 ist er auch SPD-Mitglied.

Sicher ist Renner kein Experte, was die Welt der Hochkultur angeht. Und ja, er wird rechnen und auch mit dem Rotstift arbeiten. Er wird an das umsatzträchtige weltweite Renommee der Berliner Clubszene denken und öffentlichkeitswirksame Projekte ankurbeln, die für kleines Geld zu haben sind. Aber es spricht auch nichts dagegen, die Repräsentationstempel des Bürgertums stärker zu hinterfragen. Die freie Szene – von Sasha Waltz bis zum Hebbel am Ufer – scheint jedenfalls zufrieden mit dem Neuen. Hier hegt man Hoffnungen auf bessere Unterstützung. Die finanziellen Mittel, die Renner zur Verfügung stehen, sind allerdings nicht sehr groß. Das Kinderballett der Deutschen Oper wird in absehbarer Zeit wohl trotzdem nicht abgeschafft. Renner Auftrag lässt sich in dem wohlbekannten Slogan zusammenfassen: „Reicher werden, sexy bleiben“.

Dieser Artikel erschien in Der Freitag Ausgabe 10/14 vom 06.03.2014

PROFESSOR POP

Einst wollte er  mit seiner Musik die Welt verändern, heute ist er ein Privatgelehrter, der hin und wieder unter die Leute geht. Ein Besuch beim großen Songwriter Paddy McAloon

Von Jürgen Ziemer

Septemberstimmung im nordenglischen Städtchen Durham. Ein paar müde Sonnenstrahlen fallen zwischen den Wolken herab, doch die wirklich guten Tage sind vorbei. Vielleicht ahnt das auch der ältere Herr mit dem Rauschebart und den langen weißen Haaren, der über die mittelalterliche Elvet Bridge schlendert, als gäbe es dort keine Touristen, die in kreischbunter Funktionskleidung im Weg stehen. Man könnte ihn für einen Literaten halten oder einen leicht exzentrischen Professor. Doch Paddy McAloon ist Popmusiker, der Kopf der Band Prefab Sprout – auch wenn er sich schon lange von der Welt der Charts verabschiedet hat.

Wie eine Flaschenpost schickt er im Abstand von vielen Jahren immer mal wieder ein Album in den Ozean der Neuerscheinungen. Musikkritiker drehen dann regelmäßig durch und feiern den Mann wie einen Heiligen,  einen Brian Wilson aus Englands grimmigen Norden. Allein die Tatsache, dass vor einigen Wochen neue Songs auf YouTube auftauchten, führte zu hysterisch-hymnischen Vorabbesprechungen, die Hoffnung, dass es im Herbst ein neues Album von Prefab Sprout geben könnte, trieb die Euphorie auf einsame Spitzen. Aber warum bloß, wer ist dieser Paddy McAloon? Ein Genie oder doch bloß ein begabter Kunsthandwerker des Pop?

Alben wie „From Langley Park To Memphis“ oder „Andromeda Heights“ sind seltene Exemplare einer Gattung, die man Autorenpop nennen könnte – so literarisch in ihrem Anspielungsreichtum, dass man sich bisweilen Fußnoten wünscht, und musikalisch so kenntnisreich in Szene gesetzt, dass sich Connaisseure behaglich in die Polster ihr Kopfhörer kuscheln. In den Achtzigern gab es bei Prefab Sprout sogar einen gewissen Willen zur Jugendlichkeit: Das Cover ihres Klassikers „Steve McQueen“ zeigt drei Jungs, ein Mädchen und ein altes Triumph-Motorrad – die Musikgruppe als romantische Außenseiterbande. Dahinter die kalten Nebel und kahlen Äste der nordenglischen Provinz: eine perfekte Schnittmenge aus James Dean, Nouvelle Vague und britischer Working Class Attitude. Die Rebellion von Prefab Sprout fand im Programmkino statt.

28 Jahre liegen zwischen „Steve McQueen“ und dem Paddy McAloon, der jetzt vor dem Royal County steht – einer an Britishness nicht zu überbietenden Häuserzeile, die inzwischen ein Hotel beherbergt. Freundlich strahlen seine Augen, auch wenn man sie kaum sehen kann, unter der riesigen Sonnenbrille, die er über einer normalen Brille trägt. Jetzt geht ein Ruck durch seine Figur: Aber natürlich, klar, der Journalist aus Hamburg, der über das neue Prefab-Sprout-Album „Crimson/Red“ reden möchte! „Gehen wir doch rein und suchen uns ein Plätzchen“, sagt er, als wären wir gute Freunde. Kaum in den weichen Polstern einer Sitzecke gelandet, beginnt Paddy McAloon zu erzählen – atemlos ausschweifend, aber klug und reflektiert.

Es ging ihm nicht gut in den letzten Jahren, vor allem gesundheitlich. Vor etwa zehn Jahren löste sich auf beiden Augen die Netzhaut, was zu einer zeitweiligen Erblindung führte und bis heute operativ behandelt wird. 2006 folgte ein schwerer Tinnitus, der zusammen mit einer sogenannten Hyperakusis dafür sorgt, dass McAloon selbst kleine Geräusche als unerträglich laut empfindet. Seitdem ist es ihm praktisch unmöglich, mit anderen Musikern in einem Raum zu arbeiten. Ein Flugzeug hat der 56jährige schon lange nicht mehr betreten, Konzerttourneen sind undenkbar. Aus Prefab Sprout, einer Band von vier Freunden aus Durham, wurde das einsame Projekt eines Solokünstlers. „Niemand würde ein Album von Paul McCartney als Werk der Beatles durchgehen lassen“, klagt McAloon. Aber was soll er tun?

Der Name ist eine Bank und „Crimson/Red“ klingt genau so, wie es sich Prefab-Sprout-Fans erträumen: Hinreißende Melodien, fein verästelte Arrangements, in den Texten die gewohnt brillanten Bilder und Formulierungen. Um Details kümmert sich der langjährige Toningenieur Callum Malcolm, der einzige, den McAloon noch an seine Musik lässt.  2003 war er kurz davor alles hinzuwerfen: „Ich fragte mich, ob die Menschheit wirklich noch mehr von mir hören muss“.  Damals floppte McAloons bisher einziges Album unter eigenem Namen. „I Trawl The Megahertz“ war eine ätherische Klangreise zwischen Soundtrack und Neuer Musik. Dass normale Pophörer damit wenig anfangen konnten, enttäuschte ihn: „Inzwischen sehe ich „I Trawl The Megahertz“ eher wie einen Experimentalfilm. Man kann so etwas nicht in einem Multiplex-Kino zeigen, in dem sonst Filme wie „Star Wars“ oder „E.T.“ laufen“.

Dass er tatsächlich „E.T.“ als Referenzgröße nennt und nicht „Herr der Ringe“ oder sonst etwas aus dem zeitgenössischen Mainstream-Kino, beschreibt perfekt, welches Stadium der Weltvergessenheit McAloon mittlerweile erreicht hat. Allen schädlichen Einflüssen der Gegenwart entzogen, lebt er mit seiner Familie in einem ländlichen Exil voller Bücher und Musik: „Ich gehöre zu den Menschen, denen die Imagination wichtiger ist, als der Ort, an dem sie sich physisch aufhalten“. Man muss sich McAloons Heimstudio wohl wie eine kleine Manufaktur vorstellen: „Ich schreibe. Die ganze Zeit. Das ist eigentlich alles, was ich den Tag über tue. Einen normalen Job, so wie mein Bruder Martin, der früher bei Prefab Sprout Bass spielte, könnte ich nicht machen. In meinem Kopf spielt immer die Melodie des Stücks an dem ich gerade arbeite“, sagt er und streicht sich dabei über den Bart wie ein freundlicher Weihnachtsmann.

Manche Songs kommen so leicht zu ihm wie Fusseln auf einen Mantel gelangen. Andere sind störrisch, die legt er erst mal halb fertig ab in alten Kartons. Unter Prefab-Sprout-Fans kursieren Gerüchte über Dutzende unvollendeter Alben, die McAloon wie einen Schatz in seinem Haus hortet. Auch die zwischen 1997 und 2010 entstandenen Songs von „Crimson/Red“ stammen aus dem Archiv. Aufgenommen hat McAloon sie im Herbst letzten Jahres, im Heimstudio seines Hauses. Die Plattenfirma ließ ihm einfach keine Ruhe, aber jetzt ist er mehr als zufrieden: „Ich habe das Gefühl, dies ist die beste Song-Kollektion, die ich gemacht habe“, strahlt er glücklich.

Mag sein, dass der Mann ein wenig übertreibt, aber die zehn Stücke sind deutlich besser als das Material seines letzten Album „Let’s Change The World With Music“. Vor allem die Single „Best Jewel Thief In The World“ hat Hitqualitäten. „Masked and dressed in black, you scramble over rooftops„, singt McAloon zu heulenden Sirenen, synthetischen Streichern und einem unwiderstehlichen Uptempo-Beat. Der Song ist eine Vier-Minuten-Version von Alfred Hitchcocks „Über den Dächern von Nizza“ – mit Paddy McAloon in der Rolle von Cary Grant. „Die Arroganz eines Juwelendiebs ist etwas, das auch ein Autor manchmal braucht, um seine Arbeit gut zu machen“, sagt er. „Manchmal denke ich mir einfach einen Titel aus und schreibe dann darüber einen Song. Bestimmte Worte, bestimmte Bilder, das funktioniert fast wie ein kleines Filmscript“.

Der Albumtitel „Crimson/Red“ stammt aus dem Song „Adolescence“, der vom kribbelnden Gefühl handelt, ein Teenager zu sein: „Ich dachte an Feuerwerk und Purpur, an Blitze im Kopf, an ein Streichholz, das entflammt“. Dass McAloon aus der Perspektive eines Erwachsenen singt, macht den Song zu einer Meditation über das Altern. Überhaupt durchzieht ein Hauch von Spätsommer das Album: Zu Tautropfen, die auf Spinnennetzen glitzern, erzählt McAloon die Geschichte vom alten Zauberer, der sich ein letztes Mal vor seinem Publikum verbeugt und dann desillusioniert die Bühne verlässt. Seine letzten Worte: „Death is a lousy disappearing act“.

Vielleicht ist „The Old Magician“ das Stück, das seine Kunst am besten beschreibt: Der alte Zauberer Paddy kennt sein Talent, weiß um seine Grenzen und verzettelt sich nicht mit billigen Tricks. Er erzählt von den großen Themen, indem er sie in kleine Geschichten verpackt. Das ist ihm auch dieses Mal wieder so meisterlich gelungen, dass weiteren Liederkränzen aus der großen Truhe nichts im Weg steht. „Watch your legend grow“ singt McAloon, „the rooftops are for dreamers“.

Prefab Sprout: Crimson/Red (Embassy of Music/Warner)

Erschienen in Die Zeit 41/2013

 

Heiser in die Hölle

Singen, als könnte jeder Song der letzte sein: Die französische Folk-Chanteuse Soko wurde über YouTube zum Star aller verletzten Mädchen-Seelen. Im Interview zeigt sich die 26-Jährige allerdings von ihrer robusten Seite – und spricht freimütig darüber, wie es sich anfühlt, „in die Fresse“ zu bekommen.

 

Millionen Klicks für einen angekündigten Mord: Mit einem so simplen wie schneidigen „I’ll Kill Her!“ wurde die Französin Stéphanie Sokolinski zum Renner auf YouTube mit dem so betitelten Song lieferte sie eine Art Hymne für alle Mädchen, die an die große Liebe glauben – und dann natürlich bitter enttäuscht werden.
Sokolinski, die sich der Einfachheit halber Soko nennt, träumt in der Nummer von der perfekten Zukunft mit ihrem Freund: Nach einem „I Love You“ verflucht die 26-Jährige jedoch bald die Konkurrentin mit hinreißend heiserer Nicht-Stimme und starkem französischen Akzent. In Dänemark und Belgien schaffte es der charmant rumpelnde Indie-Popsong vor fünf Jahren sogar in die Top 5 der Single-Charts.
Bei so viel Erfolg ist es schon seltsam, dass Sokos Debütalbum „I Thought I Was an Alien“ erst jetzt erscheint: „Meine Art Songs zu schreiben“, sagt die Künstlerin, „ist Dinge geschehen zu lassen. Emotional eins in die Fresse zu kriegen, Schrott zu reden, mich vor der Welt zu verstecken, verrückte, schlaflose Nächte zu haben. Das Resultat ist dann vielleicht ein Song“.
Kleines Equipment, große Kunst
Mit ihren langen schwarzen Locken, die sich über eine Strickjacke kringeln, aus der eine weiße Großmütterchenbluse blitzt, wirkt Soko fast wie eine christliche Fundamentalistin aus dem amerikanischen Mittelwesten. Und trotzdem hat das Outfit so viel Stil, dass jeder halbwegs coole Modeblog begeistert ihr Foto veröffentlichen würde. Die Sängerin spricht in einem atemberaubenden Tempo und wenn ihr etwas nicht gefällt, steckt sie sich dramatisch zwei Finger in den Mund, würgt spielerisch und rollt dazu mit den Augen.
So etwas fällt ihr leicht, denn im Hauptberuf ist Soko Schauspielerin. „Kleine französische Filme – und sie haben nicht sehr viel Relevanz“, behauptet sie. Das stimmt nicht ganz. Vor drei Jahren spielte Soko an der Seite von Gérard Depardieu in Xavier Giannolis Film „À l’origine“ der immerhin im Wettbewerb von Cannes lief. Sie wurde damals sogar für den französischen Filmpreis César nominiert.
Mit der Welt des Filmglamours hat ihr Album „I Thought I Was an Alien“ allerdings ebenso wenig zu tun, wie mit dem trotz aller Wutanfälle heiteren Hit „I’ll Kill Her“: Die Atomsphäre ist dunkel, bisweilen beklemmend. Da knirschen schon mal Dielen, knarzen Stühle. Es gibt allerdings auch perfekt arrangierte Streicher-Arrangements. „First Love Never Die“ ist einer der zugänglichsten Songs: Getragen von einer sehnsuchtsvollen Melodie, getrieben von einer altmodischen Rhythmusbox, entwickelt das Stück eine psychedelische Schönheit, die an die Songs von Sparklehorse erinnert.
„Treat Your Woman Right“ dagegen beschreibt eine verzweifelte, unerwiderte Liebe und erzählt zu gespenstischen Chören von verstörender Einsamkeit. „Ich war in den letzten fünf Jahren ziemlich deprimiert, deshalb kommt meine Musik von einem sehr dunklen Ort“, sagt Soko in einem eher gut gelaunten Tonfall. „Ehrlich gesagt bin ich überrascht, dass das Album nicht noch dunkler geworden ist. Jeden Song habe ich unter Tränen geschrieben, mich wie Scheiße gefühlt und dabei gedacht: Okay, das ist vielleicht er letzte Song den ich schreibe.“
Während sie ironiefrei diese überzogenen Sätze von sich gibt, sitzt Soko an einem Tisch in ihrem Berliner Hotelzimmer. Eigentlich lebt sie seit einigen Jahren Los Angeles. Doch seit Monaten ist sie unterwegs, hat gerade zwei Filme in Paris abgedreht, gibt Interviews zum Album, demnächst beginnt eine Konzerttour quer durch Europa. Sie behauptet, eine traurige Einzelgängerin zu sein. Aber wer sie so zwischen ultradünnem MacBook Air und altmodischer Song-Kladde sitzen sieht, macht sie einen äußerst lebensfrohen Eindruck.
Ihre Folksongs sind zwar immer irgendwie niedlich, erzählen aber auch von der Dunkelheit. Der psychisch kranke, genialische Songwriter Daniel Johnston ist ein Vorbild: „Ich habe die Dokumentation ‚The Devil and Daniel Johnston‚ gesehen und war sehr berührt von seinem roh skizzierten und ehrlichen Songwriting. Es ist, als würde er seinen Schmerz ausgießen – und dafür bin ich empfänglich.“ Mehrfach sind die beiden miteinander aufgetreten und auch Sokos Songs besitzen eine radikale Intimität. Weil sie ihre Stimme oft allein am Notebook aufgenommen hat, hört man eher ein heiseres Flüstern als Gesang im klassischen Sinn: „Ich liebe diesen kranken Sound und ich mag die Wirklichkeit. Deshalb möchte ich, dass alles so pur und direkt ist wie möglich. Was passiert, soll passieren und wenn ich bei den Aufnahmen huste, bleibt das drin“.
Dass Soko das Video zum Titelsong ihres Albums „I Thought I Was an Alien“ selbst inszeniert hat, passt zu ihrer Do-It-Yourself-Haltung. Selbst ihr Kameramann – der berühmte Regisseur Spike Jonze („Wo die wilden Kerle wohnen“) – hielt sich an die ästhetischen Vorgaben: Nicht in High Definition hat er die sonderbaren Tänze der Sängerin mit Gummimasken-Aliens gefilmt, sondern mit dem iPhone. Große Kunst auf kleinem Equipment, klasse.

Jürgen Ziemer (erschienen bei Spiegel Online)

Soko: „I Thought I Was An Alien“ (Warner), Tour: 31. März, Berlin / 1. April, München / 2. April , Wiesbaden / 3. April, Köln / 4. April, Hamburg

Heute Disco, morgen Regierung stürzen

„You will not be able to stay home, brother. You will not be able to plug in, turn on and cop out. You will not be able to lose yourself on skag and skip, Skip out for beer during commercials, Because the revolution will not be televised“.
„The Revolution Will Not Be Televised“, Gil Scott-Heron

Die Revolution würde nicht im Fernsehen übertragen, behauptete der Jazz-Poet und Proto-Rapper Gil Scott-Heron in den frühen Siebzigern. Doch wir Deutschen wissen natürlich, dass das nicht wahr ist. Seit meiner Kindheit sehe ich in den Nachrichten rebellierende Menschen von links nach rechts, oder von rechts nach links über große Plätze rennen. Ich sehe wie sie flüchten, wie sie geprügelt werden, wie Panzer vorfahren, wie sie mit entsetzten Gesichtern ihre Verletzten und Toten den Kameras präsentieren. Danach werden ziemlich schnell neue Herrscher präsentiert, die Frieden, Freundschaft und Fortschritt versprechen, was meistens gelogen ist. So oft habe ich diese Bilder und Filme gesehen, dass es fast schon egal ist, wo auf der Welt sich das gerade abspielt. Und wer weiß schon so genau, ob es eine gute und gerechte Sache ist, für die da gerade gekämpft wird.
Leute wie ich haben sich deshalb eine Parallelwelt geschaffen. Wir nennen sie Pop und lieben diese bunte Nische, weil dort alles möglich ist – mit der nötigen Portion Ironie und einer „Hey, ist doch Rock ’n‘ Roll“-Gleichgültigkeit. Revolutionen sind im Pop jedenfalls ein Klacks. Wird jeden Tag gemacht. 173.000.000 Einträge bei Google. Nach zwei Mal Wikipedia an der Spitze kommt schon an dritter Stelle der „Revolution Nachpalast“, eine Disco in Neuss. Revolution – „Die Partyband schlechthin“ ist auch ganz vorne. Von den technologischen, kulturellen und den geradezu sensationellen Revolutionen der Markenwelt will ich gar nicht erst anfangen.
Dass es in Deutschland 1989 auch so etwas wie eine Revolution gegeben hat ist vielen gar nicht mehr bewusst. Warum auch: Die Ossis haben ein paar Montage lang „Wir sind das Volk!“ gerufen und dann hat Helmut Kohl die nötigen Schritte eingeleitet und die Mauerspechte geschickt. War doch so, oder? Heute ist das eh egal, in den Western gewinnen auch immer die Cowboys und nie die Indianer.
Aber zurück zur Revolution. Ausgerechnet die Ägypter, die seit „Walk Like An Egyptian“ im Pop keine große Rolle mehr spielen, beweisen nun: Gil Scott-Heron hatte doch Recht! Es geht nämlich nicht um uns selbstverliebte TV-Glotzer und unsere ironisch kecken Sprüche. Einen besonders typischen habe ich übrigens gestern Abend wieder über der Bühne des Hamburger Clubs „Hafenklang“ gelesen: „Heute Disco, morgen Regierung stürzen, übermorgen Landpartie“. Die Do-It-Liste eines gelangweilten jungen Bürgertums. Man glaubt weder an die Disco, noch an die Möglichkeit einer anderen Politik, als der symbolischen, die wir seit Jahrzehnten pflegen. „Es ist egal, aber…“

„The revolution will not go better with Coke. The revolution will not fight the germs that may cause bad breath. The revolution will put you in the driver’s seat“, erklärt Scott-Heron. Den Beweis seiner Behauptung sehen wir momentan täglich – im Fernsehen oder auf dem Computerbildschirm. Die Ägypter dagegen sitzen tatsächlich auf dem Fahrersitz, treten aufs Gaspedal und verkörpern unter Einsatz ihres Lebens nicht nur die Gegenwart sondern auch eine mögliche positive Zukunft. Und Westerwelle schaut zu. Und Merkel schaut zu. Und wir coolen Schlaumeier schauen auch zu. Vermutlich haben wir ein besseres TV-Programm und in Scharm El-Scheich ist es ja auch noch ruhig. Wir kennen es eben nicht anders.

„But until then you know and I know niggers will party and bullshit and party and bullshit and party and bullshit and party and bullshit and party…
Some might even die before the revolution comes“
„When The Revolution Comes“, The Last Poets

Soap & Skin

SoapSkin_A_21

Begrabe mich unter Eis

Im Schattenreich der Psyche: Anja Plaschg, die Tochter eines steirischen Schweinezüchters, und andere Sängerinnen einer neuen, dunklen Romantik

Von Jürgen Ziemer

Ein 18-jähriges Mädchen, das aussieht, als sei es Emily Brontës Roman Wuthering Heights entstiegen, singt vom Tod. Es hat einen schweren österreichischen Akzent, und seine Stimme ist so leise und für sich allein, dass man den englischen Text kaum versteht. »Bury me under ice, smother me«, erklingt der Refrain – begrabe mich unter Eis, ersticke mich. So irritierend ungeniert hat sich schon lange niemand mehr zum Pathos bekannt. Doch die morbide Romantik des Songs verfehlt ihre Wirkung nicht. Weil das Mädchen jung ist und die Musik schwermütig schön.

Das Publikum in der Hamburger Theaterfabrik Kampnagel ist begeistert, als Anja Plaschg alias Soap & Skin im Spätsommer 2008 eins ihrer raren Konzerte gibt: Die Haut weiß wie Schnee, das hochgesteckte Haar schwarz wie Ebenholz, hantiert sie an einem MacBook. Elektronische Sound-Fraktale splittern aus den Boxen, gesampelte Streicher dröhnen dumpf und schwer. Dazu greift sie in die Tasten eines Flügels und beginnt zu singen: mal flüsternd, mal wimmernd, mal schreiend. Es gibt keine Ansagen, höchstens ein gehauchtes »Danke schön«, der Blick ihrer fiebrigen Augen geht dabei stets nach unten. Als sie gegen Ende des Konzerts Spiracles spielt, ein Lied über die Schrecken der Kindheit, geschildert aus der Perspektive einer Außenseiterin, will der Beifall kein Ende nehmen.

Der Tod und das Mädchen – es ist eine ungewöhnliche Erfolgsstory, die den Auftritten Anja Plaschgs zugrunde liegt. Obwohl sie schon im Alter von 14 eigene Songs schrieb, die der österreichische Radiosender FM4 sendete, kannte Soap & Skin außerhalb ihrer Wahlheimat Wien kaum jemand. Bis vor Kurzem war nur ein einziger Song im Handel, ein Beitrag auf der Compilation eines Berliner Electro-Kleinlabels; Anja Plaschg verstand sich vor allem als Malerin, die in der Meisterklasse Daniel Richters studierte. Ermutigt durch Richter, der nebenher das Plattenlabel Buback betreibt, verschickte sie CDs, war aber noch zu jung, um einen Vertrag zu unterschreiben. Als sie volljährig wurde, ging plötzlich alles ganz schnell: Während die Klicks auf ihrer MySpace-Seite in die Höhe schossen, begannen die Medien sie als »Wundermädchen« zu preisen. Nun erscheint endlich ihr erstes Album – und aus der Außenseiterin ist ein kleiner Star geworden.

Unter dem Namen Soap & Skin macht Plaschg Blitzkarriere im Netz

Die Geschichte klingt, als hätte ein gerissener Musikmanager sie sich ausgedacht – trotzdem ist Soap & Skin allein das Geschöpf Anja Plaschgs. Sie hat alle Songs selbst geschrieben, selbst produziert und, bis auf ein paar Streicher und Bläser, auch selbst eingespielt. Das Ergebnis ist ein ganz und gar außergewöhnlicher Liederzyklus, der bisweilen an den delikaten Kammer-Pop von Antony & The Johnsons erinnert, aber auch an die Kindertotenlieder von Mahler und die eisigen Klangflächen des norwegischen Elektronikers Geir Jensen. Einige der Stücke sind bereits über drei Jahre alt, entstanden praktisch noch im Kinderzimmer, womöglich klingen sie deshalb so größenwahnsinnig erhaben. In Thanatos, einem neueren Lied, tönen die Pianoakkorde schicksalsschwer wie Fallbeile, während Anja Plaschg mit der Stimme einer zornigen Hohepriesterin dazwischenfährt: »Ages of delirium, curse of my oblivion«.

Der Erfolg solcher Selbstexaltationen beruht gerade auf der Tatsache, dass keine Industrie dahintersteht: Sie sind allein der Fantasie eines von weit draußen kommenden Selfmademädchens entsprungen. Aufgewachsen ist Anja Plaschg in dem steirischen Dorf Gnas, als Tochter eines Schweinezüchters und Großbauern. Neben dunkel-romantischen Porträts im Moos der Wälder findet sich auf ihrer MySpace-Seite ein berührendes Foto. Es stammt aus einem Video, das sie zusammen mit ihrer zwei Jahre älteren Schwester im elterlichen Stall gedreht hat: Nackt und sehr dünn kauert die kleine Anja da zwischen einem halben Dutzend Schweinen, verschwörerisch steckt ihr Kopf zwischen den Schnauzen, so als würde ein gemeinsamer Plan geschmiedet. Auch die anderen Indizien auf dieser Seite sagen: Hier passiert etwas Besonderes, hier geht es nicht bloß um den neuen Schnitt der Lederjacken, die Jugendliche beim Rebellieren im Freizeitpark tragen.

Ein Trend lässt sich damit nicht begründen, wohl aber spiegelt die Blitzkarriere der Anja Plaschg eine Tendenz: Während man bei RTL noch den Superstar sucht, der es möglichst allen recht macht, forschen Musikbegeisterte im Internet längst nach ihren eigenen, ganz persönlichen »Stars«. Dieses individualistische Fantum legt großen Wert auf Abgrenzung zum Mainstream.

Im milden Licht ihrer Computerbildschirme durchstreifen Jäger und Sammler stundenlang das Netz, sie studieren ausführlich die überlangen Plattenkritiken des Netzmagazins Pitchfork, schmunzeln über unfreiwillig komische Videos auf YouTube, sie recherchieren auf MySpace akribisch im Freundeskreis interessanter Bands. Je tiefer man in dieses Reich eindringt, umso voyeuristischer wird es, mindestens ebenso wichtig wie die Musik sind tagebuchartige Notizen, persönliche Zeichnungen und Fotos. Wie stets im Netz geht es um Sehnsüchte, Projektionen und geheime Wünsche.

Ein gutes Beispiel für die Gefahr von Klischees, die dabei entstehen können, ist die amerikanische Songwriterin, Malerin und Internet-Selbstdarstellerin Marissa Nadler. Hübsch und sehr schlank, gekleidet in spitzenbesetzte Hippiekleider, haucht die 27-Jährige auf ihrem neuen Album Little Hells sehr gekonnt Lieder über das Unglück junger Mädchen vor sich hin. Oder sie besingt den Leichenzug einer Trauergemeinde, während im Hintergrund einzelne Instrumente funkeln. In ihrem stimmungsvollen Minimalismus klingen diese Balladen anheimelnd verträumt, wäre da nicht die beklemmende American-Gothic-Atmosphäre. Nadler nennt Kate Bush als wichtigen Einfluss, aber ebenso David Lynch und den Outsider-Künstler Henry Darger. Die meist männlichen Kritiker liegen ihr für so viel Feinsinn zu Füßen.

Die Musik mischt gekonnt und hemmungslos Folk mit Heavy Metal

Doch müssen Frauen wirklich immer schöne, sanfte Opfer sein? Eine eher widerspenstige, geradezu dickköpfig befreiende Form von Romantik findet man bei Rose Kemp. Die Tochter zweier britischer Folkmusiker – Maddy Prior und Rick Kemp spielten vor Jahrzehnten bei der Band Steeleye Span – gibt sich auf ihrer MySpace-Seite so satanisch wie möglich: Im stetig flackernden Licht ist ein alter Friedhof zu erkennen, während im Hintergrund der Song The Unholy läuft, der schwere Orgelakkorde mit noch schwereren Heavy-Metal-Gitarren verbindet. Dazu schreit die 24-Jährige, als sei der Leibhaftige in sie gefahren, nur um gleich anschließend mit einem opulent und sehr eigenwillig arrangierten Folksong zu schmeicheln. Das bereits vor einigen Monaten erschienene Album Unholy Majesty ist ein harter, aber lohnender Brocken. Da sich Rose Kemp nicht auf das abgeschmackte, aber dennoch beliebte Image der Folk-Elfe reduzieren lässt.

Auch Anja Plaschg wehrt sich als Soap & Skin gegen Zuschreibungen jeder Art. Weil das anstrengend sein kann, wurde sie mit Nico verglichen, der Sängerin, die vom blonden It-Girl und Warhol-Superstar hinabgestiegen ist in ein popkulturelles Schattenreich, wo sich Kunst und Heroinsucht die Hand reichen. »Ich spüre da einfach eine gewisse Nähe, die über die Musik hinausgeht«, sagt Anja Plaschg, die im vergangenen Jahr in einer Berliner Inszenierung namens Nico – Sphinx aus Eis mitwirkte. Ihre eigene Musik, da ist sie sich sicher, sei »ein Akt mit dem Unterbewusstsein«. Wenn sie über Inspiration redet, klingt das manchmal wie aus einem Schauerroman: »Da ist ganz viel Angst mit dabei, weil ich eben nicht weiß, wann oder wie es kommt, weil ich mich dann wie ein Gefäß fühle, oder wie ein Medium.« Man wartet, während man zuhört, geradezu darauf, dass sich die Vorhänge aufblähen und mit einem Schwall Herbstlaub die Inspiration hereingeweht kommt.

Doch vermutlich ist es genau dieser Blindflug durchs Schattenreich der Psyche, der ein Album wie Lovetune For Vacuum so außergewöhnlich macht: Popmusik braucht Geheimnis und Verzauberung, sonst ist sie nichts als funktionales Hintergrundrauschen. Anja Plaschg wird dem gerecht, indem sie, statt noch ein leicht verdauliches Angebot zu machen, sich selbst zur Disposition stellt: ihre Jugend, ihr Anderssein, ihren unbedingten Willen zur Kunst. Bang fragt man sich, was aus ihr werden wird: die neue Kate Bush, eine PJ Harvey aus der Steiermark – oder doch nur der Internet-Hype vom letzten Jahr? Die enigmatisch schönen Lieder auf Lovetune For Vacuum verweigern die Antwort darauf. Aber dass sich Medien und Menschen ohne großes Werbebudget für diese talentierte Newcomerin interessieren, das ist im Krisenjahr 2009 ein Hoffnungsschimmer.

(erschienen in Die Zeit 12/2009)