Rolling Stone

Die Welt zu Gast bei reichen Eltern

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Keiner schreibt schneller, keiner jagt Theorie, Pop und tolle Schauspieler lustvoller durch die rotierende Diskursmaschine als der Autor und Regisseur René Pollesch

von Jürgen Ziemer

Bei allem medialen Geschrei um Skandal-Aufführungen, RAF-Sympathisantentum und unansehnliche Nackte auf der Bühne – es bleibt dabei: Theater ist die unendliche Geschichte des Bürgertums, eine Repräsentationsmaschine des jeweiligen Staus Quo, bevölkert von ewig gleichen Charakteren und Identifikationsangeboten. Der arbeitslose Computernerd kommt darin genauso selten vor, wie die lesbische Kunststudentin, die sich ihren Lebensunterhalt im Call-Center verdient.
„Das hat auch Methode“, glaubt der Autor und Regisseur René Pollesch. „Wenn ein mittelständischer Betrieb wie das Theater etwas über Hartz IV-Betroffene macht, siehst du einen Schauspieler, dem es relativ gut geht, mit bepisster Unterhose auf der Couch sitzen, Bierdose in der Hand, wie er seine dick tittige Frau vögelt. Und alle glauben, sie reden jetzt für die Hartz IV-Betroffenen. In Wirklichkeit versuchen sie die Differenz zu vergrößern, zwischen sich und denen über die sie reden“.
Pollesch lehnt dieses „Repräsentations-Theater“ ab . Für ihn herrscht dort die Perspektive von weißen, männlichen Heterosexuellen, eine Position, die sich selber für die Stimme der Welt hält. Das Gegenmittel des Berliner Theatermachers sind extrem diskursfreudige und dabei trotzdem sehr unterhaltsame Stücke, die weniger krawallig sind als die Happenings von Schlingensief, dafür aber entschieden intelligenter.
Polleschs Fan-Gemeinde wächst deshalb ständig, nicht nur in Berlin, wo der 45jährige bereits seit 2001 die Volksbühnen-Dependance Prater leitet, ein charmant morbides Gebäude an der Kastanienallee, das derzeit renoviert wird. Doch Pollesch ist schon immer viel fremdgegangen, er inszenierte am Burgtheater in Wien ebenso wie am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, und schon mehrfach hat man ihm Dramatikerpreise verliehen.

Die Inszenierungen des intellektuellen Tausendsassas, der jedes Jahr gleich mehrere Stücke raushaut, sind oft als Boulevard-Komödien verkleidete Orgien der gezielten Überforderung. Da steht die Souffleuse gleich mit auf der Bühne, weil die Schauspieler endlose Bandwurmsätze herausschleudern müssen, die philosophisch komplex sind, aber gleichzeitig auch den Tonfall von Vorabend-Fernsehserien imitieren. Und immer wieder, meist wenn einer seinen Text vergessen hat, wird geschrienen bis die Adern schwellen: „Scheiße!“, „Mutter!“ oder „Ich will das nicht leben!“ Intensität und Diskursivität sind in diesem Theater kein Widerspruch. Als Zuschauer sitzt man deshalb erst mal mit offenem Mund da: Staunt über die grellbunten Ausstattungen, verfolgt auf Videoleinwänden Parallelhandlungen hinter den Kulissen, bekommt Popsongs und Schlager um die Ohren gehauen und ist obendrein noch konfrontiert mit variierten Filmklassikern. Die totale, mörderisch schnelle Überreizung. So wie draußen, auf den freien Märkten des Neoliberalismus. Als Zuschauer hat man das schon bald begriffen – man fängt an mitzugehen und Spaß daran zu haben. Der Text sickert ins eigene Leben, das eigene Leben steckt im Text und die Überforderung wird reine Lust.

Wenn man René Pollesch gegenüber sitzt, sieht man einen freundlichen Nickelbrillenträger in Jeans, Baumwollpulli und leuchtend gelben Turnschuhen. Er kommt gerade von einer Probe seines jüngsten Stücks „Die Welt zu Gast bei reichen Eltern“, das im Januar im Hamburger Thalia Theater Gaußstraße läuft. Pollesch redet wie die Schauspieler in seinen Stücken: Wahnsinnig schnell und ausgesprochen dringlich. Doch selbst die kompliziertesten seiner Schachtelsätze kriegen souverän die Kurve. Der in Gießen geborene Regisseur hat eine, wie man sagt, nichtlineare Biografie, war mehrere Jahre arbeitslos – schon deshalb ist „Arbeit“ eins seiner zentralen Themen. Erst mit 38 kam für ihn der Durchbruch, mit der New-Economy-als-Kinderzimmer-Soap „world-wide-webslums 1 –7“, am Hamburger Schauspielhaus.
Mit Moral und Psycholgie erzählte Dramen, wie sie im klassischen Theater vorkommen, sind Pollesch ein Gräuel. Stattdessen bilden die Texte von Philosophen wie Foucault und Agamben die Basis von sexy betitelten Inszenierungen, wie „Stadt als Beute“„Tod eines Praktikanten“, oder eben „Die Welt zu Gast bei reichen Eltern“. Bevor ein solches Stück entsteht, setzt sich Pollesch mit den jeweiligen Schauspielern zusammen, um eigene und fremde Texte zu lesen: „Das Material, das ich mitbringe, steht zu hundert Prozent zur Disposition. Es geht darum, zu sehen ob man mein Interesse für diese Theorien oder überhaupt für meine Texte teilen kann. Ob die Schauspieler die Möglichkeit haben, mit ihrem Leben daran anzudocken“. Nicht nur Stammschauspieler, wie die göttliche Sophie Rois oder der Fassbinder-erprobte Volker Spengler, wissen das sehr zu schätzen. Im normalen Theater ist es eher umgekehrt: da ist das Stück wichtiger, als die Menschen, die darin spielen. Pollesch stellt sich und den Schauspielern lieber die grundsätzliche Frage, die man sich auch als Zuschauer stellen kann: „Was hat das mit meinem Leben zu tun?“
Das neue Stück „Die Welt zu Gast bei reichen Eltern“ widmet sich einem Thema, bei dem Biologie und Ökonomie zusammentreffen – die eigenen Eltern als letzte Ressource: „Wenn man es auf dem Markt nicht schafft, wenn man es versucht hat mit einer Karriere und es hat nicht geklappt, dann kehrt man zurück zu den Eltern. Man ist 35 oder 40 und ist da draußen überflüssig. Die Familie ist eins der stabilsten Netzwerke innerhalb der Gesellschaft. Aufgrund der Konstruktion von Liebe und Mutterliebe ist sie in der Lage, diese Überflüssigen wieder aufzunehmen. Also den Staat zu entlasten – von Hartz IV kannst du nicht leben“.

Pollesch ist allerdings kein Sozialromantiker. Mit Hilfe der Theorien seiner derzeitigen Lieblingsautorin Donna Haraway blickt er auf das Konstrukt Familie wie ein Wissenschaftler auf das Sozialleben der Käfer. Ein netter, humorvoller Wissenschaftler, allerdings. Die Texte, der unter Feministinnen, Linken und Tierrechtsaktivisten hoch geschätzten Biologin und Philosophin Haraway, handeln von den Grenzen mit denen wir aufgewachsen sind: zwischen Mann und Frau, zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Mensch und Tier. All diese Linien sind nach ihrer Meinung willkürlich gezogen, sind das Produkt einer dualistischen Wissenschaft, die das Tier als das Andere beschreibt – im besten Fall als minderwertige Version des Menschen.
In „Die Welt zu Gast bei reichen Eltern“ untersuchen fünf exzellente Schauspieler – Anna Blomeier, Judith Hofmann, Katrin Wichmann, Felix Knopp und Jörg Pose – in der Kulisse einer Wohnküche, die Frage, ob eine 30jährige Tochter wieder zuhause bei ihrer Mutter einziehen darf. Klar definierte Rollen gibt es nicht, jeder Schauspieler spielt im dauernden Wechsel beide Seiten: Mutter und Tochter – Jörg Pose gibt einmal sogar ganz rührend den Haushund. Dazu wird noch ein wenig über Agambens These nachgedacht, die Menschheit verfolge kein historisch kulturelles Projekt mehr, sondern sei nur noch interessiert an Körpern, Gentechnik und überhaupt Biologie.
Und auch wenn das alles vielleicht ein wenig anstrengend klingt: Das Ergebnis ist eine unglaublich spritzige Boulevard- und Screwball-Comedy, voller witziger Regieeinfälle und knalliger Punchlines wie „Familie besteht doch nicht nur aus Mord und Totschlag, sondern auch aus Kälte und Einsamkeit“. Hier wird das Bürgertum mit all seinen Macken nicht repräsentiert, sondern seziert – unter einem sehr scharfen Mikroskop. That’s what I call Diskurspop!

(Veröffentlicht in Rolling Stone 1/2008)

Wie unterhaltsam Polleschs Theater ist, zeigt dieses Video  seiner Inszenierung von „Mädchen in Uniform“ am Hamburger Schauspielhaus.


Television Personalities

15 Minutes, Mister Warhol, 15 Minutes!

Dan Treacy und seine Band Television Personalities sind nicht tot zu kriegen. Nicht von Drogen, Misserfolg und auch nicht von Obdachlosigkeit. Das neue Album ist ein kleines Wunder

von Jürgen Ziemer

(Rolling Stone, 6/2010)

„This is where Syd Barrett lives…!“ Dan Treacy kriegt sich vor Lachen kaum noch ein. Mit einem Bier in der Hand steht er vor einem windschiefen, ziemlich bunten Kinderhäuschen aus Plastik. „Ha ha ha ha ha hah“ schallt sein gutgelauntes Meckern durch den Hinterhof eines heruntergekommenen Pubs namens „The Lion & The Unicorn“. Dazu sollte man wissen: Dan Treacy und seine Band The Television Personalities hatten vor knapp 30 Jahren einen kleinen Hit – „I Know Where Syd Barrett Lives“. Mit raunender Stimme erzählte der Songwriter da von einer Begegnung mit dem mysteriösen Pink Floyd Musiker: „He was very famous once upon a time / And no one cares even if he’s alive (we do) / But I know where he lives and I visit him / In a little hut by the edge of the wood“.
Dan Treacy ist selber eine Art Syd Barrett. Ein genialer Songwriter, ein Wunderknabe des DIY-Pop, der in der zweiten Hälfte der Neunziger komplett von der Bildfläche verschwand. 10 Jahre lang gab es weder neue Songs, noch Konzerte, keinerlei Lebenszeichen – nur Gerüchte über Heroin, Obdachlosigkeit und Knast.
Wenn man Treacy heute im „The Lion & The Unicorn“ gegenüber steht, weiß man sofort warum Freunde ihn liebevoll „Scruffy Dan“ nennen: Die krumpeligen Jeans und das fleckige Hemd haben schon seit langem keine Waschmaschine mehr gesehen, ein abgebrochener Schneidezahn erzählt von harten Zeiten, das Gesicht ist bleich und stoppelbärtig, eine speckige Wollmütze klebt trotz des frühlingshaften Wetters fest auf seinem Kopf. Doch wenn Dan Tracey lacht – und das tut er oft beim Erzählen seiner hartgekochten Schnurren – wirkt er jung und voller Leidenschaft. Dann strahlen die wasserblauen Augen und die Sätze reihen sich zu ironisch treffenden Aphorismen. So kennen und lieben ihn seine Fans: „Dan Treacy’s smile / Leaves you to trying to decide / Who’s the victim, what’s the crime“, singen MGMT in ihrer Huldigung „Song For Dan Treacy“. Und nun erscheint mit „A Memory Is Better Than Nothing“ auch noch ein Televison Personalities Album, das wieder an die großen Zeiten der Band anknüpft.

Doch wer ist dieser Typ überhaupt – zu Popstar-Ruhm hat er es ja offensichtlich nicht gebracht? Dazu müssen wir weit zurückgehen, in eine Zeit, als der Pop noch jung, unschuldig und keck war. Und der Alltag der Menschen grauer und mehr im Gleichschritt, als wir uns das heute vorstellen können. „15 Minutes, Mister Warhol, 15 Minutes!“, fordert Treacy in „The Painted Word“, einem seiner besten Songs, lautstark sein Stück vom Glück. Er sollte es bekommen.
Unsere Geschichte beginnt im Londoner Stadtteil Chelsea, wo Dan Treacy aufwuchs: „Alles, was mich an Pop interessierte passierte hier – Psychedelia, Mod, Kings Road, Carnaby Street, selbst Punk“, schwärmt er noch heute. „Meine beiden Schwestern waren sieben und acht Jahre älter als ich, echte Sixties-Girls, die genauso aussehen wollten wie Twiggy. Ihre Boyfriends waren Mods und ich liebte schon als Kind diese ganze Kultur – die Musik, die scharfen Klamotten. Während der Ferien half ich oft in der Reinigung meiner Mutter und erledigte Botengänge. In Chelsea bedeutete das – ich musste an den Türen von Popstars klingeln: „Entschuldigung, Mister Bowie, hier ist ihre Wäsche“. Es war eine so farbenfrohe Welt! Vor allem wenn man bedenkt, dass die Menschen im Norden Englands inmitten von schwarzen Wolken lebten. Vielleicht mochte ich deshalb nie die Happy Mondays, das war mir zu düster. Ich habe ein eher kindliches Gemüt“.

Als Teenager wollte Treacy unbedingt selbst ein Teil dieses Pop-Traums werden. Mit seinen Schulfreunden Joe Foster, Ed Ball, sowie John und Gerrard Bennett spielt er Coverversionen von The Who, Pink Floyd und anderen Lieblingsbands. „14th Floor“, die erste selbstgeschriebene Single der Television Personalities, wie die Band nun heißt, wird umgehend von John Peel gespielt. Doch erst die mit Ed Ball im Duo aufgenommene „Where’s Bill Grundy Now?“-EP begründet 1978 den Ruhm der TVPs. Vor allem „Part Time Punks“ war ein Meisterstück, ein furioses Spottlied auf die neueste Pop-Mode: „They play their records very loud 
/ And pogo in the bedroom 
/ In front of the mirror 
/ But only when their mums gone out“. Die Musik rumpelte und schlingerte an allen Ecken und Enden, der Gesang war eher ein munteres Grölen. Doch was die TVPs von Anfang besonders machte, war ihr Charme und ihr Hipster-Wissen: Malcolm McDowell, Oliver Reed, Mary Quant, The Jam, Rita Tushingham, Charles Manson, Andy Warhol, David Hockney – alles Figuren aus den Songs. Das Cover des Debütalbums „And Don’t The Kids Just Love It“ zierte ein Foto von David Bailey: Twiggy und John Steed aus „The Avengers“. „This is my ideal world“ singt Treacy in „My Favorite Films“ – man glaubt es gerne.

Das Band eigene Label Whaam, wo unter anderem die Karrieren der Pastels und Tracey Thorn begannen, war benannt nach einem Bild von Roy Lichtenstein. Das Management des „Last-Christmas“-Duos Wham war trotzdem empört über die Neugründung: „Sie boten mir 500 Pfund als Entschädigung an, wenn ich auf den Namen verzichte“, empört  sich Tracey noch heute. „Ich sagte Nein! Whaam schrieb sich schließlich mit zwei a und bezog sich auf ein Kunstwerk, nicht auf George Michael. Daraufhin erhöhten sie den Betrag, bis wir irgendwann bei 5000 Pfund landeten. Eine Menge Geld; deshalb gab ich nach und gründete das Label „Dreamworld“, in das ich die Abfindung steckte“.
Alan McGee war hingerissen von soviel Chuzpe und formte sein einflussreiches „Creation“-Label nach diesem Vorbild. Vor einigen Wochen erklärte der ehemalige Oasis-Manager in seinem Blog für den „Guardian“: „Ich bin kein Nostalgiker, aber der erste TVP-Gig, den ich 1982 sah, veränderte mein Leben. Die beiden Alben „And Don’t The Kids Just Love It“ und „Mummy, You’re Not Watching Me“ etablierten Treacy als britische Version von Jonathan Richman so, wie sich das ein Ray Davies vorstellen würde. Die Live-Auftritte der TVPs waren ebenfalls außergewöhnlich; holprig, schrullig, camp und exzentrisch. Er eroberte die britische Popkultur auf eine ganz eigenwillige Art, und ich folgte ihm wohin er ging“. Wenn auch nur bis zu einem gewissen Punkt, doch dazu später mehr.
Die Television Personalities waren nie eine echte Band, sondern stets Dan Treacy, plus ein paar Freunde: „Es ist wie mit The Fall und Mark E. Smith – auch wenn wir sonst kaum etwas miteinander gemein haben“. Entsprechend unterschiedlich sind die Alben, deren Klangfarben, Themen und Texte im Verlauf der Jahre dunkler und realistischer werden. Das „bright sunny smile“ der frühen Jahre verschwindet langsam aus Treacys Gesicht. Auf „The Painted Word“ spielt der dunkle Pop-Entwurf von The Velvet Underground eine ebenso große Rolle, wie Attitüde und Themen der Beatniks. „A Sense Of Belonging“ und „A Life Of Her Own“ formulieren, für viele Fans überraschend, erstmals so etwas wie Gesellschaftskritik. Das unfassbar schöne „Someone To Share My Live With“, wurde später von Jens Lekman auf Platz 10 der schwedischen Charts katapultiert. Doch nur das Original besitzt die raue Verwundbarkeit und Sehnsucht, die fast wie eine Utopie aufscheint: „I don’t want a girl who hangs on every word I say / Who shows me off to her parents over roast beef on Sunday / I don’t want a girl who thinks she has to fake / I don’t want a girl who laughs at every little joke I make / I just want someone to share my life with“.
Für Dan Treacy liegen solche Lieder heute endlos weit zurück: „Ich schreibe Songs ziemlich schnell und es ist mir schon oft passiert, dass ich gefragt habe: Was läuft da eigentlich? Und die Antwort lautet: Das bist doch du, Daniel!“.

Scruffy Dan überhaupt ein wenig unkonzentriert. Das liegt an den Drogen die er schon seit Jahrzehnten nimmt. Trotz seiner Vorliebe für Pink Floyd und Psychedelia konnte er sich allerdings weder für LSD, noch für Cannabis begeistern: „Beim Kiffen hat mich immer das aufwendige Zusammenbringen der einzelnen Komponenten gestört. Ich bin eher ein Pulver-Typ“. Als Dan gerade mal 11 Jahre alt war, mixten ihm die Mod-Freunde seiner Schwestern Speed in den Drink, um ihn loszuwerden: „Ich rannte abends um 10 wie ein Wilder durch die Straßen und dachte nur: Wow, ich fühle mich super! Erst Jahre später haben sie mir erzählt, was damals los war. Meine erste Erfahrung mit Drogen war also eher ein Zufall. Doch irgendwann fing ich an mir selber Speed zu besorgen. Der Typ, bei dem ich einkaufte, gab mir einmal ein Pulver, das etwas anders aussah und ich fragte, was ist das? Er antwortete: „Oh, Shit, Dan, das ist nicht für dich, du nimmst ja kein Heroin, oder?“ Ich sagte: „Ach, lass mal, ich will das mal probieren“. Und dann habe ich es immer wieder getan. Warum? Weil ich Probleme hatte. Probleme, Probleme, Probleme“.
In seinen Songs konnte Treacy die Realitäten des Lebens in Pop verwandeln. Selbst die traurigsten und sentimentalsten Lieder besaßen ein ironisches Grinsen, das zu sagen schien: Welcher Schauspieler sollte in einem Film über mein Leben die Hauptrolle spielen? Wer wäre ein passender Regisseur? Doch in der zweiten Hälfte der Neunziger ging überhaupt nichts mehr – weder Platten, noch Auftritte. Die Single „Now That I’m A Junkie“ ist ein morbider Abschiedsgruß vor einer langen Reise in die Nacht. Wie konnte es soweit kommen?

„Wir waren pausenlos auf Tour, pendelten zwischen Japan, den USA und Europa. Dann starben meine beiden Eltern. Das war hart, aber das Ende einer langjährigen Liebesbeziehung traf mich noch viel schlimmer. Danach verlor ich jedes Interesse an der Welt, ich hatte nichts mehr zu sagen. Alles was ging war: „Sky, blue, I love you“.
Treacy sagt, dass er über diese Dinge nicht gerne spricht. Doch er kann einfach nicht aufhören darüber zu reden und erzählt von den besetzten Häusern in denen er zunächst unterkam, bis er schließlich komplett auf der Straße landet. Die neuen Freunde, mit denen er gemeinsam Heroin drückt, wissen nichts von den Television Personalities, von „Part Time Punks“ oder „I Know Where Syd Barrett Lives“. „Ich finde Drogen nicht inspirierend. Aber sie sorgen dafür, das ich ein bisschen weniger Angst vor anderen Menschen habe und ein wenig mehr Selbstbewusstsein“, sagt er wie zur Entschuldigung.
Mehrfach wird Treacy wegen Ladendiebstahl verurteilt. Ein Coup in der CD-Abteilung von HMV sorgt dafür, dass er 2004 mehrere Monate auf einem Gefängnisschiff verbringt. Viele glauben damals, der Mann sei längst tot, man wendet sich anderen Themen zu. Erst als Dan Treacy auf der Website eines Fans eine Nachricht hinterlässt, bekommt er so etwas wie eine zweite Chance.
Alte Freunde, wie Ed Ball und Laurence Bell, der Besitzer des Labels Domino, sind erschrocken über das tragische Schicksal des Songwriters und bieten ihre Hilfe an: „Laurence gab mir ein bisschen Geld und sagte, schau mal was du damit anfangen kannst. Das Comeback-Album „My Dark Places“ erschien dann auch bei Domino – und es ist nicht schlecht geworden“, findet Dan und der fragende Unterton in seiner Stimme zeigt, dass er sich da nicht ganz sicher ist. „My Dark Places“ wirkt etwas zerrissen, doch es gibt große Momente aufrichtiger Schönheit: „Look at me now. The king has lost his crown“, singt Treacy in „Knock It All Down“ und es zerreißt einem fast das Herz. „You deserve better“ haucht die Co-Sängerin Victoria Yeulet mitfühlend dazu. Dieses Gefühl hatten wohl auch die alten Freunde Ed Ball und John Bennett, die nach 25 Jahren wieder als Television Personalities zusammenspielten. Doch auch diese Besetzung ist längst Geschichte.

Die aktuellen Mitstreiter von Treacy heißen Texas-Bob Juarez und Mike Stone. Und man kann mit ziemlicher Sicherheit sagen: Ohne diese beiden hätte es kein weiteres Album mehr gegeben. Der elegante Mike, der bis vor kurzem noch einen gut dotierten Job bei der britischen Telekom besaß, hat alle Studiokosten vorgestreckt. Er hat Treacy ein Zimmer besorgt und sich wie ein Sozialarbeiter um ihn gekümmert. Der etwas verspult wirkende Texas-Bob ist ein exzellenter Gitarrist, der in Dan das Bindeglied zu seinem Idol Syd Barrett sieht. Er war es auch, der über MySpace die Band MGMT kontaktierte. Deren Sänger Andrew VanWyngarden meldete sich schon kurze Zeit später. Es folgte eine ganze Reihe gemeinsamer Konzerte und der bereits erwähnte „Song For Dan Treacy“, auf dem neuen Album „Congratulations“ – auch musikalisch eine unüberhörbare Hommage an den Sound des Manns aus Chelsea. „Wir hoffen, dass die Leute Dan Treacy und die Television Personalities durch uns entdecken“, sagt dann auch Andrew VanWyngarden in einem Interview mit der taz. „Wir verdanken ihnen einige der besten Songs der letzten 30 Jahre“.
Dan Treacy kann sich für dieses Lob leider nichts kaufen. Er hat ja noch nicht einmal ein Konto, auch die Rechte an vielen seiner Songs hat er schon vor langer Zeit für ein Butterbrot weggeben. Vinita Joshi, die Betreiberin des Labels Rocket Girl, kümmert sich zur Zeit um seine Finanzen und die vielen Außenstände. Treacy freut sich darüber, er hat wieder Hoffung: „Wenn ich vor vier Jahren nicht Mike und Bob getroffen hätte – auf einer Syd Barrett Convention – dann würde ich heute überhaupt nichts mehr machen. Leider zogen sich die Aufnahmen zu „A Memory Is Better Than Nothing“ ziemlich lange hin – ich arbeite lieber schnell. Das Debutalbum „Don’t The Kids Just Love It“ haben wir damals in zwei Tagen eingespielt. Aber Mike und Bob sind nun mal verheiratet, sie haben eben andere Verpflichtungen, deswegen mussten wir die Aufnahmen so oft unterbrechen“. Ob er deshalb den Song „Funny He Never Married“ geschrieben hat?
Auf dem ungewöhnlich gut produzierte Album „Memory Is Better Than Nothing“ sind es oft die leisen Songs – und davon gibt es viele – die am meisten beeindrucken: „The Girl In The Hand Me Down Clothes“, „If You Don’t Want Me“, oder „Come Back To Bed“ erinnern an das Spätwerk von Jonathan Richman. „Das ist jemand, dem ich mich nahe fühle“, sagt Dan nachdrücklich, „seine Unschuld berührt mich, doch er wird daran zerbrechen.“
Eine große Überraschung ist das von Mike Stone geschriebene und wunderschön arrangierte „All The Things You Are“. Und dann gibt es ja auch noch so tolle Popsongs wie „She’s My Yoko“ und den Titelsong. Das von der Schwedin Johanna Lundström mit entwaffnender Unschuld gesungene „The Good Anarchist“ ist ein weiterer Höhepunkt – hier bewegen sich die TVPs eindeutig auf Syd-Barrett-Terrain.
„Syd Barrett war gar kein Hippie – Paul Weller schon“, stellt Scruffy Dan zum Ende unseres Treffens noch klar. Der Modfather war ja schon immer jemand, an dem sich Treacy gerne abarbeitete. Bei Konzerten sang er häufig: „I Know Where Paul Weller Lives“ und schob ein „‚cause he’s a hippie too“ hinterher. Die alte Hassliebe hat offenbar noch Bestand, denn er legt mit angewiderter Stimme nach: „Der Kerl hat fünf Kinder und zwei Häuser – er ist ein echter Profi, ein „respektierter Singer und Songwriter“. Ich möchte in meinem ganzen Leben kein „respektierter Singer und Songwriter“ sein“.
Auch wenn das Leben ihn grausam abgestraft hat – Dan Treacy will nicht ablassen, vom großen Versprechen des Pop. Und dafür lieben wir ihn noch immer. „15 Minutes, Mister Warhol, 15 Minutes!“

Jürgen Ziemer