Songklassiker

DER LANGE ABSCHIED

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Im Septemper 1969 leitet Isaac Hayes mit seiner 18-minütigen Version von „By The Time I Get To Phoenix“ eine neue Ära der Soul-Music ein. Ein Song, wie eine Geschichte von Raymond Carver.

Kneipen und Kirchen gelten als Orte der Erlösung. Weil die Menschen glauben, dass es ihnen besser geht, wenn sie mit ihren Sorgen hierher kommen. Manchmal hilft ein Drink, manchmal eine Predigt, doch oft ist beides vergeblich.
„By The Time I Get To Phoenix“ funktioniert wie ein Kammerspiel: Ein Mann erzählt einem anderen Mann, wie übel einem dritten Mann mitgespielt wurde. Es geht um die Macht der Liebe und was mit einem Menschen geschieht, wenn er sich ihr zu sehr hingibt. Glen Campbell machte den Song 1967 zum Klassiker. Für Frank Sinatra war „By The Time I Get To Phoenix“ schlicht der „greatest torch song ever written“.

Warum dieses Stück so sehr unter die Haut geht, zeigt vor allem die fast 19-minütige Version, die Isaac Hayes 1969 für sein zweites Soloalbum „Hot Buttered Soul“ aufgenommen hat. Kneipe und Kirche sind hier ein und derselbe Ort. Zu den klagenden Tönen einer Hammondorgel tritt Hayes auf, wie eine Mischung aus Pfarrer und Tresenkumpel. „I’m talking about the power love“ brummt er zum Einstieg nach einem sehr langen, sehr nachdenklichen „Mmmmmhhh“. Und dann erzählt er die Geschichte eines Mannes, der wirklich geliebt hat. Verzweifelt und leidenschaftlich, geliebt hat. Mit dem Songklassiker von Jimmy Webb hat das erstmal nur auf einer Meta-Ebene zu tun. Hayes lobt den Songwriter und seinen „deep tune“. Er gibt zu, nicht zu wissen was ihn dazu gebracht hat diesen ultimativen Trennungssong zu schreiben. Wir sind heute etwas schlauer und wissen, dass Webb die Sängerin Linda Ronstadt vielleicht etwas zu sehr geliebt hat.

Der Mann, von dem Isaac Hayes hier berichtet, ist nicht Jimmy Webb, sondern ein Landei aus Tennessee, dass vom Schicksal nach Los Angeles gespült wird. Wo er prompt eine Frau trifft, die nicht gut für ihn ist und die er trotzdem heiratet. Ein klassisches Thema des Film-Noir. „He can see no wrong. No, no, no“, klagt Hayes über soviel Naivität.
Der arme Teufel arbeitet wie ein Pferd, um seine Liebste zu verwöhnen. Und sie lässt es sich gefallen. „And you know, girls, you can take love and kindness sometime for weakness, and she took it for granted“, sagt Hayes im Tonfall eines guten Hirten. Denn natürlich betrügt sie den liebevollen Trottel. Und als er sie eines Tages im Schlafzimmer dabei überrascht, in verschwitzten und zerwühlten Laken, ist alles was er herausbekommt ein jämmerliches „Baby … Mama, why?“. Dann packt er seine Sachen, schließt die Tür und geht. Doch er kann nicht anders und kommt zurück, bettelt um ihre Liebe und geht schon bald wieder, weil sie ihn weiter nach Strich und Faden betrügt. Acht Mal geht das noch so, bis er endlich mitten in der Nacht die Wohnungstür ein allerletztes Mal hinter sich schließt.

Erst jetzt – nach einem fast neunminütigen Intro, in dem nur Hayes und seine klagende Gospel-Orgel zu hören waren – beginnt der eigentliche Song: „By the time I get to Phoenix, she’ll be rising“. Sacht setzen die Streicher ein und mit einem Mal verschwindet die Anspannung und Dunkelheit. Man sieht den Mann durch die Nacht fahren und weiß – er hat es geschafft, er ist endlich auf dem richtigen Weg. Wenn jetzt die Bläser einsetzen, das Arrangement an Farbe gewinnt, ist das fast wie ein Sonnenaufgang. Der Beginn eines neuen Lebens. Mag sein, dass sie versucht ihn zuhause anzurufen, das Telefon wird klingeln und klingeln. Aber niemand wird abheben. „Bye-bye, it’s too late for you to cry“, denkt er, während auf dem Weg nach Oklahoma die Landschaft an ihm vorbei zieht. Die Bläser sind nun Fanfaren, künden von einem neuen Leben, einer neuen Option auf ein bisschen Glück. Die Orgel braust und tobt vor Ungeduld. Tränen laufen unserem Helden über das Gesicht, ganz offensichtlich liebt er diese Frau noch immer. Doch soviel ist klar: Er wird nie mehr zurückkehren.

Mit „Hot Buttered Soul“ hat Isaac Hayes die Soul Music aus dem Single-Format befreit. Doch was viel besser ist – er hat mit „By The Time I Get To Phoenix“ auf meisterhafte Art bewiesen, dass auch Songs Orte der Erlösung sind. Darauf noch einen Doppelten und ein lautstarkes Hallelujah.

Jürgen Ziemer

Erschienen im Rolling Stone Taschenkalender 2015