Techno

Wenn das Kraftwerk erzählt

Eine Ausstellung der 3-D-Installationen von Kraftwerk in München ist ein guter Grund mein Interview mit Ralf Hütter noch einmal zu lesen

 

Kraftwerk sind längst ein ähnlicher Klassiker wie die Beatles – nur digitaler. Und manchmal, wenn die Gage stimmt und auch sonst alles perfekt ist, beglückt uns das scheue Reh Ralf Hütter sogar mit ein paar Konzerten, zusammen mit seinen, nun ja, Robotern, deren Namen man seit dem Ausstieg von Florian Schneider auch nicht mehr unbedingt parat hat. So war es jedenfalls diese Woche bei drei ausverkauften Auftritten in München.
Die Städtische Galerie im Lenbachhaus in München zeigt außerdem aber auch eine Ausstellung von Kraftwerks Videoinstallationen in 3D, die vom 15. Oktober bis zum 13. November läuft: „In einer speziell für den Kunstbau entwickelten mehrkanaligen 3D-Videoinstallation wird der einzigartigen und wirkmächtigen Stellung von Kraftwerk innerhalb der Geschichte der bildenden und darstellenden Künste Rechnung getragen“.

Ein schöner Anlass, das Gespräch mit Ralf Hütter herauszukramen, dass ich vor gut zwei Jahren geführt habe. Der Kopf von Kraftwerk gilt unter Journalisten als große Herausforderung, weil er sich nur äußerst selten zu Interviews herablässt. Meist wollte er dann ausschließlich über das jeweils neue Album reden, oder noch schlimmer: über seine Rennrad-Sammlung. Das klingt zickig und exzentrisch, doch in der Realität ist der 64-jährige Düsseldorfer umgänglicher als man denkt. In Begleitung des Produktmanagers seiner Plattenfirma huscht Hütter in den Raum. Überraschend jung sieht er aus, die Haare voller als gedacht, an den Füßen ein paar Chucks. Sein Händedruck ist fest, die manchmal leicht stockende Sprache von einer rheinländischen Melodie durchsetzt.

Ab wann gab es bei Kraftwerk diesen Hang zum konzeptuellen Gesamtkunstwerk?
Eigentlich von Anfang an. Wir hatten ja viele Freunde in der Düsseldorfer Kunstszene, und schon auf dem ersten Album fand sich das Bild eines Transformators, fotografiert von den renommierten Konzeptkünstlern Bernd und Hilla Becher. Den üblichen Rock-Zirkus haben wir nie in mitgemacht. Schon sehr früh benutzten wir auf einer Kunst-Party eine Rhythmusmaschine und verließen die Bühne während die Musik weiter spielte. Wir haben dann unten dazu getanzt. In diesen Tagen wurde ja vieles wie ein Happening installiert.

Hat es Sie überrascht, dass ein so avantgardistisches Stück wie „Autobahn“ 1974 zum globalen Hit wurde?
Ja, natürlich. Wir waren überhaupt nicht bereit auf Tournee zu gehen und mussten auf die Schnelle unser Equipment zusammen hämmern. Das war im Studio ja alles ganz wild verkabelt. Wir haben das dann ein bisschen geordnet und in Pappkartons gepackt. In New York haben wir als erstes einen Road-Manager engagiert und die Pappkartons in professionelle Flight-Cases umgepackt.

Und wie war das in Deutschland?
Ursprünglich sollte es auch hier eine Kraftwerk-Tournee geben, aber als wir aus den USA zurückkamen, gab es erst mal kein Interesse mehr. Zwischen 1976 und 1981 sind wir dann praktisch überhaupt nicht mehr aufgetreten. Weil die Musik live nicht mehr umzusetzen war: Die Kabel wackelten, das Equipment fiel auseinander – technisch war das alles ein Alptraum. Wenn da ein E-Werk mal die Stromspannung veränderte ging bei uns alles rauf und runter. Eine richtige Tour haben wir erst wieder zu „Computerwelt“ gemacht. Unsere Musik war nur im Kling Klang Studio realisierbar.

Und warum?
Das Kling Klang Studio, das Florian Schneider und ich ab 1970 aufgebaut haben, ist unser Instrument: Wir spielen Studio. Man nannte uns ja auch immer „die Knöpfchendreher vom Rhein“ – das hat uns aber nicht gestört. Wir haben ja tatsächlich Köpfchen gedreht, Regler rauf und runter geschoben, Kabel eingestöpselt. In den Achtzigern kamen dann Sampler und Computer dazu, seit 2002 sind wir mit unseren Laptops mobil und können selbst im Hotel und am Flughafen arbeiten.

Das Wortspiel im Titel des Albums „Radio-Aktivität“ wurde allgemein missverstanden.
Viele unserer Alben wurden als Provokation aufgefasst, oft in unterschiedlichen Ländern. In diesem Fall ging es uns um den Science-Fiction-Gedankenschluss zwischen Strahlung und Ausstrahlung.

Man hielt Sie für Anhänger der Kernenergie.
Deshalb haben wir später auf „The Mix“ das Wort „Stopp“ mit rein genommen und den Text erweitert, weil so vieles falsch verstanden wurde. Es ging uns um die Gleichsetzung der Atomenergie mit der Welt des Radios – „strahlt Wellen zum Empfangsgerät“. Wenn man den ganzen Tag Radio hört sind die Hirne auch irgendwann verstrahlt.

Was ist das für ein Gefühl, wenn man eigentlich ein Weltstar ist, aber dabei komplett hinter seinem Werk verschwindet?
Das ist Teil unseres Konzepts. Wir beide unterhalten uns jetzt zwar, aber die Werke sprechen letztlich für sich selbst. Alles was ich hier sage, dient nur der Beschleunigung der Erkenntnis. Es war immer unser Ziel, dass sich die Musik selbst spielt, oder für sich selbst spricht: Die Autos singen, die Reifen quietschen und summen, der Wind bläst „Tour De France“. Auch der Trans Europa Express war für uns vor allem eine Klangmaschine.

You need to install or upgrade Flash Player to view this content, install or upgrade by clicking here.

Ihre Texte bestehen meist nur aus einzelnen Worten und entfalten dennoch eine fast hypnotische Kraft.
Die Worte haben etwas von einem Mantra, sie sind Klang-Poesie und lösen einen bestimmten Zustand aus. Wenn ich eine Geschichte erzählen wollte, so wie die meisten Rockmusiker in ihren Songs, wäre ich Schriftsteller geworden. Genauso funktionieren auch die Fotos und Videoclips von Kraftwerk, das sind elektronische Skulpturen, das ist ein Film zur Musik. Musikfilm trifft die Sache eigentlich am besten. Bei einem Musikfilm gibt es Darsteller, Techniker und so weiter.

Warum beziehen sich die Themen Ihrer „Musikfilme“ ausschließlich auf deutsche oder europäische Kultur – von „Autobahn“ bis „Tour De France“?
Das hat sich schon Anfang der Siebziger so ergeben, als wir mit Tonbändern arbeiteten und über Klang reflektierten. Unsere Sprache transportiert sich rhythmisch anders als die englische und die Musik von Kraftwerk ist ja auch eine Art Ethno-Musik aus der Bundesrepublik. Wenn wir nachts durch das Rhein- und Ruhrgebiet gefahren sind, dann verbanden sich die Landschaft und Architektur zu einer ganz bestimmten Atmosphäre. „Neonlicht“ ist ein Spaziergang durch das nächtliche Düsseldorf. Das hat inzwischen fast musealen Charakter, weil es die ganzen Neon-Werbungen heute alle nicht mehr gibt.

Bei vielen Kraftwerk Alben spürt man ja auch eine gewisse Wehmut und Melancholie. Aus einer weit entfernten Zukunft scheinen Sie auf die Gegenwart der Bundesrepublik zurückzublicken. Mit „Trans Europa Express“ wurde das auch visuell im Artwork sehr schön umgesetzt.
Ja, man sieht uns da unter einem Baum am  Rhein sitzen. Doch das Foto entstand in New York und die Landschaft ist fiktiv. Es ist eine Collage, wie die Musik. Auch in unserer Musik fügen sich einzelne Klänge zu einem Gesamtbild. Emil Schult, ein Beuys-Schüler und guter Freund, hat damals viele Bilder, Motive und das Artwork für Kraftwerk entworfen.

Diese Bilder sind stark an das Cover angelehnt und haben etwas freundlich Naives…
Das war ja auch ein Traum. Wenn wir mal in Städten wie Frankfurt oder Berlin spielten, was selten der Fall war, dann fuhren wir nachts auf der Autobahn zurück. Im Radio hat man unsere Musik damals nicht gespielt, aber wie viele Musiker träumten wir davon: „Wir fahren auf der Autobahn und jetzt schalten wir das Radio an. Aus dem Lautsprecher tönt es dann: Wir fahren auf der Autobahn„. Etwas später, während unserer Amerika-Tournee, lief das auf allen Radiostationen, quer durchs Land egal wo wir waren.

Aus der Begeisterung für „Autobahn“ entstand im Detroit der späten Achtziger ein ganzes Genre das sich an der Musik von Kraftwerk orientierte. Mögen Sie Techno?
Ja, vieles davon ist fantastisch und eine Ergänzung. Bei unserer letzten Tour hat mir Derrick May erzählt, dass er damals sein Alter gefälscht hat um uns live zu sehen. Leute wie May oder Juan Atkins zu treffen, mit ihnen gemeinsam auf Festivals zu spielen, ist ein wichtiger Gedankenaustausch. Doch auch in Deutschland ist unser Konzept inzwischen verstanden worden.

War das mal anders?
In den frühen Jahren bekamen wir sehr viele negative Echos. Die Bezeichnung „Knöpfchendreher“ war ja keineswegs positiv gemeint. Auch die Behauptung, das sei ja keine wirkliche Musik, wurde in vielen Zeitungen verbreitet.

Hat Sie das gekränkt?
Nein, man muss seine Arbeit fortsetzen und darf sich nicht beirren lassen.

Dafür wurden Alben wie „Mensch-Maschine“ und „Computerwelt“ von Künstlern wie David Bowie bewundert. Alle wollten damals Kraftwerk und Ihre Roboter sehen.
Dabei waren das Schaufensterpuppen, echte Roboter hatten wir erst ab 1991. Manche Ideen dauern eben ein bisschen ehe sie sich in die Tat umsetzen lassen. Aber die Konzepte waren natürlich da. Während der Aufnahmen zu „Computerwelt“ hatten wir ja noch gar keinen Computer. Erst als das Album veröffentlicht wurde hat uns unsere amerikanische Plattenfirma einen Homecomputer geschenkt, einen Atari oder so was. Damit konnte man bei Konzerten Textbänder laufen lassen, zum Beispiel „COMPUTERWELT“. Da staunten alle, dass sich die Buchstaben bewegen.

Wird es in absehbarer Zeit ein neues Kraftwerk-Album geben?
Ja. Ich habe da verschiedene Konzepte und Drehbücher, da müssen wir jetzt dran arbeiten.

Möchten Sie zum Schluss noch etwas zum Ausstieg Ihres langjährigen Weggefährten Florian Schneider sagen?
Nein. Der hat sich auf andere Felder bewegt und das ging halt nicht mehr. Das ist ja auch schon so lange her, eigentlich ewig. Als 2008 die Meldung raus kam, war das für uns schon von vorgestern.

 

Interview: Jürgen Ziemer

Wir feierten die ganze Nacht


Als wir aus dem Taxi steigen trifft uns der Beat wie die Keule eines Höhlenmenschen: BUUM! BUUM! BUUM! BUUM! Wie eine gigantische Festung überragt das HSV-Stadion die trostlose Parkplatzlandschaft und produziert dabei den Lärm eines 50 Meter hohen Kofferradios: „…Atzen-Party heut Nacht…“ grölt es ebenso derbe wie  gutgelaunt zwischen dem donnernden Imperativ des Beats. Ja, die von allen Musikliebhabern gefürchteten Atzen, treten heute im Vorprogramm auf. Wir gehen schneller, bloß nichts verpassen. Die Formalitäten am Eingang sind schnell erledigt. Man gibt uns „Business Seats“, Osttribüne, Reihe 2, super, danke. Und jetzt schnell hin da – noch spielen die Atzen…
Der Blick von der Tribüne ins Stadion ist beeindruckend: Tausende von schlecht gekleideten „Feierschweinen“ strecken die Hände in die Luft und wedeln als sei ihnen schon jetzt alles egal. Dabei ist es ist noch nicht mal 20:00 Uhr! Die Atzen klopfen ihren Mega-Monster-Schulhof-Smasher und 20.000 Party-Freaks singen aus einer einzigen nach Bier stinkenden Kehle: „Heeeey das geht ab! Wir feiern die gaaanze Nacht!“ Dabei ist es taghell, es gibt keinerlei optische Gimmicks, auf der Bühne stehen nur zwei oder drei sonnenbebrillten Typen, von der Sorte, wie man sie im Schanzenviertel zu Hunderten sieht. Aber genau das ist es: Pop-Prolls und Proll-Publikum begegnen sich auf Augenhöhe – künstlerisch, intellektuell und überhaupt: „Lass die sau mal richtig raus / denn heut´ gibt es keine Pause“. Stimmt nicht, denn danach ist erst mal Umbaupause. Zeit für ein großes Bier und eine fetttriefende Bratwurst, wir sind schließlich im Stadion.
Das Publikum enttäuscht nicht: Alt gewordene Raver und Loveparade-Veteranen wohin man blickt, dazwischen ein paar Jumpstyle-Kiddies (Jumpstyle ist ein von jungen Männern/Buben ausgeführter Hüpf-Tanz aus dem Internet). Einige der 40+ Feierköpfe haben schon enorme Schlagseite, andere schreien sich aus einem Abstand von 20 Metern drastische Begrüßungsformeln zu. Ein torkelnder Bär mit feuerrotem Kopf und routiniert verdrehten Augen wird von mehreren Ordnern zum Ausgang geleitet – ein beeindruckendes Stück ASB-Alltag. Auf der Toilette diskutieren mittlere Abteilungsleiter, wie realistisch die Möglichkeiten sind, auf die Schnelle noch etwas zum „Schnüff Schnüff“ zu bekommen. Scheint schwer zu sein, aber es bleibt ja immerhin noch die Musik, um, hehehe, high zu werden.
Eine Explosion, so blendend, laut und beherzt, wie man es sonst nur von islamistischen Terroristen kennt, eröffnet endlich das Konzert von Scooter. Junge Damen marschieren martialisch auf die Bühne, jede trägt eine Fahne mit dem Logo der Band – ein Megaphon. Während die Frauen sich an verschiedenen Stellen der Bühne positionieren und dabei Flagge zeigen, ganz im Geist von Leni Riefenstahl, stürmen H.P. Baxter und seine beiden Kollegen über eine Showtreppe auf die Bühne. Die Lightshow explodiert geradezu, alles funkelt, strahlt und blinkt und auf zwei riesigen Monitoren können wir jedes Detail im Gesicht des blonden Hans Peter verfolgen. Viel zu sehen gibt es nicht, denn das regungslose Mienenspiel des Scooter-Frontmanns erinnert an einen Replikanten aus „Blade Runner“.
Trotzdem: Das Spektakel ist beeindruckend, der Sound makellos und die Wucht der Stücke sorgt dafür, dass nach einigen Minuten alle, wirklich alle im Stadion tanzen und mit den Händen in der Luft herum fuchteln. H.P. redet konsequent englisch – was ihm nicht leicht fällt. Aber heute schaut die ganze Welt zu: „In 60 Cinemas across Europe and on Bild.de“.
Vor mir taucht jetzt eine Familie auf: Mutter und Vater in ihren frühen Vierzigern, die Tochter ungefähr Zwölf. Papa ist sicher im Musikgeschäft, zumindest blickt er sehr gelassen auf die kulturellen Ausschreitungen vor sich. Die Tochter wirkt eher irritiert, sicher wäre sie lieber zu Lady Gaga gegangen, stattdessen muss sie nun mit ansehen, wie sich ihre gutsituierte Mutter aufführt, als stünde sie immer noch hoch auf dem gelben Wagen der Loveparade von 1998.
Spätestens als die Frage auftaucht: „How Much Is The Fish?“ und die unerträgliche Bots-Melodie von einem infernalischen Beat nach vorne geprügelt wird, beginne ich Veränderungen an meinem eigenen Nervensystem festzustellen: Es ist unmöglich ein Wippen der Füße und Beine zu unterdrücken! Was geschieht hier? Nun steht auch noch Heinz Strunk auf der Bühne und spielt ein Querflöten-Solo. „Wer ist der Typ?“, fragen die Feierschweine und Rave-Veteranen ratlos. Netterweise stellt H.P. den Heinzer vor wie einen alten Freund.
Jan Delay dagegen wird als bekannt vorausgesetzt. Man erkennt den Mann vom Bahnhof Soul allerdings nur am gewohnt geschmackvollen Hütchen. Sein Gesangs-Beitrag zu „Ravin‘ I’m Ravin“ – ein Song der Shut Up and Dance in den Neunzigern eine vielversprechende Karriere versaute – wirkt wie eine Träne im Ozean des „Hardcore“-Feuerwerks. Unaufmerksame Mixer können so grausam sein…
Scooter, das nehmen wir von diesem wirklich beeindruckenden Spektakel mit nach Hause, spielen eine digitale Variante von Volksmusik. Die gehobenen Stände, die gebildeten Bürger mögen darüber die Nase rümpfen. Vielleicht sogar zu Recht, schließlich bestreitet das Trio das ganze Konzert mit wenig mehr, als einem einzigen übersteuerten Beat und ein paar effektvollen Breaks und Samples. Doch die einfachen Menschen, die „kleinen Leute“ tanzen und toben dazu. Weil die Musik von Scooter näher an der deutschen Realität ist und auch näher an den archaischen Wurzeln des Techno, den Ritualen von Tanz und Exzess, als die ambitionierten Klänge von, sagen wir mal, Radiohead. Scooter werden oft für dumm gehalten. Doch sie sind schlau genug zu wissen, dass eine Party nur dann gut ist, wenn sich möglichst viele der Gäste amüsieren. Das dürfte ihnen im Rahmen des „Stadium Techno Infernos“ gelungen sein.

Der Techno-Katalog von Manufaktum ist da!

Das Gute an Techno:  Man kann mit kleinsten elektronischen Mitteln eine ziemlich große Wirkung erzielen. Bisschen BumBum, bisschen Geklapper und dazu ein paar seltsame Sounds. Doch in letzter Zeit geht der Trend in Richtung Manufaktum: Alles mit großem Aufwand handgespielt, mit richtigen Instrumenten und dem Bewusstsein, dass eh alles retro ist. Hören Sie mal selbst wie sorgfältig das alles verarbeitet ist! Der Kunstanspruch kommt so ganz von selbst. Oder?

Das Berliner Trio Brandt Brauer & Frick Ensemble bringt da einen Hauch von großer Samstagabend-Show ins Spiel und bläst sich hier zum 10-köpfigen Orchester auf. John Cage lässt grüßen und gelernt ist eben gelernt. Trotzdem: Samstag-Nacht, auf der Tanzfläche, möchte man vielleicht doch lieber was primitiveres hören. So ein Club ist ja keine Sendung mit der Maus.

Da kommen die Dirtbombs natürlich gerade recht. Die Garagen-Rocker  aus Detroit versuchen sich auf ihrem neuen Album „Party Store“ an handgeklöppelten Versionen von Klassikern des, ja, Detroit-Techno. Soo neu ist diese betont witzig gemeinte Idee allerdings auch nicht. Die Liebhaber des seligen Hamburger Labels „L’Age D’Or erinnern sich da lieber an die Band beige GT und ihre famose Gitarren-Version von „Knights of the Jaguar“.

Der britische Künstler und Turner-Preisträger Jeremy Deller kam schon 1997 auf die gute Idee, die größten Gassenhauer des Acid House im Sound einer Blaskapelle nachzuspielen. Volksmusik muss volkstümlich bleiben – die Haltung macht Sinn und besitzt Charme. Die Williams Fairey Brass Band setzte das Konzept auf dem Album „Acid Brass“ kongenial um. So gut, dass auch die Großkünstler von KLF sich ihr „What Time Is Love“ Blechbläsern in einen Gold-Hit veredeln ließen.

Was der legendäre Carl Graig hier mit dem Les Siècles Orchestra abzieht ist allerdings schon fast ein Fall für die Rock-meets-Classic-Polizei. Sicher, auch der große Ornette Coleman hat „Skies Over America“ aufgenommen. Doch das war Free Jazz im Schafspelz eines hyperaktiven Symphonie-Orchesters. Was Graig dagegen versucht (auch bei diversen anderen Projekten) lässt sich mit dem alten Lenin-Buchtitel zusammenfassen: „On step forward, two steps back“.

To be continued…