Wikileaks

ANONYMOUS

Angriff der Namenlosen

Unter dem Namen Anonymous attackieren Internet-Aktivisten Firmen-Websites und Regierungen. Wer steckt hinter dieser neuen Form des politischen Protests?

Von Jürgen Ziemer

Demonstrationen, Blockaden, Lichterketten – es gibt viele Formen des politischen Protests. Doch was sich vor einigen Wochen im Internet abspielte, hatte mehr mit einem Action-Computerspiel zu tun als mit den traditionellen Formen des zivilen Ungehorsams: »Let’s bomb the fuck out of them!«, tönte es durch die Kanäle von IRC, einem altmodisch anmutenden Chat-Forums ohne Bilder und schicke Oberflächen. Feuer solle herabregnen, hackte ein anderer in seine Tastatur, und Sekunden später folgte die Zielansprache: »Target is Mastercard«. Wie ein wütender Bienenschwarm attackierten Internet-Protestler die Websites von Kreditkartenfirmen. Die Unternehmen hatten aus politischen Gründen die Zusammenarbeit mit WikiLeaks gestoppt und Gelder eingefroren. Die Aktivisten wollten nun ihrem Helden Julian Assange zur Seite springen, für die Freiheit der Information kämpfen – und es einmal richtig krachen lassen. Alle hatten sich deshalb eine spezielle Software heruntergeladen, die Low Orbit Ion Cannon. Deren Bedienung ist einfach: Internetadresse des Ziels eingeben, einen grimmigen Kommentar dazutippen und entscheiden, ob der Angriff einzeln oder im koordinierten Schwarm-Modus erfolgen soll. Die Websites von Visa und Mastercard hielten dieser DDoS-Attacke (Distributed Denial of Service, das koordinierte Lahmlegen eines Datendienstes) durch gezielte Anfragen nicht lange stand und kollabierten. Der Name der Gruppe, die sich hinter diesen Attacken verbirgt: Anonymous.

Letzte Woche legten sich die Namenlosen mit Sony an. Der Konzern hat den Amerikaner George Hotz und den Deutschen Alexander Egorenkov verklagt, weil sie den Kopierschutz der Playstation3 umgangen hatten. Der Streitwert im Fall des deutschen Hackers soll sich auf eine Million Euro belaufen. Empörte Playstation-Benutzer, Copyright-Aktivisten und antikapitalistische Spaßvögel brachten daraufhin Seiten wie sony.com und playstation.com zum Absturz. Die Angriffe gegen das Playstation-Netzwerk PSN wurden allerdings abgebrochen. Viele Mitglieder von Anonymous und ihr Umfeld sind selbst leidenschaftliche Spieler. »Wir haben unsere Aktion für eine Weile ausgesetzt, bis wir eine Methode gefunden haben, die keine schweren Auswirkungen auf Sony-Kunden hat«, heißt es in einem eilig nachgeschobenen Manifest. Eine andere Anonymous-Gruppe will nun die CEOs und die mit den Fällen betrauten Anwälte von Sony attackieren. Der Riesenstapel Pizza, der vor einigen Tagen an die Adresse von Jack Trenton geschickt wurde, dem US-Chef von Sony, war vermutlich erst der Anfang.

Doch wer steckt hinter Anonymous? Der 16-jährige Computer-Nerd von gegenüber, die frustrierte Hausfrau von nebenan? Man muss kein Hacker oder Computerexperte sein, um an den Operationen teilzunehmen. Wer die Revolutionen in Tunesien, Ägypten und Libyen in den Medien verfolgt, entwickelt schnell den Wunsch, zu helfen – im Rahmen der eigenen Möglichkeiten. Und in den einschlägigen Foren von Anonymous gibt es immer etwas zu tun: Überlebensführer für Bürger in einer Revolution wollen verfasst und ins Arabische übersetzt werden. Und irgendjemand muss den Libyern erklären, wie man Videos editiert und auf YouTube lädt. Attacken auf die Websites despotischer Regimes finden ebenfalls statt. Ein großer Teil der Klientel von Anonymous liebt es offensichtlich, einfach mal die iranische Regierung anzugreifen, zumindest deren Präsenz im Netz. Die Überzeugung, dass Politik Spaß machen muss, wird bei Anonymous großgeschrieben: We did it for the lulz – »Wir haben es aus Schadenfreude getan« – ist ein beliebtes Motto.

Wann genau Anonymous zu einem Internet-Phänomen wurde, ist schwer zu sagen. Die Wurzeln liegen auf dubiosen Websites wie 4Chan, einer Mischung aus Pirateninsel und Internetforum. »Die Welt von 4Chan ist dunkel und seltsam, wie das Innenleben eines verwirrten Provinz-Teenagers um 3 Uhr morgens«, schreibt Spiegel Online treffend. Kaum jemand macht sich hier die Mühe, ein eigenes Pseudonym zu wählen, fast jeder heißt »Anonymous«. Anfang 2008 erreichte die Bewegung erstmals eine globale Öffentlichkeit: Ein Interview mit Tom Cruise aus dem Propaganda-Fundus von Scientology war illegal auf YouTube gepostet worden und musste auf Betreiben der Sekte wieder entfernt werden. Der Anonymous-Schwarm erkannte darin einen Verstoß gegen die Informationsfreiheit und erklärte Scientology in einem dramatischen Video den Krieg. Unterlegt von unheimlichem Heulen, bebildert mit schnell vorüberziehenden Wolken, drohte eine überhebliche Computerstimme, man werde die Sekte zerstören: »zum Wohl eurer Anhänger, zum Wohl der Menschheit und zu unserem eigenen Vergnügen«.

Der Kampf gegen Scientology dauert bis heute an und umfasst ein breites Spektrum von Aktionen, die sich bisweilen jenseits der Legalität bewegen, etwa das Veröffentlichen von detaillierten Dossiers zu hochrangigen Mitgliedern der Sekte. Doch es gibt auch regelmäßige Demonstrationen vor den »Kirchen« von Scientology. Bei solchen Gelegenheiten tragen die Aktivisten eine Guy-Fawkes-Maske, die aus der Comic-Verfilmung V wie Vendetta stammt und zu einer Art Markenzeichen wurde. Der düstere Science-Fiction-Film scheint ohnehin eine Quelle der Inspiration zu sein, etwa wenn der mysteriöse Freiheitskämpfer V das von einer faschistischen Regierung unterdrückte Volk am Ende mit der gleichen Verkleidung ausstattet, die er selber trägt. Eine friedliche Armee von anonymen Einzelnen überrennt daraufhin alle Sperren des Regimes – die Demokratie hat gesiegt!

Von klassischen Protestformen, den Castor-Blockaden und Stuttgart-21-Demos, unterscheidet sich Anonymous durch ein anderes Kulturverständnis und eine andere Bildsprache. Anonymous setzt auf eine durchgehend dunkle Ästhetik. Die Videobotschaften verbinden Science-Fiction-Elemente mit der Coolness von Musikclips. »Das Anonymous-Symbol, die Figur, die anstatt eines Kopfes ein Fragezeichen über den Schultern trägt, ist in seiner Doppeldeutigkeit aufschlussreich«, sagt der Kölner Medienwissenschaftler John Seidler, der über dieses Thema promoviert. »Das Fragezeichen steht keinesfalls bloß für die Anonymität als Säule der Bewegung. Anonymous ist eine Organisation ohne spezifische Agenda, ohne Oberhaupt und auch ohne sichtbare Strukturen und Hierarchien. Die hieraus entstandene Protestkultur zeichnet sich dadurch aus, dass sie, zumindest bis heute, praktisch nicht antizipierbar ist.«

Die Unvorhersehbarkeit entsteht, weil in den Projekten sehr unterschiedliche Menschen zusammenkommen. Es gibt engagierte Studenten und Globalisierungskritiker, aber auch rüde Spaßvögel und Provokateure, die man im Internet »Trolle« nennt. Kaum einer kennt den anderen, politische Begriffe wie links und rechts spielen keine besondere Rolle – jeder entscheidet für sich, welche Operation er unterstützt. Deshalb wird in den einschlägigen Foren permanent diskutiert, geplant und entworfen. »Aber nur wenn sich Leute wirklich hinsetzen und Dinge tun, passiert etwas«, erklärt ein »Anon« aus Berlin. »Bei Projekten wie Leakspin (der Verbreitung von WikiLeaks-Dokumenten, Anm. d. Red.) haben sich genug Unterstützer gefunden. Entsprechend schnell sind Internetseiten entstanden, wurden Flyer gedruckt und Demonstrationen angemeldet.« Der virtuelle Protest aus dem Netz materialisiert sich eben manchmal auch auf der Straße.

Neben dem Kampf für die Freiheit der Information spielen bei Anonymous allerdings auch boshafte Streiche eine wichtige Rolle. Als der Teen-Popstar Justin Bieber die Fans auf seiner Homepage fragte, in welchem Land er als Nächstes auftreten solle, sorgte Anonymous für ein eindeutiges Votum: Nordkorea. Die New Yorker Kulturanthropologin Gabriella Coleman, eine Kennerin der Szene, findet es dennoch ungerecht, wenn Journalisten zu dem »rhizomatischen«, wurzelgeflechtartigen Phänomen Anonymous nichts anderes einfällt als abgedunkelte Chat-Räume voller Geeks und Nerds. In The Atlantic beschreibt sie, wie 31 Menschen mithilfe der Text-Software »Pirate Pad« kollektiv und diszipliniert an einem Flugblatt arbeiteten – 16 davon gleichzeitig.

Einen großen Coup landete Anonymous mit der Kompromittierung der amerikanischen Sicherheitsfirma HBGary Federal. Deren Geschäftsführer Aaron Barr hatte versucht, über Facebook und Twitter Informationen zu angeblichen Aktivisten zu sammeln. Doch bevor Barr seine Ergebnisse an das FBI verkaufen konnte, brachen Hacker in das System der Firma ein. Neben 50.0000 internen Mails und dem mageren Dossier über Anonymous erbeuteten sie auch eine von der Bank of America in Auftrag gegebene Studie über die »Bedrohung WikiLeaks«, die umgehend ins Netz gelangte. Auf der Website von HBGary hinterließen die Hacker eine Nachricht, die Aaron Barr zum Gespött der ganzen Sicherheitsbranche machte: »Sie haben den Anonymous-Bienenstock bedroht, jetzt werden Sie gestochen.«

Was ein wenig an Bubenstreiche erinnert, ist aber strafbar. Selbst wenn keine Daten entwendet werden, gelten zum Beispiel DDoS-Attacken auch in Deutschland als Computersabotage und somit als Straftat. Der Chaos Computer Club lehnt sie ab, selbst unter Anonymous-Anhängern sind sie bisweilen umstritten. »Die gegnerische Partei mundtot zu machen, wenn auch nur für ein paar Stunden, finde ich falsch«, sagt ein Aktivist.

Man kann in solchen Aktionen aber auch die moderne Version einer Sitzblockade erkennen. Die Angriffe auf die Kreditkartenfirmen trafen nicht deren operatives Geschäft, sondern nur die repräsentativen Websites; der wirtschaftliche Schaden blieb überschaubar. Ob es sich also um ernsthaften politischen Protest oder um einen Robin-Hood-Kick für gelangweilte Kids handelt, lässt sich nur individuell entscheiden. Doch so viel ist klar: Die viel zitierte Generation Facebook mit ihrem »Gefällt mir«-Aktivismus ist erst der Anfang. Anonymous verkörpert in seiner neuen, komplexen Vielheit das, was die Theoretiker Antonio Negri und Michael Hardt als »Multitude« definieren: »Singularitäten, die gemeinsam handeln«. Ein Gut oder Böse gibt es dabei nicht. Sie können Themen aufgreifen, die uns am Herzen liegen, aber auch Dinge bekämpfen, die uns lieb und teuer sind. Unser Verständnis von Protest und Politik wird sich dadurch möglicherweise entscheidend verändern. Denn wie steht es so treffend unter jedem Manifest: »We are Anonymous. We are legion. We do not forgive. We do not forget. Expect us.«


(Erschienen in DIE ZEIT vom 14.4.2011)


 

 

Wikileaks – die Frühjahrs-Kollektion ist da!

Viele Fashionistas konnten sich bisher nicht so recht mit Wikileaks anfreunden. Zu oft wurde Julian Assange als Modemuffel und Schmutzfink geschildert, als Mann der mit denHänden isst und sie sich anschließend all zu lässig an den Hosen abwischt.

Im neuen Wikileaks-Web-Shop wird Design endlich auch unter Whistleblowern groß geschrieben: Coole Motive, eine riesige Farbpalette und absolut faire Supporter Preise! Das Einstiegs-Shirt in Mitternachtsblau gibt es schon ab 17,99! Wer da nicht zugreift ist wahrscheinlich auch gegen Transparenz und für Zensur! Und wie süüüß ist bitteschön der niedliche Wiki-Plüschbär?

Ich will ja nicht meckern: Aber manchmal ist es ganz gut, wenn sich ein Unternehmen auf seine Kernkompetenz besinnt. Der Verkauf von T-Shirts war noch nie einer guten Sache förderlich. Und mal ehrlich: Julian Assange mit zu kleiner Baskenmütze auf dem Kopf? Da muss man nicht mal warten, bis sich der Commandante im Grab herumgedreht hat. Das sieht einfach Scheiße aus.

Dennoch: Wir bleiben Fans und Supporter, aber kritische!