Xavier Naidoo

BRUDER BLEIFUSS

Unterwegs auf „Seinen Straßen“: Eine sommerliche Spritztour mit dem gottgläubigen Soul-Sänger und Auto-Narren Xavier Naidoo

Von Jürgen Ziemer

Xavier Naidoo sieht aus, als hätte ihn eine Welle vom Strand Long Islands geradewegs ins Büro seiner Rödelheimer Plattenfirma geschwemmt: Anglerhut, lässiges Button-Down-Shirt, braune Bermudashorts, Segelschuhe. Deutschlands erfolgreichster Popsänger liebt das Flair von East Hampton und die lässige Eleganz von Ralph Lauren. Geschmack kann sich der 28jährige Mannheimer leisten: Seit seinem Hit „Freisein“ läuft die Karriere wie geschmiert. Zweimal der „Echo“ , Gold und Platin für sein Album „Nicht von dieser Welt“ erhielt mehrere Gold- und Platin-Auszeichnungen. Zu Recht: Naidoo verfügt über eine großartige, beseelte Stimme – selbst das Mannheimer Telefonbuch klänge aus seinem Mund wie ein gefühlvolles Liebeslied.
Doch viele Menschen halten Xavier Naidoo auch für einen großen Spinner: In jedem zweiten Satz redet er von Gott, zitiert mehr schlecht als recht aus dem Alten Testament. Seine Heimatstadt Mannheim möchte er in fünf Jahren zur Musikmetropole aufbauen, Arbeitslosigkeit und Armut soll es dann am Neckar nicht mehr geben. Im letzten Jahr verstörte er seine Fans mit der Ankündigung, er wolle nie wieder Autogramme geben. Ein seltsamer Heiliger, also.
Und jetzt hat Xavier Naidoo gerade eine neue Single veröffentlicht, sie heißt „Seine Straßen“. Der Text des Liedes beschäftigt mit „unseren schlecht gebauten Pfaden“ und der großen Leidenschaft des Sohns einer afrikanisch-irischen Mutter und eines deutsch-indischen Vaters: Autofahren.
Und weil diese Art der Fortbewegung mindestens so kontrovers ist wie das Thema Religion, haben wir uns an einem sonnigen Freitagnachmittag zu einer Spritztour verabredet: Vom Frankfurter Stadtteil Rödelheim in die Berge des Taunus – Unterwegs auf Gottes Straßen. Denn Xavier hat eine Theorie: Er glaubt, daß wir in unseren Autos leichter zu uns selbst finden – und damit zu Gott – als an jedem anderen Platz dieser Welt. Nach Konzerten – wenn andere Popstars gutgelaunt die Hotelbar zerlegen – fährt der Sänger oft noch stundenlang zum nächsten Auftrittsort – um sich „das kochende Adrenalin wegzufahren“.
Doch im Moment ist eher mein Adrenalin am brodeln: Xaviers Audi A6 rast in einem mörderischen Tempo durch den dichten Berufsverkehr der A66 in Richtung Wiesbaden. Und nicht nur das: Xavier gehört zu den Menschen, die beim Fahren heftig gestikulieren und ihrem Beifahrer dabei gerne in die Augen sehen. Immerhin, rede ich mir ein, haben wir Gott auf unserer Seite.
„Was wäre denn Deutschland ohne Straßen, dann wüßte ich doch gar nicht wie es hier aussieht?“, eröffnet Xavier einen längeren Monolog über die Bedeutung des Autofahrens für die individuelle Freiheit des Menschen.
Früher, vor seinem Erfolg, war er oft nächtelang unterwegs auf den Autobahnen rund um Mannheim. Einfach so. Um nachzudenken, um zu träumen. Die Familie Naidoo hatte nie ein eigenes Auto, dem Jungen hat das sehr zu schaffen gemacht: „Ich weiß, wie schlimm es ist mit der Bahn irgendwo hin zu fahren“, glaubt er noch heute.
Und weil Xavier das so empfindet, möchte er noch in diesem Jahr einen Autoverleih eröffnen: „Mannheimer Mobiles“, soll die Firma heißen. Das Besondere daran: „Wer bei uns ein Auto leihen möchte, braucht keine Kreditkarte. Ich habe selber keine, deshalb weiß ich, wie schwer es ist ohne diese Dinger einen Mietwagen zu bekommen“. Der Fuhrpark für den Verleih ist schon komplett: 67 alte Schrottlauben – überwiegend Mercedes Benz Limousinen aus den Siebzigern – hat sich Naidoo im Lauf der letzten Jahre zugelegt. Viele davon überläßt  er schon jetzt großzügig seinen Freunden.

Vor uns scheint sich ein Stau zu bilden. Hektisch reißt Xavier das Steuer herum, mit einem rasanten Fahrmanöver und quietschenden Reifen verlassen wir die Autobahn. Hinter uns hupt und blinkt es wie verrückt. „Jajajaja…“ murmelt der ehemalige Chorknabe genervt. Als er meinen angespannten Gesichtsausdruck sieht, bekommt seine Stimme einen nachsichtigen Klang: „Wer im Stau steht ist selber schuld. Ich fahre im Notfall lieber über die Landstraße weiter selbst wenn das länger dauert. Dann komme ich wenigstens nicht in die Gefahr, Leute zu beschimpfen“. Hallo Partner, danke schön! Der Kerl fährt wie Michael Schuhmacher, aber er redet wie ein Pastor: „Als ich „Seine Straßen“ schrieb, wußte ich zunächst gar nicht, wie ich den Leuten klar machen sollte, daß auch die Autobahnen Gottes Werk sind“, sagt er nachdenklich. Nicht ganz leicht, gebe ich zu, bei all den abgeholzten Wäldern und den Giften der Auspuffgase… „Niemand darf behaupten, das Auto sei Umweltkiller Nummer 1!“ empört sich Xavier. Aber wer, bitte schön, ist dann verantwortlich für den ganzen Dreck? „Die Kühe natürlich!“ Wie bitte??? „Jede Kuh furzt am Tag 300 Liter Methan und ist damit weitaus gefährlicher als ein Auto“. So ein Quatsch, denke ich. Eine Weile fahren wir schweigend weiter.

Doch schon bald halte ich die Stille nicht mehr aus: Wenn Du glaubst, die Kühe seien an allem Schuld, was sagst Du denn da zur Ökosteuer und den gestiegen Benzinpreisen? Treffer! „Gottseidank verdiene ich inzwischen genug“, klagt Xavier in einem Ton, als hätte das Leben bei Benzinpreisen über zwei Mark wenig Sinn: „Ich glaube hier wollen einfach zu viele Leute ihr politisches Süppchen kochen, notwendig sind diese Preise bestimmt nicht. Vor drei Jahren bin ich wegen so was kriminell geworden…“. Was mag er damit wohl meinen? Benzindiebstahl?
Doch früher war Naidoo ohnehin ein anderer, auch mit dem Finanzamt hatte er regelmäßig Probleme: „Ich hab nie Steuern bezahlt“, behauptet er, „Jahrelang hab‘ ich denen gesagt: Ihr könnt mich am Arsch lecken, ich zahl euch nix, ich brauche jeden Pfennig“. Die Herren vom Finanzamt hat das nicht weiter gestört, der Mannheimer wurde geschätzt – und hat anschließend seine Schulden brav bezahlt, zähneknirschend aber prompt. Trotzdem sieht Xavier auch heute noch nicht ein, warum er Rechnungen und Tankbelege sammeln soll. Er hat einfach nicht gelernt mit Geld umzugehen. Und sein plötzlicher Wohlstand – nach den harten Jobs als Verkäufer, Türsteher, oder Badehosenmodel – ist ihm noch nicht ganz geheuer: „Es kann doch nicht sein“, murmelt er, „daß ich als Rotznase, als Schwarzer in Deutschland, in den Genuß komme dicke Autos zu fahren, während Leute, die 50 Jahre gearbeitet haben, das nicht können.“ Ein Ferrari, wie ihn sein Freund und Produzent Moses Pelham fährt, kommt für Xavier deshalb absolut nicht in Frage: „So ein Ding kostet 300.000 Mark – dafür kriege ich 30 alte Mercedez Benz Autos.“ Und die kann man, wenn einen das Gewissen plagt, notfalls auch verleihen.

Inzwischen fahren wir durch den Naturpark Hochtaunus, das satte Grün der Fichten und der strahlend blaue Himmel tun ihre Wirkung: Wir gleiten.
„Wer macht diese Welt so, daß wir uns schlecht fühlen?“, fragt Xavier plötzlich. Keine Ahnung, sind wir das nicht selber? „Ja, weil wir ein falsches Schamgefühl besitzen“ Und warum ist diese Scham falsch? „Weil wir uns nicht zu den Dingen bekennen, die wir lieben. Wenn wir alle nackt wären, könnte jeder die Erektion sehen, die wir beim Anblick einer schönen Frau bekommen.“
Naidoo steht tatsächlich zu den Dingen die er für Richtig hält – selbst zu der absurden Behauptung, das jüngste Gericht, der Armaggeddon, habe bereits begonnen. Sein Erfolg und der plötzliche Wohlstand belasten Xavier, also versucht er „normal“ und „gottgefällig“ damit umzugehen. Seine Religiosität ist jedenfalls echt – auch wenn sie noch so naiv und sonderbar erscheint. Sein Glaube und seine Hingabe befähigen ihn sogar, etwas in seine Stimme zu legen, was es in Deutschland so noch nicht gegeben hat: Soul – eine Musik, die die Versuchungen der Hölle kennt und trotzdem weiter nach dem Göttlichen sucht. Und die großen Soul-Sänger, das waren schon immer ziemlich verrückte Kerle. Fragen Sie mal James Brown und Prince.
Doch eine letzte Frage habe ich noch an: Glaubst du, daß es Gott gefällt, wenn er deine Liebe mit einem alten 116er, 6,9 Liter Benz teilen muß? Xavier wird nachdenklich: „Irgendwann müssen wir alle vor unseren Schöpfer treten, um uns zu rechtfertigen. Wenn Du dann gut argumentierst, dann wäre er doch der letzte, der sagt: Dieses dicke Auto gönne ich dir nicht. Er gönnt dir alles!“

Veröffentlicht im Juni 2000 in Die Woche