Daniel Johnston

Leben und vom Leben verlassen

Wenn einer träumt, er werde zum Tode verurteilt wegen versuchten Selbstmordes: Der traurige und geniale Songwriter Daniel Johnston auf Deutschland- Tournee

Von Jürgen Ziemer

Von Daniel Johnston gibt es einen alten Song, eine Art Kurzfassung des Filmklassikers „King Kong“. Mit hoher, weinerlicher Stimme, ohne jede musikalische Begleitung, erzählt der Sänger die tragische Geschichte einer unerwiderten Liebe. Und wenn er an der Stelle angelangt ist, wo der Affe die geliebte Frau vorsichtig absetzt, bevor er tödlich getroffen vom Empire State Building stürzt, dann spürt man, dass Johnston schon die ganze Zeit von sich und seiner eigenen, verzweifelten Sehnsucht nach Liebe singt: „They thought he was a monster, but he was the king“ ruft er verzweifelt im Refrain. „It was beauty that killed the beast“.

Einzigartige Menschen wie Daniel Johnston nennt man in Ermangelung einer besseren Bezeichnung gerne Kultfigur, oder Anti-Held. Dabei heftet sich solche Titel heute jeder modebewusste Punksänger an die Brust wie einen falschen Orden. Johnston selber bezeichnet sich eher als „Sorry Entertainer“: Ein 41-jähriger, manisch depressiver Songwriter, der nach diversen Psychiatrie-Aufenthalten nun in der Nähe von Austin, Texas bei seinen Eltern wohnt. Ein durch Medikamente aufgeschwemmter übergewichtiger „Loser“, dessen Lieder zum Ergreifendsten und Zerbrechlichsten gehören, was die Popkultur hervorgebracht hat: Songs, zwischen Hank Williams und den Beatles, naiv und zugänglich und zugleich voller Schönheit, Schmerz und Sehnsucht. Diese Verwundbarkeit und über 300 auf Tapes, LP und CD veröffentlichte, aber außerordentlich schwer erhältliche Songs haben Johnston eine weltweite treue Anhängerschar beschert.

Für normal konditionierte Popfans, die Käufer von Robbie Williams und Britney Spears, muss der Sänger wie ein Ungeheuer wirken: Unter einem grellorangen T- Shirt bläht sich ein mächtiger Bauch, das Gesicht ist aufgedunsen, die grauen Haare hängen wirr in die Stirn. Nach einem von der Kritik gefeierten Konzert in der Berliner Volksbühne 1999 befindet sich Johnston seit Montag auf seiner ersten Deutschland-Tour: „Hi, I’m Daniel, I’m from Texas, from the United States. How are you doing?“ begrüßt er das Frankfurter Publikum auf eine rührend ungelenke Art. „How Are You?“, ruft einer zurück. „Ich hatte einen Traum letzte Nacht“, sagt Johnston und man weiß nicht so genau, ist das jetzt eine Antwort oder die Einleitung zu einem neuen Song: „Ich träumte, man hätte mich zum Tode verurteilt, für versuchten Selbstmord“. Alle lachen, nur der Künstler bleibt ernst und angespannt. War das überhaupt als Witz gemeint?

Weil es in seinen Liedern keine Trennung gibt zwischen dem lyrischen Ich und der Person des Künstlers, wird Johnston seit den frühen Achtzigern vor allem in der ambitioniert-alternativen Musikszene glühend verehrt: Kurt Cobain trug 1992 ein T-Shirt, das Werbung machte für Johnstons Album „Hi, how are you?“. David Bowie schwärmte vor einigen Wochen in einem Spiegel- Interview: „Ein Mann wie Daniel Johnston…macht mir bewusst, was ich an der Kunst ursprünglich einmal geliebt habe“. Und die New York Times sieht in dem Mann, der sein gesamtes Frühwerk auf einem 79 Dollar teuren Sanyo-Taperecorder aufgenommen hat, sogar den „ohne Zweifel größten lebenden Outsider-Musiker“.

Der gefeierte Künstler selber wäre vermutlich lieber Robbie Williams oder Paul McCartney. Auf der Bühne wirkt Johnston wie der einsamste Mensch des Universums. Wie zum Schutz presst er seine Gitarre an sich, der Kopf ist gesenkt, der Blick geht nach unten, wo er von einem Notenständer die Texte der Lieder abliest. In einer Zeit der gecasteten Popstars verkörpert er die verlorene Unschuld, die hastig hingekritzelte Vision einer möglichen authentischen Popmusik. Dabei geht es Johnston, der in einer christlich fundamentalistischen Familie im Hinterland Amerikas aufgewachsen ist, vor allem darum, zu lieben und selber geliebt zu werden. Ein Mädchen namens Laurie, das ihn vor über 20 Jahren wegen eines Bestattungsunternehmers verließ, beschäftigt Johnston bis heute. Wegen ihr schrieb er auch Unmengen verzweifelt komischer Songs über Friedhöfe und Beerdigungen, wie den Klassiker „Funeral Home“: „Got me a casket, shiny and black, I’m going to a funeral and I’m never coming back“.

Das Publikum im Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm ist ein wenig zu ehrfürchtig, um diesen Humor zu verstehen. Ein psychisch krankes Genie – da lacht man lieber einmal zu wenig als zuviel. Erst als Johnston gegen Ende des Konzerts ein paar „Hits“ spielt, wie „Caspar The Friendly Ghost“, und von der Gitarre zum Flügel wechselt, kommt so was wie Stimmung auf. Eine frenetisch geforderte Zugabe verweigert er dennoch.

Etwa eine Stunde nach dem Konzert betritt Johnston das Café des Mousonturms in Begleitung zwei junger, stadtbekannter Galeristinnen. Offensichtlich sind die beiden an einer Ausstellung seiner surreal-comichaften Zeichnungen interessiert, die bereits in New York, Los Angeles, Zürich und Berlin gezeigt wurden. Einen Moment lang wirkt Johnston fast glücklich. Das Interesse der jungen Frauen tut ihm gut. Doch als er nach einer Weile geht und vergeblich versucht, durch die inzwischen abgeschlossene Tür zurück in den Saal zu gelangen, wirkt er wieder so einsam, wie der hoffnungslos verliebte Gorilla auf dem Empire State Building.

(Veröffentlicht in Süddeutsche Zeitung, 2002)

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