Die Antwoord

Fokken, fokken, fokken!

Für die Band Die Antwoord haben sich ein knasttätowierter Kerl und eine zwitschernde Blonde zusammengetan. Sie zelebrieren ironischen White Trash

Von: Jürgen Ziemer

Ninja und Yo-Landi aus Südafrika: Ihre Musik kombiniert bellende Raps mit zwitscherndem Lolita-Gesang
Wie so oft in letzter Zeit ist es das Internet, in dem die Ereignisse ihre Schatten vorauswerfen.  Wer YouTube anklickt und »Die Antwoord« eingibt, wird eines dürren Kerls in Boxershorts ansichtig, der seinen mit Knasttätowierungen übersäten Körper schüttelt, als wär’s ein Knochengerüst. Mit den Fingern formt er alberne Hip-Hop-Gesten, sein Unterleib stößt in hektischen Bewegungen vor und zurück, dabei brabbelt er atemlos ein Kauderwelsch aus Englisch und Afrikaans, der Sprache des weißen Südafrika, in dem das Wort fokken überdurchschnittlich oft vorkommt. Es bedeutet, was man sich darunter vorstellt.
Der nicht unsympathisch wirkende Mann nennt sich Ninja und begeistert mit seiner Band Die Antwoord bereits seit Monaten die Internet-Gemeinde: 118.578 Freunde bei Facebook, mehr als 7 Millionen Klicks allein für das Video Enter The Ninja. Und das alles ohne eine Plattenveröffentlichung. Die Antwoord zelebrieren die Ästhetik des Zef, des südafrikanischen White Trash, sie posieren vor schrottreifen Pick-up-Trucks oder trinken mit nacktem Oberkörper Bier aus der Flasche und behaupten, dabei so real zu sein wie amerikanische Gangster-Rapper. Ein Video auf der bandeigenen Website zeigt, wie Ninja sich den Titel des kommenden Debütalbums $O$ auf den Rücken tätowieren lässt.
Doch kann das wirklich ernst gemeint sein? Zu sehr erinnern die Auftritte und Selbstinszenierungen an die Pop-Satiren von Ali G. alias Sasha Baron Cohen. Vielleicht spricht Art, das Fachmagazin für moderne Musik, deswegen von der »größten Pop-Sensation des Jahres«.

Tatsächlich hat Watkin Tudor Jones, der Mann hinter dem Pseudonym Ninja, verifizierbare Wurzeln in der Kunstszene von Kapstadt – die er in Interviews allerdings heftig bestreitet. Auch über seine früheren Pop-Projekte spricht Jones nicht gerne, man könnte zu leicht sein Prinzip erkennen – das konzeptuelle Rollenspiel: Als Max Normal rappte er bereits im dreiteiligen Anzug zu PowerPoint-Präsentationen. Unter dem Namen The Constructus Corporation veröffentlichte er ein Konzeptalbum mit 88-seitigem, pinkfarbenem Booklet über die Abenteuer zweier Kinder in einer futuristischen Shopping-Mall.
In der Fake-Dokumentation Zef Side lümmelt das Trio zwischen heruntergekommenen Fertighäusern am Rande von Kapstadt. »Warum macht ihr Musik?«, will ein Reporter wissen. Während die Kamera über ein Ghetto-Idyll in der Abendsonne schwenkt und von der anderen Straßenseite ein paar Nachbarn freundlich herüberwinken, denkt Watkin Tudor Jones angestrengt nach, doch es fallen ihm nur Plattitüden aus der Welt des Hip-Hop ein. Auch seine beiden Mitmusiker sind von einer irritierenden Sprachlosigkeit: DJ Hi-Tek wirkt wie ein schläfriges Riesenbaby, die sehr zierliche Yo-Landi Vi$$er ist ein altersloses Wesen mit platinblondem Raspelpony. »I’m the richest bitch with the nicest ass«, sagt sie über sich.
Natürlich wird auch hier der Pop nicht gerade neu erfunden. Schon der amerikanische Rapper Everlast hat mit seinen Whitey Ford- Alben die White-Trash-Kultur besungen, raue Lieder über raue Kerle. Doch Die Antwoord sind von einer Romantisierung der Unterschicht weit entfernt. Ihre Musik lebt von Aneignung, Zitat und Vermischung und klingt bisweilen wie ein Blick in die Zukunft der Großraumdisco: Knüppelnde Rave-Beats und hymnische Euro-Dance-Refrains bilden das Fundament für Ninjas bellende Raps und Yo-Landis zwitschernden Elfengesang. Das zu Universal gehörende Label Interscope bescherte der Band den höchstdotierten Plattenvertrag Südafrikas.
Dabei ist das Debütalbum $O$, das am 8. Oktober weltweit erscheint, für Fans bereits ein alter Hut: Seit Ende 2009 ist das Werk kostenlos auf der Website der Südafrikaner zu hören. Vor allem der Clip zu Enter The Ninja, der perfekt zwischen Horrorfilm-Atmosphäre und koketten Lolita-Posen hin und her springt, besitzt eine ganz eigene Bildsprache; sie erinnert an Comics und setzt Kitsch als Stilmittel ein.

Aber auch über solche Geistesverwandtschaften hinaus gibt es eine Nähe zur etablierten Kunst- und Kulturszene: Roger Ballen, bekannt für seine beunruhigenden Bildinszenierungen, fotografierte die Band im expressionistischen Lumpen-Look. Und Ende August traten Ninja und Yo-Landi in London zusammen mit Aphex Twin auf, dem Meister der avantgardistischen Electronica. In Deutschland manifestierte sich der – je nach Sichtweise – smarteste oder prolligste Internet-Hype aller Zeiten erstmals im Hamburger Club Indra. Das Publikum bildete ein verschwitztes Knäuel halb nackter Körper, das ungeduldig nach Yo-Landi rief und lautstark einzelne Songs forderte. Die Generation YouTube fühlt sich als Flashmob, genießt es, Teil eines viralen Marketingspektakels zu sein. Und die Exoten aus dem fernen Südafrika haben auf ihrem ausgedachten Trailerpark-Spielplatz den etablierten Stars und ihren angeblich so authentischen Biografien einfach mal die Hosen heruntergezogen. Das Album $O$ ist trotzdem ziemlich gut.

Quelle: DIE ZEIT, 30.09.2010 Nr. 40

(Foto: Interscope)

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