Mando Diao

Nach Beatles-Art

Mando Diao stammen aus einer hässlichen Arbeiterstadt, die sich in den klassischen Popsongs der fünf Jungs spiegelt


Eigentlich ist Schweden ja viel zu schön für Rock’n’Roll: Man fährt durch moosige Wälder voller Bären und Elche, gleitet vorbei an Seen, die menschenleer in der Sonne glitzern, und bewundert die überall verstreuten, dunkelroten Holzhäuser. Alles hier atmet Zufriedenheit, stilles Glück, Astrid-Lindgren-Heiterkeit. Bis man in Borlänge aus dem Auto steigt. 40 000 Einwohner. Stahlindustrie. Eisenbahnknotenpunkt. Und die höchste Kriminalitätsrate von ganz Schweden. Ein städteplanerisches Konzept hat es hier offensichtlich nie gegeben, die Fußgängerzone sieht aus wie von einem Betonfabrikanten hingekotzt.

Am Anfang dieser grauen Meile steht Gustaf Norén, eingekeilt von einem halben Dutzend 13-jähriger Autogrammjägerinnen. Ohne Gustafs Band Mando Diao gäbe es vermutlich überhaupt nichts Positives über diesen spröden Ort zu berichten. „Für mich war Borlänge eigentlich immer eine schöne Stadt“, behauptet der Sänger, der seinen Teenager-Fanclub inzwischen abgeschüttelt hat. „Bis wir 2003 unsere erste große Tour absolvierten. Da erst wurde mir klar, dass ich in der hässlichsten Stadt Schwedens lebe.“ Nach dem Erfolg ihres Debüts „Bring ’Em In“ zogen Mando Diao deshalb ins schöne Stockholm, für eine junge schwedische Band das Tor zur Welt.

Doch an diesem Wochenende spielen die Mittzwanziger nach langer Zeit wieder einmal in ihrer Heimatstadt, als Headliner des Peace & Love Festivals. Jeden Winkel der Innenstadt hat die sozialdemokratische Stadtverwaltung mit Bühnen vollgestellt. Die Palette der Bands reicht von Two Gallants über Robyn Hitchcock bis zu Patti Smith und den Cardigans. Für Mando Diao eine gute Gelegenheit, die Songs des neuen Albums „Ode To Ochrasy“ vor großem Publikum zu testen.
Der von Björn Dixgard, dem zweiten Sänger und Gitarristen, geschriebene Titelsong be-schreibt eine poetische Parallelwelt, für die der Fantasiename „Ochrasy“ steht, den man vielleicht mit „Afterhours“ oder „zwischen Tag und Traum“ übersetzen könnte. „Viele der Songs handeln von Freaks und Außenseitern, die wir nach unseren Konzerten getroffen haben. Wir gehen nicht gerne auf offizielle Aftershow-Partys, lieber in ganz normale Bars“, sagt Gustav. Und wenn man dem Sänger glauben kann, dann treffen Mando Diao dort Typen wie „Killer Kaczynski“: „Er behauptete, er sei ein islamistischer Terrorist und wolle in Europa Gebäude ausspionieren, um sie anschließend in die Luft zu jagen.“ Na, Donnerwetter!

Um die Zeit bis zum Auftritt zu überbrücken, machen wir eine Stadtrundfahrt. Schlagzeuger Samuel, mit frisch geschnittener und blondierter Frisur, spielt den Reiseleiter. Bei jedem zweiten Satz und den Kommentaren der anderen dazu spürt man eine sonderbare (Hass-)Liebe zu dieser illusionslosen Arbeiterstadt: „Vieles ist schlechter geworden. Selbst Volvo gehört jetzt General Motors, und das Domnarvets Stahlwerk, das die Menschen in den 40er Jahren hierher gelockt hat, entlässt immer mehr Mitarbeiter.“ Gustav ergänzt: „Die Arbeiterstadt Borlänge hat unsere Haltung stark geprägt. Wir wissen, woher wir kommen und was wir erreicht haben.“

Die ganze Band stammt aus der gleichen kleinbürgerlichen Nachbarschaft. Putzige Spitzdachhäuschen, bescheidene Fertigbau-Bungalows. Gustavs Vater, ein Hobby-Musiker, der in den ganz frühen Tagen bei Mando Diao gelegentlich den Bass zupfte, steht grüßend vor seinem grün umwucherten Holzhaus. Ganz in der Nähe, in einem windschiefen Holzhaus am Stadtrand, befindet sich ein kleines Jugendzentrum. Hier entstanden in warmen Nächten die Songs des Debüts, hier wurden fünf Freunde zur Band. „Wären wir zwei Jungs und zwei Mädchen, würden wir sicher ganz andere Musik machen“, glaubt Gustaf und sieht dabei auf seine Turnschuhe, bei denen die Schnürsenkel fehlen. „Doch so sind wir fünf gleichaltrige Jungs, die zusammen aufwuchsen und gemeinsam nach einem passenden Stil suchten. Bei Black Sabbath war es genauso – und wir sind stark von Black Sabbath beeinflusst. Doch auch bei Nirvana, Oasis, Primal Scream, Joy Division findet man dasselbe Prinzip: Es ist die Beatles-Art, Musik zu machen.“

Als Mando Diao ein paar Stunden später auf der großen Bühne stehen, die sich auf einem gigantischen Parkplatz am Bahnhof befindet, wird es hinter den angrenzenden Wohnblocks schon wieder hell. Im blassen Licht der Mittsommernacht sehen die jungen Schwedinnen, die sich vor der Bühne drängen, noch hübscher aus, fast wie Elfen. Strahlend schauen sie nach oben, wo Björn ausgelassen in die Luft springt, während er die ersten Akkorde von „Welcome Home Luc Robitaille“ in die Saiten drischt. Fünf Jungs mit dem Klassenbewusstsein eines alten Gewerkschafters und den gut sitzenden Anzügen junger Mods spielen knackige Rockmusik, die vor guten Melodien nur so strotzt. Was soll da schiefgehen? Und im ersten Licht der Morgensonne fängt Borlänge ganz sachte an zu strahlen.

JÜRGEN ZIEMER

(Veröffentlicht in Rolling Stone)

Schreibe einen Kommentar