Die Welt zu Gast bei reichen Eltern

Rene_Pollesch_c_Thomas_Aurin

Keiner schreibt schneller, keiner jagt Theorie, Pop und tolle Schauspieler lustvoller durch die rotierende Diskursmaschine als der Autor und Regisseur René Pollesch

von Jürgen Ziemer

Bei allem medialen Geschrei um Skandal-Aufführungen, RAF-Sympathisantentum und unansehnliche Nackte auf der Bühne – es bleibt dabei: Theater ist die unendliche Geschichte des Bürgertums, eine Repräsentationsmaschine des jeweiligen Staus Quo, bevölkert von ewig gleichen Charakteren und Identifikationsangeboten. Der arbeitslose Computernerd kommt darin genauso selten vor, wie die lesbische Kunststudentin, die sich ihren Lebensunterhalt im Call-Center verdient.
„Das hat auch Methode“, glaubt der Autor und Regisseur René Pollesch. „Wenn ein mittelständischer Betrieb wie das Theater etwas über Hartz IV-Betroffene macht, siehst du einen Schauspieler, dem es relativ gut geht, mit bepisster Unterhose auf der Couch sitzen, Bierdose in der Hand, wie er seine dick tittige Frau vögelt. Und alle glauben, sie reden jetzt für die Hartz IV-Betroffenen. In Wirklichkeit versuchen sie die Differenz zu vergrößern, zwischen sich und denen über die sie reden“.
Pollesch lehnt dieses „Repräsentations-Theater“ ab . Für ihn herrscht dort die Perspektive von weißen, männlichen Heterosexuellen, eine Position, die sich selber für die Stimme der Welt hält. Das Gegenmittel des Berliner Theatermachers sind extrem diskursfreudige und dabei trotzdem sehr unterhaltsame Stücke, die weniger krawallig sind als die Happenings von Schlingensief, dafür aber entschieden intelligenter.
Polleschs Fan-Gemeinde wächst deshalb ständig, nicht nur in Berlin, wo der 45jährige bereits seit 2001 die Volksbühnen-Dependance Prater leitet, ein charmant morbides Gebäude an der Kastanienallee, das derzeit renoviert wird. Doch Pollesch ist schon immer viel fremdgegangen, er inszenierte am Burgtheater in Wien ebenso wie am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg, und schon mehrfach hat man ihm Dramatikerpreise verliehen.

Die Inszenierungen des intellektuellen Tausendsassas, der jedes Jahr gleich mehrere Stücke raushaut, sind oft als Boulevard-Komödien verkleidete Orgien der gezielten Überforderung. Da steht die Souffleuse gleich mit auf der Bühne, weil die Schauspieler endlose Bandwurmsätze herausschleudern müssen, die philosophisch komplex sind, aber gleichzeitig auch den Tonfall von Vorabend-Fernsehserien imitieren. Und immer wieder, meist wenn einer seinen Text vergessen hat, wird geschrienen bis die Adern schwellen: „Scheiße!“, „Mutter!“ oder „Ich will das nicht leben!“ Intensität und Diskursivität sind in diesem Theater kein Widerspruch. Als Zuschauer sitzt man deshalb erst mal mit offenem Mund da: Staunt über die grellbunten Ausstattungen, verfolgt auf Videoleinwänden Parallelhandlungen hinter den Kulissen, bekommt Popsongs und Schlager um die Ohren gehauen und ist obendrein noch konfrontiert mit variierten Filmklassikern. Die totale, mörderisch schnelle Überreizung. So wie draußen, auf den freien Märkten des Neoliberalismus. Als Zuschauer hat man das schon bald begriffen – man fängt an mitzugehen und Spaß daran zu haben. Der Text sickert ins eigene Leben, das eigene Leben steckt im Text und die Überforderung wird reine Lust.

Wenn man René Pollesch gegenüber sitzt, sieht man einen freundlichen Nickelbrillenträger in Jeans, Baumwollpulli und leuchtend gelben Turnschuhen. Er kommt gerade von einer Probe seines jüngsten Stücks „Die Welt zu Gast bei reichen Eltern“, das im Januar im Hamburger Thalia Theater Gaußstraße läuft. Pollesch redet wie die Schauspieler in seinen Stücken: Wahnsinnig schnell und ausgesprochen dringlich. Doch selbst die kompliziertesten seiner Schachtelsätze kriegen souverän die Kurve. Der in Gießen geborene Regisseur hat eine, wie man sagt, nichtlineare Biografie, war mehrere Jahre arbeitslos – schon deshalb ist „Arbeit“ eins seiner zentralen Themen. Erst mit 38 kam für ihn der Durchbruch, mit der New-Economy-als-Kinderzimmer-Soap „world-wide-webslums 1 –7“, am Hamburger Schauspielhaus.
Mit Moral und Psycholgie erzählte Dramen, wie sie im klassischen Theater vorkommen, sind Pollesch ein Gräuel. Stattdessen bilden die Texte von Philosophen wie Foucault und Agamben die Basis von sexy betitelten Inszenierungen, wie „Stadt als Beute“„Tod eines Praktikanten“, oder eben „Die Welt zu Gast bei reichen Eltern“. Bevor ein solches Stück entsteht, setzt sich Pollesch mit den jeweiligen Schauspielern zusammen, um eigene und fremde Texte zu lesen: „Das Material, das ich mitbringe, steht zu hundert Prozent zur Disposition. Es geht darum, zu sehen ob man mein Interesse für diese Theorien oder überhaupt für meine Texte teilen kann. Ob die Schauspieler die Möglichkeit haben, mit ihrem Leben daran anzudocken“. Nicht nur Stammschauspieler, wie die göttliche Sophie Rois oder der Fassbinder-erprobte Volker Spengler, wissen das sehr zu schätzen. Im normalen Theater ist es eher umgekehrt: da ist das Stück wichtiger, als die Menschen, die darin spielen. Pollesch stellt sich und den Schauspielern lieber die grundsätzliche Frage, die man sich auch als Zuschauer stellen kann: „Was hat das mit meinem Leben zu tun?“
Das neue Stück „Die Welt zu Gast bei reichen Eltern“ widmet sich einem Thema, bei dem Biologie und Ökonomie zusammentreffen – die eigenen Eltern als letzte Ressource: „Wenn man es auf dem Markt nicht schafft, wenn man es versucht hat mit einer Karriere und es hat nicht geklappt, dann kehrt man zurück zu den Eltern. Man ist 35 oder 40 und ist da draußen überflüssig. Die Familie ist eins der stabilsten Netzwerke innerhalb der Gesellschaft. Aufgrund der Konstruktion von Liebe und Mutterliebe ist sie in der Lage, diese Überflüssigen wieder aufzunehmen. Also den Staat zu entlasten – von Hartz IV kannst du nicht leben“.

Pollesch ist allerdings kein Sozialromantiker. Mit Hilfe der Theorien seiner derzeitigen Lieblingsautorin Donna Haraway blickt er auf das Konstrukt Familie wie ein Wissenschaftler auf das Sozialleben der Käfer. Ein netter, humorvoller Wissenschaftler, allerdings. Die Texte, der unter Feministinnen, Linken und Tierrechtsaktivisten hoch geschätzten Biologin und Philosophin Haraway, handeln von den Grenzen mit denen wir aufgewachsen sind: zwischen Mann und Frau, zwischen Schwarz und Weiß, zwischen Mensch und Tier. All diese Linien sind nach ihrer Meinung willkürlich gezogen, sind das Produkt einer dualistischen Wissenschaft, die das Tier als das Andere beschreibt – im besten Fall als minderwertige Version des Menschen.
In „Die Welt zu Gast bei reichen Eltern“ untersuchen fünf exzellente Schauspieler – Anna Blomeier, Judith Hofmann, Katrin Wichmann, Felix Knopp und Jörg Pose – in der Kulisse einer Wohnküche, die Frage, ob eine 30jährige Tochter wieder zuhause bei ihrer Mutter einziehen darf. Klar definierte Rollen gibt es nicht, jeder Schauspieler spielt im dauernden Wechsel beide Seiten: Mutter und Tochter – Jörg Pose gibt einmal sogar ganz rührend den Haushund. Dazu wird noch ein wenig über Agambens These nachgedacht, die Menschheit verfolge kein historisch kulturelles Projekt mehr, sondern sei nur noch interessiert an Körpern, Gentechnik und überhaupt Biologie.
Und auch wenn das alles vielleicht ein wenig anstrengend klingt: Das Ergebnis ist eine unglaublich spritzige Boulevard- und Screwball-Comedy, voller witziger Regieeinfälle und knalliger Punchlines wie „Familie besteht doch nicht nur aus Mord und Totschlag, sondern auch aus Kälte und Einsamkeit“. Hier wird das Bürgertum mit all seinen Macken nicht repräsentiert, sondern seziert – unter einem sehr scharfen Mikroskop. That’s what I call Diskurspop!

(Veröffentlicht in Rolling Stone 1/2008)

Wie unterhaltsam Polleschs Theater ist, zeigt dieses Video  seiner Inszenierung von „Mädchen in Uniform“ am Hamburger Schauspielhaus.


Schreibe einen Kommentar