Der Meister des Trash

Uwe Boll überflutet die Kinos und Videotheken mit Actionfilmen und bizarrer Unterhaltung. Der deutsche Regisseur bewegt in Hollywood Millionen – und wird trotzdem gehasst

Von Jürgen Ziemer

Es gab einmal eine Zeit, da hat man den Regisseur Uwe Boll gelobt. Sogar für den namhaften Max-Ophüls-Preis war er nominiert. Weil sein Untergrundfilm „Amoklauf“ in dichten und existenzialistisch dunklen Bildern die Geschichte eines isolierten Mannes erzählte. Das war 1994. Seitdem hat sich viel verändert.

Heute dreht Uwe Boll Großproduktionen mit Millionenbudgets, besetzt mit Hollywoodstars wie Ben Kingsley, Ray Liotta, oder Burt Reynolds. Aber kein Mensch kommt auf die Idee, ihm dafür einen renommierten Preis zu verleihen. Im Gegenteil: Seine Computerspielverfilmungen wie „Alone in the Dark“ (2005) haben schon bei den Kritikern einen schlechten Ruf. Unter Computerspielern sind sie verhasst wie Nuklearwaffen im Friedenscamp.

Allein der Gedanke, dass Boll im Herbst mit „Postal“ und „Dungeon Siege“ zwei neue Spiele-Adaptionen in die Kinos bringt, bringt die einschlägigen Onlineforen zum Kochen: „Wir sind es unseren Kindern und Kindeskindern schuldig, dass diese Werke NIEMALS erscheinen“, schäumt TrentReznor im Onlineforum Gulli:board, und auf Rottentomatoes.com heißt es nur: „Der Kerl muss sterben.“

Doch der Kerl wirkt unbesiegbar. Bullig ist er und muskulös. Der 42-Jährige sitzt in seiner spartanisch aber teuer eingerichteten Mainzer Villa – direkt neben einem Zementwerk – und lacht ein dröhnendes Sportplatzlachen. Boll weiß, dass seine Zielgruppe ihn seit Jahren verhöhnt. Wenn der promovierte Literaturwissenschaftler aus Wermelskirchen über die größte Jugendkultur der Gegenwart redet, knurrt er wie ein böser Hund.

„Die Gamer! Im Kopf haben die ihren Film zum Spiel doch längst gedreht. Egal, was man macht, dem wird man nie gerecht. Bei mir flippen sie aus, weil ich in kürzester Zeit fünf Computerspiele verfilmt habe. Das hat sich noch niemand getraut“, sagt Boll und hantiert dabei an seiner Espressomaschine wie ein Automechaniker beim Ölwechsel. Der Kaffee ist dann auch von beunruhigendem Schwarz. Aber das muss so sein, denn Uwe Boll dreht, produziert und promotet immer mehrere Filme zugleich und hat seit Tagen kaum geschlafen.

Sein Lieblingsprojekt ist im Moment „Postal“, die Inszenierung eines in Deutschland indizierten Egoshooters. Boll hat aus dem Blutfest – es geht darum, als Amokläufer möglichst lange zu überleben – eine derbe Satire gemacht und sich redlich bemüht, alle Tabus zu brechen. „Der erste Film für den Massenmarkt, der sich über die Tragödie des 11. September lustig macht“, empörte sich die „New York Post“ schon im April. In Deutschland gab die FSK „Postal“ trotzdem ohne Schnitte ab 16 Jahren frei.

„80 Prozent des Kinoumsatzes werden von 12- bis 28-Jährigen gemacht, genau für diese Zielgruppe produzieren wir“, heißt es in einem Prospekt der Boll KG. Der Produzent nennt einen weiteren Grund: „Die Lizenz für die Verfilmung eines Computerspiels kostet zwischen 200.000 und 500.000 Dollar. Das ist deutlich günstiger als die Rechte am ‚Da Vinci Code‘.“

Bolls erste Spiele-Adaption, „House of the Dead“ (2003) kostete sieben Millionen Dollar und spielte an den amerikanischen Kinokassen immerhin zehn Millionen ein. Doch die Gamer kannten bei dem Film keine Gnade. Boll kann das nicht verstehen: „Das ist die meistgehasste Verfilmung, dabei haben wir alles so gemacht, wie diese Leute es eigentlich gut finden müssten.“

Tun sie aber nicht. Als Boll im August bei der Game Convention Penny Arcade in Seattle auftrat, um für „Postal“ zu werben, wurde er ausgebuht: „Ich ging auf die Bühne, und 2000 Leute drehten einfach total durch: Da isser! Der Feind! Was mich dann tröstet, ist die hohe Zahl von DVDs, die von meinen Filmen verkauft werden. Wenn die Dinger auf DVD floppen würden, würde ich keinen einzigen Film mehr drehen.“

Bis dahin kämpft Uwe Boll einen einsamen Kampf. Im vergangenen Jahr lud der leidenschaftliche Boxer seine schärfsten Kritiker unter den Journalisten in den Ring – und vermöbelte die Freiwilligen. „Hinterher sagten einige, ich hätte versprochen, ihnen nicht wehzutun. Aber in meinem Aufruf stand: Das ist ein Boxkampf! Ich hau euch auf die Schnauze!“
„Richtig!“, flüstert Hasso Mansfeld in die kurze Stille.

Vor einigen Wochen wagte ein Redakteur des amerikanischen Magazins „Wired“, Bolls „Postal“ zu verreißen. „Da ist mir der Kragen geplatzt“, sagt Boll. „Ich hab ihm in einer E-Mail geschrieben: Du kannst mich mal am Arsch lecken, du Wichser! Irgendwann ist mal Feierabend hier!“ Boll rastet aus. Mansfeld rutscht unruhig auf seinem Stuhl herum: „Klug ist das nicht, was Sie da machen, Herr Boll. Das wird in Deutschland alles wieder aufgegriffen!“ – „Aber so kann man als Mensch nicht mit anderen Menschen umgehen“, erwidert der Filmemacher.

Boll ist kein Unsympath. Er ist ehrlich, direkt und auch mit 42 Jahren noch neugierig und offen. Vielleicht sollte er einfach die Finger von der elektronischen Spielekultur lassen. Im Herbst kommt sein Horrorfilm „Seed“ in die Kinos: Der wird von der Tierrechtsorganisation Peta unterstützt, denn der Vorspann zeigt abschreckende Bilder von Tierquälerei. Der nächste Computerspielfilm ist jedoch schon fertig, er kommt 2008 ins Kino: „Far Cry“, mit Til Schweiger in der Hauptrolle. Immerhin kein schlechtes Team. Denn der wird ja auch nicht von allen geliebt.

(Vanity Fair 41/07)

Hier spricht Uwe Boll über seine Reputation:

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