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Heute Disco, morgen Regierung stürzen

„You will not be able to stay home, brother. You will not be able to plug in, turn on and cop out. You will not be able to lose yourself on skag and skip, Skip out for beer during commercials, Because the revolution will not be televised“.
„The Revolution Will Not Be Televised“, Gil Scott-Heron

Die Revolution würde nicht im Fernsehen übertragen, behauptete der Jazz-Poet und Proto-Rapper Gil Scott-Heron in den frühen Siebzigern. Doch wir Deutschen wissen natürlich, dass das nicht wahr ist. Seit meiner Kindheit sehe ich in den Nachrichten rebellierende Menschen von links nach rechts, oder von rechts nach links über große Plätze rennen. Ich sehe wie sie flüchten, wie sie geprügelt werden, wie Panzer vorfahren, wie sie mit entsetzten Gesichtern ihre Verletzten und Toten den Kameras präsentieren. Danach werden ziemlich schnell neue Herrscher präsentiert, die Frieden, Freundschaft und Fortschritt versprechen, was meistens gelogen ist. So oft habe ich diese Bilder und Filme gesehen, dass es fast schon egal ist, wo auf der Welt sich das gerade abspielt. Und wer weiß schon so genau, ob es eine gute und gerechte Sache ist, für die da gerade gekämpft wird.
Viele, auch ich, haben sich deshalb eine Parallelwelt geschaffen. Wir nennen sie Pop und lieben diese bunte Nische, weil dort alles möglich ist – mit der nötigen Portion Ironie und einer „Hey, ist doch Rock ’n‘ Roll“-Gleichgültigkeit. Revolutionen sind im Pop jedenfalls ein Klacks. Wird jeden Tag gemacht. 173.000.000 Einträge bei Google. Nach zwei Mal Wikipedia an der Spitze kommt schon an dritter Stelle der „Revolution Nachpalast“, eine Disco in Neuss. Revolution – „Die Partyband schlechthin“ – ist auch ganz vorne. Von den technologischen, kulturellen und den geradezu sensationellen Revolutionen der Markenwelt will ich gar nicht erst anfangen.
Dass es in Deutschland 1989 auch so etwas wie eine Revolution gegeben hat ist vielen gar nicht mehr bewusst. Warum auch: Die Ossis haben ein paar Montage lang „Wir sind das Volk!“ gerufen und dann hat Helmut Kohl die nötigen Schritte eingeleitet und die Mauerspechte geschickt. War doch so, oder? Heute ist das eh egal, in den Western gewinnen auch immer die Cowboys und nie die Indianer.
Aber zurück zur Revolution. Ausgerechnet die Ägypter, die seit „Walk Like An Egyptian“ im Pop keine große Rolle mehr spielen, beweisen nun: Gil Scott-Heron hatte doch Recht! Es geht nämlich nicht um uns selbstverliebte TV-Glotzer und unsere ironisch kecken Sprüche. Einen besonders typischen habe ich übrigens gestern Abend wieder über der Bühne des Hamburger Clubs „Hafenklang“ gelesen: „Heute Disco, morgen Regierung stürzen, übermorgen Landpartie“. Die Do-It-Liste eines gelangweilten jungen Bürgertums. Man glaubt weder an die Disco, noch an die Möglichkeit einer anderen Politik, als der symbolischen, die wir seit Jahrzehnten pflegen. „Es ist egal, aber…“

„The revolution will not go better with Coke. The revolution will not fight the germs that may cause bad breath. The revolution will put you in the driver’s seat“, erklärt Scott-Heron. Den Beweis seiner Behauptung sehen wir momentan täglich – im Fernsehen oder auf dem Computerbildschirm. Die Ägypter dagegen sitzen tatsächlich auf dem Fahrersitz, treten aufs Gaspedal und verkörpern unter Einsatz ihres Lebens nicht nur die Gegenwart sondern auch eine mögliche positive Zukunft. Und Westerwelle schaut zu. Und Merkel schaut zu. Und wir coolen Schlaumeier schauen auch zu. Vermutlich haben wir ein besseres TV-Programm und in Scharm El-Scheich ist es ja auch noch ruhig. Wir kennen es eben nicht anders.

„But until then you know and I know niggers will party and bullshit and party and bullshit and party and bullshit and party and bullshit and party…
Some might even die before the revolution comes“
„When The Revolution Comes“, The Last Poets

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