Foto: Karl Bissinger

„New York, New York“, das klingt nach Frank Sinatra und nach einer Stadt, an die sich heute keiner mehr erinnert, weil alle vor dem MoMa Schlange stehen oder T-Shirts bei Abercrombie kaufen. Ich aber bin alt genug, um mich an Abende in der Bar des Gramercy Park Hotels zu erinnern – damals eine heruntergekommene, doch für jedermann offene Legende. Nach Ian Schragers Generalüberholung wurde daraus ein abgeschotteter exklusiver Ort für Superreiche. Es war damals ein sonderbares Gefühl aus dieser angenehm dunklen, holzgetäfelten Bar auf das Schneetreiben in der Lexington Avenue zu blicken, so wie vor mir die Stammgäste James Cagney und Frank Sinatra. Der tatterige alte Barkeeper, der in einem etwas schmuddeligen weißen Jackett hinter einem abgegriffenen Tresen rührte und schüttelte wie es eben noch ging, hat vielleicht beiden schon Drinks serviert. Mit seinem verrutschten Toupet wirkte er wie das letzte Bindeglied zu einer verschwundenen Ära. Ich glaube nicht, dass er heute noch lebt.

„New York, New York“, das ist auch der deutsche Titel meines derzeitigen Lieblingsbuchs. Es handelt sich dabei um Kolumnen, die Maeve Brennan zwischen 1953 und 1968 als „The Long-Winded Lady“ für den New Yorker geschrieben hat. Hier findet sich dieses verehrungs- und verachtungswürdige alte New York, das ich immer lieben werde.
Die Einzelgängerin Brennan ist darin meist auf dem Weg in ein Restaurant, oder sie sitzt bereits an einem Tisch am Fenster. Was sie dort beobachtet und in Gedanken erlebt ist berührend und brutal zugleich. Mal erregt eine Person aus der am Fenster vorbeiwogenden Masse die Aufmerksamkeit der Autorin. Oder eine „verlorene Dame“ kommt herein und setzt sich an einen der leeren Tische des Restaurants – Brennan liebt die stillen Stunden des Nachmittags: „Sie war schlank und gut aussehend, mit sehr weißer Haut und blauen Augen, die mit unbewegten, leidenschaftslosem Ausdruck im Restaurant umherblickten, als wäre sie es gewohnt, sich uninteressiert zu geben. Manche Menschen verleihen allem, was sie berühren, Bedeutung, die verlorene Dame hingegen schien nur hinzusehen, um auszuschließen.“
Solche Sätze fallen der 1917 in Dublin geborene und 1993 in New York gestorbenen Maeve Brennan permanent aus Handtasche, einfach so  im Vorbeischlendern. Sie verrät viel über sich in ihren Texten. Ihre Wohnungen – oft in Hotels, gerne in der Nähe des Washington Square, manchmal aber auch an der hässlichen und lauten 6th Avenue  – bewohnt sie meist nur sehr kurz. Sie mag Tiere, erzählt von gemarterten kleinen Finken in einem Geschäft, denkt nach über die Einsamkeit und Getriebenheit der Menschen. Doch selten greift Brennan ein, sie bleibt distanzierte Beobachterin. Ein wenig wie Iggy Pop in dem Song „The Passenger“. Es dauert nicht lange, bis man begreift, dass auch die so kluge, so eloquente und so elegante Maeve Brennan eine Verlorene ist. New York wirkt in ihren kurzen Vignetten anziehend und abstoßend zugleich, die Menschen sind wandelnde Geheimnisse, voller Geschichten und Schicksale, die nie als Ganzes enthüllt werden.

In den Siebzigern kippt ihre eigene Geschichte ins Tragische: Die elegante Spaziergängerin wird zunehmend paranoid, sie trinkt mehr und mehr, wird obdachlos und wohnt eine Weile in der Redaktion des New Yorker. Später übernachtet sie in billigen Hotels, die sie in rascher Abfolge wechselt,ihre Bücher werden nicht mehr verlegt, die Autorin gerät in Vergessenheit und stirbt 1993 schließlich allein in einem Altersheim.
Glücklicherweise werden Maeve Brennans Bücher gerade wiederentdeckt und vor einigen Monaten ist bei Steidl auch das ganz und gar wunderbare „New York, New York“ erschienen. Bessere Texte über die Stadt, die Menschen und die Einsamkeit dazwischen wird man so schnell nirgendwo anders lesen.

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