Von einem der auszog die Regeln des Kinos zu verändern. Ein Interview mit Werner Herzog

Als Bändiger von Klaus Kinski ist er in die Filmgeschichte eingegangen. Für seinen bekanntesten Film, „Fitzcarraldo“, ließ er ein komplettes Schiff über einen peruanischen Urwald-Berg zerren: Werner Herzog gehört zu den wenigen deutschen Regisseuren von Weltrang, doch anders als seine Kollegen Roland Emmerich oder Wolfgang Petersen hat sich der 69-jährige nie den Regeln von Hollywood gebeugt. Selbst sein „Bad Lieutenant“, der mit Nicolas Cage in der Titelrolle am weitesten in Richtung Mainstream-Kino vorstößt, ist deutlich delirierender und eigensinniger als andere Cop-Thriller.
In den letzten Jahren verlegte der in dem oberbayerischen Dorf Sachrang aufgewachsene Filmemacher seinen Schwerpunkt stärker auf den Dokumentarfilm: Nach dem sensationellen „Grizzly Man“ und dem ergreifenden Antarktis-Erlebnis „Encounters At The End Of The World“ kommt nun die in 3-D gedrehte Dokumentation „Die Höhle der vergessenen Träume“ in die deutschen Kinos. Dank einer exklusiven Drehgenehmigung des französischen Kultusministers durfte Herzog in der Chauvet-Höhle im Süden Frankreichs die ältesten bekannten Malereien der Menschheit in ihrer erstaunlichen natürlichen Umgebung filmen. Wie immer ist auch dieser Film eine Reise in eine andere Welt, eine Suche nach den Wurzeln unseres Seins.
Herzog, der schon lange in Los Angeles lebt, kommt zum Interview, als sei er gerade eben erst von der Couch im Wohnzimmer aufgestanden: Lässiges Sweatshirt, gemütliche Cordhosen, bequeme Schuhe. Auf alte Geschichten hat er keine Lust, das Privatleben ist tabu. Doch beim Berichten von neuen Projekten funkeln seine Augen und wenn er anfängt über Papst Benedikt zu reden kann ihn nur noch der Allmächtige stoppen.

Guten Tag Herr Herzog, mögen Sie 3-D-Filme?
Ich bin da milde skeptisch. Ich glaube, dass 3-D-Filme – vor allem solche wie „Avatar“ – von Feuerwerkseffekten leben. In klassischen Filmen entwickelt das Publikum im Kopf eine eigene Geschichte. In einer romantischen Komödie, zum Beispiel, hofft man dass die Liebhaber über alle Hindernisse hinweg doch noch zusammen finden. In einem Film voller Feuerwerk funktioniert so etwas nicht.

Und warum haben Sie ihren Dokumentarfilm „Die Höhle der vergessenen Träume“ trotzdem in 3-D gedreht?
Als ich die Höhle von Chauvet zum ersten Mal betreten habe war mir klar – das ist ein Imperativ. Das muss in 3D gedreht werden, egal wie schwierig es wird. Weil diese 32.000 Jahre alten Wandmalereien bereits räumlich angelegt sind.

Der Grund diesen Film zu drehen, war ein Buch über Höhlenmalereien, das Sie als Kind sehr begeistert hat. Gab es nicht auch noch einen aktuelleren Anlass?
Ja, den gab es, aber der ist völlig banal: Der Produzent, mit dem ich zusammen „Grizzly Man“ gemacht habe und „Encounters At The End Of The World“, der schickte mir einen Artikel aus dem New Yorker. Ein sehr kluger, umfangreicher Artikel über die Chauvet Höhle und der Produzent fragte zaghaft nach, ob mich so etwas interessieren könnte. Ich sagte sofort: Freilich, natürlich – ich will das machen, muss das machen!

In vielen Ihrer Filme spielt die Natur, oder die Auseinandersetzung der Menschen mit der Natur eine wichtige Rolle. Woher kommt dieses Interesse?
Keiner meiner Filme – mit Ausnahme von „Bad Lieutenant“ – sielt im urbanen Bereich. Es sind eher Filme, die draußen stattfinden. In „Die Höhle der vergessenen Träume“ geht es jedoch weniger um Natur, als um ein Bestaunen und eine Auseinandersetzung mit Kultur. Die Natur bietet aber immer auch einen Anlass, um dahinter menschliche Eigenschaften und Qualitäten zu erkennen. Der Urwald, zum Beispiel, ist der Ort der Fieberträume und großen Fantasien

In „Bad Lieutenant“ kommt Nicolas Cage an einen Unfallort, wo ein riesiger sterbender Alligator auf der Straße liegt. Später sieht man, dass ein weiterer Alligator das Sterben seines Artgenossen aus der Entfernung beobachtet. Was wollten Sie dem Zuschauer mit dieser Szene sagen?
„Bad Lieutenant ist ja ein Film von wüsten Fantasien. Es gibt eine Szene, die noch erheblich wüster und schöner ist: Die Polizeibeamten beobachten ein Haus auf der anderen Straßenseite, wo sich ein Schwerverbrecher versteckt hat. Nicolas Cage kommt herein und sagt: „Was haben die zwei Leguane auf meinem Tisch zu suchen?“ Val Kilmer, der andere Polizist, antwortet: „Hier gibt es keine Leguane“. „Doch, hier, das sehen Sie doch“ erwidert Cage und stupst den einen sogar in die Seite. Natürlich gibt es die Leguane nur in der Drogen-Fantasie des Nicolas Cage. Aber wir als Zuschauer können die Leguane, die es nicht geben darf und die es nicht geben kann, ebenfalls sehen.

Und was war jetzt mit dem Alligator?
Ich dachte mir, wenn in Louisiana ein Autounfall stattfindet, dann überfahren die ja kein Reh und brettern danach in den Straßengraben. Wenn man in Louisiana etwas überfährt, dann ist das ein Alligator. Da ist natürlich auch Humor dabei…

Ihre Dokumentation „Grizzly Man“ zeigte ebenfalls Humor, trotz des tragischen Endes.
Es gibt sehr humorvolle Stellen – neben all den fürchterlichen Sachen.

Wie viele der Menschen, mit denen Sie sich beschäftigen, war auch der „Grizzly Man“ Timothy Treadwell ein Außenseiter. Ein Narr, der von Bären geliebt werden wollte.
Sein New-Age-Gesäusel über Mutter Natur wurde so unerträglich, dass ich im Kommentar sage: „Hier muss ich mein Wort erheben, ich stimme mit Timothy Treadwell nicht überein“. Dann erkläre ich, wie ich die Natur sehe, also eher als feindselig und chaotisch. Das ist ja auch evident, dass das Weltall selber sehr unwirtlich und feindselig ist.

Gibt es einen Grund dafür, dass Sie sich von Spielfilmen weitgehend abgewandt haben und heute überwiegend Dokumentarfilme drehen?
Das sind zum großen Teil ja auch heimliche Spielfilme – mit Erfindungen, Stilisierungen und so weiter. Zum Teil liegt es aber auch daran, dass Dokumentationen schneller und einfacher zu finanzieren sind.

Sie arbeiten auch gerne als Schauspieler und haben in zwei Filmen des Independent-Filmers Harmony Korine mitgewirkt.
Ja, für den bin ich die große Zielfigur, aber der Junge ist ja auch sehr begabt. Das war eine schöne, gute Zusammenarbeit – vor allem in „Julien Donkey Boy“. Wenn ich feindselig bin, niederträchtig und gemein, bin ich als Schauspieler richtig gut. (grinst breit) Demnächst spiele ich in einer Hollywood-Produktion einen Bösewicht und beharke mich mit Tom Cruise. Leider muss er mich zum Schluss erschießen und nicht umgekehrt.

Ihr letzter Spielfilm „Bad Lieutenant“ erzählt von eine ähnliche Geschichte, wie „Bad Lieutenant“, von dem Regisseur Abel Ferrara. Haben sie seinen Film wirklich nie gesehen?
Bis heute nicht, nein. Ich sehe einfach zu wenige Filme und „Bad Lieutenant“ von Ferrara muss ich nicht gesehen haben. Ich weiß allerdings, dass sein Film und meiner nichts miteinander zu tun haben. Inzwischen weiß er das auch und lädt mich ein ihn zu treffen. Ich hatte ja ursprünglich vorgeschlagen, zusammen eine Flasche Whisky zu leeren. Weil Ferrara keinen Alkohol mehr trinkt, wird es jetzt wohl Pfefferminztee geben. Aber lassen wir’s dabei – ich kenne keinen einzigen seiner Filme.

Die sind sehr katholisch, sehr stark von Schuld und Vergebung geprägt…
Das finde ich dann schon wieder interessant.

Spielt der Katholizismus in Ihrem Leben eine Rolle? Immerhin sind sie in Oberbayern aufgewachsen.
Nein, aber ich sehe den bayerischen Papst, der jetzt auf dem Stuhl Petri sitzt, mit sehr hohem Respekt. Es hat in Jahrhunderten keinen gegeben, der eine solche gedankliche Tiefe hat wie er. Niemanden. Und zwar mindestens über zwei, drei Jahrhunderte weg. Ich habe mitbekommen, dass er in den deutschen Medien ein sehr geteiltes Echo hatte. Ich rate Ihnen: Lesen Sie die Rede, die er vor dem Bundestag gehalten hat – die ist formidabel. Eine so außerordentliche Rede hat überhaupt noch niemand im Bundestag gehalten. Niemand. Seitdem es den Bundestag gibt.

Aber der Mann sträubt sich doch gegen alles, was die katholische Kirche ein Stück in die Gegenwart holen könnte.
Er kann nicht anders, er steht ja sozusagen unter dem Gebot von Gottes Wort. Leider ist Benedikt das ungeschickteste menschliche Wesen, das je den Medien vorgesetzt wurde. Aber ich glaube er weiß das. Gleichzeitig verficht er eine Position – ich lege ihm das jetzt mal in den Mund: Das Wort Gottes ist nicht verhandelbar. Die Tagestrends können seine grundsätzliche Bürde, seine Pflicht die er trägt, nicht verändern.

Lassen Sie uns lieber über Musik reden, die in Ihren Filmen eine wichtige Rolle spielt: Etwa die von Popol Vuh in den frühen Filmen, oder die von Richard Thompson in „Grizzly Man“.
Wenn Sie Popol Vuh und Richard Thompson erwähnen – vergessen Sie nicht Ernst Reijseger, der die wunderbare Musik zu „Die Höhle der vergessenen Träume“ gemacht hat. Ich bin überzeugt, dass ich durch Musik die Bilder meiner Filme stärker verändert und beeinflusst habe, als das bei allen anderen Regisseuren der Fall ist. Mit Ausnahme der Taviani Brüder und des indischen Regisseurs Satyajit Ray.

Wählen Sie die Musik persönlich aus?
Nicht nur das, bei Musikaufnahmen bin ich immer physisch anwesend. Und zwar nicht im Kontrollraum, an den Konsolen, sondern immer mitten unter den Musikern. Und dann sage ich auch manchmal Sachen, wie neulich bei Reijseger: „Ernst, das klingt nicht richtig, zieh‘ mal deine Schuhe aus, du musst barfuss sein“.

Diese Liebe zum kleinen sonderbaren Detail durchzieht viele Ihrer Filme. Oft fragt man sich: Warum hat er das jetzt gemacht? Man versteht es nicht, aber die Wirkung ist da. Es wirkt fast wie … Voodoo.
Ich sag’s auf Englisch: You have to know the heart of men. Man muss in die Menschen wirklich tief hineinschauen können. Wenn Sie das nicht können, dann sind Sie für den Beruf nicht wirklich geeignet.

Offenbar macht es einen Unterschied ob jemand mit oder ohne Schuhe spielt.
Ja. Mein jüngster Film „Into The Abyss“ beginnt mit einem Pastor, der sagt: „Schnell, schnell, wir müssen in 25 Minuten fertig sein“, weil er in 40 Minuten einen Gefangenen in die Todeszelle begleiten soll. Er redet wie ein oberflächlicher Fernsehprediger, sagt wie schön die Welt sei und dass es einen verzeihenden Gott gibt und so weiter. Er erzählt vom Golfplatz wo er Eichhörnchen sieht und Pferde, manchmal schaut ihn auch ein Reh an. Er redet so lange, bis ich ihm eine Frage stelle, die ein Hinterhalt ist. Mit freudiger Stimme bitte ich ihn: „Erzählen Sie mir von einer Begegnung mit einem Eichhörnchen!“ Und innerhalb von 20 Sekunden bricht der innerlich zusammen … und ist auf einmal völlig anders. Das müssen Sie sehen, der fällt auseinander und fängt praktisch zu weinen an. Was ich damit sagen will: Ich bin ein Regisseur – auch bei einem Dokumentarfilm.

Interview: Jürgen Ziemer (erschienen in Rolling Stone 11/11)

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