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Hyper, Hyper, Scooter!

Wir steigen aus dem Taxi und der Beat trifft uns wie die Keule eines Höhlenmenschen. BUUM! BUUM! BUUM! BUUM! Das HSV-Stadion überragt die trostlose Parkplatzlandschaft wie eine gigantische Festung und produziert dabei den Lärm eines 50 Meter hohen Kofferradios: „Atzen-Party heut Nacht…“ grölt es derbe, aber gutgelaunt über dem donnernden Imperativ des Beats. Ja, die von allen Musikliebhabern gefürchteten Atzen, treten heute im Vorprogramm auf. Wir gehen schneller, bloß nichts verpassen. Die Formalitäten am Eingang sind schnell erledigt. Man gibt uns „Business Seats“, Osttribüne, Reihe 2, super, danke. Und jetzt schnell hin da – noch spielen die Atzen…
Der Blick von der Tribüne ins Stadion ist beeindruckend: Tausende von schlecht gekleideten „Feierschweinen“ strecken die Hände in die Luft und wedeln als sei ihnen schon jetzt alles egal. Dabei ist es ist noch nicht mal 20:00 Uhr! Die Atzen klopfen ihren Mega-Monster-Schulhof-Smasher und 20.000 Party-Freaks singen aus einer einzigen nach Bier stinkenden Kehle: „Heeeey das geht ab! Wir feiern die gaaanze Nacht!“ Dabei ist es taghell, es gibt keinerlei optische Gimmicks, auf der Bühne stehen nur zwei oder drei sonnenbebrillten Typen, von der Sorte, wie man sie im Schanzenviertel zu Hunderten sieht. Aber genau das ist es: Pop-Prolls und Proll-Publikum begegnen sich auf Augenhöhe – künstlerisch, intellektuell und überhaupt: „Lass die sau mal richtig raus / denn heut´ gibt es keine Pause“. Stimmt nicht, denn danach ist erst mal Umbaupause. Zeit für ein großes Bier und eine fetttriefende Bratwurst, wir sind schließlich im Stadion.
Das Publikum enttäuscht nicht: Alt gewordene Raver und Loveparade-Veteranen wohin man blickt, dazwischen ein paar Jumpstyle-Kiddies (Jumpstyle ist ein von jungen Männern/Buben ausgeführter Hüpf-Tanz aus dem Internet). Einige der 40+ Feierköpfe haben schon enorme Schlagseite, andere schreien sich aus einem Abstand von 20 Metern drastische Begrüßungsformeln zu. Ein torkelnder Bär mit feuerrotem Kopf und routiniert verdrehten Augen wird von mehreren Ordnern zum Ausgang geleitet – ein beeindruckendes Stück ASB-Alltag. Auf der Toilette diskutieren mittlere Abteilungsleiter, wie realistisch die Möglichkeiten sind, auf die Schnelle noch etwas zum „Schnüff Schnüff“ zu bekommen. Scheint schwer zu sein, aber es bleibt ja immerhin noch die Musik, um, hehehe, high zu werden.
Eine Explosion, so blendend, laut und beherzt, wie man es sonst nur von islamistischen Terroristen kennt, eröffnet endlich das Konzert von Scooter. Junge Damen marschieren martialisch auf die Bühne, jede trägt eine Fahne mit dem Logo der Band – ein Megaphon. Während die Frauen sich an verschiedenen Stellen der Bühne positionieren und dabei Flagge zeigen, ganz im Geist von Leni Riefenstahl, stürmen H.P. Baxter und seine beiden Kollegen über eine Showtreppe auf die Bühne. Die Lightshow explodiert geradezu, alles funkelt, strahlt und blinkt und auf zwei riesigen Monitoren können wir jedes Detail im Gesicht des blonden Hans Peter verfolgen. Viel zu sehen gibt es nicht, denn das regungslose Mienenspiel des Scooter-Frontmanns erinnert an einen Replikanten aus „Blade Runner“.
Trotzdem: Das Spektakel ist beeindruckend, der Sound makellos und die Wucht der Stücke sorgt dafür, dass nach einigen Minuten alle, wirklich alle im Stadion tanzen und mit den Händen in der Luft herum fuchteln. H.P. redet konsequent englisch – was ihm nicht leicht fällt. Aber heute schaut die ganze Welt zu: „In 60 Cinemas across Europe and on Bild.de“.
Vor mir taucht jetzt eine Familie auf: Mutter und Vater in ihren frühen Vierzigern, die Tochter ungefähr Zwölf. Papa ist sicher im Musikgeschäft, zumindest blickt er sehr gelassen auf die kulturellen Ausschreitungen vor sich. Die Tochter wirkt eher irritiert, sicher wäre sie lieber zu Lady Gaga gegangen, stattdessen muss sie nun mit ansehen, wie sich ihre gutsituierte Mutter aufführt, als stünde sie immer noch hoch auf dem gelben Wagen der Loveparade von 1998.
Spätestens als die Frage auftaucht: „How Much Is The Fish?“ und die unerträgliche Bots-Melodie von einem infernalischen Beat nach vorne geprügelt wird, beginne ich Veränderungen an meinem eigenen Nervensystem festzustellen: Es ist unmöglich ein Wippen der Füße und Beine zu unterdrücken! Was geschieht hier? Nun steht auch noch Heinz Strunk auf der Bühne und spielt ein Querflöten-Solo. „Wer ist der Typ?“, fragen die Feierschweine und Rave-Veteranen ratlos. Netterweise stellt H.P. den Heinzer vor wie einen alten Freund.
Jan Delay dagegen wird als bekannt vorausgesetzt. Man erkennt den Mann vom Bahnhof Soul allerdings nur am gewohnt geschmackvollen Hütchen. Sein Gesangs-Beitrag zu „Ravin‘ I’m Ravin“ – ein Song der Shut Up and Dance in den Neunzigern eine vielversprechende Karriere versaute – wirkt wie eine Träne im Ozean des „Hardcore“-Feuerwerks. Unaufmerksame Mixer können so grausam sein…
Scooter, das nehmen wir von diesem wirklich beeindruckenden Spektakel mit nach Hause, spielen eine digitale Variante von Volksmusik. Die gehobenen Stände, die gebildeten Bürger mögen darüber die Nase rümpfen. Vielleicht sogar zu Recht, schließlich bestreitet das Trio das ganze Konzert mit wenig mehr, als einem einzigen übersteuerten Beat und ein paar effektvollen Breaks und Samples. Doch die Menschen tanzen und toben dazu. Weil die Musik von Scooter wie ein Ventil funktioniert und auch deshalb näher an den archaischen Wurzeln des Techno ist, den Ritualen von Tanz und Exzess, als die ambitionierten Klänge von, sagen wir mal, Radiohead. Scooter werden oft für dumm gehalten. Doch sie sind schlau genug zu wissen, dass eine Party nur dann gut ist, wenn sich möglichst viele der Gäste amüsieren. Das dürfte ihnen im Rahmen des „Stadium Techno Infernos“ gelungen sein.

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